Der Komet - Staatsschauspiel Dresden
Menetekel der Apokalypse
25. Januar 2025. In Durs Grünbeins Roman ist der Halleysche Komet Symbol für ein unsichtbar heranrückendes Verhängnis. Tilmann Köhler hat den Stoff über Dresden in der Nazizeit auf die Bühne gebracht.
Von Michael Bartsch
"Der Komet" von Durs Grünbein am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe
25. Januar 2025. Treffender konnte das Dresdner Staatsschauspiel den Premierentermin nicht wählen. Am 27. Januar steht der Holocaust-Gedenktag an, und Dresden bereitet den 13. Februar vor, um seiner Zerstörung durch britische und amerikanische Bomber vor 80 Jahren zu gedenken. Wegen des runden Gedenkjahrs ist das besonders heikel, weil die Nachläufer der Kriegsschuldigen von damals wieder die Legende von einer unschuldigen Stadt spinnen werden.
... wo der Führerkult blühte
Das tut die Buchvorlage von Durs Grünbein gerade nicht. Seinen erst vor einem reichlichen Jahr erschienenen Roman "Der Komet" kann man einerseits als eine Liebeserklärung an die Stadt lesen, in der der vielgeehrte Schriftsteller 1962 geboren wurde. Er pendelt zwischen Dresden und "Dräsdn". Altehrwürdig und dennoch dynamisch, ja erotisch – Attribute, die man heute nur noch ungläubig liest. Aber beispielhaft für die Ära des Nationalsozialismus wird Dresden auch entlarvt als eine spießige, unterwürfige Stadt, in der der Führerkult blühte und am Rande des Großen Gartens schon der Grundstein für ein noch größeres Gauforum gelegt war als in Weimar.
"Der Komet" sollte eigentlich Pflichtlektüre werden, weniger für Gäste als für die indigenen Dresdner. Und das wiederum weniger wegen seines enormen Informationsgehaltes als wegen der Anleitung zum Verständnis dieser janusköpfigen Stadt, mit dem die Dresdner selbst am meisten kämpfen. Es verstand sich daher von selbst, dass zur Premiere die 400 Plätze im Kleinen Haus des Staatsschauspiels überwiegend vom hehren Bildungsbürgertum und namhaften Kultureliten besetzt waren. Was einige von ihnen aber auch zu der Bemerkung veranlasste, Buch und Bühnenadaption funktionierten so nur in Dresden.
Bestürzende Assoziationen
Das trifft cum grano salis auch zu, aber nur insofern, als die Inszenierung die über Dresden hinausgehenden Aspekte der tragenden Liebesgeschichte in einer liebesfernen Zeit vernachlässigt. Für das Paar Dora und Oskar bedeuten ausgerechnet die Dresdner Jahre von 1936 bis 1939 ihre "goldene Zeit". Nur angerissen werden aber die beinahe essayistischen Passagen im Buch, in denen sich Grünbein mit den "Tentakeln einer Ordnung, die in jedes Heim eindrang" auseinandersetzt, wie es schon auf den ersten Seiten heißt. Die schleichende Faschisierung also, die kaum auf Widerstand stößt, jene Symptome, die bestürzende Assoziationen zur Gegenwart und ihren Entwicklungspotenzialen wecken.
Ursprüngliche Kraft des Sprechtheaters: Marin Blülle, Matthias Reichwald, Sven Hönig, Christine Hoppe, Henriette Hölzel, Karina Plachetka, Anna-Katharina Muck © Sebastian Hoppe
Damit ist aber keineswegs eine Kritik am Konzept von Tilmann Köhler verbunden. Im Gegenteil. Köhler, inzwischen schon ein Mittvierziger, war noch nie ein Krawallregisseur, auch nicht als junger Hausregisseur in der Ära von Intendant Wilfried Schulz bis 2016 am Dresdner Staatsschauspiel. Es ist nur zu begrüßen, dass er auch unter dessen Nachfolger Joachim Klement weiter inszeniert.
Sparsamkeit als Gewinn
Denn es gehört heute angesichts der Sehgewohnheiten beinahe schon wieder Mut dazu, sich eng an eine literarische Vorlage zu halten. Von einer szenischen Lesung zu sprechen, käme einer Denunziation gleich, aber die sieben Spielerinnen und Spieler erzählen die Prosa des ohnehin an Dialogen armen Romans mit verteilten Rollen szenisch nach. Einschließlich der originalen Rückblenden und Zeitsprünge. Köhler braucht keine modischen Impressionsverstärker, ruft nicht benachbarte Genres zu Hilfe, sondern vertraut der ursprünglichen Kraft des Sprechtheaters. Keine Videos, keine Predigten, keine Drastik, Beschränkung auf eine zurückhaltende Gitarre.
Sparsamkeit erweist sich als Gewinn, wenn man solche genau und sensibel auf der schrägen Bühne mit dem stilisierten Dresdner Stadtplan agierenden Spieler zur Verfügung hat. Man kann sie eigentlich nur im Kollektiv loben, aber besonders Karina Plachetka und Henriette Hölzel kommen auf natürlichste und sinnliche Weise den Vorstellungen von den beiden Hauptfiguren Dora und ihrer Freundin Trude entgegen.
Sieben Akteur*innen vor der Spiegelwand: Karina Plachetka, Henriette Hölzel, Anna-Katharina Muck, Marin Blülle, Christine Hoppe, Matthias Reichwald, Sven Hönig © Sebastian Hoppe
Ein Problem liegt eher in der Textauswahl, die von den sieben Akteuren und Regisseur Köhler gemeinsam komponiert wurde. Die Romanvorlage personalisiert und subjektiviert schon in hohem Maße. Geschichte wird als die Summe von Geschichten erzählt. Brechts Dreigroschenoper winkt, wenn die Einwirkung von Verhältnissen, "die nicht so sind", einfache und gute Menschen deformiert. Fachhistoriker sehen aber die hier dominierende "Oral History" nur als Ergänzung an.
Spott über Unheilsverliebtheit
So wirkt die Inszenierung menschlich nah und warm, aber Grünbeins Zeitkontextualisierungen sind ins Hintertreffen geraten. So fürchterlich beispielsweise die Berichte vom Angriff auf Dresden sind, nutzen sie sich gegen Ende in ihrer Länge doch etwas ab. Das beeinträchtigt den langen und dankbaren Beifall nicht. Eine Besucherin zeigte sich dennoch leicht enttäuscht, denn sie komme ins Theater, "um ein Problem verhandelt zu sehen".
Durs Grünbeins titelgebende Anspielung auf den 1910 erschienenen Halleyschen Unheilkometen spielt im Buch und auf der Bühne nur eine marginale Rolle. Ist auch gut so, denn als er zuletzt 1986 der Erde wieder nahe kam, diente er eher dem kabarettistischen Spott über die Apokalypsenverliebtheit der Menschen denn als Menetekel. 2061 will er den nächsten Anlauf nehmen.
Der Komet
nach dem Roman von Durs Grünbein
Uraufführung
Textfassung von Tilmann Köhler und den Spieler*innen
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Matthias Krieg, Choreographie: Gal Fefferman, Dramaturgie: Uta Girod
Mit: Marin Blülle, Henriette Hölzel, Sven Hönig, Christine Hoppe, Anna-Katharina Muck, Karina Plachetka, Matthias Reichwald
Premiere am 24. Januar 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
www.staatsschauspiel-dresden.de
Kritikenrundschau
"Wo es dialogisch wird im Buch, wo die Figuren miteinander im Gespräch sind und Gemeinsames erleben, setzt das szenische Spiel hauptsächlich an, gewinnt diese an Spielideen arme Inszenierung an Lebendigkeit", schreibt gg in der Dresdner Morgenpost (27.12025). "Die choreografierten Szenen und der oft dumpfe Live-Soundtrack wirken mitunter aufgesetzt und läppisch, als ginge es bloß darum, irgendwie Bewegung und Atmosphäre zu erzeugen." Dabei überzeuge das Ensemble: "Die Intensität in Spiel und Rezitation, auch in den bedrückenden Monologen, ist auf den Punkt", so gg. "Doch erlebt, wer das Buch gelesen hat, in dieser Bühnenadaption wenig zusätzliche Verzauberung. Zu stark ist die Rezitation als tragendes Element der Inszenierung."
"Tilmann Köhler lässt seine Spielerinnen und Spieler in die tiefe Kiste der Bedeutungsmittel greifen, zweieinhalb Stunden lang sieht man dabei zu, wie ein Ensemble mit betroffenem Blick Text in den Raum stellt. Auf spielerische Einfälle muss man quälend lang warten", schreibt Johanna Lemke in der Sächsischen Zeitung (27.1.2025). "Statt die Schauspieler dazu zu befähigen, sich den Text lebendig anzueignen (was herausragenden Spielern wie Christine Hoppe, Karina Plachetka oder Marin Blülle durchaus möglich wäre), engagierte Köhler die Choreografin Gal Feffermann. Sie pfropfte dem Ensemble Gesten auf, die fast schon albern am Text kleben."
"Diese Prosa, pendelnd zwischen dokumentarischer Nüchternheit und poetischer Bildfülle sperrt sich gegen das Theater", schreibt Tomas Gärtner in den Dresdner Neuesten Nachrichten (27.1.2025). "Regisseur Tilman Köhler hat es dennoch versucht, zusammen mit sieben der besten Mimen: Marin Blülle, Henriette Hölzel, Sven Hönig, Christine Hoppe, Anna-Katharina Muck, Karina Plachetka und Matthias Reichwald. Neben diesem Mut hoch anzurechnen ist ihnen, dass sie das mit Theater pur tun: kein Videogewitter, keine Requisiten, abgesehen von einigen bunten Faschingsklamotten am Ende, die sich aber niemand anzieht. Nur Stimme und Körper", so Gärtner. "Sie schlüpfen nicht in die Rollen von Figuren, sondern sprechen den Text in ständigem Wechsel. Aber geben Darsteller Prosa wieder, erzählt in der dritten Person, bleiben sie für uns Zuschauer draußen. Was immer sie auch auf der Bühne vollführen, es wird nicht ihr Text. Sie geben da vorn alles, um das Geschilderte gestisch umzusetzen. Aber es bleibt Illustration."
"Grünbein ist ein ungemein kenntnisreicher, auch vorsichtiger, in der fiktionalen Rekonstruktion des realen Geschehens um Gerechtigkeit bemühter Erzähler. Es ist diese Genauigkeit der Erinnerung, die sein Buch ideologischen Verhärtungen und dem narzisstischen Selbstmitleid, das die Dresdner zu reinen Opfern des Krieges stilisieren will, entgegensetzt", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (27.1.2025). "Der Regisseur Tilmann Köhler und seine Schauspieler finden eine kluge szenische Form für diesen gewaltigen Stoff." Statt zu versuchen, ihn irgendwie filmrealistisch zu bebildern, machen sie genau das Gegenteil. Sie übersetzen ihn szenisch mit schöner Klarheit und frei von pathetischem Dröhnen in Bericht und eher zeichenhaftes als übertrieben einfühlendes Spiel", so Laudenbach. "Sie zeigen und erzählen eine Geschichte von Verbrechen und Mord, die noch nicht so lange her ist und uns plötzlich wieder gefährlich nahe rückt."
Das Ensemble funktioniert aus Sicht von Christoph Weissermel von der FAZ (31.1.2025) virtuos - "wogt, tanzt und singt, wechselt laufend Rollen und Erzähler und wirkt selbst dann als ein Körper, wenn sich die hauptsächlich schwarz gekleideten Schauspieler über die gesamte Bühne verstreuen." Die Monstrosität der behandelten Schrecken von Diktatkur und Bombennacht verleihe der Inszenierung auch ihre Relevanz. Trotzdem kommt sie aus Weissermels Sicht "merkwürdig harmlos daher: es entsteht keine Reibung. Alles ist solide gedacht, nichts misslingt. Doch durch das fast ausschließliche Sprechen zum Publikum wirkt die Inszenierung mitunter etwas arg dahinplätschernd."
Von einem "ruhigen, klugen und eindrücklichen Abend" schreibt Jakob Hayner in der Welt (5.2.2025). Es ende damit, "dass die Stadt in den Spiegel der Vergangenheit schaut. Was man damit macht, bleibt offen. Doch weil dieser Abend immer sein Publikum im Blick hat, gelingt es ihm, die Schwächen des Buchs - die flachen Charaktere, das Überblickshafte der Handlung - im wahrsten Sinne des Wortes zu überspielen. Was die Inszenierung an Lücken lässt, fordert die Zuschauer auf, einen Schritt aus der Sprachlosigkeit zu machen und die Gewalt zu sehen, die vor den Bomben bereits herrschte. Ein wichtiger Anstoß für ein Stadtgespräch kurz vor dem Jahrestag."
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