Lang lebe die Zombiezelle

13. September 2025. Der Wunsch nach ewiger Jugend regiert in dem Grusical, das Ferdinand Schmalz fürs Schauspiel Frankfurt geschrieben hat. Darin rückt er den privilegierten Gästen auf den Leib. Aber geht sein Text auch unter die Haut?

Von Sabine Leucht

Ferdinand Schmalz' "Sanatorium zur Gänsehaut", am Schauspiel Frankfurt von Jan Bosse uraufgeführt © Thomas Aurin

13. September 2025. Hängebacken, Krähenfüße, Knitterfalten: Was kennt die deutsche Sprache nicht für liebreizende Komposita! Doch tritt das, was sie bezeichnen, am eigenen Körper auf, kann es diesen Phänomenen gar nicht schnell genug an den Kragen gehen. Ob mit pflanzlichen Wirkstoffen, Hokuspokus oder dem Skalpell, ist Weltanschauungssache. Im "Sanatorium zur Gänsehaut" – noch so ein Kompositum –, in das das neue Stück des gerade ungeheuer rührigen Bachmannpreisträgers Ferdinand Schmalz sein Publikum entführt, gibt es Weltanschauung in Schichten: Was oberflächlich betrachtet ein Wellness-Resort für Gestresste ist, die, statt der sich rundum verfinsternden Realität ins Auge zu blicken, lieber darüber räsonieren, wo der Infinity-Pool in natürliches Gewässer übergeht, birgt so manches Geheimnis.

In der Tiefe des "grundlos schönen" Sees, "der keiner ist", lauern sie, und natürlich im Keller, zumal es sich bei ihm um einen österreichischen handelt, wie Lio Laksch bemerkt. Die hat sich ins Sanatorium eingeschleust, um das ein oder andere Geheimnis zu enthüllen.

Vampire und verdiente Privilegien

Im Schauspiel Frankfurt, wo Jan Bosse das Auftragsstück urinszeniert hat, erscheint die Reporterin zu Beginn gleich doppelt. Einmal im Video, auf dem Lotte Schuberts Gesicht die Aura einer Stummfilmdiva umgibt. Und einmal stakst sie selbst auf der Bühne herum. Orientierungslos zwischen Videoprojektionen auf Gaze, in denen Handy, Handtasche und Rückspiegel riesengroß vor einer Bergkulisse herumwirbeln – und den Stimmen der Kolleg*innen, die im Zentrum der Bühne zusammengerückt sind, um als Sprechchor die Landschaft zu beschreiben, durch die Lio mehr stürzt als fährt. Und dann fangen alle an zu singen. Denn der Abend ist ein "Grusical", also halb gruselig, halb Musical, aber beides nicht ganz ernst zu nehmen.

Gepflegter Grusel im "Sanatorium zur Gänsehaut" © Thomas Aurin

Der Musical-Part läuft in Frankfurt so, dass bekannte Melodien mit Schlagseite zu Schlager neue Texte bekommen, in denen es um Vampire, verdiente Privilegien (sic!) und zu verlassende Komfortzonen geht. Und in "Für immer jung" nach Alphaville geht es mitten hinein ins Thema: Den Machbarkeitswahn in Bezug auf den eigenen Körper. Während Multimilliardäre die Kryokonservierung ihrer Leiche planen, "Longevity" eine Industrie geworden ist und Fitness- und Schönheits-OP-Junkies längst ganz "normal" sind, strickt längst auch die Forschung am Traum vom ewigen Leben oder zumindest ewiger Jugend mit.

Zerfallsprodukt von einem Körper

Kaum etwas scheint dabei zu absurd, um es anzupacken, und das hat Ferdinand Schmalz offenbar auf den Nacktmull gebracht: ein haarloses Nagetier mit faltiger und scheinbar unverwundbarer Haut, das extrem langsam altert. Wahrscheinlich hat dem schreibenden Schelm aus Österreich das Absurde daran gefallen: Ein kurzbeiniges Geschöpf mit wenig intelligentem Gesichtsausdruck als Hoffnung für die Schönheitsindustrie? Ein "Falten-Würstchen" gegen Falten? Das hat beinahe etwas Homöopathisches. Dr. Klotz, der unter der straffen Gesichtsmaske fast unkenntliche Wolfram Koch, arbeitet in seinem Keller an Dingen wie Collagen-Neogenese, Zombiezellen und Nacktmull-Experimenten. Und Pharma-Riesin Hannelore Krautwurm-Bouillon (Anna Kubin) ist ganz wild darauf, ihre Venen hinzuhalten: "Transplantieren sie ihre Visionen, da in mein Zerfallsprodukt von einem Körper."

Und auch sonst ist keine*r so recht knusper in dieser Zwangsgemeinschaft, weder die Influencerin, der bei einer Sonderbehandlung die Gesichtshaut abhanden gekommen ist, noch ihr Mann, dessen Singstimme mit einem Flugzeug abgestürzt ist, das er verpasst hat. Und auch der übereifrige Concierge Herr Anton nicht, dem Christoph Pütthoff tatsächlich etwas Dämonisches verleiht. Dem hochgestimmten und stimmsicheren Ensemble zuzusehen und zuzuhören, ist eine Freude.

Runzelige Design-Klassiker

Publikumslacher jedoch sind selten und auch der Grusel bleibt seltsam gedämpft, aber das liegt nicht an ihm, sondern teils am Stück, das fleißig Motive aus Genre-Romanen und Filmen wie "Frankenstein", "Rosemary’s Baby" oder "The Substance" recycelt, aber mehr von Andeutungen als von Zuspitzungen lebt. Vor allem aber liegt es an der Übertragung des von Schmalz nur halb ausformulierten Schichtenprinzips in eine flache Loungelandschaft: Eine kreisrunde Insel hat Bühnenbildner Moritz Müller mit einem futuristischen Muschel-Baldachin überdacht und mit rosa-apricotfarbenen Fellen und Togo-Sesseln bestückt.

Sanatorium zur Gaensehaut 2 CThomas Aurin uFaltenfreie Fröhlichkeit: Lotte Schubert, Anna Kubin, Anabel Möbius und Wolfram Koch © Thomas Aurin

Die runzeligen Design-Klassiker wie die mit Tieren bedruckten Turnanzüge, die Kathrin Plath den Sanatoriums-Insassen auf die Leiber geschneidert hat, betonen das Haut-Thema. Dass immer mal jemand platschend die Oberfläche der dunklen Wasser durchbricht, die die Insel umgeben, sorgt auch im Zuschauerraum für Erfrischung. Aber statt Gänsehaut zu erzeugen, plätschert der Abend gemütlich vor sich hin, fast durchgehend begleitet von Carolina Bigges flauschigem E-Gitarren-Spiel. Selbst wenn man die schwangere Reporterin am Tropf hängen sieht, bleibt die Atmosphäre so verspielt wie die Sprache von Ferdinand Schmalz. Und so fühlt man sich am Ende ein wenig wie die Personen, die ab und an in der übergroßen Blüte verschwinden, die auch auf der Bühne steht: Da mag ein bisschen was kratzen, aber so what! Die Untiefe ist weich – und die Realität noch viel grotesker als diese Fiktion.

Sanatorium zur Gänsehaut. Eine Entfaltung
von Ferdinand Schmalz
Regie: Jan Bosse, Bühne: Moritz Müller, Kostüme: Kathrin Plath, Video: Meika Dresenkamp, Musik: Carolina Bigge, Arno Kraehahn, Dramaturgie: Katrin Spira, Licht: Marcel Heyde.
Mit: Melanie Straub, Christoph Pütthoff, Wolfram Koch, Anna Kubin, Anabel Möbius, Torsten Flassig, Lotte Schubert, Carolina Bigge und Ralf Göbel (Live-Musik).
Premiere am 12. September 2025
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de

Kritikenrundschau

"Ein kleiner Horrorladen, und Ferdinand Schmalz apostrophiert das Ganze auch als Grusical", schreibt Shirin Sojitrawalla in der taz (17.9.2025). Jan Bosse wiederum übergehe "die Regieanweisung, dem Publikum Gänsehaut beizubringen, und setzt auf bunte Unterhaltung". Der Abend ziehe sich, "mehr als zwei Stunden plätschert die Inszenierung vor sich hin, immer wieder von hinreißenden Nummern unterbrochen". Fazit: "Man hätte sich das Ganze um einiges schräger oder angesichts des schrägen Textes auch viel ernsthafter vorstellen können, doch der Abend verharrt in stabiler Mittellage." 

Von einem "fluffig-luftigen Abend" berichtet Michael Kluger in der Hessischen Niedersächsischen Allgemeinen (15.9.2025). Man blicke auf ein "finsteres Gewässer, das reichlich Gelegenheit für slapstickhafte Ausrutscher, Gepruste und Geplätscher liefert. Gesungen wird zwischenzeitlich musical-grusical-rocky-horror-artig erfreulich gekonnt, gar mitreißend." Dennoch ist die Inszenierung für den Kritiker "weder richtig lustig noch erzeugt sie Gänsehaut. Dafür ist sie zu harmlos, zu sehr bemüht, nicht zu verstören: Es soll ja unterhaltsam sein."

"Dieses Grusical kommt, manchmal mit Mühe, da an, wo Kabarett und Chanson vor Jahren oder Jahrzehnten schon waren", schreibt Jan Wiele in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.9.2025). Der Abend mache den Eindruck, dass hier "mit Kanonen auf Spatzen geschossen" werde. Am Ende wolle man die Schauspieler zwar loben, amüsiere sich teils auch gut bei den Songs, stelle sich die Frage, wann denn "mal wieder ein richtiges Theaterstück" komme, so Wiele.

Das Ganze sei "vor allem ein Karneval", gibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.9.2025) zu Protokoll. Das allerdings sei mit Absicht so, denn: "Das Grelle unterläuft einem Grusical nicht, es ist seine Substanz." Schmalz stelle trotz seines Bekenntnisses zur Form "ganz menschliche, gar nicht so uninteressante Leute auf die Bühne". Dennoch hätte sich die Rezensentin "etwas mehr Herleitung, etwas mehr Entwicklung, überhaupt eine Entwicklung auf der Bühne" gewünscht.

Kommentare  
Zur Gänsehaut, Frankfurt: Dafür hat jedeR Social Media
2h ohne Pause ... ziehen sich an diesem Abend lange hin. Die schrill-witzigen Kostüme, die Schmalz'schen Sprachspiele, die geflutete Bühne, das ist in den ersten 20 Minuten ganz unterhaltsam. Aber dann plätschert das noch 100 laaange Minuten weiter, sieht und hört man mehr oder weniger Banales. Jaja, die Suche nach ewiger Jugend und unvergänglicher Schönheit treibt seltsame Blüten. Und die Leute, die sich damit beruflich beschäftigen, sind arg schräg drauf! Nur: Das braucht keine Theaterbühne, dafür hat jedeR ja Social Media. Das Publikum blieb größtenteils dennoch höflich sitzen, applaudierte pflichtbewusst. Aber vermutlich hat sich der/die eine oder andere gefragt, ob man absichtlich nur noch Aufführungen ohne Pause ansetzt, damit die ZuschauerInnen nicht nach dem ersten Teil nach Hause gehen, um sich am Sofa bequemer und besser mit und über Beauty und Longevity Influencer zu amüsieren.
Zur Gänsehaut, Frankfurt: Nervtötend langweilig
Es war einer der langweiligsten und nervigsten Theaterabende, die ich je durchstehen musste. Ich kann mich nur der Vorrednern anschließen: wenn man nicht darauf vertrauen kann, dass das Publikum auch nach der Pause noch da istm macht man einfach keine. eine sehr unschöne und umsichgreifende Praxis, nicht nur in Frankfurt. Der Text ist so belanglos, daß man den Wind durchpeifen hört. Die SchauspielerInnen können einem Leid tun, sich damit über Wochen in der Probenarbeit beschäftigen zu müssen und das jetzt auch noch Abend für Abend vor Publikum vertreten zu müssen. Bosse entwickelte manchmal ganz hübsche Bilder, aber das reicht hinten und vorne nicht. Einzig das Kostümbild ist noch hervorzuheben. Aber das reicht für einen gelungenen Theaterabend nun wirklich nicht. Jede RTL Doku über Schönheitschirurgie ist informativer und wahrscheinlich sogar auch amüsanter.
Zur Gänsehaut, Frankfurt: Boring
Ich stimme meinen Vorrednern voll und ganz zu: ein völlig belangloser Text, zumindest von hervorragenden Schauspieler*innen dargeboten. Und sowas von öde…
Zur Gänsehaut, Frankfurt: Köstlich amüsiert
Im Gegensatz zu den anderen KommentatorInnen habe ich mich bis zum Schluss köstlich amüsiert Dank der immer wieder fein gebrochenen Sprache mit vielen Anspielungen aus Literatur, Kunst, Journalismus und Werbung. Langweilig fand ich das Stück keine Minute, wozu auch die absurden Überraschungsmomente und die hervorragenden SchauspielerInnen beigetragen haben.
Sanatorium zur Gänsehaut, Frankfurt: Arme Schauspieler
Ich war gestern Abend zu dieser Aufführung. Ich gestehe, nach ca 40 Minuten habe ich wieder und wieder auf die Uhr geschaut. Anfangs mussten die Schauspieler in einer Gruppe zusammenstehen und im Chor sprechen, was mE die Verständlichkeit erschwerte. Die Schönheitsfarm befand sich auf einer von Wasser umgebenen Insel . Diese " Wasserspiele" kannte ich schon aus einem grässlichen Othello in Mainz. Hier in Frankfurt musste der arme Thorsten Flassig einen Bauchklatscher landen. Hoffentlich hat er sich nicht verletzt.
Zusammenfassend schließe ich mich den̈ Unzufriedenen hier an. Exzellente Schauspieler wurden verheizt.
Sanatorium zur Gänsehaut. Frankfurt: Langweiliges Stück
Die Kritiken kommen mir vor wie die Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern: Warum sagt niemand die Wahrheit? Es handelt sich einfach um ein langweiliges, uninspiriertes Stück, dem jede Spannung fehlt. Die Schauspieler können nichts dafür, und dem Regisseur konnte es nicht gelingen, durch die Inszenierung eine Dynamik zu erzeugen, die dramaturgisch nicht angelegt ist.
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