Krankheit und Struktur

17. November 2023. Yade Yasemin Önder beschreibt in ihrem viel beachteten Roman eine Jugend, in der Fremdheit und Gespaltenheit ihrer Hauptfigur zur Krankheit werden: Bulimie als sortierter Exzess. Emel Aydoğdu hat das Buch nun erstmals auf die Bühne gebracht – und darin auch die Geschichte einer Heilung gefunden.

Von Gerhard Preußer

17. November 2023. Alles rein und schnell wieder raus. Ist das ein typisches Verfahren unserer Gesellschaft? Wissen, Essen, Lieben – Bulimie ist nicht nur eine Krankheit, sondern auch eine gelebte Metapher, ein gesellschaftliches Symptom. Das war im Hinterkopf von Yade Yasemin Önder, als sie ihren Roman "Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron" schrieb. Aber die gesellschaftliche Dimension bleibt unausgesprochen. 

Baukasten mit unpassenden Teilen

Önder bleibt ganz nah bei ihrer Ich-Erzählerin, einer heranwachsenden jungen Frau gemischt deutsch-türkischer Herkunft. Das ist eine zerrissene Jugend: die Spannung zwischen Anpassung und Fremdheit, das Aufwachsen in einer kulturell gespaltenen Familie mit verschwundenem Vater. Die pubertären Befreiungs- und Fluchtversuche münden in Promiskuität und in die Krankheit, die Genuss und Ekel zwanghaft verbindet. Aber der Roman erzählt nichts chronologisch, er ist ein Baukasten, in dem nicht alle Teile zusammenpassen. Sprünge, Brüche, Wiederholungen sind das Prinzip. "Groteske Variation" hat man das Verfahren genannt und "bittere Albernheit" den Ton.

Eigentlich schreibt Yade Önder Theaterstücke, ihr Erstling "Kartonagen" wurde 2017 bei der Nacht der Autoren im Deutschen Theater Berlin aufgeführt und ins Casino des Burgtheaters übernommen. Auch ihr erster Roman sollte zuerst ein Theaterstück werden. Und ist es nun doch noch geworden. In der Werkstatt des Bonner Schauspiels gab es die Uraufführung in der Inszenierung von Emel Aydoğdu.

Verdichtete Zeit

Und die macht weitgehend Schluss mit dem erzählerischen Verwirrspiel. Wir verfolgen die Geschichte einer jungen Frau in psychologisch folgerichtiger Ordnung: Tod des Vaters, Umzug, Mobbing durch Gleichaltrige, heftiger Streit mit der Mutter, Schulabbruch, Abdriften in die bulimische Sucht, Therapie und Heilung. Der Verlust an erzählerischer Komplexität wird aber wettgemacht durch die körperliche Präsenz der Darsteller:innen und die verdichtete Zeit des Miterlebens. Die Mittel der Inszenierung sind nicht überraschend, aber passend: Der Romantext bleibt unverändert, nur zeitlich geordnet und gekürzt. Die für den jugendlichen Sound des Romans wesentliche drastische Darstellung der sexuellen Entwicklung der Figur bleibt fast vollständig ausgespart.

wir wissen1 1200 Matthias JungIm Nebel: Jacob Z. Eckstein, Imke Siebert und Roxana Safarabadi © Matthias Jung

Die drei Darsteller:innen spielen sich die Sätze zu und deuten Handlungen an, ohne eine Figur dauerhaft zu übernehmen. Die Variationsbreite von Singen, Tanzen, Nachspielen, Kuscheln, Schreien, Toben übersetzt Önders variable sprachliche Stilmischung für die Bühne. Jede Szene wird beendet durch eine stumme Aktion: alle drei fallen jeweils zu Boden, synchron (siehe Titel).

Die eindringlichsten Momente sind in der Mitte der Inszenierung, wenn die Hauptfigur (wie sie sich selber nennt) Halt sucht in der krankhaften Struktur der Bulimie: ein zuckender Tanz mit autoaggressiven Gesten, dann werden die Gesichter der Darsteller:innen live in Großaufnahme projiziert, während kleine gelbe Puppenhände an ihren Mündern zerren. Dazu läuft ein Song: "Surrounded by a shield". Die Sucht als selbstzerstörerischer Schutz.

Geschichte einer Heilung

Im Hintergrund der Bühne (Ausstattung: Eva Lochner) steht ein riesiger Mund mit langer roter Zunge, die auch eine Rutschbahn ist. Dieses verschlingende und erbrechende Monster hat sechs lange, weiche Arme und umschlingt die gesamte Bühne. Das vieldeutige plastische Symbol ist auch die Liebe des abwesenden Vaters, die zugleich weiterwirkt, behindert und doch fehlt. Auch die verbal nur angedeutete Auseinandersetzung mit der Mutter wird ausagiert zu einer minutenlangen, stilisierten Dreier-Keilerei.

In der Beschreibung der Therapiestation, in die die Hauptfigur dann gerät, kommt wieder Önders schnoddriger Ton zu Geltung, mit dem sie noch die schrecklichsten therapeutischen Misserfolge mit bitterem Humor kommentiert. Aber Yade Önders Bulimie-Geschichte ist nicht nur eine mitleidsheischende Fallstudie von migrantischer Pubertät zwischen den Kulturen, sondern auch die Geschichte einer Heilung. Paradoxerweise besteht der Erfolg der Therapie im Widerstand gegen die Therapie, sie selbst befreit sich von ihrem Symptom.

Zum Schluss imaginiert die Figur eine metaphorische Traumreise durch die Flüsse Europas ins Schwarze Meer, wo ein Komet niederstürzt – eine Referenz zur Gegenwart 2022, die aber völlig assoziativ verrätselt bleibt wie in den Gedichten Henri Michauxs, den Yade Önder als ihr Vorbild sieht. Dann kommt im Dunkeln noch ein Popsong: "When I was a child, foes pressed me hard. Please help me!" Soviel Appell muss auch im Theater mal sein.

 

Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron
nach dem Roman von Yade Yasemin Önder
Uraufführung
Regie: Emel Aydoğdu, Ausstattung: Eva Lochner, Licht: Ewa Górecki, Dramaturgie: Sarah Tzscheppan, Choreografie: Emmanuel Edoror.
Mit: Jacob Z. Eckstein, Roxana Safarabadi, Imke Siebert.
Premiere am 16. November 2023
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-bonn.de

Kritikenrundschau

Die Varianz des Romans zeige sich in den Stilmitteln der Inszenierung, so Judith Nikula im Bonner General-Anzeiger (18.11.2023): "Da gibt es Live-Videoprojektionen und Tänze, da wird getobt, geschrien, geprügelt, gelacht und geweint." Die Spieler*innen "zeigen eine ungemeine Präsenz, stehen dicht vor dem Publikum, Distanz gibt es nicht". Sie durchbrechen die vierte Wand, halten intensiven Blickkontakt, platzieren ihre Emotionen ungefiltert mitten im Zuschauerraum." Das sei unbequem, unangenehm, reiße unmittelbar in diesen Strudel der Zerstörung hinein, der sich auf der Bühne entfalte. Fazit: "Diese Inszenierung berührt, sie hallt nach, sie bedrückt, sie unterhält."

"Viele harte Themen" erkennt Stefan Keim von WDR5 Scala auf der Bühne, doch würden diese "mit Leichtigkeit serviert". Der Kritiker erlebte einen "wirklich tollen Theaterabend". Das Bühnenbild von Eva Lochner sei grandios. Die neunzig Minuten "durchaus komplexe Literatur" seien unglaublich unterhaltend. Emel Aydoğdu empfehle sich mit dieser Arbeit für einen Wechsel auf die große Bühne.

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