Heilig Blut - Staatstheater Nürnberg
Unter allem schlummert die Gewalt
7. Juni 2025. Eine Romanadaption der Extraklasse: Ildikó Gáspár bringt einen kaum bekannten Roman von Gisela Elsner auf die Bühne – gruselig, bildgewaltig und punktgenau ins heart of darkness unserer Zeit. Eine Herrengesellschaft trifft sich zur Jagd beim Wallfahrtsort "Heilig Blut". Mit tödlichem Ausgang.
Von Andreas Thamm
"Heilig Blut" nach dem Roman von Gisela Elsner am Staatstheater Nürnberg © Konrad Fersterer
7. Juni 2025. Nürnberg bemüht sich um seine Autorin. 1992 sprang die 1937 geborene Gisela Elsner aus dem Fenster einer Klinik. Schon zu Lebzeiten war sie verarmt, bezeichnete sich selbst als "literarisch ghettoisiert“. Erst in jüngster Zeit setzt so etwas wie eine Wiederentdeckung ein.
2021 wurde in Nürnberg erstmals der nach ihr benannte Preis vergeben, vor wenigen Tagen erhielt ihn als dritte Trägerin Ulrike Draesner. Der Roman, mit dem die ewige Kommunistin und Satirikerin Elsner nun auch auf der Bühne des Nürnberger Staatstheaters ankommt, wurde in Deutschland erst 2007 veröffentlicht, zwanzig Jahre nach Erscheinen von "Heilig Blut" in russischer Übersetzung in der Sowjetunion.
Bildgewaltige Kompositionsarbeit
Vier Gestalten kommen mit Taschenlampen funzelnd den Berg herunter, die Bühne ist ein verschneiter Hang. Im behaupteten Gasthaus suchen sie einen gewissen Ockelmann, den, wie man so sage, Großherzog von Heilig Blut. Ein übereifrig Messer wetzender Mann in Tracht weiß, Ockelmann sei vor einer Stunde schon gegangen. Auf der Karte stehe heut' gespickter Hirschkalbrücken. Wie in jedem Jahr!, freuen sich drei von vier. Nur der junge Gösch verzichtet. Er isst kein Fleisch. Klar, wer hier unter tarnfarben gekleideten Kerlen der Außenseiter ist. Man schlägt dreieckige Zelte auf am Hang.
Von Anfang an ist die Inszenierung von Ildikó Gáspár, die auch die Bühnenfassung des Romans geschrieben hat, eine bildgewaltige Kompositionsarbeit. Unablässig fallen dicke Schneeflocken. Matthias Luckey und Elina Schkolnik begleiten, beide in weiblicher, fränkischer (?) Tracht – das Wort Dirndl würde falsche Assoziationen wecken –, das Schauspiel auf Glockenspielen und Gong. Und leiten auch ein Radio-Interlude mit Lokalmeldungen ein: Zwölf Wölfe sind aus einem Freigehege entkommen. "Es finden Bittgebete statt."
Kontinuität des Faschismus
Drei von vier finden: Bittgebete sind nicht ausreichend. Die Männer auf Winterurlaub im Bayerischen Wald sind natürlich bewaffnet. Nur einer will nicht schießen, hat nicht einmal gedient. "Wehrdienstverweigerer gefährden den Frieden!", werfen die anderen dem jungen Gösch vor, der bei diesem jährlichen Treffen nur seinen Vater vertritt. Die anderen drei, das ist in Elsners Vorlage eindeutig angelegt, sind Altnazis, sie stehen für die Kontinuität des Faschismus in der BRD. Jetzt ballern sie auf tierische Schießfiguren, die aus der schiefen Ebene auftauchen.
Finstere Mächte im Anmarsch: Julia Bartolome, Stephan Schäfer, Amadeus Köhli © Konrad Fersterer
So entspinnt sich eine Geschichte, einerseits der Suche nach dem Freund und Ortsansässigen Ockelmann, einem Knopffabrikanten. Andererseits innerhalb der Gruppe. Hächler, so wird vermutet, sei wieder gedopt, Lüßl erschießt eine Dogge, Glaubrecht bricht vor Erschöpfung zusammen und erntet nichts als Verachtung für diese Schwäche. Der Gesuchte aber ist nicht zu Hause, nur seine Frau, ganz in weiß, mit schwarzem Muff um die Hände. Ockelmann habe sich, so steht es in einer Nachricht, verzweifelt wie seit Jahren, in die Wälder begeben, um sich von einem Wolf zerfleischen zu lassen. Der Freund muss gerettet werden. Oder muss er? Wäre es schade um ihn? Würde er sich umgekehrt auf die Suche machen? Auch unter den Altnazis tun sich moralische Gräben auf.
"Erbarme dich, mein Gott!"
Die eigentliche Geschichte aber, in deren Verlauf der junge Gösch statt des Wolfes erlegt und verscharrt werden wird und Ockelmann fast nackt und in Jesuspose im Schneegestöber auftaucht, verblasst vor den Einfällen der Inszenierung, die zunehmend zu einem Fiebertraum wird. Eine Gestalt mit einer japanisch anmutenden Maske fängt einen zappelnden Fisch, triumphierende Bläser dazu. Ein Wanderer-Paar in quietschbunter Outdoorklamotte erzählt von der gemeinsamen Wanderleidenschaft und der Anstellung in einer Schraubenfabrik, als würde Loriot auf Kafka knallen. Luckey und Schkolnik singen Bachs "Erbarme dich, mein Gott", dass dem Publikum kollektiv das Herz gefriert. Gösch' Blutblume wächst unendlich langsam über den Schnee. Die drei Verschwörer tragen auf einmal Masken, die ihren eigenen Gesichtern nachempfunden sind – gruselig!
Abgrund und Aberwitz: Im Vordergrund: Thorsten Danner, Elina Schkolnik, Adeline Schebesch; Im Hintergrund: Stephan Schäfer, Matthias Luckey, Julia Bartolome, Amadeus Köhli © Konrad Fersterer
"Heilig Blut" in der Version von Ildikó Gáspár enthebt den Stoff seiner zeitlichen Verortung und auch seiner politischen Eindeutigkeit und tränkt ihn mit absurdem Humor. Der Text ist mal derb, mal fast bürokratisch verschlungen. Die Kostüme von Luca Szabados mit ihren aberwitzig riesigen, fedrigen Kopfbedeckungen wecken einen schwer zu verortenden Grusel, und die Kunstlieder, die den Abend wie ein Refrain durchziehen, verzerren das alles zu einer poetischen Unwirklichkeit. Als würde in allem, was schön und lieblich ist, die pure Gewalt schlummern.
Thorsten Danner wird von der Regisseurin aus dieser schwarz-weißen Bilderwelt aus Licht und Nebel hervorgehoben, durch seine narrenhaften Rollen. Als er gegen Ende als Inspektor in Ledermontur die Ermittlungen aufnimmt und dabei unablässig selbstvergessen zu sanftem Soul sexy vor sich hinschlängelt, ist ihm das Publikum endgültig vollends ergeben. Ein fantastischer Auftritt.
Heilig Blut
nach dem Roman von Gisela Elsner
Bühnenfassung/Regie: Ildikó Gáspár, Bühne: Lili Izsák Kostüme: Luca Szabados Musik: Tamás Matkó Licht: Katta Lehmann, Dramaturgie: Fabian Schmidtlein
Mit: Julia Bartolome, Thorsten Danner, Amadeus Köhli, Mattheus Luckey, Stephan Schäfer, Adeline Schebesch, Elina Schkolnik, Sascha Tuxhorn.
Premiere am 6. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause
www.staatstheater-nuernberg.de
Kritikenrundschau
"Kaum zu glauben, wie zeitgemäß Elsners knallharte Kritik noch immer ist, wie zielgenau ihre eleganten, betont trockenen und kunstvoll geschraubten Sätze ins deutsche Mark treffen," schreibt Wolf-Ulrich Ebersberger in den Nürnberger Nachrichten (10.6.2025). "Literarisch hat das den Rang eines Thomas Bernhard und einer Elfriede Jelinek. Die Regisseurin und ihr Team schaffen aber noch mehr: Sie verwandeln die tödlich endende Wandertour der vier Männer in eine visuell umwerfende Groteske mit ebenso gruseligen wie grandios heiteren Szenen. Sie strukturieren sie musikalisch mit Gongschlag und heimatlichen Gesängen, mit Kirchenglocken und Lokalradio. Sie lassen immer wieder Prozessionen durchs Bild marschieren, mit weißen Masken und fantastisch überhöhten Kostümen, die an Filme von Pasolini erinnern und nicht zufällig wie ein Passionsspiel wirken."
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