Extrawurst - Theater Plauen-Zwickau
Gut gegrillt
21. Juni 2025. Im Tennisverein wird über die Anschaffung eines Fleischgrills debattiert. Das ist der Stein des Anstoßes in "Extrawurst" von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Zwischendurch war die Komödie das meistgespielte Stück an deutschen Theatern. Warum, das zeigt sich auch in Isabel Stahls Inszenierung.
Von Tobias Prüwer
"Extrawurst" von Isabel Stahl am Theater Plauen-Zwickau inszeniert © André Leischner
21. Juni 2025. "Es ist doch nur ein Grill." Die größten Konflikte beginnen mit harmlosen Worten. "Ich will hier keine Diskussion anfangen." Schon sind die Mitglieder des Tennisclubs Lengenheide mitten drin in der Debatte. Die wird hitzig und wie ein Grill immer wieder angefacht. Von der "Extrawurst", wie das Sommertheaterstück des Theaters Zwickau heißt, kommen die Streitenden vom Stöckchen aufs Steinchen und dann zu großen Gesellschaftsthemen. Vor idyllischer Kulisse der Burg Schönenfels lässt Regisseurin Isabel Stahl Meinungen und Befindlichkeiten als flotte Farce aufeinanderprallen.
Lust am Konflikt
Mittelalterlicher Bergfried und Publikum schauen auf ein Sportlerheim. Davor ist schon alles für den geselligen Teil der Vereinsversammlung aufgebaut. Salate und Bier sind kaltgestellt. Nur der Punkt "Sonstiges" muss noch abgehakt werden. Ein neuer Grill soll her. Der Beschluss zur Anschaffung steht – fast. Denn plötzlich wirft jemand ein, dass das muslimische Mitglied Erol Oturan den gar nicht nutzen kann. Er isst kein Schweinefleisch. Warum keinen zweiten für ihn anschaffen?
Die Crux der Anschaffung eines zweiten Fleischgrills: Lev Semenov, Danil Koch, Sophie Hess, Hanif Idris, Philipp Andriotis in "Extrawurst" © André Leischner
Alle Signale stehen auf Eskalation im Stück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. In der Spielzeit 2021/22 war es Deutschlands meistgespielter Stoff. Es scheint einen Nerv zu treffen. Das liegt weniger an der vorhersehbaren Grund- und Figurenkonstellation – eine Frau, vier Männer, davon einer als fremd markiert –, sondern an ausgefeilten Dialogen und der Lust am Konflikt. Der Tennisverein als große Bühne.
Tennisplatz als große Bühne
Für Oturan, Anwalt mit türkischem Migrationshintergrund, springt seine Tennisdoppel-Partnerin Melanie Pfaff in die Bresche. Die Übersetzerin ist mit dem Eventmanager Torsten Pfaff liiert, der vor seiner herausgekehrten Toleranz kaum laufen kann. Der zweite Vorsitzende Matthias Scholz macht keine Ausnahmen, auf dem Tennisplatz herrschen schließlich klare Regeln. Das will aber am liebsten der Vereinsvorsitzende, der das Despotische hinterm Dandytum verbirgt.
Schnell geht es in der Komödie nicht mehr ums Grillgut, sondern Grundsätzliches. Glaubensfragen und Geschlechterverhältnisse werden ausgelotet, eine Militanzdebatte geführt und vermeintlich Fremdes gegen Eigenes gewichtet. Irgendwas wird wer doch noch sagen dürfen, bis alle Schubladen bedient sind. Das geht locker boulevardesk über die Sommerbühne. Regisseurin Stahl setzt auf Timing und schillernde Figuren. Die alle aus ihren Herzen keine Mördergruben machen.
Lockere Zungen, starke Posen
Denn die sind keine Abziehbilder, sondern mit vielen Klischees überfrachtet, sodass sie schon wieder wahrhaftig werden. Den ach so toleranten Eventmanager gibt Hanif Idris im freien Sinkflug: Vom souveränen Snob aus der Wortspielhölle wird er zum überreizt-nervösen Eifersuchtsbündel. Daniel Koch wechselt permanent hübsch vom Lebemann mit autoritären Zügen zum beschwichtigenden Mediator, er muss schließlich seinen Verein zusammenhalten.
Lev Semenov spielt seinen zweiten Vorsitzenden immer wieder aus der rechten Ecke heraus. Gerade bei der Figur bestand die Gefahr, nur eine Karikatur zu geben. Doch Semenov entlockt ihr sympathische Züge. Gut besetzt ist auch Philipp Andriotis, der Oturan nicht als migrantischen Außenseiter zeichnet. Das ist klug, verdeutlicht das doch: Er wird nur von anderen als dieser hingestellt. Kleiner Star des Ensembles ist Sophie Hess, die ihre Tennisspielerin leicht burschikos und keck entwirft. Sie kickt schon mal eine Bierflasche mit der Hacke auf, kennt überhaupt einige Techniken, Pullen zu öffnen. Mit kesser Lippe und starken Posen positioniert sie sich stets neu auf der Bühne.
Mit Tiefgang
Was als leichtes Sommertheater daherkommt, gewinnt Tiefgang, den man zunächst nicht vermutet hat. Identitätspolitik betrifft weit mehr als das, was von rechts abwehrend darunter verstanden wird. Das wird schnell klar, wenn sich alles darum dreht, was normal ist und was eben nicht. Und warum sich das nicht ändern könnte. Die Frage nach der vermeintlichen Normalität ist ein Kern derzeitigen gesellschaftlichen Streits. Das macht die Farce auf dem Tennisplatz überdeutlich. Dass man beim Zusehen dennoch lachen kann, liegt am Spiel und seinem Timing.
Extrawurst
von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob
Regie: Isabel Stahl, Ausstattung: Annabel von Berlichingen, Dramaturgie: Luise Curtius .
Mit: Daniel Koch, Lev Semenov, Philipp Andriotis, Sophie Hess, Hanif Idris.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause
Premiere am 20. Juni 2025
www.theater-plauen-zwickau.de
Kritikenrundschau
Die Gefahr von Plattitüden und erhobenem Polit- Zeigefinger sei bei dem Stück nicht weit, schreibt Torsten Piontkowski in der Freien Presse (24.6.2025). Die Schönfelser 'Extrawurst', zubereitet von Regisseurin Isabel Stahl, präsentiere sich aber als "schmackhafte Komödie, die diesen Fallstricken gekonnt entgeht", so Piotkowski. "Daniel Koch als Dr. Heribert Bräsemann, Lev Semenov als Matthias Scholz, Philipp Andriotis als Erol Oturan, Sophie Hess als Melanie Pfaff und Hanif Idris als Torsten Pfaff lieferten ein gelungenes Dialog-Feuerwerk ab."
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