Das süße Nichts

von Henryk Goldberg

Altenburg, 13. November 2016. Wenn einer 13 ist, dann ist er eingeladen hier und sieht: Einer frisst Zuckerwatte. Der Typ steht in einem Glaskasten und zelebriert das wie ein Hexenmeister. Und auf des Meisters gestischen Befehl legt sich das weiße Gespinst um den Stab, mehr und mehr. Zieht sich wie süßer Nebel durch den gläsernen Raum, legt sich wie gefährliches Spinnweb an die Wände, wabert wie Wolken, wallt wie Nebel. Lauter Zucker, lauter Nichts. Und scheint die weißen Wolkenschlieren zugleich ein- und auszuatmen, so wie der Feuerschlucker die Flammen. Das sieht einer, wenn er 13 ist. Aber was sieht er?

Zuschauer ab 13 sind ins Altenburger Heizhaus gebeten. Dirk Laucke hat dem Theater Gera/Altenburg dieses Auftragswerk geschrieben. Ich mag nicht recht glauben, dass es außerhalb des Hauses sonderlich Karriere machen wird. "Vom Gefühl her: Fuck u!" steht für die professionelle Schreibsicherheit des Autors, der seine Geschichte hier in einem Jargon erzählt, dessen Kunstfertigkeit darin besteht, eben diese Kunstfertigkeit, beinahe verbergen zu können, diese Kunstsprache als tatsächliche oder vermeintliche oder vermutete Authentizität zu behaupten. Über die Geschichte ist nicht viel zu sagen. Nico kriegt ein Kind, Jenny ist die Mutter und wird wieder abhauen, zu Kevin, der ist so auf dem Zeug wie sie und klaut auf'm Bau, wo Nico ordentlich malochen will, fürs Kind, das noch keinen Namen hat. Nur Samantha, die Kleine, die ist erst 14 und will zur Oma nach Berlin, weg von hier, irgendwo muss es doch anders sein, irgendwie.

Den Wald vor lauter Bäumen

Dirk Laucke schreibt mehr Figuren als Geschichte, Atmosphäre ist wichtiger als Story, der Wald verschwindet hinter den Bäumen. Und Andreas Bauers Inszenierung verhält sich zu dem Stück wie die Oper zum Libretto: Es ist schon wichtig, es gibt die Richtung, die Stimmung, die Figuren, aber irgendwie verschwindet es, geht auf in dem, was vorgeht.Vom Gefuehl 1 560 th Ph ThueringenÜber allen schwebt der Teddy als Mahnung … © Theater & Philharmonie Thüringen

Was Konsequenz hat und Sinn. Denn diese Sprache vom Blatt zu spielen in Rede und Gegenrede, das wäre dann vermutlich doch eine Albernheit. Und da Laucke schon die Haltung seiner Figuren in Sprache übersetzt, übersetzt Andreas Bauer diese Sprache wiederum in schauspielerische Haltungen. Und die Frage ist eben die nach der Fähigkeit und der Bereitschaft eines jungen Publikums, solche ästhetischen Übersetzungen nochmals zu übersetzen in ihr wirkliches Leben. In Altenburg, heißt es, habe sich die Zahl derer, die sich wegen Crystal Meth in Behandlung befinden, in den letzten fünf Jahren um 600 Prozent erhöht.

Clowneske Verspannungen

Petra Linsel hat das Labor dazu gebaut. Einen Glaskasten, darin die Zuckerwattemaschine steht, an der sich Kevin und Jenny ihr süßes Nichts immer wieder drehen, der zentrale Einfall der Inszenierung. Und einen kleinen gläsernen Kasten, der Brutkasten für Jennys Frühchen, der Teddy darin schwebt über allen als Mahnung, als Hoffnung.

Andreas Bauer hat für seine vier Schauspieler je einen Gestus gefunden, der mehr eine Gestimmtheit erzählt als eine Fabel. Die wird nur in Konturen deutlich, zumal für ein junges Publikum, das, natürlich, nicht vorab den Text gelesen hat – und der bleibt zu beträchtlichen Teilen unverständlich. Vor allem Manuel Struffalino (Kevin) verschluckt, verhaspelt, verheizt seinen Text bis zur Unverständlichkeit. Das mag zu Teilen gewollt sein, aber hier haben sie es übertrieben. Der Schauspieler hat einen beinahe clownesken Gestus, eine Verspannung im Körper, überreizt, überdreht, überhitzt in Physis und Sprache – was seine Schlüssigkeit hat, schließlich ist die Figur einer der beiden Abhängigen.

Kunst-Kindlichkeit und Pathologie

Die andere ist Jenny, und Katerina Papandreou kommt mit Lauckes Sprache am besten zurecht, da verbindet sich die Pathologie der Figur mit ihrer ästhetischen Eindrücklichkeit, ohne an Verständlichkeit zu verlieren. Die Griechin spielt das mit wiegendem Oberkörper wie selbstvergessen, wie somnambul, wie unter Glas. Anne Diemer steht ihr wenig nach, sie übersetzt sich die 14-jährige Samantha in eine überzeugende sozusagen Kunst-Kindlichkeit, in der immer ein Stück unaufdringlicher Hoffnung schwingt. Johannes Emmrich, Nico, fällt aus dem Ensemble heraus, er spielt den Redlichen, den Wackeren, den Jungen, der es zu schaffen versucht mit ehrlicher Arbeit, der seinem Kind Liebe geben will und seinem Leben Zukunft, wie vom Blatt, als einziger hat er keine schauspielerische Übersetzung für seine Figur, schlicht in jeder Hinsicht. Und ist so womöglich der, den die 13-, 14-jährigen am besten verstehen werden.

Vom Gefühl her: Na ja.

 

Vom Gefühl her: Fuck u!
von Dirk Laucke
Uraufführung
Regie: Andreas Bauer, Bühne und Kostüme: Petra Linsel, Musik: Hubl Greiner, Dramaturgie: Svea Haugwitz.
Mit: Johannes Emmrich, Katerina Papandreou, Manuel Struffalino, Anne Diemer.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.tpthueringen.de

 

Kritikenrundschau

""Zum Glück ganz ohne Zeigefinger" komme die Inszenierung von Andreas Bauer aus, wie Ute Grundmann für Die Deutsche Bühne (14.11.2016) bemerkt. "Passend" und "rasant" findet sie den Abend. "Ein Stück für Jugendliche (..), das in Text und Inszenierung Ton, Haltung, Sprache junger Menschen trifft, ohne sich ans junge Publikum ranzuwanzen. Und die vier wunderbaren, präzisen jungen Darsteller halten die Szenen, die mit einem Buzzer am Boden an- und wieder ausgeknipst werden, über 90 Minuten in Spannung."

Die "hohe Qualität dieses Stückes" sieht Michael Laages im Gespräch für Deutschlandradio Kultur (13.11.2016) in der gelungenen sprachlichen Anverwandlung an die jugendlichen Figuren, also im "Jugend-Unterschichtsslang", den Laucke hier verwende. Regisseur Andreas Bauer spitze dieses Moment noch zu, "weil sich die Aufführung ganz auf diese Sprache konzentriert". Der Abend lebe zudem "von einem ziemlich engagierten Ensemble".

 

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