Solaris - Schauspiel Frankfurt
Planet des Wahns
27. April 2025. Für Science Fiction auf der Bühne braucht es den ganz großen Theaterapparat. Und ein Händchen für kluge Effekte. Christian Friedel, als Schauspieler selbst mit allen Leinwand-Wassern gewaschen, besitzt beides. Seine Raumfahrtfantasie "Solaris" nach Stanisław Lem ist Gesamtkunstwerk pur.
Von Jan Tussing
Stanisław Lems "Solaris" in der Regie von Christian Friedel in Frankfurt © Thomas Aurin
27. April 2025. "Solaris" beginnt wie eine Mischung aus Musical und Happening. Zu Live-Musik von Max Mahlert ziehen Nebelschwaden über die dunkel gehaltene Bühne, Lichteffekte zucken, Neonröhren schweben als Spaceshuttle in den Himmel, Scheinwerfer blinken, blitzen und blenden. Der Raum von Fabian Wendling entführt uns in die geheimnisvolle Welt des Planeten Solaris.
Plasma-Meer mit tiefen Rätseln
Dieser Doppelstern-Planet, dessen Oberfläche aus einem Plasma-artigen, scheinbar intelligenten Ozean besteht, gibt Forschern seit Jahren Rätsel auf, die in Form von Zahlenreihen und amorphen Bildstrukturen auf transparenten Vorhängen symbolisiert sind. Drei Wissenschaftler sind regelrecht gepeinigt von der Aufgabe, diese Codes zu knacken: der Kybernetiker Snaut (Arash Nayebbandi), der Biochemiker Sartorius (Stefan Graf) und die Leiterin der Raumstation Gibrarian (Anabel Möbius).
Letztere aber, so wird es der von der Erde entsandte Psychologe Kris Kelvin erfahren, habe sich aus noch nicht nachvollziehbaren Gründen das Leben genommen. Was trieb die rational denkende Gibrarian in den Selbstmord? Steckt der scheinbar allwissende Ozean des Planeten Solaris hinter den Todeswünschen der Wissenschaftlerin? Inwiefern ist der Meeresspiegel von Solaris auch ein Spiegel für die ihn betrachtenden Wissenschaftler? Das ist die Frage, um die sich die kurzweilige und sehr unterhaltsame Bühnenshow dreht: Was lernen die Menschen im Kontakt mit dem sie spiegelnden Ozean Solaris über sich selbst?
Christian Friedels Traumkunstwerk
Christian Friedel, den wir vor allem als Schauspieler auf Bühne und Leinwand kennen (in jüngerer Zeit etwa in "The Zone of Interest"), legt in Frankfurt mit "Solaris" nach dem Roman von Stanisław Lem wieder eine Regiearbeit vor. Unterstützt von seiner Band "Woods of Birnam" und effektvollen Choreografien von Valenti Rocamora i Torà.
Friedel konzentriert sich auf eine Schlüsselszene von "Solaris". Sie handelt von der Begegnung von Kris Kelvin mit seiner verstorbenen Liebe Harey. Dabei lässt Friedel die Rollen der beiden Charaktere von jeweils drei Schauspielerpaaren darstellen. Kris Kelvin wird – mal als Mann, mal als Frau – von Miguel Klein Medina, Anna Kubin, Lotte Schubert und Michael Schütz verkörpert. Und Harey ersteht in Gestalt von Christoph Bornmüller, Torsten Flassig und Annie Novak wieder auf.
Was die Handlung zuerst scheinbar unübersichtlich macht, erweist sich als kongenialer Glücksgriff, als spielerisches, auflockerndes Element. Denn während Michael Schütz die intensive Stimme des Erzählers verkörpert und der Handlung eine Struktur verleiht, lassen die drei wunderbaren Schauspielerpaare, mal dialogisch, mal chorisch, traumartige, (de)konstruierte Bilder entstehen. Bilder, die die Handlung vorantreiben und lange nachhallen.
Cirque du Solaris
Kris Kelvin trifft also auf die verstorbene Harey. Wie kann das sein? Sind es bösartige Halluzinationen oder epileptische Anfälle? Sind es traumartige Erinnerungen oder doch die Projektionen des fremden Planeten? Die Wissenschaftler der Solaris-Forschungsstation treibt es langsam in den Wahnsinn. Denn eines wird zunehmend klar: Solaris konfrontiert die Forschenden mit sich selbst – mit ihren Schuldgefühlen und ihren belasteten Erinnerungen. Und das wirft quälende Fragen auf: Wer bin ich? Was ist wahr? Und was macht mich zum Menschen, wenn es noch eine täuschend echte Kopie von mir gibt?
Forscher in der Selbsterkenntnisglocke: Lotte Schubert, Stefan Graf, Anna Kubin, Arash Nayebbandi und Miguel Klein Medina © Thomas Aurin Bühnen Frankfurt
Friedel verwebt die existentiellen Fragen des Romans nach den Grenzen menschlichen Denkens zu einer perspektivreichen Erzählung. Er schafft mit seinem anspruchsvollen Video- und Lichtspektakel (Video: Clemens Walter, Licht: Marcel Heyde) traumartige Szenen, die einem Hollywoodfilm in nichts nachstehen. Und die eigens für diesen Abend komponierte elektronische Musik seiner Band "Woods of Birnam" schafft eine soghafte Dynamik. Wummernde Musik, trommelartige Wirbel und ein sphärischer Klangteppich tragen die Handlung. Besonders beeindruckend dabei: die Gesangseinlagen der Schauspielerinnen.
Die aufwändig inszenierte, hochkomplexe Bühnenproduktion wird dank der vielen wohl dosierten, visuellen und akustischen Effekte zu einem lebendigen Gesamtkunstwerk. Cirque du Solaris sozusagen. Ein unvergesslicher, geradezu immersiver Theaterabend.
Solaris
nach Stanisław Lem
Aus dem Polnischen von Irmtraud Zimmermann-Göllheim
Für die Bühne bearbeitet von Christian Friedel
Regie: Christian Friedel, Bühne: Fabian Wendling, Kostüme: Ellen Hofmann, Musik: Woods of Birnam, Zusätzliche Lyrics, Robert Gwisdek, Video: Clemens Walter, Licht: Marcel Heyde, Dramaturgie: Lukas Schmelmer, Choreografie: Valenti Rocamora i Torà.
Mit: Miguel Klein Medina, Anna Kubin, Lotte Schubert, Michael Schütz, (alle Kris Kelvin) Christoph Bornmüller, Torsten Flassig, Annie Nowak (alle: Harey), Stefan Graf (Sartorius), Anabel Möbius (Gibarian), Snaut, (Arash Nayebbandi), Polytheria (Ensemble), Live-Musik (Max Mahlert).
Premiere am 26. April 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de
Kritikenrundschau
"Die welthaltige Dystopie, sie schrumpelt zu einem inneren Bewusstseinsdrama zusammen", berichtet Björn Hayer in der taz (28.4.25). Von Anfang an gleiche die Inszenierung "einem UFO, das bezugslos, fern unserer Gegenwart im Weltraum" schwebe. Es gelte "an diesem höchst zweigeteilten Abend, der zähflüssig zu erzählen, aber emotional zu berühren" vermöge, das Motto: "Wo es an Ideen mangelt, rettet die Show."
"‘Solaris‘ ist eine gewaltige Projektionsfläche für Ideen", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (28.4.25). "In Frankfurt haben sie sich für eine große Revue entschieden." Es gebe darin zwar "gescheite" Ideen, aber da "der allgemein melancholische Cirque-de-Solaris-Anteil die Oberhand" gewinne, würden das Theater und Lems "Solaris" letztlich davon zerrieben.
Die Mittel der Science-Fiction-Filme scheine Friedels Inszenierung im Theater noch übertreffen zu wollen, so Jan Wiele in der FAZ Rhein-Main Zeitung (28.4.2025). Zunächst gelinge das mit einem multimedialen Rausch eindrücklicher als auf mancher Leinwand. "Das Pulver scheint mit dem im Chor gesungenen Song 'Symmetriaden' über die dem Ozean entstiegenen Schein-Menschen aber früh verschossen, danach laufen zwei Stunden lang Versatzstücke aus dem Roman, auf die man sich mühsam einen Reim machen muss." Und auch herrsche bald maximale Verwirrung darüber, wer wer ist, und wer überhaupt noch lebt.
Christian Friedels Inszenierung kranke nahezu an allen Symptomen aktueller Theater-Krise, so Michael Kluger in der Frankfurter Neue Presse (28.4.2025). Sie werde der philosophischen Substanz der Vorlage nicht gerecht, biete gegenüber der Lektüre des Romans keinerlei Mehrwert. "Im Gegenteil: Sie verwirrt, verdunkelt, verflacht. Der Zuschauer versteht im wesentlichen Bahnhof."
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