Klasse & Kitsch - Theater Neumarkt Zürich
2:33 Klassenkampf
7. März 2025. Am Theater Neumarkt in Zürich suchen Hayat Erdoğan und Sophia Senn den Glutkern eines neuen sozialen Aufstands. Mit einer kantigen Textcollage und argusäugigem Blick auf die Welt der Reichen und Schnöden in "Herrlichberg".
Von Tobias Gerosa
"Klasse & Kitsch" von Hayat Erdoğan und Sophia Senn am Theater Neumarkt Zürich © Philip Frowein
7. März 2025. Um 2 Uhr 33 sitzt Eva da, um 2 Uhr 33 drehen sich ihre Gedanken, wenn sie nach zwei Schichten in die hell erleuchteten schönen Wohnungen der anderen schaut. Um 2 Uhr 33 ist Raum für Gedanken an die anderen, die in "Herrlichberg am See" in ihrer Kunstsammlung über den fünf Gartenstufen leben.
"Klasse & Kitsch" nennt sich der Abend am Zürcher Theater Neumarkt, der in drei Akten und 70 Minuten journalistische Texte und Stoff aus Fernsehsendungen, Interviews und Internetschnipsel kompiliert, um die Frage zu umkreisen, was Klasse jetzt im 21. Jahrhundert heißt oder heißen könnte.
Zielscheibe Herrliberg
Für den ersten Teil des Titels ist primär Neumarkt-Co-Direktorin Hayat Erdoğan zuständig, die die Collage gestaltet hat. In der Textfassung sind die Quellen benannt, die in der Aufführung nahtlos ineinander übergehen.
Das beginnt mit dem traurigsten Stück Literatur je, Büchners Märchen der Großmutter über das sich existenziell alleine findende Kind aus "Woyzeck", und reicht bis zu Disarstars Song "Rolex für alle" am Schluss. Das führt auch in die, aus einer People-Sendung transkribierte, TV-Selbstdarstellung der Gattin des Grand Old Man zur Schweizer Volkspartei, die mit ihren Initiativen und Plakaten den Stil und den Inhalt vieler rechtspopoulistischer Bewegungen in Europa inspirierte. Im ersten Akt blicken wir eben auf dieses "Herrlichberg", das kaum verklausuliert den Wohnort des SVP-Manns "Herrliberg" anspricht.
Dehnbare Diskursübungen im Bühnenbild von Noé Wetter: mit Melina Pyschny, Musiker Janos Mijnssen und Sofia Elena Borsani © Philip Frowein
Der zweite Akt – nahtlos angeschlossen – bietet verschiedenen Figuren, die allesamt Eva heißen, Raum für Monologe: von der alleinerziehenden Mutter aus dem Prekariat bis zur biblischen Eva. Nach der anfänglichen Überzeichnung entwickelt sich hier eine Art theatralische Dichte, obwohl diverse Themen angeschnitten werden.
Der dritte Akt schließlich, durch Lichtwechsel und Auftritt eines Kinderchors abgetrennt, kippt dann als Interview zwischen einer Stichwortgeberin und einer (ironisch gemeinten?) Welterklärerin ins Undramatische, bis das Finale noch einmal aufdreht.
Cello für den kommenden Aufstand
Für den titelgebenden Kitsch sorgen die Kinder: Im Solo-Einsatz beim Märchenvortrag (in bester Volksschulmanier aufgesagt: Kaya Hollenstein), vor allem aber als Chor, der aus dem Off kommentiert und am Schluss mit Agitprop-Wucht "Rolex für alle!" ins Publikum schmettert – mit Übertiteln.
Für Kitsch sorgt auch die Musik: Janos Mijnssen fungiert als Hintergrundmusiker im Rüschenhemd und springt mit seinem Cello von Vivaldi und Bach zu Schmalz, Romantik und dem Liedermacher Mani Matter: Mal ganz allein, mal mit eingespielter Begleitung oder selber als Live-Begleitung einer Einspielung.
Der Kinderchor singt "Rolex für alle" von Disarstar: "Ich bin für alle vor allem" © Philip Frowein
Für Kitsch sorgt obendrein die Ausstattung – jedenfalls etwas: Der symmetrische Barockgarten mit falschem Rasen, falschen Buchsbaumkugeln und Springbrunnen in glänzenden Metallwänden suggeriert Grandezza und Abschirmung (im kleinen Neumarktsaal bleibt die Wirkung dieser Bühne von Noé Wetter eher putzig). Auch Flurina Vielis Kostüme zitieren alten Glanz, in dem sie edle Stoffe als Versatzstücke verwenden.
Zwischen Persiflage und politischem Appell
Handlung gibt es keine, sketchartige Szenen wechseln sich mit theoretischeren Monologen ab. Die beiden Darstellerinnen tragen im Stücktext einfach die Bezeichnung A und B. Direkter Dialog ist selten, öfter spielen sich Sofia Elena Borsani und Melina Pyschny in einer Mischung aus Dialog und Erzählerrede die Bälle zu: "Eva sagte..." und dann sagt die andere Eva genau das. Schwierig ist bisweilen, in der Textcollage durchzublicken, wer nun eigentlich gerade spricht: Ist das Figurenrede oder Kommentar? Trotzdem hört und schaut man Borsani und Pyschny gerne zu, weil sie den Grat zwischen Rolle und ironischer Distanzierung treffen.
Regisseurin Sophia Senn gibt dem kurzen Abend Rhythmus und Spannungsbogen, wirbelt die Textfragmente durcheinander. Dabei wirkt sie allerdings zwischen demaskierender Persiflage, aktueller Gesellschaftserklärung und politischem Appell unentschlossen. Warum Klasse und Kitsch zusammengehören sollen, bleibt so offen wie die Möglichkeit einer besseren Welt. Was wird Eva um 2 Uhr 34 tun?
Klasse & Kitsch
Collage in 3 Akten über die (Un-)Möglichkeit einer besseren Welt. Mit Cello und Kinderchor
von Hayat Erdoğan
Regie: Sophia Senn, Text & Dramaturgie: Hayat Erdoğan, Komposition: Janos Mijnssen, Bühne: Noé Wetter, Kostüm: Flurina Vieli, Chorleitung: Josina Zbinden.
Mit: Sofia Elena Borsani, Melina Pyschny, Janos Mijnssen und Chor: Xenia Dentan, Lili Detsch, Kaya Hollenstein, Sergej Ivljanin, Dalilah Lezghed, Norbert Svoboda, Erin Tschuor, Aliza Ulmann und Mathilde Zortea.
Uraufführung am 6. März 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause
www.theaterneumarkt.ch
Kritikenrundschau
"Erdogans Stück nimmt sich aus wie ein dialektischer Dreischritt. Auf den Tag im Paradies und die Nacht im Elend folgt gleichsam der Morgen der Erkenntnis", so Ueli Bernays in der Neuen Zürcher Zeitung (8.3.2025). Über die Bühne spazierend, analysieren Eva und Eva die gesellschaftliche Wirklichkeit. "Trotz schauspielerischer Verve der Protagonistinnen nimmt der dramaturgische Schwung dabei allmählich ab. Am Anfang ist's am schönsten." Zuletzt werde die Bühne von einem Kinderchor in Beschlag genommen, der ein Revolutionslied anstimmt: "Rolex für alle!". "Den 'Bonzen' soll es an den Kragen gehen. Das wirkt dann doch ziemlich kitschig."
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