Wiener Festwochen - Neues von Anna Breckon, Nat Randall, Séverine Chavrier, Miet Warlop, Guillermo Cacace und der Prozess Pélicot
Marathon-Modus
19. Juni 2025. "Republik der Liebe" hat sich Milo Rau ins Programm der Wiener Festwochen geschrieben. Mit unterschiedlichsten Beziehungs-Dramen wartet das Festival tatsächlich auf, in die Gefahr gefälligen Genusses gerät es nicht. Arbeiten von Anna Breckon, Nat Randall oder Guillermo Cacace stechen heraus.
Von Martin Thomas Pesl
Anna Breckons und Nat Randalls "The Second Woman" bei den Wiener Festwochen © Nurith Wagner Strauss
19. Juni 2025. Ein Drittel war um, da lieferten die Wiener Festwochen 2025 ein Highlight, das sie danach unmöglich übertreffen konnten. Wie 2016 das Gastspiel von Jan Fabres epochalem Totaltheater "Mount Olympus" fand es in der Halle E im MuseumsQuartier statt, und wie dieses umfasste es 24 Stunden, war aber noch klüger und somit kühner erdacht, schärfer zugespitzt in der Konzeption, makelloser in der Durchführung und somit ereignishafter im Resultat.
"The Second Woman" heißt die Arbeit der Regisseurinnen Anna Breckon und Nat Randall, die sie erstmals 2017 in ihrem Herkunftsland Australien umsetzten. Seither kam das Format an verschiedenen Orten – jeweils einmalig – zur Aufführung, die Festwochen produzierten es erstmals im deutschsprachigen Raum.
Eine Frau und immer neue Männer
100 Männer* waren gecastet worden, um mit der Schauspielerin Pia Hierzegger eine Beziehungsszene zu spielen. Sie durften nicht proben und vor ihrem eigenen Auftritt auch nicht zuschauen. In der Erwartung, eine große Bühne zu betreten, öffneten sie die Tür in ein Zimmer, von wo aus das Publikum nicht sichtbar war – umgekehrt aber schon. Manch geltungsbedürftiger Laie, der meinte, die vermeintlich müder werdende Protagonistin aus dem Konzept bringen zu können, wurde von dieser gnadenlos eines Besseren belehrt: Nach zwei, nach sechs, nach zwölf, nach 23 Stunden – Pia Hierzegger obsiegte stets.
Treffen mit 100 Männern, hundert mal Beziehung und nie langweilig: Pia Hierzegger in "The Second Woman" © Nurith Wagner Strauss
Vor allem aber machte die Performance, deren Titel und Ästhetik von John Cassavetes’ Film "Opening Night" inspiriert sind, wahrhaft süchtig. Nur äußerst widerwillig ging man zwischendurch raus, wegen Schlaf, Arbeit oder Betreuungspflichten. Der Mensch will nichts Neues sehen, nur immer das Gewohnte, mit leichter Variation. Übrigens: "Mount Olympus" überzog die 24 Stunden in Wien um etwa 45 Minuten, "The Second Woman" um drei. Der Vieltheatergeher war im Perfektionshimmel.
Hinter hinter dem Vorhang
Aus diesem herabsinkend erschien vieles mau. Im selben Raum, der Halle E, lief eine Woche später Séverine Chavriers 2022 in Orléans entstandener Abend "Ils nous ont oubliés" ("Sie haben uns vergessen"). Die gefeierte Produktion wartete nicht nur mit drei virtuosen Spieler:innen auf, sondern auch mit einer bemerkenswert genauen Lektüre der Vorlage, des bitterbösen Ehe-Romans "Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard, außerdem mit Vögeln auf der Bühne.
Nach Thomas Bernhards Ehe-Roman "Das Kalkwerk": "Ils nous ont oubliés" © Jean Louis Fernandez
Die Anwesenheit des Federviehs war wohl aber auch einer der Gründe dafür, dass die vierstündige Aufführung hinter einem nur begrenzt durchsichtigen Vorhang stattfinden musste (damit die Tiere nicht ins Auditorium entweichen konnten). Auch die Leinwände, auf die das mitunter versteckt ablaufende Klein-Klein des Bühnengeschehens projiziert wurde, befanden sich hinter der Gaze; die notwendige Mikrofonverstärkung des gesprochenen Textes schmerzte in den Ohren. Während das Hirn also durchaus schlüssig fand, was die Regisseurin da präsentierte, litten die Sinne.
Drohgeräuschkulissen
Zwei Diskursveranstaltungen im von Milo Rau berühmt gemachten Prozessformat, allerdings abgeschwächt zu "Wiener Kongressen" erstreckten sich jeweils über drei Tage und 17 Stunden. "Kulturkriege" sowie "Kunst und Missbrauch" lauteten die Schwerpunkte. Eine Fachjury befragte Auskunftspersonen, am Ende stimmte der "Rat der Republik", ein Bürger:innen-Gremium der Festwochen, über allgemeine Fragen ab. Großes wurde nicht offenbart, im Einzelnen nahm, wer nicht von pauschalem Desinteresse geschlagen ist, aber doch allerlei mit.
Derlei auf das Prinzip Marathon geeicht, konnte eine:n die Kürze von "Inhale Delirium Exhale" ("Einatmen, Delirium, Ausatmen") durchaus irritieren. Die neueste Arbeit der belgischen Künstlerin Miet Warlop fand ebenfalls in der Halle E statt, dauerte aber nicht einmal eine Stunde. Fünf Performer:innen jagten in einem aufgeregten Rausch großflächigen Tüchern hinterher. Die kamen von überall, wirkten gefährlich, übermächtig, auch dank entsprechend dringlicher Drohgeräuschkulisse. Die Bilder, die dabei entstanden, ließen nach der Art virtuoser Zirkusakrobatik staunen, aber nicht viel mehr. Sehr abstrakt mag das eine oder andere Kriegsszenario angedeutet worden sein, für die politische Künstlerin, als die Warlop gilt, wirkte diese schmerzlose Atem- aber eher wie eine Fingerübung.
Intensive "Möwe"-Momente
Während sich Miet Warlop wenig Zeit nahm, brauchte Guillermo Cacace für seine Inszenierung von Anton Tschechows Tragikomödie "Die Möwe" nur ein Minimum an Raum. In der Mitte des Theater Nestroyhof Hamakom, von Mini-Tribünen umstellt, saßen fünf Schauspielerinnen inmitten einiger Zuschauer:innen um einen Tisch. Darauf: Chipstüten und Rotweinflaschen, offenbar das, was man in Argentinien für eine Leseprobe braucht.
Inmitten von Zuschauer:innen Guillermo Cacaces "Die Möwe" © Francisco Castro Pizzo
Just vor Ausbruch der Pandemie hatte Cacace die Idee für eine "Möwe", reduziert auf die fünf wichtigsten Figuren, alle von Frauen gespielt. 2020 wurde zunächst mithilfe einer futuristisch anmutenden Plattform namens "Zoom" geprobt, dann traf man sich persönlich. Über das minimalistische Proben am Tisch kam man aber nie heraus. Wozu auch? Der argentinische Staat hat der Kultur sowieso alles an Geld gestrichen, ein Bühnenbild ist nicht drin. Aus dem Einzigen, was ihnen geblieben war, ihren Stimmen, ihrer Gestik und Mimik schufen sie intensive Momente. Ein kleiner Festivalhöhepunkt.
Den Wiener Festwochen wurde – auch von ehemaligen Intendanten – immer wieder mal vorgeworfen, "zu kulinarisch" zu sein. Die Gefahr gefälligen Genusses bestand bei der nächsten Dauerperformance des diesjährigen Programms jedenfalls nicht. In der St.-Elisabeth-Kirche in Wien-Wieden lasen Schauspieler:innen aus Plädoyers, Interviews und Kontextualisierungen des aufsehenerregenden Vergewaltigungsprozesses gegen Dominique Pelicot und 50 weitere Männer in Avignon im Vorjahr.
Monströses Verbrechen
Milo Rau und die Dramaturgin Servane Dècle hatten die Dokumente zum "Prozess Pelicot" kompiliert und chronologisch in drei Akte und 48 Fragmente sortiert. Die Burgschauspielerinnen Mavie Hörbiger und Safira Robens führten durch den Abend, sie lasen nüchtern überleitende Texte und Fragen von Anwälten. Ihre Ensemble-Kolleginnen Dorothee Hartinger und Zeynep Buyraç übernahmen Texte von Gisèle Pelicot selbst, deren Mut, auf eine öffentliche Verhandlung zu bestehen, sie zur feministischen Ikone machte.
Keine Frage, der Prozess hat Geschichte geschrieben: Die Scham muss die Seite wechseln, und über Vergewaltigung sollte mehr gesprochen werden. Wie viel trägt dazu aber bei, die abscheulichen Details von Pelicots Verbrechen auf harten Kirchenbänken zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang in sakraler Eintönigkeit zu durchleiden? Noch dazu in einer Republik der Liebe, zu der sich die Festwochen dieses Jahr in Reden und Ritualen, Plakaten und Programmierung erklärt haben? Je länger die Lesung voranschreitet, desto perverser kommt man sich beim Anhören dieser kühlen Beschreibungen unzähliger Misshandlungen vor. Spätnächtliches Müdigkeitsnuscheln und Promi-Cameo-Auftritte wie jener von Kay Voges vermögen das mulmige Gefühl nicht zu lindern.
Bevor die Republik ihre zumindest vorläufige Auflösung verkündet, wird am Wochenende Julien Gosselin noch das Œuvre der Schriftstellerin Marguérite Duras entfalten – in epischen zehn Stunden. Für das geschulte Festwochen-Publikum ein Klacks.
The Second Woman
Konzept: Nat Randall, Anna Breckon, Text, Regie: Anna Breckon, Nat Randall, Video: EO Gill, Anna Breckon, Licht: Amber Silk, Kayla Burrett, Lauren Woodhead, Sounddesign: Nina Buchanan, Bühne: FUTURE METHOD STUDIO, Originaldesign Haare und Make-up: Sophie Roberts
Mit: Pia Hierzegger, 100 Männer*
Einmalige Aufführung der Wien-Version am 28. und 29. Mai in der Halle E MuseumsQuartier
Dauer: 24 Stunden, elf Pausen
Ils nous ont oubliés
("Sie haben uns vergessen")
nach "Das Kalkwerk" von Thomas Bernhard, Übersetzung: Louise Servicen
Regie: Séverine Chavrier, Bühne: Louise Sari, Licht: Germain Fourvel, Sounddesign: Séverine Chavrier, Simon d’Anselme de Puisaye, Video: Quentin Vigier, Kostüm: Andrea Matweber, Vogeltraining: Tristan Plot.
Mit: Adèle Joulin, Laurent Papot, Marijke Pinoy, Alexandre Babel (Musik)
Wien-Premiere am 5. Juni 2025 in der Halle E MQ
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen
Inhale Delirium Exhale
("Einatmen, Delirium, Ausatmen")
Konzept, Regie: Miet Warlop, Musik: in Zusammenarbeit mit DEEWEE, Bühne: Miet Warlop in Zusammenarbeit mit Mattis Clement, Kostüm: Miet Warlop, Elias Demuynck, Licht: Henri Emmanuel
Mit: Milan Schudel, Emiel Vandenberghe, Margarida Ramelgate Ramalhete, Lara Chedraoui, Mattis Clement, Elias Demuynck
Wien-Premiere am 14. Juni 2025 in der Halle E MQ
Dauer: 50 Minuten, keine Pause
Gaviota
("Die Möwe")
von Anton Tschechow
Regie: Guillermo Cacace, Dramaturgie: Juan Ignacio Fernández
Mit: Paula Fernández MBarak, Raquel Ameri, Pilar Boyle, Muriel Sago, Marcela Guerty, Clarisa Korovsky, Romina Padoa
Wien-Premiere am 10. Juni 2025 im Theater Nestroyhof Hamakom
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause
Der Prozess Pélicot
Recherche und Dramaturgie: Servane Dècle, Recherche und Regie: Milo Rau, Produktionsdramaturgie: Nastasia Griese, Dramaturgische Mitarbeit: Manon Chauveau
Lesende: Waltraud Barton, Sabine Bouyssy, Zeynep Buyraç, Nadine Abena Cobbina, Maja Karolina Franke, Cosmina Fusu, Manuel Harder, Dorothee Hartinger, Mavie Hörbiger, Oskar Huber, Karin Yoko Jochum, Alla Kiperman, Lola Klamroth, Sebastian Klein, Willfried Kovárnik, Stefan Kutzenberger, Sophie Lenglinger, Rebecca Lindauer, Kaspar Maier, Marc Pierre, Stephan Rehm, Safira Robens, Roberto Romeo, Claus Nicolai Six, Helge Stradner, Laetitia Toursarkissian, Birgit Unterweger, Marcos Valdes Fernandez, Kay Voges, Lili Winderlich
Einmalige Aufführung von 18. auf 19. Juni 2025 in der Kirche St. Elisabeth
Dauer: 7 Stunden, zwei Pausen
www.festwochen.at
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