Radio Sarajevo - Landestheater Linz
Fröhlich war es und schrecklich
21. März 2026. Zehn Jahre alt ist Tijan, als der Krieg seine Geburtsstadt Sarajevo einholt. Und dreizehn, als die Eltern sich Schleppern anvertrauen und nach Deutschland flüchten. Tijan Silas autobiografischer Roman erzählt diese Härten aus der Perspektive des altersbedingt naiven Kindes – und wird von Sara Ostertag kongenial auf die Bühne gebracht.
Von Reinhard Kriechbaum
"Radio Sarajevo" in der Regie von Sara Ostertag am Landestheater Linz © Herwig Prammer
21. März 2026. Scheiße! Das war sein erstes Wort in deutscher Sprache, erzählt Tijan Sila in seinem Roman "Radio Sarajevo". Nicht, weil es ihm nach dem Krieg auf dem Balkan, nach der Flucht aus der eingekesselten Stadt, so schlecht ergangen wäre im Gastland, in Mannheim. Es war der Verlust der Freunde, der Clique, der Raja, wie es auf Bosnisch heißt. Dieser Verlust wog subjektiv entschieden schwerer als die Befreiung aus der andauernden Lebensgefahr.
Zehn Jahre alt war Tijan (mit richtigem Vornamen Tvrtko), als der Krieg seine Geburtsstadt einholte, als sich das Leben im Dauereinschlag von Granaten und im Visier der auf den Bergen um die Stadt lauernden Scharfschützen über Nacht änderte. Und er war noch keine dreizehn, als die Eltern den Entschluss fassten, sich Schleppern anzuvertrauen und nach Deutschland zu flüchten. Was macht es im Kopf eines Kindes, über Monate und Jahre im Ausnahmezustand zu leben? Das Wort "Trauma" ist rasch hingeschrieben. Aber was heißt es konkret?
Trügerische Leichtigkeit
Tijan Silas romanhafte Autobiographie fasst genau diesen Punkt. Der jetzt 45-jährige Autor erzählt und beschreibt lustvoll, genau und detailreich. Und weil er offenbar im Herzen jung geblieben ist, spiegelt sein Text unmittelbar auch die Unbekümmertheit des Buben.
Auch in der Bühnenversion, die jetzt die Regisseurin Sara Ostertag als österreichische Erstaufführung in den Kammerspielen des Linzer Landestheaters vorstellt, ist diese trügerische Leichtigkeit immer greifbar. "Wir hatten keine Ahnung", sagen die vier Menschen auf der Bühne mehrmals unisono. Wenn sich schon die Erwachsenen damals überrumpelt fühlten (wahrscheinlich genauso wie in unserer Zeit die Bewohner von Kyjiv oder Teheran): Was hat das im Kopf eines Kindes gemacht?
Trümmerarbeit in der zerstörten Stadt: Luka Dimić, Daniel Klausner und Klaus Müller-Beck auf Nanna Neudecks Bühne © Herwig Prammer
Rasant geht es zu. Zwei junge Männer (Luka Dimić, Daniel Klausner), ein Älterer (Klaus-Müller Beck) und die auch als Mitspielerin intensiv eingebundene Sängerin und Multi-Instrumentalistin Jelena Popržan teilen sich in gut getimtem Staccato die Ich-Erzählung und schlüpfen im nächsten Moment in die Rollen von Vater, Mutter, Freunden. Einer davon ist Muhammed, der zwar eine Vergangenheit als Ganove hatte, damals aber zum Vertrauten und Beschaffer von Nahrung wurde. Da kommt wieder das Wort Raja ins Spiel, das durch nichts zu erschütternde Zusammengehörigkeitsgefühl unter Freunden, Nachbarn. Aufschlussreich, dass in Tijan Silas Kindheitserinnerungen der Nationalismus nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die Raja in der multi-ethnischen Stadt zählte entschieden mehr.
Sara Ostertag lässt die Geschichte nicht nur auf Deutsch erzählen. Je emotionaler, desto eher wird Bosnisch, Kroatisch und Serbisch (damals sagte man schlicht Serbokroatisch) gesprochen. Natürlich übertitelt, denn so nahe dieser Krieg war, so viele Menschen damals zu uns gekommen und geblieben sind – wir sind immer noch sträfliche Analphabeten hinsichtlich der BKS-Sprachen.
Musik aus der freien Welt
Es geht aber hier nicht um Anklage, nicht um Schuldzuweisung, sondern um das unmittelbare Geschehen. "Fröhlich war es und schrecklich", heißt es gleich mehrmals. Die Bühne ist zuerst leer, bis auf eine Verkaufsbude, wie man sie nicht nur in Osteuropa zu Hunderten findet. Allmählich füllt sich die Fläche mit Schaumstoff-Quadern unterschiedlicher Größe, die für die Trümmer der zerstörten Stadt stehen. Dort wird, ja, auch gestorben – aber vor allem gelebt! Man darf auch lachen, weil der Bub in seiner Unbekümmertheit und die Eltern in ihrer anfänglichen Blauäugigkeit, was die Länge und Grausamkeit der Einkesselung betrifft, rührend naiv wirken.
Die Kinder machen das Beste aus der Sache. Sie sammeln Patronenhülsen, einen ganzen Koffer voll. Ein Sexmagazin (auf das sie sich wegen ihres jungen Alters noch keinen Reim machen können) tauschen sie bei einem Luxemburger UN-Soldaten gegen Zigaretten und Batterien. Die sind ihnen besonders wichtig, denn das Kofferradio liefert Musik aus der freien Welt – und damit den Glauben, dass wenigstens anderswo Frieden herrscht.
Als "Raja" unschlagbar: Luka Dimić und Klaus Müller-Beck in "Radio Sarajevo" © Herwig Prammer
Die Musik! Sara Ostertag setzt sie ein, um die pure Erzählung auf auratisch andere Ebene zu heben. Gleich in der ersten Spielszene wandelt sich die Verkaufsbude in eine "Donnergeige". So hat Jelena Popržan das Ding genannt. Saiten zum Streichen, verbunden mit Elastikbändern, die zu aufgehängten Trommeln führen – magische wie bedrohliche Klänge einer eindrucksvollen Musik-Skulptur gleich zu Beginn. Ein weiteres Instrument ist das "Fahrrad der Sehnsucht", ein Ding mit sirrendem Rotor. Es bleibt bei der leisen Hoffnung, das Ding taugt nicht zum Abheben als Hubschrauber. Vor allem ist Jelena Popržan aber als Sängerin und Bratschistin im Einsatz, sie entwirft einen anregenden Musikmix von Bach über Volkslieder bis zu bosnischem Pop.
Die Vergessenen
Der Ernst steht neben Szenen, in denen man herzhaft lachen kann, das ist der Reiz dieser Produktion. Der Autor und die Szeniker verstehen sich auch auf Ironie. Und doch erfährt man überdeutlich die Deformation in den Köpfen, die lebenslang nachwirkt. Die Eltern haben "den Krieg überlebt, und doch vernichtete er sie". Beide wurden seinetwegen "psychisch krank, bis zur Unkenntlichkeit", so der Autor in einem Zeitungsinterview. Und er selbst? "Meine Generation hat keinen Namen, wir sind die Vergessenen."
Standing ovations in den Linzer Kammerspielen.
Radio Sarajevo
von Sara Ostertag und Dirk Baumann nach dem gleichnamigen Roman von Tijan Sila
Regie: Sara Ostertag, Bühne und Kostüme: Nanna Neudeck, Live-Musik: Jelena Popržan, Dramaturgie: Wiebke Melle, Übersetzung: Ivan Petrovic, Recherche und Beratung: Senad Halilbašić, Ivan Petrovic.
Mit: Luka Dimić, Daniel Klausner, Klaus Müller-Beck, Jelena Popržan.
Premiere am 20. März 2026
Dauer: 1 Stunden 50 Minuten, keine Pause
www.landestheater-linz.at
Kritikenrundschau
"Eine Inszenierung, die verbal wie visuell überzeugt" sah Marie-Sarah Drugowitsch und schreibt in der Presse (23.3.2026): Ostertag gelinge erneut "wie schon im Nestroy-ausgezeichneten 'The Broken Circle' – ein traumatisches Kinderschicksal bildstark auf der Bühne umzusetzen". "Kein Pathos, keine Anklage, keine Politik, das Böse bleibt anonym. Gerade darin liegt die beklemmende Kraft des Textes", so Drugowitsch. Ostertag habe den Roman zusammen "klug verdichtet" zu einer "Prosaadaption, die funktioniert, ohne an Tiefe oder Wirkung einzubüßen".
"Ein dichtes Erzähltheater, das keine Sekunde aussteigen lässt und fassungslos macht" sah Elisabeth Rathenböck und schreibt in der Kronen Zeitung (22.3.2026): "Das gewagte Theaterprojekt beschwört Erinnerungen an den Bosnienkrieg herauf, die gar nicht weit weg sind. (...) Regisseurin Sara Ostertag findet zu einer grandiosen Balance zwischen ruhiger, fast nüchterner Erzählung der Erinnerung und expressivem Schauspiel im Hier und Jetzt." Insgesamt gelinge eine großartige Ensemble-Leistung! Eine "Klasse für sich" sei die Musik von Jelena Popržan.
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