Die Stadttheater 20 Jahre nach dem postmigrantischen Turn
Das neue Normal
12. März 2025. Vor fast zwanzig Jahren wurde mit dem "postmigrantischen Theater" eine Revolution begonnen. Erst am Berliner Ballhaus Naunynstraße und ab 2014 im Maxim Gorki Theater. Von dort zog es aus und veränderte die Bühnenlandschaft. Wo steht das deutsche Stadttheater heute? Eine Zwischenbilanz.
Von Sarah Heppekausen
"Keine Bühne für Rassismus": Das Essener Grillo-Theater © Christian B Solerion
12. März 2025. Es ist ein Mittwochabend im November, halb elf, draußen laufen die Sicherheitsleute zwischen den gerade aufgebauten, noch geschlossenen Weihnachtsmarktbuden in der trüben Essener Innenstadt. Und da ist eine Gruppe junger Menschen, eine Schulklasse, die mit ihrem Lehrer noch beim Publikumsgespräch im Theatercafé sitzt – und mitredet. Die ehrliche Freude darüber ist Dramaturg Maximilian Löwenstein anzusehen. Es mag eine Pflichtveranstaltung für die Klasse sein, vielleicht, aber sie sind da, engagierte Jugendliche, die über die Inszenierung "Der Reisende" nach dem Roman von Ulrich Alexander Boschwitz sprechen.
Jedes Theater wird sich über das Interesse junger Menschen freuen. Aber dieses Team sicherlich besonders. Denn "Der Reisende" erzählt vom deutsch-jüdischen Kaufmann Otto Silbermann, der 1938 versucht, der Gewalt eines faschistischen Staats zu entkommen, nicht mehr sichtbar zu sein, indem er reist – im Zug quer durchs Land. Und die Inszenierung erzählt noch mehr. Regisseur Hakan Savaş Mican fügt sein eigenes Reisetagebuch hinzu, geschrieben zum Teil als Reaktion auf die Romanlektüre, erzählt aus der Perspektive eines Menschen mit Rassismuserfahrungen. Der "Flüchtende" in einer Welt, in der das Anderssein gebrandmarkt wird, in Wort und Tat.
Hakan Savaş Mican ist Autor und Regisseur, in Berlin geboren, in der Türkei aufgewachsen und 1997 wieder nach Berlin gezogen. Seit 2013 ist er als Hausregisseur am Berliner Maxim Gorki Theater tätig. Eben dort etablierte Shermin Langhoff als Intendantin das postmigrantische Theater und pflanzte es in die deutsche Theaterlandschaft ein.
Forderungen und Hoffnungen
Begründet hatte sie dieses Label zuvor im von ihr geleiteten Berliner Ballhaus Naunynstraße. Eine Theaterbewegung, die mit dem Verweis auf die Leerstellen im deutschen Kulturverständnis, dem Hinweis auf die Tatsache angetreten ist, dass die sogenannte deutsche Leitkultur eine exklusive Sackgasse war, die dringend in Richtung all derer geöffnet werde müsste, die längst Teil der deutschen Kultur und Gesellschaft waren: für die Geschichten und Perspektiven von Menschen, die seit zwei, drei Generationen in Deutschland lebten und die auch von Künstler*innen der zweiten oder dritten Generation erzählt werden müssten – von Künstler*innen also, die diese Erfahrungen teilen, Wurzeln nicht nur in Deutschland zu haben, und damit diese Geschichten und Perspektiven auch repräsentieren können.
"Der Reisende" am Schauspiel Essen © Birgit Hupfeld
Das Ziel: ihnen Sichtbarkeit und Identifikationsmöglichkeiten zu verschaffen und damit auch zu einer Veränderung der Wahrnehmung der Gesellschaft beizutragen. Das waren Forderungen und Hoffnungen, die an dieses Label geknüpft waren: post-migrantisch, also nach-migrantisch – meint: Wir sind keine Migranten mehr, sondern längst in Deutschland angekommen. Trotzdem sind unsere Geschichten andere als die derer, die auf eine längere Ahnenreihe in Deutschland zurückblicken als wir. Aber sie gehören dazu.
Neues Deutsches Theater in Essen
Wo steht das deutsche Stadttheater heute, annähernd zwanzig Jahre nach Ausrufung des postmigrantischen Theaters? Hier fallen zwei Entwicklungsstränge ins Auge: Es gibt die Häuser, Festivals und Theatermachenden, die weiterhin bewusste Markierungen setzen, um Präsenz und sichere Räume zu ermöglichen. Dazu gleich mehr. Und es gibt die Häuser unter der Leitung von Menschen mit internationaler Familiengeschichte, die diese nun eben nicht mehr deutlich markieren, sondern als gegeben voraussetzen, als Teil gesellschaftlicher Realität und Baustein kultureller Identität. So zum Beispiel am Schauspiel Essen.
Mit Micans Inszenierung von "Der Reisende" eröffneten dort Selen Kara und Christina Zintl ihre zweite Spielzeit. Ihr Titel fürs Haus ist kein geringerer als "Neues Deutsches Theater". Dass ihr Motto für manche vielleicht noch "etwas größenwahnsinnig" klingt, wissen sie selbst. Für jede Spielzeit gibt es deshalb noch einen Zusatztitel – "under construction" im ersten Jahr, aktuell lautet er "Common Ground". Sie verstehen ihr Theater als "Baustelle", ihre Arbeit als Prozess. Ihr Anspruch ist, das Theater neu zu denken, zeitgemäß.
Das Essener Leitungsduo Selen Kara und Christina Zintl © Volker Wiciok
Auf den ersten Blick machen sie in Essen gar nicht so viel anders als andere Stadttheater. Uraufführungen, Klassiker(-Überschreibungen), Liederabende, partizipative Projekte mit der und für die Stadtgesellschaft. Entscheidend ist, wer diese Geschichten erzählt, wie viele verschiedene Perspektiven vertreten sind. Selen Karas Großeltern kamen als Gastarbeiter*innen in den frühen 1960ern aus der Türkei nach Essen. Im Theaterpodcast (60) sagt Kara: "Meine Arbeiten werden immer als postmigrantisch gelesen, egal, was ich mache." Wenn es aber nun alltäglich wird, verschiedene Perspektiven auf den Bühnen zu sehen, dann brauchen wir solche Zuschreibungen nicht mehr. Das ist die Hoffnung.
In Essen hat Caner Akdeniz einen Woyzeck (Eren Kavukoğlu) inszeniert, der sich selbst in Frage stellt. Der spielfreudigen, Rasierschaum-getränkten und Boxerfilm-nachstellenden Inszenierung, in der das Publikum um die Spieler*innen im Ring herum sitzt (oder sogar tanzt), lässt sich Büchner-Verkürzung vorwerfen, aber sie schafft immerhin einen neuen Zugang zum bitteren Werk. Akdeniz wählt die Wut als Hauptmotor für Woyzeck, den er also eigenmächtiger werden lässt als in der dramatischen Vorlage. Ein Gedankenspiel, dem das immer mal wieder aktivierte Publikum freudvoll folgen darf. Mitdenken und mitmachen statt mitleiden. Dieser Woyzeck wird auch nicht zum Frauenmörder.
Theater ohne Zuschreibung
Ein anderer Theaterklassiker ist "Faust". Selen Kara hat Goethes Kanon-Tragödie zu Beginn ihrer Intendanz in Essen inszeniert, allerdings in einer Bearbeitung von Fatma Aydemir – die aus Doktor Heinrich die Frau Professor Margarete Faust macht und auch sonst forsch und feministisch den Blick ins Heute weitet. Die Schriftstellerin und Journalistin Fatma Aydemir hat in Essen auch ihre eigene "NRW-Late-Night-Show" (wie ihre Kollegin, die Musikerin Gîn Bali, die Talk-Reihe im Theatercafé liebevoll nennt). "Materien" hat Aydemir die betitelt, damit sie mit Menschen aus Literatur, Musik, Kunst und Film über, ja, Themen der Welt sprechen kann. Zum Beispiel mit dem Schauspieler und Drehbuchautor Lamin Leroy Gibba über "Blicke", mit Journalistin Alice Hasters über "Krisen". Ausverkauft war auch der Abend mit Autor*in Hengameh Yaghoobifarah über "Lügen" und den Roman "Schwindel". Fatma Aydemir zieht mit ihrer lässig-offenen Art ein Publikum an, das ebenso gern persönliche Geschichten wie gesellschaftstheoretische Phänomene bespricht. Und ja, es ist ein Publikum, das so divers ist wie die Gesellschaft in Deutschland.
Das Berliner Ballhaus Naunynstrasse um 2010. Annonciert wird das Gründungsstück des postmigrantischen Theaters "Verrücktes Blut" © Ballhaus Naunystrasse
Selen Kara und Christina Zintl wollen ihrem Theater keine Labels geben, wollen weg von schmückenden Etiketten wie "divers, multikulti oder queer". Denn Diversität ist längst gesellschaftliche Realität. Team und Ensemble müssen so gedacht und besetzt sein, dass der vermeintliche Hintergrund der Regisseurin oder der Darstellerin einer Ophelia oder einer Marie keine rezeptionsästhetische Rolle (mehr) spielen. Diversität findet statt, wenn sie nicht nur als "staatlich verordneter Antirassismus" erledigt wird – wie es der Dramaturg Tunçay Kulaoğlu bei einem Panel der FairStage-Konferenz Anfang Dezember zum Thema Theater-Utopien formuliert hat. Er sagt: "Der deutsche Theaterbetrieb ist weiß, deutsch, rassistisch". Und fragt: "Was haben wir erreicht in den letzten zehn, fünfzehn Jahren? Ich gebe Workshops, um Menschen sensibel zu machen, statt über Kunst zu reden." Dass es mittlerweile Beispiele im Theater-Deutschland gibt, wo es anders funktioniert, dafür sei hart und jahrelang gekämpft worden. Eben auch im und mit dem postmigrantischen Theater – von 2008 bis 2014 war Kulaoğlu Leitender Dramaturg und Künstlerischer Co-Leiter am Ballhaus Naunynstraße in Berlin.
Afrodeutsche Geschichte(n)
Und damit erklären Kulaoğlus Worte den anderen Entwicklungsstrang. Bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen beispielsweise gab es von 2022 bis 2024 das Schwarze Literaturfestival "Resonanzen", konzipiert von der Autorin, politischen Aktivistin und Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo. Das Festival im Festival war deutlich gelabled: Schwarze Autor*innen lesen ihre noch nicht veröffentlichen deutschsprachigen Texte, Schwarze Sprach- und Literaturwissenschaftler*innen diskutieren anschließend in der Jury. Otoo wollte Räume schaffen, die es sonst eben (noch) nicht gibt im deutschen Literaturbetrieb. "Schwarze Literatur steht oft für sich allein oder wird in einen Topf geworfen mit allem, was nicht weiß ist. Sie wird als etwas Exotisches behandelt, was es so noch nie gegeben hat", erklärte die Autorin in einem Interview. Bei der Rezeption gebe es immer noch oft ein Korsett. Da werde dann gefragt: Was haben diese Autor*innen uns weißen Menschen zu sagen über Rassismus?
Die Theatermacherin, Wissenschaftlerin (und ehemalige nachtkritik-Kolumnistin) Natasha A. Kelly gründete 2023 das "Institut für Schwarze Kunst, Kultur und ihre Wissenschaften” in Düsseldorf, um sich einem institutionellen Rassismus zu entziehen, um einen Raum jenseits vorherrschender Strukturen zu schaffen und Zugänge zu erleichtern. Nach der Inszenierung "Die Wasserträgerin" auf der Studiobühne im Theatermuseum, bei der eine Skulptur des jüdischen Bildhauers Bernhard Sopher zur Erzählfigur Schwarzer deutscher Geschichte wurde, zeigte der Verein beispielsweise einen Dokumentarfilm über die deutsch-ghanaische Familiengeschichte der Düsseldorfer Journalistin Tina Adomako. Im Live-Podcast für Schwarze Kunst und Kultur spricht Kelly über deutsche Kolonialgeschichte oder Schwarze Männlichkeit.
Die Dortmunder Intendantin Julia Wissert © Birgit Hupfeld
Otoo und Kelly wollen neue Räume schaffen. Wie hart solche Räume in schon bestehenden Institutionen erkämpft werden müssen, thematisierte Azeret Koua bei der FairStage-Konferenz. Sie arbeitet als Teil der künstlerischen Leitung und leitende Regisseurin am Theaterhaus Jena und bezeichnet sich selbst als "Third-Culture-Kid", ihre Wurzeln hat sie in Côte D’Ivoire und den USA. Sie sei so müde von diesen Kämpfen, die auf struktureller und kommunikativer Ebene immer wieder aufs Neue ausgefochten werden müssten.
Beispiel Dortmund
Vor Jena arbeitete Koua unter anderem als Regieassistentin und Regisseurin am Theater Dortmund. Dort leitet seit 2020 Julia Wissert das Schauspiel, damals als erste Person of Color in dieser Position in Deutschland. Auch sie hat als Regisseurin am Maxim Gorki Theater gearbeitet und vermutet, wenn es das Gorki so nicht gegeben hätte, wäre sie heute auch nicht Intendantin an einem Stadttheater. Julia Wissert arbeitet seit vier Jahren ebenfalls an einem neuen Theater, das andere Geschichten aus anderen Perspektiven erzählt. Anders als vermeintlich universale Geschichten, die dann doch von weißen, männlichen Protagonisten dominiert und definiert würden, wie sie in einem Podcast mit Carolin Emcke erklärte.
Julia Wissert inszeniert "Der Ring des Nibelungen" von Necati Öziri © Birgit Hupfeld
Im Spielplan gibt es eine "Maria-Stuart"-Überschreibung von Jessica Weisskirchen, die im Gebärmutter-Bühnenbild ihren Blick auf die weiblichen Kräfte konzentriert und, wenn auch in krudem Spiel, nach Veränderung schreit. Der in der Nähe von Recklinghausen geborene Schriftsteller und Dramatiker Necati Öziri ordnet Wagners Ring des Nibelungen neu. Und in "I wanna be loved by you" spielen zwei queere, Schwarze Frauen die Hauptrollen – eine Inszenierung, die auch und vor allem das junge Publikum bewegt.
Aber zurück zum "Reisenden" in Essen. Der will sich unsichtbar machen. Das neue deutsche Theater – und das gilt für beide genannten Entwicklungsstränge gleichermaßen – ist eine Gegenbewegung. Es verfolgt die Strategie des Sichtbarmachens und arbeitet gegen die Abspaltung von der Mehrheitsgesellschaft.
Ringen um Koexistenz
Ruth Mensah inszenierte jetzt am Theater Münster Dinçer Güçyeters "Unser Deutschlandmärchen", die Geschichte einer Einwandererfamilie – seiner Familie – über mehrere Generationen (im April inszenierte Hakan Savaş Mican eine erste Adaption am Maxim Gorki Theater, im Januar hatte Antigone Akgüns Inszenierung in Aachen Premiere). Güçyeter erzählt vom diasporisch-migrantischen Arbeitermilieu. Mehr Wertschätzung, mehr Bewusstsein für die Leistung, die diese Frauen, die Gastarbeiterinnen der ersten Generation, erbracht haben, das ist ein erklärtes Ziel der Regisseurin. Ruth Mensah gehört nicht zur türkischen Community, das ist ihr wichtig zu kommunizieren. Sie und ihr Regieteam nähern sich dem Stoff über ihre eigenen diasporischen Perspektiven.
Sesede Terziyan in "Unser Deutschlandmärchen" von Dinçer Güçyeter am Gorki Theater Berlin © Ute Langkafel | MAIFOTO
Das Sichtbarmachen von Menschen, Geschichten und Verhältnissen ist seit jeher Prinzip des Theaters. Neu ist, dass die Perspektiven hierzulande längst mehr und vielfältiger geworden sind. Da lohnt sich dann eben auch mal ein genauerer Blick auf Ophelia – wie ihn Selen Kara in ihrer "Hamlet/Ophelia"-Inszenierung unternimmt. Auch wenn diesem Unterfangen, Ophelia als Handlungstreibende zu etablieren, das permanente Ringen um Konsistenz und Kausalität durchaus anzumerken ist, so stellt es doch die unbedingt zumutbare Frage: Was wäre, wenn? Was wäre, wenn die Frau nicht als das Andere definiert würde (wie Simone de Beauvoir im Programmheft zitiert wird)? Was wäre, wenn wir die Zuschreibung des Andersseins endlich wieder verlernten?
In Essen geht die Intendanz mutig, klar und fast wie selbstverständlich einen großen Schritt in diese Richtung. Mit Intendantinnen wie Julia Wissert und Selen Kara verändert sich das deutsche Stadttheater.
Sarah Heppekausen lebt und arbeitet im Ruhrgebiet als Theater- und Tanzkritikerin und ist Nachtkritikerin der ersten Stunde. Sie studierte Philosophie, Theaterwissenschaft und Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum, wo sie später auch lehrte. Sie war und ist Mitglied verschiedener Theaterjurys.
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Wie der Artikel treffend bemerkt, gehört zu einer veränderten Repräsentation im Programm auch eine machtausgleichende Praxis. Diese aber wird im deutschen Theateralltag im seltensten Fall tatsächlich umgesetzt. Das Theater bleibt ein hierarchischer und gewaltvoller Raum, in dem die Strukturen geschlossen und unbeeinflussbar von außen sind. Das führt dazu, dass viele Menschen, die zu einer diversen Perspektive auf die Theaterkunst beitragen könnten, aufgrund dieser strukturellen Barrieren keine Möglichkeit haben, in bedeutenden Positionen tätig zu werden.
Ein weiteres Problem ist die Verhaftung des deutschen Theaters am Kanon des klassischen Deutschen Sprechtheaters, der stark von westlich-europäischen, weißen Perspektiven dominiert wird. Auch wenn postmigrantisches Theater zunehmend sichtbarer wird, bleibt die Frage offen, wie sich der kanonische Diskurs durch eine machtausgleichende, postmigrantische Praxis verändern wird. Wie wird der Kanon des Deutschen Theaters durch migrantische Perspektiven erweitert, und inwiefern können diese Perspektiven zu einem grundlegenden Wandel der ästhetischen Grundlagen des Theaters führen?
Die postmigrantische Theaterpraxis kann nicht nur durch programmatische Maßnahmen Veränderung bewirken. Es ist auch nötig, dass die Machtverhältnisse im Theater selbst durchbrochen werden. Die strukturellen Hürden, die viele Künstlerinnen an den Rand drängen, müssen beseitigt werden. Die **Positionen von Dramaturginnen, Regisseurinnen und Intendantinnen**, die über die Inhalte und die Form des Theaters entscheiden, müssen diverser und inklusiver werden. Ohne diese strukturelle Umgestaltung bleibt die Repräsentation von migrantischen Perspektiven im Theater eine symbolische Geste ohne tiefgreifende Wirkung.
Es wird deutlich, dass die tatsächliche Veränderung des deutschen Theaters nur dann möglich ist, wenn Diversität nicht nur als externes Projekt, sondern als zentraler Bestandteil des Theaterbetriebs begriffen wird. Die Herausforderung liegt darin, dass die Institutionen selbst kritisch hinterfragt und neu strukturiert werden müssen. Eine wirkliche Veränderung erfordert nicht nur diverse Inhalte, sondern auch diverse Machtstrukturen. Nur so kann Theater zu einem echten Raum des Widerstands und der Veränderung werden.
Der postmigrantische Turn ist also nicht nur eine Ästhetik des Theaters, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Machtverhältnissen, die das Theater traditionell definieren. Es wird spannend sein zu beobachten, inwieweit sich diese machtausgleichende Praxis in den nächsten Jahren wirklich durchsetzt und das Theater in Deutschland auf tiefgreifende Weise verändert.
Was ist denn genau die Struktur von der ihr alle redet? Konkrete Dynamiken benennen zu können ist wohl out.
Ihr jungen Leute müsst lernen, wahre Verantwortung für euch und andere zu übernehmen. Strukturen aufbauen, kaum Freizeit haben - dann schreibt man auch keine inhaltslosen Abhandlungen auf Nachtkritik.
das ist wirklich sehr, sehr wortblasenreich, was Sie da produzieren. Ihre schematische Sicht auf Strukturen und herzustellende "Gerechtigkeit" verfehlt ganz schön die Individuen, die dann das auch noch machen sollen.
Der Artikel von Sarah Heppekausen macht leider ein bißchen das gleiche. Sehr empathisch, sehr detailliert und zugewandt werden Entwicklungen dargestellt, die wahrscheinlich jede*r in their right mind begrüßen sollte.
Aber dabei komplett unkritisch Shermin Langhoff und Julia Wissert als die Vorzeigeintendantinnen for the change for better anzuführen... das blendet schon krass aus, was an Berichterstattung über den Führungsstil der beiden mit einem Klick verfügbar ist. (SZ oder Tagesspiegel helfen da z.B. weiter - auch Anfragen beim Berliner Senat über das Beschwerdeaufkommen bei Langhoff sind journalistisch echt vertretbar, finde ich)
Die Fluktuation in diesen Häusern ist unfassbar hoch. Alles nachprüfbar, objektiv belegbar und keinesfalls eine Kampagne. (...)
Auf jeden Fall, finde ich es einfach wichtig klar zu differenzieren zwischen einer absolut wünschenswerten kulturpolitischen/gesellschaftlichen Entwicklung und den Individuen, die diese Entwicklung befördern. Leider ist aktuell die Sehnsucht nach leicht, schubladenhaft identifizierbaren Held*innen ohne Fehl und Tadel, denen man "das" einfach nur mal anvertrauen sollte - dann wird schon alles gut, riesengroß. Damit wird mensch aber niemandem gerecht und reproduziert eigentlich einen positiven bias, der höchst angreifbar wird für diejenigen, die diesen Wandel gar nicht wollen. Find ich gefährlich fürs große, gute Projekt change.
__________
(Anm. Redaktion. Eine unüberprüfbare Tatsachenbehauptung wurde entfernt.)
der von Ihnen geschriebene Artikel gibt einen guten Überblick, er leistet viel. Allerdings hat er eine Leerstelle: die Geschichte des Ballhaus Naunynstraße seit 2014.
Wagner Carvalho hatte bereits zur Zeit der Leitung von Shermin Langhoff Schwarze Perspektiven ins Programm eingeführt, u.a. mit der Veranstaltungsreihe „project In / Out“ in 2010. Als wirkmächtige Institution der Nachwuchs- und Quereinstiegsförderung stellt das Ballhaus Naunynstraße ein wichtiges Korrektiv der strukturell rassistischen Ausbildung in Deutschland dar – einige der Protagonist*innen, die heute die deutschsprachige Theaterszene mitprägen, haben hier am Haus angefangen bzw. Aufmerksamkeit erreicht, wie Amina Eisner, Lamin Leroy Gibba oder auch Thelma Buabeng. Seit 2014, seitdem Wagner Carvalho die künstlerische Leitung innehat, ist das Ballhaus Naunynstraße Plattform für Schwarze Künstler'*innen und Artist of Color; für diese konsequente Theaterarbeit wurde das Ballhaus Naunynstraße 2023 mit dem Hauptpreis des Theaterpreises des Bundes geehrt.
Für die Theaterentwicklung der Gegenwart wird hier Wesentliches geleistet; die Anerkennung durch den Bund markiert ein historisches Momentum. Wir bitten Sie, Ihren Artikel zu ergänzen.
Mit freundlichen Grüßen
Wagner Carvalho
P.S: Tunçay Kulaoğlu war von 2008 bis 2013 leitender Dramaturg und von 2013 bis 2014 mit Wagner Carvalho Co-Leiter des Ballhaus Naunynstraße