Wir sind noch einmal davongekommen - Burgtheater Wien
Stars und Krisen
21. März 2026. Burgtheater-Intendant Stefan Bachmann inszeniert zum ersten Mal selbst auf großer Bühne und versammelt ein großes Ensemble um Thornton Wilders satirisches Stück – zu einer goldglitzernden Revue der Menschheitsgeschichte.
Von Julia Schafferhofer
Stefanie Reinsperger und Caroline Peters in "Wir sind noch einmal davongekommen" am Burgtheater © Tommy Hetzel
21. März 2026. Am Ende geht das Licht wieder an. Das Dienstmädchen Lily-Sabina Fairweather tritt mit goldener Schürze und historischem Staubsauger an der gebogenen Edelstahl-Rampe auf der hinteren Bühne ins hell erleuchtete Panorama und stellt fest: "Die ganze Welt ist doch ein Chaos." Eine Rutsch-Aktion später steht sie an der Rampe und fordert das Publikum im Wiener Burgtheater auf: "Gehen Sie nach Hause! Der Schluss des Stücks ist noch nicht geschrieben."
Rollenhass auf Wienerisch
Stefanie Reinsperger ist – von Anfang an – die ausgewiesene Lichtgestalt in Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen" unter der Regie von Burgtheater-Direktor Stefan Bachmann. Insbesondere dann, wenn sie die vierte Wand durchbricht und losgelöst und lustvoll auf ihre Figur und das Stück schimpft. Laut, rotzig, wütend, in deftigem Wienerisch und mit jeder einzelnen Faser ihres Körpers. Was für ein Schauspiel-Ereignis!
Golden Girls and Boys gegen den Weltuntergang: Nils Strunk, Hans Dieter Knebel, Elisabeth Augustin, Martin Reinke, Mehmet Ateşçi̇, Nicholas Ofczarek, Zeynep Buyraç © Tommy Hetzel
Sie hasse ihre Rolle und verstehe nicht, warum sie dafür von Berlin nach Wien gekommen sei. Aber: "Eh wurscht, bei der nächsten 250-Jahr-Feier erinnert sich eh niemand mehr an diese Inszenierung." In heiteren Szenen wie diesen traut sich Hausherr Stefan Bachmann bei seiner ersten Regie-Arbeit fürs große Haus unter seiner Intendanz, die im grotesk-komischen Stück im Stück angelegte Tonalität voll auszukosten und fürs Publikum höchst amüsant weiter auf die Spitze zu treiben. In einem auf Sepia getrimmten Video-Einspieler zu Beginn taucht sogar Wiens Bürgermeister Michael Ludwig in einem Sitzungszimmer auf. Des Dienstmädchens lakonischer Kommentar dazu: "Ich sag nur, der Film war das Highlight des Abends."
Die Menschheit als Familie
An Schauspiel-Stars mangelt es diesem Burgtheater-Abend nicht, an multiplen Krisen in der Welt da draußen ebenso wenig. In einer Zeit, in der die Nachrichten den geopolitischen Krisenmodus täglich als neuen Normalzustand ausrufen, wirkt das 1942 uraufgeführte Stück des mehrfachen Pulitzer-Preisträgers Thornton Wilder durchaus aktuell. Eiszeit, Sintflut, Krieg: Familie Antrobus überlebt als "Menschheitsfamilie" (griechisch anthropos = Mensch) alles, besinnt sich in der größten Ausweglosigkeit bibliophil auf die Hoffnung und das solidarische Miteinander und schafft – aus eigenem Antrieb – den Neuanfang. Wie? Dank der großen Ideen, Erfindungen und Utopien. Und dank der Kraft der Geschichten. Nicht umsonst lässt der patriarchale Vater in einem düsteren Moment aus der Ferne ausrichten: "Verbrennt alles außer Shakespeare!"
Das Altstar-Ensemble: Branko Samarovski, Martin Reinke, Nicholas Ofczarek, Barbara Petritsch, Elisabeth Augustin, Hans Dieter Knebel © Tommy Hetzel
Die einzelnen Familienmitglieder sind in ihrer Widerborstigkeit satirisch angelegt: Der Vater ist ein Erfinder und Wichtigtuer, von Nicholas Ofczarek mit Verve einverleibt. Die Mutter (Caroline Peters) stemmt sich mit kleinen und großen Gesten gegen die Rollenklischees. Die Kinder entsprechen nicht den Wunschvorstellungen der Eltern: Gladys (Zeynep Buyraç) ist die fatalistische Ausgeburt der "höheren Tochter" und Henry, den Mehmet Ateşçi als vielleicht einzigen echten Menschen formt, mutiert durch den Dauerclinch zum personifizierten Bösen.
Bildgewaltig und blass
Ein illustres Altstar-Ensemble rund um Barbara Petritsch, Martin Reinke, Hans Dieter Knebel, Branko Samarovski, Elisabeth Augustin sucht diese Menschheitsfamilie im Krisen-Reigen durch die Jahrtausende mehrmals heim. Einmal als Homer und Moses samt dreier Musen, ein anderes Mal als zum Leben erwachte Bücher. An manchen Stellen jedoch auch nur als Edel-Statisterie in grellfarbenen Glitzer-Kostümen, die sich ein bisschen deplatziert ins Bühnenbild einfügt. Olaf Altmanns rampenartige Struktur muss die religiös-philosophische Truppe dabei mühend überwinden, um ihr Können zu zeigen.
Vieles an dieser zu gewollten Revue, durch deren drei Akte Nils Strunk charmant als Conférencier am Keyboard führt, bleibt trotz bildgewaltiger Kulisse, paillettenreicher Kostüme von Adriana Braga Peretzki und schöner Details (wie die wunderbar kauzigen Haustiere, ein Dino und ein Mammut) blass und brav. Nur Stefanie Reinspergers Grant in Wien leuchtet hell.
Wir sind noch einmal davongekommen
von Thornton Wilder
Deutsch von Barbara Christ
Regie: Stefan Bachmann, Bühnenbild: Olaf Altmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Sven Kaiser, Video: Moritz Grewenig, Choreografie und Körperarbeit: Sabina Perry, Licht: Bernd Purkrabek, Feuereffekt: Thomas Bautenbacher, Dramaturgie: Lena Wontorra.
Mit: Nicholas Ofczarek, Caroline Peters, Stefanie Reinsperger, Mehmet Ateşçi, Zeynep Buyraç, Nils Strunk, Barbara Petritsch, Martin Reinke, Hans Dieter Knebel, Branko Samaraovski, Elisabeth Augustin, im Video: Dorothee Hartinger, Michael Ludwig (Wiens Bürgermeister), Maresi Riegner, Gunter Eckes, Norman Hacker, Markus Meyer, Jörg Ratjen, Martin Schwab, Stefanie Dvorak, Maria Happel, Dörte Lyssewski.
Premiere am 20. März 2026
Dauer: 3 Stunden 5 Minuten, eine Pause
www.burgtheater.at
Kritikenrundschau
"Gefeiert wird an diesem gewiss nicht bahnbrechenden Theaterabend das gesamte Ensemble", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (23.3.2026). "Stefan Bachmann sichert seine ziemlich aufwendige, aber wenig aufregende Inszenierung mit diesem Besetzungs-Coup ab. Um am Ende tatsächlich mit einem Erfolg davonzukommen." Dössel sah "viel tumben Klamauk, begleitet von Gefuchtel und Geschrei, was untypisch ist für den Feinmechaniker Bachmann. Vielleicht hat er sich als Regisseur in falscher Ehrfurcht zurückgehalten, wollte seine Stars einfach machen und wirken lassen. Was hätte sich nicht noch an Irrwitz, Schärfe und Polykrisen-Aktualität aus dem bizarren Stück herausholen lassen! Bei Bachmann wird vieles buchstäblich vertänzelt."
"Stefan Bachmann renoviert das Stück mit kalkulierten Aktualisierungen und Streichungen und nervt schelmisch mit langatmigen Zitaten, die das Sisyphoshafte der philosophischen Denkarbeit spüren lassen", schreibt Helmut Ploebst im Standard (22.3.2026). "Besonders clever: Der Bühnenraum der fatalen Familie ist futuristisch designt, damit wir uns nicht einbilden, mit angeberischen Erfindungen und arrogantem Utopismus wäre unser Schlamassel aus der Welt zu beamen."
"Die Protagonisten leiden unter der Last der Aufgabe, Archetypen repräsentieren zu müssen. Alle Versuche Bachmanns, der Schwere durch Revue-Elemente, Ironie, knallbunte Kostüme und Absurditäten zu entrinnen, können diesen etwas betulichen Zug des Stücks nicht kaschieren", schreibt Thomas Götz in der Kleinen Zeitung (23.3.2026). "Quicklebendig ist nur Stefanie Reinsperger. Mit körperbetontem Brachialhumor versucht sie immer wieder den Ausbruch aus ihrer Rolle und aus dem bedeutungsschweren, vorhersehbaren Gang der Dinge.(...) Retten kann sie den Abend nicht vor moralischer Selbstüberforderung.
"Diese humorvoll gedachte Sache ist ernsthaft schiefgegangen, so denkt man schon nach der ersten halben Stunde – und da kommen dann noch zweieinhalb weitere," schreibt Simon Strauß in der FAZ (24.3.2026). "Schiefgegangen, weil weder die grell glitzernden Kostüme noch der Versuch, mit Musikeinlagen und Dinosaurierkostümen revuehaft Tempo zu machen, etwas an dem Eindruck ändern können, hier würde ein Stück im schlechtesten Sinne vorgeführt, also aus seiner historischen Prägnanz herausgerissen und gedankenlos in eine Gegenwart hineinkopiert, die von gänzlich anderen gesellschaftlichen Voraussetzungen und dramaturgischen Gegebenheiten ausgeht. Dagegen kann auch die hochklassige Spielkunst des Ensembles – zu der auch etwa der wunderbar wackere Branko Samarovski und die zärtlich aufmüpfige Elisabeth Augustin gehören – nichts ausrichten."
"So tolle Schauspieler, so große Namen. Und so wenig Ertrag", klagt Jakob Hayner in der Welt (28.3.2026). "Kein Satz, ja kein einziges Wort schafft es an diesem hölzern in Szene gesetzten Abend, Verstand und Gefühle auf anregende Weise in Bewegung zu versetzen." Warum Wilder spielen?, fragt der Kritiker, der dessen "mit Pathos verklebten Bedeutungshuberei" und die schon in den 1940ern fragwürdige Botschaft als "Durch-Nacht-zum-Licht-Mutmachstück" mit Becketts viel zeitgemäßerer "metaphysischer Verzweiflung, nicht zuletzt im Weitermachen" vergleicht und sich einen ambitionierten Spielplan wünscht. "Wenn der Burgtheater-Direktor in der großen Jubiläumsspielzeit – 250 Jahre! – auf der großen Bühne inszeniert, dann darf man sich mehr erwarten", so Hayner.
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