Der Kapitalismus ist hässlich geworden

31. Januar 2025. Mutter Amanda definiert sich über abgehauene Ex-Verehrer, und für die hochsensible Tochter Laura soll ein Mann als Ernährer her. Aber Laura masturbiert in Jaz Woodcock-Stewarts Tennessee-Williams-Inszenierung zu Natalie-Portman-Filmszenen. Und auch sonst clasht die 81 Jahre alte "Glasmenagerie" hart mit der Gegenwart. 

Von Claude Bühler

"Die Glasmenagerie" in der Regie von Jaz Woodcock-Stewart in Basel © Lucia Hunziker

31. Januar 2025. Wenn Laura unbeobachtet ist, und das ist sie oft, denn sie sitzt immer zu Hause, dann übt sie mit Youtube-Kursen das Growl-Brüllen, wie es im Black Metal vorkommt: eine Technik, mit der der Ton tief aus der Kehle quasi herausgekotzt wird und die Aggression, die rausgelassen wird, sich wieder in den Hals zurückschlingt.

Die Laura 2025 im Basler Schauspielhaus hat wie die Laura 1944, dem Jahr der Uraufführung, noch immer eine "Glasmenagerie": eine Art Traumwelt aus kleinen Glasfiguren, bei deren Betrachtung sie sich seelisch auflöst. Aber die Hoffnung ihrer ursprünglichen Kleinbürgerwelt, die mit dem wirtschaftlich-sozialen Aufstieg eine bessere Stellung, vielleicht gar ein kultiviertes Leben mit sich bringt, ist hier weg. Und so brüllt sie in der Darstellung von Antoinette Ullrich: "I do not fear the darkness, ich fürchte mich nicht vor der Düsternis" – während sie sich in Wirklichkeit vor allem fürchtet.

Ein Mann muss her!

An ihrer Sozialphobie ist eine Berufsausbildung gescheitert. Und sie fürchtet ihre Mutter Amanda (Hilke Altefrohne), die sagt: Du musst dich durchbringen! Die Männer bestehen für Amanda aus Verehrern, von deren Begehren man sich auch noch nach Jahrzehnten in der Erinnerung tragen lässt. Aber eigentlich sind es Windhunde, die abhauen, wie ihr Mann – dessen Foto noch immer an der Wand hängt. Für Laura sieht sie nach dem beruflichen Scheitern nur eine Chance: Ein Mann muss her, ein Ernährer. Und dabei masturbiert Laura doch zu Natalie-Portman-Filmszenen.

Die britische Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart hat die Familie Wingfield von Tennessee Williams' Kleinbürgertum kulturell eine Stufe heruntergeschubst. Ihr Heim ist: billiger Spannteppich, kahle Betonwände, Küchengerät, herumliegende Kissen und eine Treppe, die rauf ins Nichts führt. Physiotherapeutische Vibrationsgeräte liegen am Boden herum: Amanda, Laura und ihr Bruder Tom (Jan Bluthardt) lassen sich beim Frühstück und auch sonst davon durchschütteln. Das Bild zeigt Amandas Mantra: Rücken stärken, rauf geht der Weg!

Glasmenagerie 02 1200 Lucia Hunziker uIm Mutter-Tochter-Clinch: Antoinette Ullrich als Laura und Hilke Altefrohne als Amanda Wingfield © Lucia Hunziker  

In dieser betont heutig gestalteten Leere mit Spuren der Verwahrlosung wirkt Williams' subtiles, familiäres Kammertheater unbehaust, wo es stets hin und her geht mit groben Vorwürfen, Entschuldigungen, gespielter und echter Fürsorglichkeit und von da wieder retour. Alle tragen eine Art rosa Home-Leggins: Das dabei vermeintlich Vertraute im familiären Rahmen enthüllt sich als Anspruchslosigkeit. Der Kapitalismus ist hässlich geworden.

Das alles ändert sich – temporär –, als Tom seinen Arbeitskollegen Jim (Julian Anatol Schneider) als möglichen Verehrer Lauras nach Hause bringt: Eine Kulisse senkt sich herunter, die leere Bühne wird flugs zum behaglichen, bürgerlichen Wohnzimmer, und die Treppe führt plötzlich ins obere Stockwerk. Man könnte deuten: 2025 wird im tieferen Mittelstand nurmehr ein Effort an Lebenskultur aufgebracht, wenn eine wirtschaftliche Perspektive leuchtet.

Schmerzhaftes Mysterium

Amanda flirtet aggressiv entlang der Peinlichkeitsgrenze mit dem Gast, dessen Motorradfahrkluft seine machoid-kühle Eleganz ins Bild setzt. Aber der Mann, so stellt sich nach einer für Laura traumatischen Annäherung heraus, heiratet eine "Betty" – und die Wohnzimmer-Wand fährt wieder hoch in den Bühnenhimmel. An diese Bühnenbildwechsel als radikale Idee wird man sich beim Rückblick an das Stück erinnern.

Und auch an die dunklen Tableaus, wenn Tom zwischendurch als Erzähler des Dramas auftritt, gleichsam durch seine Vergangenheit streift und dabei seine Schwester und seine Mutter anleuchtet, die er am Ende verlassen wird: das an sich schmerzhafte Mysterium des Stücks. Das gibt der Inszenierung ein filmisches Gepräge, zumal das Ensemble, mit Mikros ausgestattet, immer wieder auch sehr leise spricht.

Glasmenagerie 01 1200 Lucia Hunziker uStairway to Nowhere: Antoinette Ullrich, Jan Bluthardt, Julian Anatol Schneider und Hilke Altefrohne auf Rosie Elniles Bühne © Lucia Hunziker

Der Spannungsbogen erweist sich bei aller schauspielerischen Differenziertheit des gesamten Ensembles nicht immer als genügend tragfähig. Daran ist der ist desillusionierte Blick der Inszenierung nicht unschuldig, denn das Stück besteht aus Schwingungen im Ambivalenten und nicht aus der eindeutigen Aussage, dass alles misslingen muss. Das sensible Spiel gerät manchmal zu gefühlig.

Übertrieben nervöser Backfisch

Die Sphäre, wo das Gehör und der Blick sich sensibler auf das Geschehen einlassen, wird zudem immer wieder durch das Skurrile abgelenkt, nicht nur wegen der ulkigen Vibrationsmaschinen, sondern auch in einigen Spielszenen. Laura wird etwa in der Szene mit Jim zum übertrieben nervösen Backfisch. Der plötzlich vibrierende Tisch beim Nachtessen mit Jim wirkt surreal und bricht den Stil.

Ansonsten hat Jaz Woodcock-Stewart bei ihrem Basler Debüt ein klar durchgeführtes und vielschichtiges Bühnenerlebnis gestaltet, das man auf sich wirken lassen kann, mit durchaus berührenden Momenten.

Die Glasmenagerie
von Tennessee Williams
Regie: Jaz Woodcock-Stewart, Bühne und Kostüme: Rosie Elnile, Sounddesign: Josh Grigg, Licht-design: Alex Fernandes, Dramaturgie: Inga Schonlau.
Mit: Hilke Altefrohne, Jan Bluthardt, Julian Anatol Schneider, Antoinette Ullrich.
Premiere am 30. Januar 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause 

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

"Ein tiefgründiger und empfehlenswerter Theaterabend," schreibt Karoline Edrich in der Basler Zeitung (31.1.2025). Generell gelingt es Regisseurin Jaz Woodcock-Stewart aus Sicht der Kritikerin, "die Symbolkraft von Williams’ Stück in starke Bilder zu übersetzen. So sitzen die Protagonisten in der zweiten Hälfte des Stücks mit Kavalier Jim, gespielt von Julian Anatol Schneider, an einem immer stärker wackelnden Esstisch. In einer früheren Szene beobachtet Tom sehnsüchtig einen Nachtclub. Das Licht von Alex Fernandes und der im Hintergrund wummernde Sound von Josh Grigg kreieren eine magische Atmosphäre."

"Die fast puristische Aufführung ist nicht ohne Witz, Jan Bluthardt lässt mal ein Helge-Schneider-Zitat ('Hast Du eine Mutter ...') fallen, Antoinette Ullrich äfft mit den Sohlen der ungeliebten Pumps das ewige Blablabla der Mutter nach, doch der Humor ist erschöpft, nicht befreiend," schreibt René Zipperlen in der Badischen Zeitung (1.2.2025). Der Clou des Abends ist aus Sicht dieses Kritikers "die passgenaue Kulisse eines bürgerlichen Wohntraums, die zur Pause herabfährt. Als sich herausstellt, dass Jim verlobt ist, schwebt sie jäh wieder davon: Willkommen zurück in der betongrauen Tristesse der Realität. Mehr solcher Ideen hätten dem Abend gutgetan, der nicht durchgängig Spannung hält und manchmal etwas Balance verliert."

Christoph Nix bescheinigt Regisseurin Jaz Woodcock- Stewart und ihrer Bühnenbildnerin Rosie Elnile im Südkurier (1.2.2025) "Kraft", "Fantasie", "Bilder", "Licht" und "Klang". Ferner hätten die beiden "ein Ensemble, um die gesellschaftliche Einsamkeit, die Tennessee Williams in seinem Stück 'Die Glasmenagerie' beschreibt, ihren Figuren einzubrennen". Nix erkennt "eine überzeugende, theatrale Form, die Lust macht und in den Zuschauern etwas verändern könnte".

Die Romantik und Melodramatik der "Glasmenagerie" sei ganz und gar amerikanisch und dem Stück in keiner Inszenierung auszutreiben, schreibt Jan Wiele von der FAZ (2.2.2025). "Jan Bluthard ist in der Rolle des Träumers Tom ihr zeitloses Gesicht. Es fasst die glänzenden Augen eines Menschen, der aus allem ausbrechen will, noch einmal neu, und hat nach so vielen Verkörperungen nichts von seinem Reiz verloren (trotz der Verletzungen, die er damit bei anderen verursacht). Hinzu kommt Bluthardts balletttänzerisches Talent, das ihn bisweilen zum Luftgeist werden lässt, bisweilen zum Clown, wenn er die verängstigte Schwester zu bezaubern sucht."

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