Der lange Ritt der Vulvenarmee

18. April 2025. Die antiken Attacken der Amazonen auf die griechischen Kerle um Achilles verlegt Autorin MarDi in die Gegenwart des Feminismus. Dessen Kampfplatz ist in der Regie von Sandra Hüller (ja, die Sandra Hüller!) und Tom Schneider eine Küche. Wo's brodelt. Und die Suppe ist zum Auslöffeln da.

Von Matthias Schmidt

MarDis "Penthesile:a:s" in der Regie von Sandra Hüller / Tom Schneider in Halle © Falk Wenzel

18. April 2025. Dieses Stück enthält Sätze, die den Atem stocken lassen, und Dialoge, die nur die ganz Großen der Zunft zustande bringen: "Wir hätten uns lieben können." – "Ich wollte lieber eine andere Welt bauen."

Autorin MarDi genügt es nicht, den antiken Stoff vom Kampf der Amazonen gegen die Griechen neu zu interpretieren. MarDi überschreibt ihn radikal. Wenn sie von Penthesile:a:s spricht, meint sie nicht die eine Frau, sondern alle. Mit Achill:e:s alle Männer. Am Ende des Textes schafft sie sogar alle Geschlechter und Rollen ab, übrig bleibt nur ein "Wir" aus lauter Gleichen und eine Einladung ans Publikum, sich gemeinsam mit dem Ensemble an eine lange Tafel auf der Bühne zu setzen.

Kopflastiges Sprach- und Gedanken-Theater

Der Weg dahin ist knapp anderthalb Stunden lang und doch nicht ohne Längen. Man kann die erste Inszenierung des FARN-Teams um Sandra Hüller und Tom Schneider in Halle eine sehr konzentrierte Arbeit nennen. Genauso gut aber könnte man auch sagen, dass diese über weite Strecken sehr monotone Umsetzung des anspruchsvollen Textes etwas sehr kopflastig ist. Großartiges, kluges Sprach- und Gedanken-Theater ist das und weniger ein Fest für die Sinne. Bis auf das Ende, da ist es umgekehrt.

Das Regiekonzept des Abends ist es, Spiel und Text zu trennen. Fast eine Stunde dauert es, bis zum ersten Mal eine Schauspielerin das Publikum frontal anspricht. Bis dahin werden die Texte mit dem Rücken zum Publikum gesprochen, ohne Zuordnung zu einer Person auf der Bühne. Das Ensemble sitzt dabei in einer "Orchesterreihe" vor der Publikumstribüne. Alle sprechen alle, sozusagen. Hübsche Idee, wobei es schon auch Vorteile hat, wenn man als Zuschauer weiß, wer gerade etwas sagt. Man kann die Schauspieler zuordnen, ihnen folgen, sie verstehen, zum Beispiel. Und man langweilt sich nicht so schnell.

Speer und Schwanz steil aufgerichtet

Ihren Grund hat die Methode darin, dass das Stück eine Handlung im herkömmlichen Sinn nicht hat. Eingangs wird in wenigen, chorisch gesprochenen Sätzen geklärt, dass wir auf dem Schlachtfeld sind. Penthesile:a:s, hören wir, reitet wuchtvoll mit ihrer Stute in Achill:e:s hinein (dessen Speer und Schwanz steil aufgerichtet sind, wie es heißt).

Dann folgt der Hauptteil: ein langer Dialog zwischen beiden, und man hat nun zwei Möglichkeiten: Entweder man folgt der wuchtigen Poesie des Textes, seinem raffiniert zwischen kriegerisch und emotional sinnlich changierenden Rhythmus, oder man schaut in ein Küchenfenster in der Mitte des Bühnenbildes und versucht, dessen Zusammenhang mit dem Text zu erschließen.

Penthesileas 4 CFalk Wenzel uMit dem Rücken zum Publikum: das Ensemble in "Penthesile:a:s" © Falk Wenzel

Ab und zu stehen Schauspieler auf, gehen in diese Küche und beginnen dort, eine Suppe zuzubereiten. Soweit man das aus der Distanz erkennen kann, die Düfte deuten aber darauf hin. Dabei spielt jeder jeden, die Texte kommen weiter aus dem Off, und die inhaltliche Motivation dieser Küchen-Ersatz-Handlung bleibt (noch) ein Regie-Geheimnis. Monotone Klangflächen wabern durch den Saal, Tendenz zu düster, und ich stelle mir vor, dass das mit geschlossenen Augen wahrscheinlich auch ziemlich beeindruckend wirken würde.

Speisung der Vielen

Inhaltlich schlägt das Stück gleich zwei Richtungen ein. Die eine ist: Anklage. Rache. Eine Amazonenschlacht, in der eine "Vulvenarmee" gegen die Männer reitet, gegen alles, was sie Frauen seit Jahrhunderten angetan haben. Das sind die lauten Momente der Inszenierung, da wird sie wütend und schlägt Brücken in die Gegenwart, angetrieben von nun technoiden Sounds. Aus dem Getöse wird, zweitens, eine Vision von einer besseren Welt. Das Ende des Abends naht und mit ihm die Sehnsucht nach einer Welt "ohne Kriege, ohne Helden".

Aus dem anfangs so literarischen Text wird nun ein politisches Manifest, dessen Agenda eine Utopie ist: "Wir ist da. Weder Mann, weder Frau, weder Volk … kein Wachstum, kein Fortschritt … eine lebenswichtige, notwendige Transformation." Sprachlich ist das eher Agit-Prop als Weltliteratur, aber es beruht auf einem schönen Traum: dass die Welt, der es momentan so sehr an Utopien mangelt, eine bessere werde – wer könnte dem widersprechen? Höchstens Utopien-Kenner, die wissen, dass es immer schiefgeht, wenn der Einzelne nichts gilt und gleichgemacht wird, was nicht gleich ist. Sei's drum, man wird ja wohl noch träumen dürfen, und genau das findet nun auf der Bühne statt.

Penthesileas 2 CFalk Wenzel uIn der Küche der Wahrheit: Elke Richter, Sybille Kreß, Aline Bucher, Alina Konieczny, Nicoline Schubert, Elea-Darja Fellmann, Jennifer Krannich und Tristan Becker © Falk Wenzel

Dazu erklingt erstmals am Abend lebensbejahende Musik (klingt nach Kalifornien, circa 1968), das Licht geht an, eine lange Tafel wird aufgebaut und das Publikum auf die Bühne geladen. Das ist fast ein bisschen kitschig, aber man versteht nun endlich, warum man zuvor anderthalb Stunden in das Küchenfenster geguckt hat, hinter dem Gemüse geschnitten und gekocht wurde, unterbrochen von Slow-Motion-Choreografien im Halbdunkel und dem nicht enden wollenden Händewaschen. Damit man die Suppe jetzt auslöffeln kann. Und zwar gemeinsam. Wie schön, wie versöhnlich! Dieser Abend von Sandra Hüller und dem FARN-Kollektiv ist ein Genuss, wenn auch kein leichter. Weil er wagemutig ist, indem er ein Stück, das einen antiken Stoff überschreibt, mit einer völlig anderen Handlung nochmals überschreibt.

 

Penthesile:a:s – Amazonenkampf
von MarDi
Aus dem Französischen von Dorothea Arnold und Fanny Bouquet
Regie: Sandra Hüller und Tom Schneider (FARN collective). Bühne und Kostüme: Nadja Sofie Eller. Musik: Moritz Bossmann. Chorleitung: Toni Jessen. Dramaturgie: Uwe Gössel.
Mit: Aline Bucher. Elea-Darja Fellmann. Alina Konieczny. Jennifer Krannich. Sybille Kreß. Elke Richter. Nicoline Schubert. Tristan Becker. Lukas Coleselli. Leon Höhne. Alexander Pensel. Matthias Walter.
Deutsche Erstaufführung am 17. April 2025
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause

www.buehnen-halle.de/de/neues-theater


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  • Sandra Hüller spielte selbst die Amazone Penthesilea bei den Salzburger Festspielen und am Schauspielhaus Bochum 2018 in der Kleist-Inszenierung von Johan Simons. Achilles wurde von Jens Harzer verkörpert.

Kritikenrundschau

Georg Kasch lobt im Deutschlandfunk Kultur (17.4.2025) die sehr präzise Choreografie. "Alles hatte so eine Anmut, eine Präzision!" Auch wenn die Arbeit ein bisschen sperrig gewesen sei, dürfe es von solchen Produktionen durchaus ein paar mehr geben. Der Kritiker freut sich auf weitere Regiearbeiten von Sandra Hüller.

"Das ist großes Bildertheater, das dem Zuschauer viel Raum gibt, sich mit seinen eigenen Erlebnissen einzubringen", so Stefan Petraschewsky auf MDR Kultur (18.4.2025). "Ein eigenwilliger Theaterabend, der mit Text, Bild und Klang erst Appetit im Kopf macht und dann im Bauch."

Die Inszenierung setze der abstrakten Energie des Textes die Abstraktionen von Bühne und Spiel entgegen, sagt Michael Laages im Deutschlandfunk (18.4.2025). Später treibe die sehr fein organisierte Choreographie das sehr beeindruckende Ensemble in gut erkennbare Wiederholungen hinein. Generell sei der Abend enorm musikalisch grundiert. Sandra Hüller binde diese Musikalität in Text und Ton des Ensembles. Das Essen am Schluss sei keine ganz neue Idee, führe aber die Abstraktionen des Abends zueinander.

Sandra Hüller und Tom Schneider machen den Text "zu einer Art raunender Wortmusik (...), bei der nicht einfach der Kampf der Geschlechter dominiert (...), sondern weite Denk- und Assoziationsräume geöffnet werden", lobt Joachim Lange zunächst in der Mitteldeutschen Zeitung (19.4.2025), zieht sich dann aber doch eher skeptisch zurück: Die Inszenierung sei "ein Theatermenü, das nur mit der Bereitschaft des Publikums, sich darauf einzulassen, die Faszination seiner Wortpoesie (wie Rotwein) nach und nach entfaltet. Die Kunstanstrengung jenseits des Ortsüblichen ist enorm." Sandra Hüller bleibe mit ihrem Penthesilea-Duett mit Jens Harzer in Salzburg und Bochum in Erinnerung. 

Eine "leise und ziemlich unterspannte Inszenierung" hat Erik Zielke gesehen und schreibt im nd (19.4.2025). "Erzeugt der Widerspruch von häuslicher Umgebung und martialischem Text anfangs durchaus eine Spannung, verfliegt diese Wirkung sehr schnell. Diese sehr konkrete Bühnensituation verkleinert das Problem des Geschlechterkriegs auf unangemessene Weise." Und der Schauwert, den die Verrichtung alltäglicher Küchentätigkeiten bietet, sei leider sehr begrenzt.

"Sandra Hüller, die mit ihrem Regie-Debüt offenbar einen moralpolitischen Punkt gegen den männerdominierten Betrieb machen will, inszeniert das Ganze etwas hilflos als hörspielhafte Collage", schreibt Simon Strauß in der FAZ (online 20.4.2025). "Von einem wirklichen Geschehen kann nicht berichtet werden, stattdessen fallen theorietrompetende Sätze durcheinander und ermüden den Sinn." Tristan Beckers Physis jedoch helfe, den Abend zu überstehen. "Denn je öfter die Gender-Guillotine fällt ('Wir ist da. Weder Mann, weder Frau, weder Volk…eine notwendige Transformation'), umso anziehender wirkt die Physis dieses jungen Mannes." In seinem Ausdruck komme "die Gelassenheit eines Ichs zum Vorschein, das sich um den Anderen sorgt, das ihn furchtbar vermissen, grenzenlos bewundern kann".

"Was an dem Abend geköchelt wird, folgt einem einfachen Rezept: Ein Text, der angesagte Themen so abstrakt verhandelt, dass es nicht einmal stört, dass die Konkretion dazu das gemeinsame Löffeln der Suppe ist. Gewürzt wird das Ganze mit einem kräftigen Schuss Starbonus: Hüllers Regiedebüt (mit Ko-Regisseur Tom Schneider)! Wer sich jedoch erinnert, wie die oscarnominierte Ausnahmeschauspielerin ('Anatomie eines Falls', 'Zone of Interest') mit Jens Harzer zusammen 'Penthesilea' spielte, dürfte – trotz Suppe – nach 'Penthesile:a:s' ästhetisch hungrig geblieben sein", schreibt Jakob Hayner in der Welt (19.4.2025).

Kommentare  
Penthesilea, Halle: Kunstquark
"Der Weg dahin ist knapp anderthalb Stunden lang und doch nicht ohne Längen." wirklich? 90 minuten ohne längen, wow! mir kamen diese minütchen gestern vor wie 5 stunden. dazu noch dieser gequirlte kunstquark, 'tschuldigung. aber wirklich mal. wenn da nicht sandra hüller drunter stünde würde man es verreißen. zurecht. aber so darf man wohl nicht zugeben, dass es eine verquaste hirngeburt einer außergewöhnlichen schauspielerin, aber kleingeistigen regie ist.
Penthesilea, Halle: Viel zu entdecken
Mir wurde in den 90 Minuten nicht ein einziges Mal langweilig, im Gegenteil. Die ganze Zeit gab es für mich viel zu entdecken, zu assozieren, zu hören, selbst da zu sein. In seiner Konsequenz hat mich das total abgeholt, in der Liebe zum Detail und den genau gearbeiteten Texten, in der Ambivalenz, die mich dazu fordert, mich selbst ins Verhältnis zu setzen zu diesen Menschen in der Küche und dem großen Text. Wer sich darauf einlassen kann, wird (nicht nur mit Suppe) belohnt.
Penthesilea, Halle: Realität ist gnadenlos
Liebe Jana S.bitte seien Sie doch behutsam, wenn sich Spieler:innen und Regiepersonen ins Neuland wagen.
Muss den Ihre Wortwahl
jeder Sekunde dieses Theaterabends
auf der Stelle
den Kopf abhacken?
Ich würde Ihnen - und Uns Allen wünschen, daß Wir Uns mehr im Betrachten und Beobachten üben.
Wo, wenn nicht imTheater - die Realität ist ja gnadenlos genug.

Auch, wenn Ihnen der Abend nicht gefällt :Es schmerzt mich, daß eine wochenlange Arbeit so verbal zermalmt wird.
Bitte nicht!
Penthesilea, Halle: Wert der Arbeit
Liebe/r Naturschutz, ich kann das nur unterschreiben, eben weil Kunst nicht nur Geschmacksache ist/bleibt oder als Versuch scheitern darf/muss. Es gebührt sich, egal ob man es hasst der liebt, Respekt vor der Arbeit der Teams zu haben. Lust am Verriss ist wirklicher Quark.
Penthesilea, Halle: Belege
Jana S. Kritik

Sakra! Was für eine Kritik! In meinem Kopf entsteht kein Bild zu "gequirlte kunstquark". Was soll das sein? Bin ich zu blöde dafür, diesen Begriff zu verstehen? Was ist "verquaste Hirngeburt"? Geht es auch verständlicher? Warum nicht das Theater verlassen, wenn es zu langatmig wird? Warum diese boshafte Kritik an Frau Hüller ohne einen sachlichen Beleg zu liefern? Warum diese garstige Kritik und die Unterstellung, das das Stück nur deshalb gut bewertet wird, weil Frau Hüller Regie geführt hat? Nachvollziehbar ist diese Meinung für mich nicht. Es fehlen die entsprechenden sachlichen Belege für "Kunstquark" oder "verquaste Hirngeburt".
Penthesilea, Halle: Erstaunlich
Respekt vor der Arbeit der Teams?! In der Nachtkritik-Kommentarspalte!??
Sorry, Polonius, aber ich bin mir fast sicher, dass #3 den Kommentar ironisch gemeint hat.
Penthesilea, Halle: Als Nachmieter gesprochen
Geehrter Mieter, muß tatsächlich erst jemand darauf hinweisen, daß auch die Kommentare 2 und 4 in der Nachtkritik-Kommentarspalte stehen ? Sind diese -Ihrer Logik folgend- jetzt Vorbereitung bzw. Verlängerung jener Ironie, die Sie aus dem Kommentar 3 herausgelesen haben wollen ??

Aus den von Matthias Schmidt geschriebenen Zeilen, auch wenn ich tatsächlich an ein solches Wir nicht glaube -ganz wie der Nachtkritiker schreibt-, ergibt sich in summa doch eher das Bild von einem spannenden Versuch, der mich ua. zurückerinnert an den Spiralblog 28 und wie darin das Zwergflußpferdbaby Toni sowie Papa Panda mit unterschiedlichem Erfolg dem Publikum den Rücken zudrehen (wie zuweilen der Pope in der christlich-orthodoxen Liturgie), hier als antiker Chor sozusagen menschlicher Natur, und dazu, auch das fanden wir in Nachtkritik angeregt, am 14.1. nämlich, von einem Stück „kulinarischen Theaters“; also ich würd mir das anschauen mögen..
Penthesileas, Halle: Kritik und Krise
Bemerkenswert, wie groß die Lust am (hämischen, schnellen) Verriss der Inszenierung ist. Nur Petraschewsky im MDR und Laages in der deutschen Bühne versuchen überhaupt, sich darauf einzulassen, was da versucht wurde in Halle - dabei sollte man doch meinen, dass gerade die Kritiker (was die Kritiken betrifft, ist das kein generisches Maskulinum; es schreiben nur Männer) geschult darin sind, dass es fürs Verstehen manchmal genaueres Hinschauen und feineres Hinhören und auch eine Skepsis gegenüber den eigenen Wahrnehmungen braucht.

Zum Ärgerlichen in Gänze: https://tagkritik.de/sandra_hueller_penthesileas/
Penthesileas, Halle: Transportweg
Hallo in die Runde!
Unterhaltung ist doch aber auch ein Transportweg für Inhalte. Sie sorgt dafür , dass ich körperlich in der Lage bin (durch Witz , Spannung, Trauer oder Erschrecken) den Inhalt wahrzunehmen. Ich finde es im
Theater, und gerade im
Theater, äusserst legitim, Langeweile zu beklagen! Das gehört mit zum Regie - Handwerk Inhalte konsumierbar zu machen. Ich habe diesen Abend nicht gesehen, kann also dazu nichts sagen, aber ich würde schon behaupten wollen : wer das nicht kann, der kann das nicht. Egal wie er/sie/es heißt.
Gruß
Penthesileas, Halle: Einmaleins
Hallo Martin! Ist das Publikum am Ende des Transportwegs denn nur ein Lager, das gefüllt werden muss? Ist die Regie nur ein guter Lieferant, wenn sich ihre Pakete stapeln lassen? Die sperrigen auf Selbstabholung will ich keinesfalls missen! Schnürt sich das Publikum das Päckchen nicht sogar selbst und stellt es sich auch zu? Vielleicht verlässt es den schnellsten Lieferweg, nimmt eine Ausfahrt und landet am Meer. An einem solchen bin ich mal mehrere Stunden entlangspaziert und stelle fest: So gut habe ich mich noch nie gelangweilt.

Und dabei möchte ich im Theater unterhalten werden! Es hat glaube ich nur wenig mit der Vermittlung von Inhalten zu tun. Inhalte merke ich mir in der Regel bei Inszenierungen, die irgendwo “sperrig” sind, denn genau solche Arbeiten schließen Gefühlsräume auf, die ich bisher nicht kenne; ich muss plötzlich anders assoziieren, um ihnen zu folgen. Erst das bleibt im Gedächtnis, führt zu einer wirklich neuen Sicht auf die Dinge, “transportiert” sich in diesem Sinne. Es muss auch gut inszeniert, gespielt usw. sein, damit man daran nicht hängen bleibt. Dass das aber nur Formen einschließt, in dem das kleine Einmaleins des Entertainments gebracht wird, entspricht nicht meiner Erfahrung.
Penthesileas, Halle: Einmaleins der Transportwege
... die schlechtesten Inszenierungen, die ich in den letzten Jahren gesehen habe, behandelten ihr Publikum wie zu beliefernde, konsumierende Kund:innen und/oder saßen einem Kunstbegriff auf, der sich darin erschöpft, irgendetwas (von anderswoher vermeintlich Gewusstes) sinnlich oder witzig verpacken zu wollen. Und gerade Unterhaltung "passiert" einem doch nicht oder zumindest nicht immer einfach so, die eigene Wahrnehmung ist ja kein der Umwelt ausgeliefertes, unbeschriebenes Blatt. Wenn man in die Kritiken schaut, bekommt man fast den Eindruck, ein Teil der Herren Kritiker kam so schnell in die abwehrenden Affektreaktionen, dass sie dann halt sahen, was sie überall sehen und erwarten - und haben sich dann an sich selbst gelangweilt, ohne es zu merken. Aufs anders sehen, hören, assoziieren (...) muss man sich halt auch einlassen können (wollen).
Penthesileas, Halle: Schwacher Text
Wie schade, 12 Schauspieler*innen, deren wahrscheinliches Können sich auf die wenigen, anfangs nur schwer, am Ende eher trivial mit dem Text in Verbindung zu bringenden Handlungen beschränken muss. Denn man hört ihnen gerne zu. Und offenbar ist das auch eine der Regie-Ideen: Konzentriere dich auf den Text, die Schauspieler*innen lenken dich nur ab, schauten sie dich an. Nur leider bewegen sich weder der Text noch das Geschehen in der Küche durchgehend auf dem Niveau, welches den behaupteten Assoziationsraum zwischen Sprecher*innen und der Küche entstehen ließe. Die „Bühne“ bleibt quasi leer.
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