weil tausende von köpfen mich erdacht ...

19. Juli 2025. Österreichs Kanzlerin führt die Todesstrafe wieder ein: Ausgehend von der Lebensgeschichte des letzten Scharfrichters der Donaumonarchie, fragt Ferdinand Schmalz in seinem neuen, mit "ein richtspiel" untertitelten Werk, wer zum Ausführenden autoritärer Politik wird. Stefan Bachmann und das Burgtheater-Ensemble spielen bei den Bregenzer Festspielen groß auf.

Von Christa Dietrich

"bumm tschak oder der letzte henker" von Ferdinand Schmalz bei den Bregenzer Festspielen © Bregenzer Festspiele / Anja Köhler

19. Juli 2025. Im Zuge der Recherchen zu seinem Stück "jedermann (stirbt)", uraufgeführt 2018 am Wiener Burgtheater, stand Ferdinand Schmalz am Grab von Josef Lang (1855–1925). Die fragwürdige Berühmtheit dieses letzten Scharfrichters der Donaumonarchie belegt nicht nur die Fotografie vom lachenden Vollstrecker eines Todesurteils, mit der Karl Kraus sein Drama "Die letzten Tage der Menschheit" illustrierte, sondern auch der Bericht vom Trauerzug für Lang, den Tausende gesäumt haben.

Nennt Ferdinand Schmalz diese posthume Begegnung als Impulsgeber für sein neues Stück "bumm tschak oder der letzte henker", so verschont der österreichische Schriftsteller immerhin vor Diagnosen zum Faszinosum des Negativen.

Von Gastronom zum Henker

Seine Erzählung von der Rekrutierung eines Gastronomen für das Gewerbe des Henkers, uraufgeführt vom Ensemble des Wiener Burgtheaters bei den Bregenzer Festspielen, ist kein zurückblickender Kostümschinken. Stattdessen spitzt der Bachmannpreisträger des Jahres 2017 gegenwärtig spürbare antidemokratische Tendenzen zu: In Österreich wird eine Kanzlerin gewählt, die das Töten als Mittel der Staatsgewalt zulassen will und somit die Todesstrafe wieder einführt: "gerade jetzt brauchts eine sprache, die die gewalt nicht mehr kaschiert ..."

Die Machthaberin und ihre Schergen: Melanie Kretschmann (die kanzlerin), Max Simonischek (josef) Stefanie Dvorak (die strenge tür/strafbeamte) und Thiemo Strutzenberger (flamboyanza), v.l.n.r. © Anja Köhler

Die Lebensgeschichte des erwähnten Henkers kam Ferdinand Schmalz zupass, denn bevor dieser am Würgegalgen hantierte, war er Kaffeehausbesitzer. Der Josef in "bumm tschak" betreibt einen Nachtklub, der Ablenkung von der Realität verheißt und deshalb von der Bevölkerung immer stärker frequentiert wird. Um ihn als Scharfrichter zu gewinnen, greift die Kanzlerin zum probatesten aller Mittel, denn seine Freundin Flo sitzt wegen einer Störaktion bei der Angelobung in Polizeigewahrsam, wo es für sie noch ungemütlicher werden würde, willigte er nicht in den Berufswechsel ein. Ausgerechnet der bislang unpolitische Wirt wird zum Diener einer autoritären Politik.

Parabel über den Populismus

Raffiniert bringt Ferdinand Schmalz in seinem Text noch weitere Botschaften unter. In dem Moment, in dem es der Kanzlerin selbst an den Kragen geht, wird klar, dass die Figur, die da "den dreck aus der welt schafft", nicht so einfach tot zu kriegen ist: "ich als figur bin aufgetreten auf dieser bühne des politischen, weil tausende von köpfen mich erdacht …"

Schon mit "der herzerlfresser" näherte sich Ferdinand Schmalz der literarischen Form der Parabel. Mit "bumm tschak oder der letzte henker" bleibt er nicht nur bei der Kleinschreibung, er macht auch diesbezüglich keine Ausnahme – da hat ein Delinquent nichts übrig "für populisten, die an die niederen instinkte appellieren, irgendeinem armen sündenbock die menschenwürde nehmen, damit dann horst und seine uschi an ihm auch ihren frust ablassen dürfen".

Klug angelegte Figuren

Ferdinand Schmalz hat geliefert, was zu erwarten war, aber die zwei Stunden Text enthalten nichts Ermüdendes. Regisseur Stefan Bachmann hätte, neben den der Textmelodie folgenden Bewegungen, gar nicht auf so viele überhöhende Gesten setzen müssen. Sie schaden aber nicht, sondern dienen der Kasperliade, die Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki mit viel Farben aufziehen kann, weil sie schon der Titel zulässt. Dem Kasperl wohnt auch das Subversive inne.

bumm tschak 3 CAnja Koehler uParade der Populist*innen: Melanie Kretschmann, Mehmet Ateşçi (systemscherge), Max Simonischek, Stefanie Dvorak, Sarah Viktor Frick (systemscherge), Maresi Riegner (flo) © Anja Köhler

Das Burgtheater-Ensemble weiß, wann das Spiel ins Lächerliche zu kippen droht. Die Schergen Mehmet Ateşçi und Sarah Viktoria Frick kosten das Aufzeigen ihrer Gewaltbereitschaft bis zu diesem Grad aus, Türsteherin Stefanie Dvorak kontrastiert den Ernst der Szene ("eine welt ganz ohne türen, glaubt mir, das wollt ihr nicht") mit banaler Erotik, und Melanie Kretschmann verleiht dem Lachen der Kanzlerin etwas Perfides.

Als Figur nicht fassbar ist Maresi Riegners Flo mit ihrem Motto "zertritt, was dich zertreten will"; eine Zauberer- und Märchen-Attitüde verleihen Stefan Wieland und Thiemo Strutzenberger den Figuren des Delinquenten und des Conférenciers. Klug angelegt, überlassen sie es Josef, Empathie zu zeigen – die Max Simonischek zur Wirkung bringt.

Fallbeil auf der schrägen Bühne

Mehr gibt's nicht zu sehen, und auch das Bühnenbild von Olaf Altmann entspricht Erwartetem. Ein riesiges Fallbeil über einem sehr schräg gestellten Gitterboden verlangt nach fast so großen sportlichen Leistungen wie sie dasselbe Leading Team im vergitterten Schaufelrad-Bühnenbild für das "Manhattan Project" im Wiener Akademietheater zu liefern hatte. Dorthin, ins kleine Haus des Burgtheaters, kommt die Produktion im Herbst.

Unerwartetes ereilte hingegen die Bregenzer Festspiele. Kaum ist eine Inszenierung des Burgtheaters vom seit vier Jahren bestehenden Ostertermin ins Hauptprogramm im Sommer gerückt, ist es vorbei mit der als gefestigt angekündigten Kooperation: Die Bundesregierung konfrontierte die Festspiele im Juni mit einer Kürzung der Subventionssumme um 30 Prozent, was die für 2026 und 2027 geplanten Schauspielproduktionen unfinanzierbar macht.

bumm tschak oder der letzte henker
von Ferdinand Schmalz
Regie: Stefan Bachmann; Bühne: Olaf Altmann; Kostüme: Adriana Braga Peretzki; Licht: Bernd Purkrabek; Choreographie: Sabina Perry; Musik: Sven Kaiser.
Mit: Max Simonischek, Maresi Riegner, Mehmet Ateşçi, Stefanie Dvorak, Sarah Viktoria Frick, Melanie Kretschmann, Thiemo Strutzenberger, Stefan Wieland. 
Uraufführung am 18. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.bregenzerfestspiele.com

 

Kritikenrundschau 

"Stefan Bachmann entfaltet im Theater am Kornmarkt einen Horror-Comic, der auf einer steil abfallenden Rampe vor allem in aufwendigen Kostümen und Gesten zum Ausdruck kommt", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (online 19.7.2025). Das Stück spüre einer autokratischen Atmosphäre entgegen, in der eine einzelne Person ihre Allmachtsfantasien ungehindert auslebt. "Schmalz' Text schneidet in kurzen, oft amputierten Sätzen scheibchenweise diese Welt her." Fazit: "bumm tschak ist ein reichhaltiges Stück, das bei dieser Uraufführung noch nicht all seine Kraft freisetzen konnte." 

Das Stück spiele im Club und in einer Strafvollzugsanstalt zugleich, "wenn nicht die beiden sogar wesensgleich sind. Auf der Bühne spielt es sowieso, auf einer schrägen natürlich, schließlich geht alles bergab", so Thomas Kramar in der Presse (online 19.7.2025). Schmalz packe die eineindreiviertel Stunden "voll mit wuchernden Widersprüchen, mit seltsamen Charakteren". Die Wendungen verstehe man kaum noch in der temporeichen Aufführung. Stefan Bachmann inszeniert das Stück "als Commedia dell’arte mit konsequent überzeichneten Typen, denen Adriana Braga Peretzki ebenso grelle Kostüme geschneidert hat." Und: "Insgesamt keine völlige Enttäuschung, aber nicht die Erleuchtung, die man sich von einem neuen Schmalz-Stück erwartet hätte." 

Das Ensemble bringe "die elaborierte Kunstsprache Schmalz' zum Glitzern und Funkeln", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (online 20.7.2025). Es sei "dank der fabelhaften Darsteller ein Abend wie ein Kopfrausch" – bis sich der Autor in "mäandernden Monologen" verheddere und die Wirkung nachlasse. So blieben neben dem Spiel vor allem die Bühne von Adriana Braga Peretzki und die Bühne von Olaf Altmann in Erinnerung.

Kommentare  
bumm tschak..., Bregenz: Immer wieder
… immer wieder das gleiche.
Es hat mich gelangweilt, weil sich nichts Neues auf tut! Immer das gleiche, öde Schauspiel, sorry, so langsam geht einem die Luft aus. Vielleicht etwas frischen Wind?
bumm tschak, Bregenz: Kostümkunst
Kenntnisse zum Ausgangspunkt dieses Stückes sind hilfreich … Schmalzsprache erfordert auch hier Konzentration. Manches schön formuliert (Türmonolog), manches gespickt mit Diskursbullshitbingovokabular … Bachmann übertreibt es in seiner Inszenierung mit der Hast, sodass der Eindruck entsteht, dass wir manche „Feinheiten“ der Sprache oder „Handlung“ verpassen, aber es kann auch sein, dass es diese wenig gibt. Bei der Kanzlerin habe ich ihre Rechtslastigkeit und Bösartigkeit(?) nicht abgenommen … Irgendwie verselbstständigt sich die Kostümkunst der Peretzki, aber: schön anzusehen … Atesci in der Maske nicht wiedererkennbar (Regie sollte das nie tun) … Unterhaltsame eindreiviertel Stunden, aber nicht das stärkste Stück des Autors …
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