Letzter Tanz auf dem Vulkan

12. Februar 2024. Einsame Männer, zwei Künstler in der Krise, eine Paartherapeutin und eine Filmregisseurin – mit diesem Personal geht Falk Richter in seinem neuen Abend an den Start. "Bad Kingdom" ist er überschrieben, und zielt auf die krisengebeutelte Gegenwart. Und die Rolle des Künstlers darin.

Von Sophie Diesselhorst

"Bad Kingdom" von Falk Richter an der Schaubühne Berlin © Gianmarco Bresadola

12. Februar 2024. "Lasst uns jetzt einfach mal nach Hause gehen!" Dieser Gedanke dürfte der einen oder dem anderen Zuschauer*in auch schon durch den Kopf gegangen sein, bevor er in der vorletzten Szene des Abends schließlich ausgesprochen wird. Ursina Lardi verliert als Paartherapeutin die Geduld mit dem Filmregisseur (Marcel Kohler) und dem Musiker (Martin Bruchmann), die feststecken in einer Streit-Szene, die sie in jeder Therapiestunde nur leicht variieren.

Der Regisseur ist einsam und vermisst seinen Musiker-Partner, auch wenn der mit ihm im selben Raum sitzt. Selbst beim Sex scheint er ihm "ganz weit weg" zu sein. Und je öfter und verzweifelter er das thematisiert, desto nachhaltiger verstummt der andere und kommuniziert fast nur noch in abgebrochenen Songzeilen ("I'm lost!"). So weit, so unspektakulär.

Kein Kammerspiel

Da die Partner-Perspektive des Regisseurs aber bereits in Falk Richters letzter, just zum Theatertreffen eingeladener und so tiefschürfender wie berührender Schaubühnen-Inszenierung "The Silence" vorkam, in der es um Richters Beziehung zu seiner Mutter ging, dürfte sie als autobiografisch verifiziert gelten. Und natürlich macht Falk Richter als wichtiger Vertreter des politischen Theaters aus seinem eigenen Liebesleid kein Kammerspiel, sondern eine Gesellschaftsanalyse.

Im Schlussmonolog zitiert Ursina Lardi als ausgestiegene Therapeutin aus dem Buch "Die psychotische Gesellschaft" von Ariadne von Schirach und zieht die unterschiedlich ausgeformte Beziehungsunfähigkeit der beiden Männer ganz groß. Ihre Beziehung kann nur scheitern, denn sie leiden beide am kollektiven Realitätsverlust der westlichen Gesellschaften, denen sie angehören, und können einander gar nicht verstehen und schon gar nichts miteinander anfangen, weil sie keinen Common Ground mehr haben.

Fragmente der Einsamkeit

Die Gesellschaftsanalyse von "Bad Kingdom" beschränkt sich allerdings auf dieses Schirach-Zitat und kommt ansonsten höchst subjektiv verkleidet und trotzdem total klischiert daher. Statt den Gründen ihrer Entfremdung wirklich nachzugehen, suhlen die beiden Männer sich in ihrer Einsamkeit und versuchen, künstlerischen Profit daraus zu schlagen. Der Musiker frickelt an einem Weltschmerz-Album, das ihm als einziger Figur des Stücks Erfolg bescheren wird, der Regisseur bastelt an einem Film mit dem sperrigen Titel "Die Stunde, da wir nichts voneinander wissen wollten – 71 Fragmente der Einsamkeit". Der Theaterabend hangelt sich an der Entstehungsgeschichte des Films entlang, wir sehen beim Dreh der Filmszenen zu, die parallel oben auf einer Leinwand laufen.

BadKingdom GianmarcoBresdadolaStudiosetting mit Konzertflügel zwischen Zimmerpflanzen und Wohnzimmerarrangement © Gianmarco Bresdadola

Film- und Rahmenhandlung fallen ineinander und schwellen an zu seinem Abgesang auf die Künstler-Figur. Dass das selbstironisch sein soll, wird auf allen Ebenen andauernd mit Ausrufezeichen versehen. Die Charaktere sind allesamt "Bleistiftskizzen”, wie Jule Böwe einmal ausruft. Sie spielt die Redakteurin des Films, an dem der Regisseur arbeitet, und hat damit die undankbare Aufgabe, sowohl ihn als selbstmitleidigen Trottel als auch sich selbst als zynische Profiteurin eines kranken Mediensystems vorzuführen, dessen Ziel es ist, die großen vagen Probleme der Gesellschaft konsumtauglich zu verschleiern.

Absichtsvolle Redundanzen

Wie Böwe diese "Bleistiftskizze" einer Figur spielt, wie sie sie mit einer knochentrockenen What-the-fuck-Attitüde versieht, die man durchaus auch auf die an sich selbst scheiternde Inszenierung beziehen könnte, das ist das Highlight an diesem Abend, der aber ansonsten gründlich missachtet, wozu Ursina Lardi das Publikum kurz vor Schluss aufruft, nämlich: eine klare Haltung zu beziehen. Doch dafür müsste sich "Bad Kingdom" erst einmal selbst mindestens für eine seiner Figuren wirklich ernsthaft interessieren und daraus dann einen Gedankenfunken schlagen.

Stattdessen wird hier von Anfang an ein Konstrukt vorgeführt und ausbuchstabiert. Es ist alles schon angelegt in der Bühne, deren glatter Boden "Achtung, Selbstbespiegelung!" ruft. Rechts ein wohnzimmerartiges Arrangement, in dem sich das Paar mit oder ohne Therapeutin beharken kann, umkränzt von hypertrophen Zimmerpflanzen, die zur absichtsvollen Redundanz des Textbuchs passen.

BAdKingdom2 GianmarcoBresadolaBeim Scriptdoktor: Marcel Kohler und Jule Böwe © Gianmarco Bresadola

Links zwei Studio-Settings für den Filmdreh sowie ein Konzertflügel, an dem Ursina Lardi in ihrer zweiten Rolle als Protagonistin des Films sitzt: eine Pianistin, der ihre PR-Agentin verbietet, über Politik zu sprechen, weil sie dazu neigt, die falschen Offenen Briefe zu unterschreiben. Also spielt sie Beethoven und würgt ihren Frust heraus in einem Konzertkleid, das aus einer Gelbweste geschneidert zu sein scheint. Dazu trägt sie eine dicke Blingbling-Kette, die sie auch beim Sex nicht ablegt. Nicht überraschend, dass auch sie durchdreht, weil ihr Partner ihr dabei nicht in die Augen schauen kann.

Viel zu früh

Der Abend ist mit großem Aufwand bis ins kleinste Detail durchgestaltet, das bezeugt auch die lange Riege der Beteiligten, die zum Premierenapplaus auf die Bühne kommen: Allein für die zahlreichen schnellen Kostümwechsel braucht es eine ganze Reihe von Ankleider*innen. Umso deprimierender ist das schale Gefühl, das "Bad Kingdom" hinterlässt. Als wolle ausgerechnet Falk Richter den Untergang des politischen Theaters inszenieren – als einen letzten Tanz auf dem Vulkan, bei dem den Tänzer*innen viel zu früh die Puste ausgeht.

 

Bad Kingdom
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Katrin Hoffmann, Kostüme: Andy Besuch, Musik: Daniel Freitag, Video: Sébastien Dupouey, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Diyar Ilhan, Jule Böwe, Martin Bruchmann, Marcel Kohler, Ursina Lardi, Kay Bartholomäus Schulze, Hêvîn Tekin.
Premiere: 11. Februar 2024
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schaubuehne.de

Kritikenrundschau

Falk Richters "Bad Kingdom" sei "immer süffige, musikalisch aufgeladene Unterhaltung, mit ironisch gebrochenen Figuren, gespielt von einem überzeugenden Ensemble", so Eberhard Spreng im Deutschlandfunk (12.2.2024), ein von Selbstmitleid nicht ganz freier Abgesang auf die in sich zusammenbrechende Welt der Generation X. Allerdings münde das komplizerite Konstrukt "in einem simplen Vortrag über die psychotische Gesellschaft der Ariadne von Schirach".

"Eine Mischung aus Boulevardkomödie, Beziehungsdrama, Parodie dieser Genres" hat André Mumot erlebt, wie er im Deutschlandfunk Kultur (11.2.2024) berichtet. Er hebt großartige schauspielerische Momente hervor, der Abend sei hin und wieder auch musikalisch großartig. Aber es seien Monologe dabei, die man erheblich straffen müsste. "Und diese ewige Notwendigkeit, auf die moralischen Verfehlungen der Gegenwart hinzuweisen, und zwar alles andere als subtil, macht es dann doch mühsam."

"Dass sich die fragmentarischen Szenen überzeugend zu einem Ganzen verbinden, hat viel mit diesem Soundtrack zu tun", findet Oliver Kranz im RBB (12.2.2024). Man spüre die Verlorenheit der Figuren und ihren Schmerz – obwohl es auch komische Szenen gebe. "Bad Kingdom" sei "ein Stück, in dem man weinen und lachen kann. Sehenswert!"

"Die Lage ist ernst, aber bitte nicht heulen!", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (13.2.2024) "Bad Kingdom" schaffe es, sich selbst ironisch zu verdrehen, mit deutlichem Hang zum Boulevard: "Zielsicher steuert er Pointen an."

Falk Richter gelinge es in "dieser neuesten, luftig zusammen gehauchten Stückentwicklung" mit behutsamer Selbstironie ziemlich gut, der übermüdeten, zugleich an ADHS leidenden Gesellschaft auf den Zahn zu fühlen, findet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (13.2.2024). Und zwar ohne stringentes dramaturgisches Konzept, aber mit "der empathisch aasigen Genauigkeit, mit der er die in Muskelkostüme und Undurchschaubarkeitsmasken gehüllten Gegenwartsmenschen über dem analytischen Grill schmort."

"Die Filmszenen, die mal über die Leinwände auf der Bühne flimmern, mal live vor unseren Augen gedreht werden, sind schlimmster Vorabendserienkitsch", meint Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (13.2.2024). "Das soll uns vermutlich die Banalität unseres Daseins vor Augen führen oder die geringe Fallhöhe, die die Leiden der Protagonisten besitzen, diese Jammerlappen mit Luxusproblemen." Dass Martin Bruchmann schmachtend schönen Pop singe, helfe nicht dabei, einen Abend von knapp drei Stunden durchzustehen, in denen lauter Abziehbilder im Zentrum stehen.

Einen "Abend mit hohem Farce-Faktor, der einen nachdenklich in die Nacht entlässt", hat Dorion Weickmann von der Süddeutschen Zeitung (13.2.24) gesehen. Falk Richter unternehme "eine Inspektion der bundesrepublikanischen Seelenlandschaft", die klar mache: "Der digital aufgestellte Mensch ist emotional im Gestern hängengeblieben." Während "gereifte Frauen in der Restglut ihrer Gefühle" stocherten und "eine Repräsentantin der Generation Z milieu- und jargonsicher über Glanz und Elend der Social Media" doziere, blieben die Männer "in einem 'Als ob'-Limbo gefangen", so die Kritikerin. "Sie sitzen fest im Beziehungslabor unserer Tage, das Falk Richter zwischen Boulevardeske und Tragikomödie bespiegelt."

"'Bad Kingdom' verbindet einen Überschuss an unernster Parodie mit einem überernsten Mitteilungsbedürfnis", schreibt Jakob Hayner in der Welt (15.2.2024). "Weil die Message über den Phänomenen steht, werden diese der Lächerlichkeit preisgeben, um der Aussage jeden möglichen Widerstand zu rauben."

Kommentare  
Bad Kingdom, Berlin: Fokus fehlt
Zur (Über)Länge der Aufführung führen: Beginn 20:05, Ende 22:44, Pause endlose 30 Minuten um 21:22 ... Insgesamt also doppelt so lang wie die parallele Volksbühnen Premiere (merkwürdige Planung) … dennoch hysterisch erfolgreicher Abend, wenn man nach der Reaktion der Freunde des Hauses (kein e.V., sondern Steuerkarteninhaber) urteilt, haben diese sich selber erkannt? … immer wenn eine Szene gelingt (etwa Jule Böwes Solo), kommt etwas, was überflüssig ist (damit es halt durchkomponiert ist und ein Zwischenapplaus verhindert werden soll) … links sein = belehrend sein nervt (an der Einsamkeit sind nicht die fünf reichsten Männer der Welt und ihr Reichtumswachstum schuld) … es fehlt ein Fokus … da ich die Quelle (siehe Kritik) von Ursina Lardis letzten (sehr ermüdenden) Monolog nicht kannte (Trümmer vs. Wüste), dachte ich erst, dass es eine Kabarettnummer sei, aber war es doch keine … Mauernteile, Drehelemente: Nichtausbrechenkönnen, ja klar und leider recht trivial … insgesamt das Gefühl: hab schon mal gesehen …
Bad Kingdom: Zeigefingerdidaktik
Ich gebe dem Kommentar von Pfeffer in allen Punkten recht, ebenso der Nachtkritik. Leider fehlte die Überhöhung von Fragmenten/Zeit-Online-Artikeln für die Bühne, es wurde ein wenig gegen Milliardäre gewettert oder Instagram-Doomscrolling "hinterfragt", anhand diverser vorgetragener Zahlenbeispiele und lehrhafter Zeigefingerdidaktik hatten die Schauspielenden mit fehlender Dramatisierung für die Bühne zu kämpfen. Zum Schluß kamen zu von Pfeffer erwähntem, ermüdenden Vortrag (der Diaprojektor fehlte noch) merkwürdige aber teure Kostüme, die so etwas wie von CG Jung inspirierte Tiefenpsychologie darstellen sollten? Wenn die Figuren nur mit ihrer oberflächlichen Identität beschäftigt sind, fehlt natürlich Tiefgang. Als Boulevardstück ok für Leute, die nicht viel erwarten.
Bad Kingdom, Berlin: Großartiger Abend
Ich empfinde diesen Abend als überaus gelungen und kann gar nicht beklagen, dass sich nicht für die Figuren interessiert wird, denn für mich stellt sich das nullkommanull so dar, ganz im Gegenteil wird unserer Gesellschaft der Spiegel schmerzhaft und konsequent vorgehalten. Ich musste so oft lachen, auch weil es so traurig ist und war traurig, weil ertappt, ganz gleich ob die Hauptfiguren Künstler und Therapeuten sind, für mich ist das Ganze übertragbar auf viele Menschen in alllenmöglichen Lebenssiuationen, ja auch Berufen.
Phantastisch tolle Arbeit von Richter, dem Ensemble und seinem Team.Ich gehe nachdenklich und berührt aus diesem Abend! Wer hier meckert, der tut dies meiner Meinung nach auf ganz hohem Niveau.So weit zu meiner Wahrheit, meinem Erleben neben allen anderen konstruierten Wahrheiten hier. Peace.

Nachtrag zu meiner Begeisterung, der mir irgendwie angebracht scheint:
Ich gehöre weder zum Freundeskreis der Schaubühne, noch hab ich eine Steuerkarte gehabt, noch bin ich in künsterischen Kreisen "gefangen".
Ich arbeite im sozialen und gesundheitlichen Bereich und kümmere mich um Menschen.
Bad Kingdom, Berlin: Letzte Schulstunde
Eine Reihe schöner Miniaturen hat dieser Abend zu bieten: Marcel Kohler,und Martin Bruchmann spielen das Künstlerpaar in der Krise. Je lautstärker Kohler seinem Partner vorwirft, dass er sich gar nicht mehr wahrgenommen fühle, desto einsilbiger zieht dieser sich in seine Musik zurück. Wie schon in „Bucket List“ überzeugt auch in dieser Schaubühnen-Produktion die hohe musikalische Qualität des Ensembles. Martin Bruchmann, der sich nach seinem Studium in Leipzig und ersten Stadttheater-Engagements in Nürnberg und Stuttgart ein zweites Standbein als Musiker aufbaute, singt sehnsuchtsvolle Balladen am Klavier und beherrscht auch den härteren Sound an der E-Gitarre.



Zu den Glanzlichtern des Abends zählt auch Jule Böwe als kratzbürstige Film-Agentin, die an ihrem 54. Geburtstag ganz allein zu Hause sitzt. Und so sehnsuchtsvoll kann auch kaum eine Schauspielerin schmachten wie Ursina Lardi, die nach ihren Solo-Projekten mit Milo Rau und den Off-Inszenierungen mit ihrer eingeschworenen Clique endlich wieder in einem Ensemble-Stück an der Schaubühne zu sehen ist.

Daraus hätte ein melancholisch-leichter 90minütiger Falk Richter-Abend über die Einsamkeit schöner Menschen in Luxuswohnungen werden können, wie es ihm z.B. vor einem Jahrzehnt mit Never forever gelang. Doch in seiner zweiten Arbeit nach seinem Schaubühnen-Comeback konnte sich Richter nicht recht entschieden: der mit 2,5 Stunden deutlich zu lange Abend changiert zwischen Milieu-Studie, Gesellschaftsanalyse, Kunstbetriebssatire und Boulevard-Komödie.

Ursina Lardi monologisiert nach einer gescheiterten Paartherapie-Sitzung Ausschnitte aus dem Buch „Die psychotische Gesellschaft“ von Ariadne von Schirach. Im Stil einer Lehrerin in der letzten Schulstunde versucht sie, das Publikum bei der Stange zu halten: nur noch kurz aufpassen, dann ist gleich Schluss… Aber der Abend mäandert so sehr, dass auch der Charme eines Bühnenstars vom Lardi-Kaliber wenig ausrichten kann. Beeindruckender ist das von Andy Besuch konzipierte Muskelmann-Kostüm, in dem sie zuvor am Klavier lehnte.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/02/13/bad-kingdom-schaubuehne-theater-kritik/
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