Herr Puntila und sein Knecht Matti - Staatstheater Meiningen
Sei lustig!
18. Januar 2025. Im Suff der größte Menschenfreund, im nüchternen Zustand der schlimmste Tyrann: Chef Puntila macht seinem Knecht Matti in Brechts Politparabel das Angestelltenleben auf eine ganz spezielle Weise schwer. Und Regisseur Andreas Kriegenburg sucht dafür in Meiningen eine besondere Form.
Von Marlene Drexler
"Herr Puntila und sein Knecht Matti" in der Regie von Andreas Kriegenburg in Meiningen © Christina Iberl
18. Januar 2025. Es reicht ein falsches Wort, eine falsche Regung, und der Groll entlädt sich. In diesem Fall muss eine Jacke für den Wutausbruch herhalten. Mehrmals und mit voller Wucht schleudert Puntila sie seinem Knecht Matti um die Ohren. Mit erhobenen Armen den Kopf schützend, aber ohne Gegenwehr nimmt dieser die Demütigung seines Arbeitgebers hin – während verschiedene Zeugen drumherum stehen und den Angriff beschämt beschweigen. Im Gegensatz zu den Zuschauern kennen sie es schon, das zweite Gesicht des Großgrundbesitzers Puntila: sein nüchternes Ich.
Liebenswerte Rampensau
Für alle anderen im Raum ist es der erste unbehagliche Paukenschlag in der Brechtschen Antikapitalismus-Parabel "Herr Puntila und sein Knecht Matti". Eben noch kicherte und schenkelklopfte sich das Publikum bei einer amüsanten, feucht-fröhlichen Sauftour in den Abend hinein. Puntila präsentierte sich dabei zwar offenkundig nur stark eingeschränkt zurechnungsfähig, stellte sich aber zugleich als liebenswerte Rampensau vor. Neben einem sympathischen Humor, der auch auf eigene Kosten funktionierte, bewies er im alkoholisierten Zustand überbordende Gefühlswelten. Sie brachten ihn dazu, in einer Nacht gleich drei Frauen aus ärmlichen Verhältnissen einen Heiratsantrag zu machen. Sobald er jedoch nüchtern ist, kann er sich keiner Versprechungen und Wohltaten mehr erinnern. Er schikaniert, wo er kann.
Im Geflecht von Puntilas Beziehungen – insbesondere zu seinem Knecht Matti – stellt Brecht exemplarisch Klassenzwänge heraus und liefert in typischer Manier einen lehrstückhaften Abend, der eine eindeutige Moral von der Geschicht‘ enthält. Ein dickes Theaterbrett, das in Meiningen Andreas Kriegenburg entstauben sollte. Für ihn ist es nach "Hamlet" in der vergangenen Spielzeit die zweite Inszenierung am Haus.
Herr und Knecht im Kapitalismus à la Brecht: Vivian Frey als Puntila (links) und Paul Maximilian Schulze als Matti © Christina Iberl
Kriegenburg treibt dem Stück, das Brecht 1940 im finnischen Exil schrieb, unumwunden jedwede Starrheit aus – unter anderem mit dem Mittel der Ironisierung. Nach längerer Improvisationsnummer dreier bauernschlauer Arbeiterinnen mit Fachsimpelei über Finnen und ihre Vorliebe für Schwitzbäder als Prolog wird der erste echte Brecht-Text brav und doch im Ton auch veralbernd angekündigt: "Achtung, jetzt kommt Brecht!" Der zwanglose Umgang mit dem Original und die offenbar große Lust, allerlei hinzuzuerfinden, zieht sich als roter Faden durch den Abend. Und bietet auch Gelegenheit, verschiedene heutige Referenzen von Instagram bis Onlineshopping einzuflechten.
Verschluckt von übergroßen Jacketts
Darüber hinaus war Kriegenburg offenbar auf der Suche nach einer neuen Grundform, in die er den Stoff gießen kann. Fündig wurde er bei der Commedia dell'Arte – einer Stilrichtung, die bewusst mit Archetypen und Überzeichnung arbeitet. Obgleich bei Brecht die Klassenunterschiede sichtbar gemacht werden sollen, setzt Kriegenburg in seiner Inszenierung auf Vereinheitlichung – zumindest äußerlich. Die Figuren bilden eine Armee aus traurigen Clowns: Abgehalfterte, bleiche, fratzenhafte Gesichter mit rot überzeichneten Mündern stieren mit toten Knopfaugen in die Scheinwerfer.
In Kombination mit Andrea Schraads aufwendigen und beeindruckenden Kostümen entsteht eine sehr eigene Ästhetik: Die Frauen stecken in exzentrisch verschnittenen bunten Kleidern; die Männer werden von übergroßen Hosen und Jacketts verschluckt. Das minimalistische Bühnenbild aus schlichter Holzvertäfelung (das Kriegenburg selbst konzipiert hat) bildet zu dem wilden Farb- und Formenmix ein passendes Understatement.
Drei Bräute für Puntila: Anja Lenßen, Mia Antonia Dressler und Noemi Clerc mit Paul Maximilian Schulze als Matti © Christina Iberl
Die traurigen Clowns machen dann, wozu sie verdammt sind: lustig sein! Egal, wie elendig alles um sie herum ist. Und so überbietet sich das Ensemble immer wieder selbst mit kreativen Wortwitzen und Slapstick-Nummern. Vivian Frey als Puntila liegt dabei vor allem das sprachliche Timing, die Spontaneität im Kontakt mit den Zuschauern. Paul Maximilian Schulze gelingt ein Matti, der keineswegs nur ein eindimensionales Proleten-Abziehbild ist. Vor allem mit seiner Körperlichkeit, seinem Gesichtsausdruck – der trotzig hochgezogenen Oberlippe und dem furchtlosen Blick – strahlt er ein Selbstbewusstsein aus, das auch Puntilas Schläge nicht kleinkriegen können.
Bis zur Pause trägt und unterhält das Tempo und die allgemein hohe Drehzahl auf der Bühne allemal. Danach steigt die Sehnsucht nach nachdenklicheren Momenten: Man möchte die traurigen Clowns mal innehalten sehen. Fast wirken die politischen Bezüge, die in unmissverständlichen Glaubensmaximen ("Alles bestimmt der Markt. Und wir sind entweder die Ware und haben unseren Preis, oder wir sind die braven Kauf Schafe") oder Ausrufen ("Ach die! Kaltblütige, herzlose Kapitalistenschweine!") eingeträufelt werden, wie Fremdkörper.
Insel der Innenschau
Doch plötzlich könnte eine Utopie der klassenlosen Gesellschaft tatsächlich wahr werden: Puntila will es seiner Tochter und seinem Knecht Matti erlauben zu heiraten. Doof nur, dass sich dann am Tag der Vermählung eine hitzige Diskussion darüber ergibt, ob eine solche Ehe zwischen Arm und Reich in der Praxis nicht doch zum Scheitern verurteilt wäre. Eine Szene voll Gezerre und Geschreie – in der plötzlich ganz unverhofft eine Insel der ersehnten Innenschau erscheint: Auf der halbdunklen Hinterbühne tanzt ein Statist allein im Smoking zu altmodischer Musik, die aus einem Grammophon ertönt. Ein Setting, das ganz scheu wirkt – und doch dem ganzen Trubel auf der Vorderbühne wohl eher ungewollt die Show stiehlt.
Mit seinen stolzen dreieinhalb Stunden hätten dem Abend ein paar mehr bewusste Momente des Durchatmens und Wirkenlassens gut getan.
Herr Puntila und sein Knecht Matti
von Bertolt Brecht
Regie: Andreas Kriegenburg, Kostüme: Andrea Schraad, Kostümbildassistenz: Janin Lang, Dramaturgie: Katja Stoppa.
Mit: Vivian Frey, Pauline Gloger, Paul Maximilian Schulze, Gunnar Blume, Anja Lenßen, Mia Antonia Dressler, Noemi Clerc, Erik Studte, Florian Graf.
Premiere am 17. Januar 2025
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause
www.staatstheater-meiningen.de
Kritikenrundschau
Unter der Überschrift "Besoffen oder nüchtern - das ist hier die Klassenfrage" schwärmt Joachim Lange im Meininger Tageblatt (20.1.2025) von einer "sensationellen Brecht-Premiere". Regisseur Kriegenburg und "seine Meininger Schauspieler-Selbstverwirklichungstruppe" führten "das Stück und dessen Herstellung" vor, so der Kritiker. "Als Bild wäre das Action Painting, bei dem die laufende Farbe noch trocknet": eine "zu Kunst gewordene Improvisation", die bei allen Mitwirkenden "so verinnerlicht" sei, "dass dieses Brecht-Kriegenburg-Mimen-Gemisch nur so aus ihnen heraussprudelt".
Andreas Kriegenburg balanciert aus Sicht von Robin Passon in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.1.2025) ein phantastisches Ensemble auf dem Drahtseil der traurigen Clownerie", und zwar "zwischen der Abgründigkeit Becketts und der Zärtlichkeit Tschechows". Ausgangspunkt für den in die Provinz abgebogenen Regiealtmeister sei "die Einfachheit, mit der in der Commedia dell’arte Theater gemacht wurde und die auch Brecht als Idee für sein einziges Volksstück nach einer Vorlage Hella Wuolijokis nannte." Kriegenburg fokussiere sich dabei auf die sozialen Zwischentöne. "Die brechtsche Systemkritik bleibt eher im Hintergrund."
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Leider versteht man den Text vor lauter Geschreie und Keiferei oft sehr schlecht.
Kommentar #1 aufgreifend wäre es gut drauf hinzuweisen, dass Vivian Frey ein Mann ist.