Ist es die Hinfahrt? Ist es die Rückfahrt?

von Hartmut Krug

Kassel, 2. März 2008. In Theresia Walsers für das Staatstheater Kassel geschriebenem Auftragswerk "Morgen in Katar" ist ein rundes, buntes Dutzend von Reisenden unterwegs in bewegt stockender Redeflucht: darunter eine blonde Frau und eine Architektin mit Zahnweh, ein Geschäftsmann mit Headset, der alle an seinen Telefonaten teilnehmen lässt, und ein Araber mit Kopfhörer, der ganz bei sich bleibt, Christian (Anfang 40, heruntergekommene Jünglingshaftigkeit) und das spießige Ehepaar Edith und Arnold (beide Mitte 50). Menschen in einem Zugwaggon, eingesperrt im Stillstand nach einem Unfall mit "Personenschaden", einander und sich selbst unbekannt. "Stille" lautet die häufigste Regieanweisung, aber die Menschen reden unentwegt gegen die innere Leere und äußere Stille an.

 

Zwischen Wort und Wirklichkeit

Wahrnehmungsschwäche ist ein grundsätzliches Problem dieser Menschen, was Edith mit den ersten Worten des Stücks auf den Punkt bringt. "Wenn man nicht wüsste, dass es die Rückfahrt ist, könnte man meinen, es sei die Hinfahrt." Stets wird nach den richtigen Wörtern gesucht. Ob Wüntrop, ein Mann, der als Kulturdirektor in Katar einen neuen Louvre bauen will und die Zukunft in der anderen, fernen Welt sieht (eben "Morgen in Katar"),  sich "von" oder "aus" Deutschland abgemeldet hat, wird lange besprochen. Oder es wird protestiert, wenn jemand immer vom Menschen spricht oder, statt "Ich" zu sagen, alle anderen im "Wir" vereinnahmt.

Die Menschen, die Wirklichkeit, ihre Wahrnehmungen und ihre Worte, sie finden bei Theresia Walser nicht zusammen. Oder, wie es ein Kritiker einmal positiv formuliert hat: Theresia Walsers Figuren sind Nischenbewohner zwischen Wort und Wirklichkeit. Wer hier redet, erklärt nicht, sondern klingt – in einem ganz eigenen, poetischen Sound. Ein bisschen schräg, oft komisch pointiert, nie aber eindeutig oder gar sozial erklärend. Was zum Beispiel die junge Therese Dörr, die die "Blonde Frau", die von ihren Erfahrungen mit der Stille in der Wüste erzählt und immer wieder mit merkwürdigen, fast surrealen Überlegungen in die Zwangsgemeinschaft der Stillgestellten platzt, mit schöner Beiläufigkeit auszuspielen vermag.

Suchbewegungen in der Wohlfühldramatik

Zwar öffnen sich die Reisenden nach dem Genuss von Alkoholika einander immer mehr, doch die Masken fallen nicht völlig und die Konflikte spitzen sich nicht allzu sehr zu. Das Stück bleibt immer in einer Mittellage, als eine etwas brave, kritisch am ziehenden Existenzschmerz seiner Figuren kratzende Wohlfühldramatik. Weshalb die rund zweistündige, durchaus unterhaltsame pausenlose Inszenierung auch immer mal wieder durchhängt.

Die Walser-erfahrene Regisseurin Schirin Khodadadian arbeitet die immanente Komik vieler Szenen so leicht wie bühnenwirksam heraus, ohne allzu sehr auf Wirkung zu setzen. Im besten Fall haftet an den Figuren ein Rest von Mehrdeutigkeit. Denn die Figuren und das Stück haben keine Botschaft, sondern vollführen für und vor uns Suchbewegungen.

Beifall für Traumfiguren

Die Bühnenbildnerin Ulrike Obermüller hat eine schmale, nach vorn geneigte Spielfläche in die Mitte der leeren Bühne gehängt. Auf ihr wird Theater gespielt, erklärt uns die Regisseurin und lässt den Darsteller des Schaffners zu Beginn den Raum einrichten: er schleppt Koffer herbei, rollt den Teppich im Mittelgang aus, holt sich seine Schaffnermütze aus einem Koffer und lässt die anderen Schauspieler auf die Bühne. Gespielt wird in einem engen Raum mit Zugsitzen, aber auch mit normalen Holzstühlen, das wirkt wie ein Zitat für die Bedeutungsebene des ungemütlichen Eingesperrtseins.

Wenn die meisten Reisenden am Schluss diesen Raum verlassen, verlieren sie sich um ihn herum in und als Traumfiguren. Betend im Sand, im Araber-Burnus, einen rüsselschwingenden Elefanten markierend – eben spielend wie Kinder auf imaginären Gleisen, die sich in einer undeutlichen Zukunft verlieren, für die Walsers Figuren die ganze Zeit den eigenen Ort gesucht haben. Wie dies, von einem so disziplinierten wie animierten Ensemble mit lockerem Witz gespielt, von Regisseurin Schirin Khodadadian mit wohltemperierter Genauigkeit inszeniert, zur Bühnenwirksamkeit gebracht wurde, das brachte Theresia Walsers solidem, nicht vollständig überzeugendem Stück bei seiner Uraufführung in Kassel große Zustimmung vom Publikum ein.

 

Morgen in Katar
von Theresia Walser, UA
Regie: Schirin Khodadadian, Ausstattung: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath.
Mit: Birte Leest, Therese Dörr, Jürgen Wink, Eva-Maria Keller, Andreas Beck, Nico Link, Uwe Rohbeck, Hans-Werner Leupelt, Max Engelke, Aljoscha Langel, Christina Weiser.

www.staatstheaterkassel.de

 

Mehr zu Schirin Khodadadian: Jungfrau von Orleans, Dezember 2007 in Mainz. Endstation Sehnsucht, September 2007 in Essen.

 

Kritikenrundschau

Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (4.3.2008) hebt an mit einem Lob des Zugabteils als idealer theatralischer Umgebung ("Versuchslabor fürs Menschsein als Gruppe schlechthin") und wundert sich, dass sich das Theater dies bisher habe entgehen lassen. Nach Ansicht von Ulrike Obermüllers Bühnenbild in Kassel, glaubt er zu wissen, warum: "Es ist einfach extrem schwierig, eine funktionierende Zugbühne zu bauen." Theresia Walser nun greife "hinein ins pralle Zugleben, in die menschlichen Blößen zwischen weiblicher Schrulle und männlichem Kontrollgehabe." Sie sei eine "Dramatikerin des skurrilen Humors" und entwickle die Figuren (die eigentlich "weniger Personen als Stimmen oder Instrumente" seien) "aus einer eigensinnigen Sprachfantasie". Zur Regie Schirin Khodadadians schreibt er, dass sie "realistischer" sei als bei einer früheren Walser-Inszenierung und dass sie "bemerkenswert gut" gelungen sei. Die Rollen seien "nicht immer brillant", aber "durchweg solide" besetzt worden.


Für die Süddeutsche Zeitung (4.3.2008) war Till Briegleb in Kassel. Genau wie Michalzik beginnt er mit Gedanken über das Setting Zugabteil, hat aber offenbar durchaus weitere Zug-Stücke im Kopf, denn er unterscheidet zwei szenische Herangehensweisen: Entweder entwickle sich das Interessante aus dem Alltäglichen oder es geschehe "etwas Ungewöhnliches". Theresia Walser hätte Letzteres gewählt und "montiert aus (...) Stereotypen ein Geflecht der verbalen Entblößungen und sprechenden Kleinigkeiten, aus dem ohne große Konflikte ein sehr unterhaltsames Porträt deutscher Lauheit entsteht". Das Fesselnde des Stückes liege an dem "Schwebezustand aus Traurigkeit und Komik, den sie komponiert". Schirin Khodadadian, die zum dritten Mal ein Walser-Stück inszeniert, nähere sich der Sache "sehr gemütvoll" und eindeutig der Komödie zugeneigt. Es fehle "das Zehrende, die Denkpause, die Würde des Scheiterns". Stattdessen zeige sie Typentheater mit richtig gesetzten Pointen. "So bleibt das Gemeine an Walsers Beobachtungen hinter der Fassade der Unterhaltung versteckt".

Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tageblatt (4.3.2008) fühlt sich bei der Grundsituation gleichfalls an Bekanntes erinnert. Mit dem Festhängen der Figuren im Abteil begönnen jedoch die Schwierigkeiten für die Regie. Die Entwicklung "unterschiedlicher Charaktere" durch die Schauspieler wirke "eher konstruiert als überzeugend". Das Personal erwecke zwar "den Anschein, aus dem Leben gegriffen zu sein", sei aber "doch immer wieder weit weg davon". Einige spielten "mehr am Rande" mit und wirken auf den Kritiker wie "von der Autorin ein wenig dort liegengelassen". Wieder mal sieht er bei Walser "ein schräges Personal an einem alltäglichen Ort", diesmal eben ein Zugabteil, was die Figuren deutlich einschränke: "Hier kann nicht geturnt, nur in Maßen geposed und kaum flaniert werden. Hier sitzt man. Oder schiebt sich sparsam durch die Sitzreihen." Plätscherndes Geschehen bei "fehlender dramaturgischer Spannung".

In der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (4.3.2008) notiert Bettina Fraschke, dass Theresia Walser "mit dem Eingeschlossensein" arbeite und urteilt bündig: "Aus der geschliffen schön formulierten Vorlage, die aber inhaltlich kaum Überraschungen bietet, zeichnen Khodadadian und das grandiose Ensemble Porträts voller Witz und berührender Vielschichtigkeit. Trotzdem werden die gut zwei Stunden manchmal etwas lang." Der "fließende Beginn", an dem Aljoscha Langel als Schaffner Koffer auf die Rampe räumt, zeige, dass Schirin Khodadadian das Stück als "Dialog-Experiment" auffasse. Zum Schluss überwinde die Regisseurin dann "Grenzen", wenn sie jeden Reisenden im Sand neben der Rampe seinen Platz finden lässt. Man "wartet, träumt, baut aus dem Anorak einen Elefantenrüssel. Versunken in der stillen Selbstbeschäftigung weitet sich der Raum ins Surreale. Endlich angekommen. Langer Applaus."

In der Zeit (6.3.2008) deutet Peter Kümmel "Morgen in Katar" als "Wir-Stück", als "eine Gruppenentblößung im Zeichen des Todes", dabei der "Dramaturgie von Ausnahmezustand und Zufallsgruppe" folgend. Es sei ein "unendlich liebevoll gemachtes Stück, (...) eine feine Bastelarbeit". Jede Figur trage "ihren eigenen engen Horizont greifbar mit sich, als hätte man ihr eine Ich-Schneekugel gleich einem durchsichtigen Raumfahrerhelm auf den Kopf geschraubt": Man sehe immerzu, "was jeder (...) im Kopfe hat, was in seinem Inneren herumwirbelt." Nicht eigentlich Theaterfiguren reagierten hier "auf- und miteinander, sondern Register des Komischen: Das Valentineske (...), das Gerd-Dudenhöffer-Hafte (...), das Stromberg-Artige (...), Das Loriot-Mäßige (...), ja sogar das Martin-Walser-Artige (...)." Leider lasse es sich das Ensemble "nicht nehmen, Walsers mit Pointen schwer behängte Sätze so ausgiebig zu schütteln, dass sie derbe scheppern", statt "den Witz der Autorin" zu "unterspielen". Dieses "Hurra-wir-leben-noch!-Theater", das "im Vorgefühl der Apokalypse und im Schatten individuellen fremden Unglücks" spiele, zehre "vom schamlosen Überlebenswillen seiner Figuren" und würde "ohne eine grundsätzliche", bei Walser gleichwohl "fürsorgliche und warme Herablassung" gegenüber diesen "nicht funktionieren". Die Möglichkeiten der von ihm ausgemachten Gattung des "Wir-leben-noch-Stücks" hält Kümmel für begrenzt, was "am engen Horizont seiner Protagonisten" liege: Ihre Gedanken seien "wie zähes Harz, welches das Gehirn verklebt", und jeder Dialog "bloß ein erfolgloser Versuch, den Hirnkasten durchzuspülen – ganz im Gegensatz zum beweglichen, raumgreifenden, schöpferischen Denken und Sprechen großer Dramenfiguren". Das "größte Problem des Wir-Stücks" bestehe jedoch darin, "dass es nicht enden kann" – Material, Einfall, Situation, "aber kein einziges glaubwürdiges Ich". Für Figuren und Stücke "kein Ziel und kein Schluss, naturgemäß: Gespenster können ja nicht sterben."

Eine "geschlossene Gesellschaft (...), in der jeder ein wenig zur Hölle des anderen wird", hat Ursula Böhmer von der FAZ (4.3.2008) beobachtet. In diesem "absurden Zwischenzeitspiel" gähnten Abgründe, "die aber niemanden wirklich schlucken". Die Autorin lege Fährten, "die sie dann aber selbst nicht lesen und deuten will, damit vielleicht andere auf Spurensuche gehen können", z.B. in Richtung Klimakatastrophe oder Terrorismus. Ohne dass die vermeintlich tickende Bombe gezündet würde – eine "hübsche Schlusspointe, die in Kassel allerdings etwas zerfasert", wenn Khodadadian "Wüste spielen" lässt. Sonst aber führe sie die Figuren "mit sicherer Hand und situationskomischem Gespür" durch Walsers "Sprachsinfonien, in denen sich Duette und Soli auch mal überlappen, mit allerlei Leitmotiven und Wort-Witz-Fiorituren", was die Schauspieler "schön zum Klingen" brächten. In Khodadadian habe die Dramatikerin "nach ihren Querelen mit Regisseuren, die sich selbst zu Autoren aufspielen, (...) eine Art kongeniale Regie-Muse gefunden", die "nicht nach Effekten" hasche, sondern "Figuren zum Schweben" bringe.

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