Spiralblog 80 - Hollywood liegt in Sachsen-Anhalt
Hüller und Hübner east of Harz
4. Juni 2025. Wenn Schauspielstars Regie führen, ist die Presse da, und die große Kunst abwesend. Es sei denn, es passiert in Sachsen-Anhalt.
Von Christian Rakow
Schlussapplaus bei "Penthesile:a:s" samt Speisung fürs Publikum in Halle © chr
4. Juni 2025. Hollywood oder Babelsberg, Hauptsache Sachsen-Anhalt! Sorry, der Andy-Möller-Gedächtnisspruch musste sein. Er passt so gut in diese Wochen, da die Größten unserer Leinwandgrößen im Neuland reüssieren. Nämlich in Regiegefilden.
Die Händel-Stadt Halle ist jetzt Hüller-Stadt. Ich konnte mich unlängst selbst davon überzeugen, als ich dem Regiedebüt von Sandra Hüller "Penhesile:a:s" hinterher reiste und eine rappelvolle Repertoire-Vorstellung an den Bühnen der Saale-Stadt vorfand. Samt heftigen Ovationen am Schluss. Und das, obwohl
- Sandra Hüller in der Produktion nicht selbst auf der Bühne steht
- das Stück alles andere als gefällig ist (es geht um Gewalt zwischen Männern und Frauen)
- die Textform eher zur Andacht als zum Jubel einlädt (langer Monolog in Anlehnung an den antiken Amazonen-Mythos)
- auch bühnenästhetisch keine Kompromisse gemacht werden (im Vordergrund: asketisches Sprechen an Pulten mit dem Rücken zum Publikum; im Hintergrund: eine bedächtig choreographierte Essenszubereitung in einer Wohnküche)
Früher hieß es immer: Stell beliebte Stars auf die Bühne, und Du kannst praktisch jedes Werk an die Leute bringen. Jetzt funktioniert das auch mit Stars hinter den Kulissen! Sachsen-Anhalt macht es vor. In Halle und in Magdeburg (das als Arbeiterstadt sonst immer ein wenig im Schatten des Kulturmagneten Halle steht).
Magdeburg ist Hübner-Stadt, seit Kinoking Charly Hübner mit seiner Adaption von Tolstois "Krieg und Frieden" aus der Feder von Roland Schimmelpfennig am Theater der Landeshauptstadt aufschlug und sogleich die Nr. 1 der nachtkritik-Charts erklomm (wie Hüller vor einigen Wochen auch).
Schade an dieser Verdichtung der Ereignisse ist eigentlich nur, dass Hüllers Schauspiel-Partner Christian Friedel (aus dem Oscar prämierten "The Zone of Interest"), der ja gebürtiger Magdeburger ist, seine Regieausflüge nicht auch noch in Sachsen-Anhalt unternahm. Sondern irgendwo hinterm Harz, in Göttingen oder zuletzt in Frankfurt am Main ("Solaris"). Sonst hätten wir mit Inbrunst ausrufen können: Das Schauspielherz von Deutschland schlägt in Sachsen-Anhalt. Aber hinter den Kulissen!
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