Haut wie Pelz, nicht wie Panzer

24. Januar 2025. Lagebesprechung auf der Parkbank: In Arad Dabiris beim Heidelberger Stückemarkt ausgezeichnetem Text reden diejenigen über Integration, die sich gemeint fühlen müssen. Trotz unterschiedlichster Lebensrealitäten und Überzeugungen. Ayşe Güvendirens Uraufführung entwickelt daraus packendes Diskurstheater.

Von Verena Großkreutz

"Druck!" von Arad Dabiri am Nationaltheater Mannheim © Natalie Grebe

24. Januar 2025. Der Bruder in U-Haft, weil: ein Deal zu viel. Für Hassan, einen jungen Österreicher iranischer Abstammung, ist das ein krasser Lebenseinschnitt. Für ihn und seine Kumpel Omar, Murat und Freddie ist die Sache klar: Racial Profiling. Der Bruder sei Opfer eines Systems, das ihnen nie eine Chance gegeben habe. Die Schwester Shirin sieht das anders. Der Deal war einer von vielen, der Bruder ist schuldig, eine Konsequenz aus seinem Lebenswandel, der sich jeglicher Integration verweigere. 

Ein Stück der Stunde

"Druck!", ein Stück des Österreichers Arad Dabiri, das im vergangenen Jahr mit dem Autor:innenpreis des Heidelberger Stückemarkts prämiert wurde, spielt im heutigen Wien. Es könnte aber auch in Berlin, Stuttgart oder Mannheim verortet sein. Es ist ein Stück der Stunde – nicht nur angesichts der jüngsten Wahlergebnisse in Österreich und ihrer zu befürchtenden Folgen. Es ist ein Stück über Herkunft, Identität, Verantwortung und Freiheit, andererseits eines über Diskriminierung, Rassismus und Klassismus. Am Mannheimer Nationaltheater, das sehr engagiert ist in diesem Themenfeld, wurde "Druck!" jetzt auf der Bühne des Studios Werkhaus uraufgeführt – inszeniert von Ayşe Güvendiren.

Auf der Bühne thront eine ausladende, hölzerne Parkbank – als Symbol für Ausgrenzung vielleicht. Sonst nur ein paar Spots und kleine (Überwachungs-)Kameras, deren Bilder auf die Bühnenrahmung gebeamt werden. "Vaterstaat hat seine Kameras überall", heißt es einmal im Text.

Eher nicht am Chillen: Bariş Özbük (Hassan), Shirin Ali (Shirin) © Natalie Grebe

Auf der Parkbank hängen Hassan und seine Freunde ab, es wird vor allem diskutiert, gelegentlich auch mal (dahinter) geturnt. Andere Regieanweisungen werden als Text mitgesprochen, aber nicht gespielt ("Omar greift nach der Sportzigarette"). Manchmal steigt eine:r aus und in den Monolog hinein. Alles schön episch. Die Regisseurin vertraut ganz auf den Text: Rhythmisch, poetisch, klar ist dessen Sprache, sehr dicht, sehr wortreich.

Rappendes Diskurstheater

Das Tempo auf der Bühne ist rasant. Dem Ensemble aus Caleb Felder, Bariş Özbük, David Smith, Tamer Tahan und Shirin Ali gelingt eine Art rappendes Diskurstheater, so schnell und virtuos fliegen die Kurzsätze hin und her. Überwältigend! Es geht um Schuld und Verantwortung, um die eigene Identität, um die Familie und deren Erwartungen, und auch um viel Wut, Verzweiflung und Trauer. Alles befindet sich ständig im Themenflow: von "Stammbaumanalyse" über Napoleon, die Kolonialgeschichte bis hin zum islamistischen Terroranschlag 2020 am Wiener Schwedenplatz. Dazwischen werden auch mal Witze improvisiert: "Was ist oben weiß und unten schwarz? Na, die Gesellschaft." Und um mal Pause zu machen von der Wortüberwältigung gibt's gelegentlich einen Break: Dann ruht das Geschehen, und man hört etwa dem Rap "Haut wie Pelz" von Apsilon zu: "Ja, ich fick’ deine Integration / Fühl’ mich wohl, wenn ich fehl am Platz bin."

Immer wieder Diskussionen zwischen Hassan und seiner Schwester Shirin – über Aufbegehren und Anpassung. Er tut sich schwer mit seinem Medizinstudium, hängt lieber ab mit den Kumpeln, hadert mit allem. Sie, die erfolgreiche Akademikerin, sieht als Frau die Chancen, die ihr Österreich im Gegensatz zum Iran bietet. Sie stehe für die "Selbstbestimmung, für die Macht, es eigenhändig zu steuern, wie unser Leben aussieht", sagt sie.

Worte statt Schlägen

Schließlich, berauscht von den eigenen Worten (und nicht mehr nur vom Cannabis), planen Hassan, Omar, Murat und Freddie, den sozialen Druck endlich in politische Energie umzuwandeln. Flugs organisieren sie eine Demo für den Bruder – auf der dann Rechtsradikale auftauchen. Und als das Urteil raus ist – drei Jahre Haft für den Bruder – kommt es zur Eskalation. Die Ereignisse werden auf der Bühne frontal im rhythmischen Chorsprech performt.

Am Ende akzeptiert Hassan das Urteil für seinen Bruder und schließt sich im Geiste den Worten Murats an: "Also, keine Böller, keine Schlägereien, sondern Worte. Das wäre wahrscheinlich smart, ja, vielleicht einfach richtig." Könnte Theater aktueller sein? Nee.

 

Druck!
von Arad Dabiri
Uraufführung
Regie: Ayşe Güvendiren, Bühne: Theresa Scheitzenhammer, Kostüme: Oktavia Herbst, Licht: Ronny Bergmann, musikalische Leitung und Sounddesign: Torsten Knoll, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Shirin Ali, Caleb Felder, Bariş Özbük, David Smith, Tamer Tahan.
Premiere am 23. Januar 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

"Güvendiren gelingt mit 'Druck!' eine ungemein konzentrierte Inszenierung, die bemerkenswert unprätentiös bleibt, auch wenn Regieanweisungen mit vorgetragen werden oder Spieler und Spielerin im Rap-Chor zusammenfinden", schreibt Martin Vögele im Mannheimer Morgen (25.01.2025). "Das Stück findet dabei zu seiner Einheit aus rhythmisch pointierter Sprache und bildlicher Darstellungsform, die von einem so schauspielerisch starken wie charismatischen Ensemble bestechend in Szene gesetzt wird."

Eine "mutige Uraufführung" hat Björn Hayer erlebt und schreibt in der taz (26.01.2025): "Obgleich man sich in dieser Inszenierung von Ayşe Güvendiren stellenweise mehr Bilder und Assoziationen gewünscht hätte, gelingt sie aus zwei Gründen: erstens aufgrund des energievollen, mit dem Au­to­r:in­nen­preis des Heidelberger Stückemarkts nobilitierten Textes, zweitens wegen des fantastischen Bühnenbildes (Theresa Scheitzenhammer)." Die kluge Komposition des Abends sei das eine, das andere die Besonderheit des Aufführungsortes, so Hayer: "Denn Mannheim, diese multiethnische Arbeiterstadt, bespiegelt sich mit „Druck!" selbst. Allein das bunte Publikum, die anwesenden Schü­le­r:in­nen mit diversen Hintergründen lassen diesen Abend zur geteilten Erfahrung werden. Nicht mit einem nachzubetenden, naiven Lösungsansatz, sondern mit einer Einladung: zum gegenseitigen Zuhören- und Verstehenwollen."

Monika Frank von der Rhein-Neckar-Zeitung (29.1.2025) wünscht dem Stück "eine Zweitaufführung auf großer Bühne, ohne den Zeitdruck des obligatorischen 90-minüters, finanziell und technisch besser ausgestattet und mehr Raum für szenische Fantasie bietend als all dies bei der dennoch höchst respektablen Uraufführung gegeben war".

Kommentare  
Druck, Mannheim: Gruselig
Alles schön und gut: nur ich glaube nicht, dass die Figuren all das sagen und denken, was der Autor ihnen in den Mund legt … Fast jeder Begriff kommt vor, der im aktuellen Diskursuniversum gerade „angesagt“ ist, ja auch Kolonialismus; auf der Bühne sind Jugendliche, die beim Bullshitbingo den ersten Platz gewinnen würden … Teilweise habe ich den Text nicht verstanden, alles wird heruntergespielt, um eine lockere Fake-Jugendsprache zu erzeugen. Wenn alle so reflektiert sind: wo ist das Problem … aber kann man zur Einladung zu MH26 schon gratulieren? … es war eine disziplinierte Jugendlichengruppe da (sonst wäre der Abend vor ein paar Zuschauern stattgefunden im „Studio Werkraum“ des Mannheimer Nationaltheaters : wo bitte sonst) ... aber um die 10 von ihnen schlichen sich beim Applaus raus, als wäre es ein unnötiger Abspann … zwei Zuschauer:innen spendeten stehend Applaus … sorry: gruselig.
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