Das Stillleben - Theater Lübeck
Schrödingers Biedermeier
21. Juni 2025. Es soll ja Zeitgenossinnen und Zeitgenossen mit einem stark ausgeprägten Veränderungsunwillen geben. Das Bild, das Caren Jeß in ihrem Stück "Das Stillleben" für sie findet, ist so originell, dass selbst die Profi-Exegetin final die Analyse-Waffen streckt.
Von Falk Schreiber
"Das Stillleben" von Caren Jeß am Theater Lübeck © Sebastian Brummer
21. Juni 2025. Das ist kein Stillleben. Ein Stillleben zeigt bekanntermaßen Unbelebtes: Möbel, vertrocknete Blumen, verrottendes Obst, vielleicht einen Totenschädel als Memento Mori, wenn es hochkommt einen Käfer oder ein paar Fliegen. Das Gemälde, das Milena Aliza Brüggemann auf der Studiobühne des Lübecker Theaters nachgebaut hat, zeigt allerdings ein biedermeierliches Wohnzimmer, und auf dem Sessel sitzt ein Mensch aus Fleisch und Blut, ein namenloser Statist. Aber ein echter Mensch hat auf einem Stillleben nichts verloren. Vielleicht die Bilder, die die Wände des Wohnzimmers zieren? Nein: ein Maler an der Staffelei, Picknickende im Park und ein Bild eines biedermeierlichen Wohnzimmers, auf dem ein Mensch aus Fleisch und Blut zu erkennen ist … Nein, das passt alles nicht.
Gelungene Hipster-Karikatur
Und beschreibt damit schon den Grundkonflikt in Caren Erdmuth Jeß' 2022 von Tuğsal Moğul in Heidelberg uraufgeführtem und jetzt in Lübeck von Lisa Froschauer nachinszeniertem Stück "Das Stillleben": Es geht um die Frage, weswegen das Kunstwerk als "Stillleben" bezeichnet wird, wo doch eindeutig ein Mensch zu sehen ist, mit Backenbart, Schlappen und Hauskleidung, den leeren Blick ins Nichts gerichtet? Die Antwort darauf gibt die Kunstgeschichte, also die Geisteswissenschaft. Auftritt: Die Geisteswissenschaftlerin, die Lilly Gropper in Sneakern, gekonnter Topffrisur und Vintage-Brille als durchaus gelungene Karikatur großstädtischen Hipstertums gibt.
Die Geisteswissenschaftlerin (Lilly Gropper) bei der Analysearbeit © Sebastian Brummer
Die Geisteswissenschaftlerin erklärt nun also, dass man es hier mit Biedermeier-Malerei zu tun habe. Biedermeier, das war die Epoche am Ende des Klassizismus zwischen 1815 bis 1848, als sich das Establishment angesichts sich radikal verändernder Zeiten ins Private zurückzog, in eine "beklemmende Behaglichkeit", wie eine Fußnote im geisteswissenschaftlichen Vortrag verrät, und dass die Fußnoten hier personifiziert werden, ist ein raffinierter Stückkniff, den Johannes Merz in Lübeck mit charmantem Besserwissertum durchexerziert. Also: Die Welt verändert sich, aber der Protagonist weigert sich, diese Veränderungen mitzumachen. Stattdessen sitzt er im Wohnzimmer und starrt an die Wand, auf dass der Sturm draußen an ihm vorbeigehen möge. "Die Menschen im Biedermeier sind schon tot", erkennt die Geisteswissenschaftlerin angesichts dieses Rückzugs ins Private. Und weil sie schon tot sind, ist auch das Label "Stillleben" für das Bild gerechtfertigt.
Gleichzeitig tot und lebendig
Problem dabei: Der Protagonist ist nicht tot. Man sieht ja, wie sich die Brust des Darstellers hebt und senkt (und weil dieser seine Rolle über die gesamten 80 Minuten des Abends durchhält, ist es nicht ganz fair, dass er im Gegensatz zu den beiden anderen Darstellern nicht namentlich im Programmheft genannt wird). Das merkt nach einer Weile auch die Geisteswissenschaftlerin – die Biedermeier-Menschen sind zwar tot in dem Sinne, dass keinerlei gesellschaftlicher Impuls von ihnen ausgeht, aber gleichzeitig sind sie bis heute lebendig, als Figuren, die an "Neophobie" leiden, an der Angst vor Neuerungen. Gleichzeitig tot und bis heute lebendig, Schrödingers Biedermeier – aus diesem Widerspruch, in den die Argumentation der Geisteswissenschaftlerin stürzt, zieht das Stück seinen Reiz.
Lebt er noch oder stirbt er schon? Lilly Gropper und Johannes Merz bei der Bildbetrachtung © Sebastian Brummer
Und Froschauers Regie unterstützt das nach Kräften. Im Grunde ist der Abend konventionell vom Blatt gespielt, aber weil Jeß' Vorlage Haken schlägt, weil jede Aussage gleich wieder in Frage gestellt wird, auch weil die Grundidee eines fleischgewordenen Essays über Biedermeier-Malerei originell ist, ist auch die Umsetzung auf der Lübecker Bühne originell. Zumal Gropper und Merz ganz großartig miteinander harmonieren, in komödiantischer Scharfsinnigkeit.
Zum Sofa werden
Am Ende dann ist die Geisteswissenschaftlerin des intellektuellen Streits mit dem Gemälde müde. Sie will nicht mehr kämpfen, will nicht mehr analysieren, sie will ein Möbelstück werden, das sich harmonisch in die Komposition des Wohnzimmers einfügt. Im Motiv der Verwandlung erkennt man eine Verwandtschaft zu Jeß' bekannterem Stück "Die Katze Eleonore", aber Vorsicht: Der Wunsch mag nachvollziehbar sein, aber wahrscheinlich ergeht es der sich in ein Sofa verwandelten Geisteswissenschaftlerin ähnlich schlecht wie Eleonore. Einzig der Biedermeier-Spießer schwimmt tatsächlich durch die Jahrhunderte hinweg oben.
Das Stillleben
Von Caren Erdmuth Jeß
Regie: Lisa Froschauer, Bühne und Kostüme: Milena Aliza Brüggemann, Musik: Anna Bertram, Dramaturgie: Veronika Firmenich.
Mit: Lilly Gropper, Johannes Merz.
Premiere am 20. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
www.theater-luebeck.de
Kritikenrundschau
Von begeistertem, langem Applaus des Publikums berichtet Petra Haase in den Lübecker Nachrichten (€ | 21.6.2025). "Der Text von Caren Jeß verhandelt die Geistesgeschichte bürgerlicher Fluchtversuche. Es geht um den Rückzug ins Private, die Diktatur der Dinge, Ignoranz, Gemütlichkeit, Eskapismus und Cocooning." Dass das "nicht verkopft und anstrengend" ausfalle, dafür sorge die "rasante Inszenierung von Lisa Froschauer" mit dem "komödiantischen und körperbetonten Spiel" von Lilly Gropper und Johannes Merz.
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nämlich eine Theaterpredigt zu „Das Stillleben“ (29.6. ,St. - Markus-Kirche, 10:30Uhr).
Warum „Rollenspiel“? Naja, so muß man das natürlich nicht auffassen und/oder wahrnehmen, aber der Frage „Wie sähe Deine Predigt dazu aus ?“ mag man nachspüren..
Mit herzlichen Grüßen aus dem Theater Lübeck
Seltsam ist es, daß weder KN noch shz noch NDR bei der Premiere zugegen waren offenbar; ein brauchbares Statement in Sachen Würdigung neuerer Dramatik sieht meineserachtens anders aus, nicht nur weil Caren Jeß aus Eckernförde kommt, sondern Sachen wie „Das Stillleben“, nicht minder aber „Knechte“, „Die Katze Eleonore“ oder nicht zuletzt „Bookpink“ allemal etwas sind/wären für die Spielpläne auch in Kiel oder Flensburg: es sind, ich konnte mich im Falle von „Knechte“ (Stückabdruck in TheaterHeute 4/22) und „Bookpink“ (Stückabdruck TheaterHeute 3/20) mittlerweile selbst davon überzeugen (Stichwort: Keller in der Universitätsbibliothek Kiel), wirklich gute, empfehlenswerte Stücke (siehe dazu auch die Rezeption zur Inszenierung von „Die Katze Eleonore“ in Dresden mit Karina Plachetka; ist das Stück dort eigentlich als Repertoirestück noch zu sehen ??).
Last but not least: TOITOITOI für den heutigen Premierenabend im Domhof !!