Und blühn einmal die Neurosen ...

von Eva Maria Klinger

Wien, 4. Mai 2008. Es ging nicht wirklich gut. Kein Drama, nur ein Treatment zu einem Drama hat der Dramatiker Andreas Jungwirth aus dem Roman "Es geht uns gut" gefiltert. Zugegeben, Arno Geigers vielschichtige, zwischen den Jahrzehnten springende Zeit- und Familiengeschichte auf Bühnenniveau zu stemmen, ist eine schwierige Aufgabe. Unlösbar wird sie, wenn der preisgekrönte Romantext im Sterilisator eingedampft wird.

Der breit verzahnte Erzählstrom ergibt, auf 100 Minuten verknappt, bloß eine Inhaltsangabe der wichtigsten Ereignisse. Reflexionen und Befindlichkeiten werden im Stil von Schulaufsätzen vorgetragen.

Ein Familienoberhaupt alten Schlages

Die Chronik einer bürgerlichen Wiener Familie beschreibt vor der Folie der historischen Ereignisse von 1938 bis zur Jahrtausendwende gesellschaftliche Umwälzungen während dreier Generationen. Richard, 1900 geboren, ist ein rechtschaffener höherer Beamter, Nazigegner. Er ist am Zustandekommen des Staatsvertrages maßgeblich beteiligt. Ein strenger Verhaltenskodex gilt für Ehefrau und Kinder, sich selbst gestattet er – verbrämt mit schlechtem Gewissen – jahrelange Seitensprünge mit Dienstmädchen und Sekretärin. Ein Familienoberhaupt alten Schlages. Der Sohn fällt im Krieg, die Tochter heiratet gegen seinen Willen einen "Niemand". Diese ertrotzte Liebe, wird sich mit den Jahren an Alltagsproblemen und Geldknappheit aufreiben. Zornig behauptet die Tochter ihren Eltern gegenüber "es geht uns gut". Dieser Titelsatz formuliert auch eine ironische Anspielung auf eine angeblich österreichische Neigung, alles hinzunehmen, als sei alles gut.

2001 erbt Philipp die Hietzinger Villa seiner Großeltern. Er ist Mitte 30, beruflich und privat unentschlossen, vielleicht erfolglos wie sein Vater. Während der Aufräumarbeiten blättert sich die Familiengeschichte auf. Am Schluss begleitet Philipp die beiden ukrainischen Arbeiter, die ihm bei der Entrümpelung der Villa behilflich waren, zu einer Hochzeit in ihre Heimat. Dieser Schlusspointe haben weder Andreas Jungwirth noch der Regisseur des Abends Lars-Ole Walburg vertraut.

Der Mut zur Lücke, zu dramatisch ausgeformten Episoden, ein selbstbewusster Zugriff des Dramatikers auf die Romanvorlage hätte der Bühnenwirksamkeit gedient. Dann hätte sich wohl auch der extra eingefügte Exkurs über Österreich als "Brutstätte der Neurosen" aus Erwin Ringels "Die österreichische Seele" erübrigt. Die Neurosen wären erblüht.

Blutleere Pappfiguren

Der klare, offene Bühnenraum von Kathrin Krumbein ermöglicht die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Zeitebenen. Fünf herrliche Schauspieler und ein Akkordeonspieler (Alen Dzambic) bemühen sich redlich, mit blutleeren Pappfiguren Theater zu spielen. Es schmerzt, wenn die wunderbare Silvia Fenz als innerlich aufbegehrende, aber resignierende Ehefrau des Karrierebeamten kaum Spielmöglichkeiten vorfindet. Florentin Groll wird auf den despotischen Egomanen reduziert, Katja Jung erkämpft als widerspenstige Tochter ihre Selbständigkeit, Thomas Reisinger hat als ihr farbloser Mann im Schatten zu stehen. Steffen Höld rezitiert als Gastarbeiter den Neurosen-Text. Max Mayer als Erbe und Nicola Kirsch als eine Geliebte haben die besten Gestaltungsmöglichkeiten, die sie auch nützen.

Zu schade, dass der Respekt vor dem Romantext eine eigenständige Dramaturgie erstickt hat.

 

Es geht uns gut
von Andreas Jungwirth und Lars-Ole Walburg
nach dem gleichnamigen Roman von Arno Geiger
Uraufführung / Koproduktion mit den Wiener Festwochen
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne und Kostüme: Kathrin Krumbein.
Mit: Alen Dzambic, Silvia Fenz, Florentin Groll, Steffen Höld, Katja Jung, Nicola Kirsch, Max Mayer, Thomas Reisinger.

www.schauspielhaus.at
www.festwochen.at

Kritikenrundschau 

In der FAZ (6.5.2008) schreibt Martin Lhotzky, dass Geigers Roman, der im Jahr 2005 "ein Überraschungserfolg" war, in Lars Ole-Walburgs Regie "doch als ein eher sperriges Ding daher kommt". Philipp erbt das Haus der Großeltern "- zur Strafe, wie man erfährt, und mit dieser Immobilie auch die Erinnerungen." Der Bogen spanne sich vom Anschlussjahr 1938 bis in eine vage Gegenwart. Die Darsteller würden sich redlich mühen, doch will die Inszenierung "nicht so recht in die Gänge kommen". Die Familienchronik lese sich im Buch witzig, so  Lhotzky, endet aber auf der Bühne fade. Und dass die Daunen eines zerstochenen Federbetts bis in die hintersten Sitzreihen segeln und bis zum Ende herumschweben werde zur "verunglückten Metapher für das Geschehen auf der Bühne".

Im Zug von Salzburg nach Wien, der auch über Amstetten fährt, sieht Christine Dössel (Süddeutsche Zeitung, 6.5.2008) schmucke Fassaden der Bürgerlichkeit, so weit der Blick reicht. Diese werden "am selben Abend in Wien auf der Bühne im Schauspielhaus vorgeführt, ach was: traumselig zelebriert." Die Szene sei jedoch so "verschenkt und verschmockt wie der ganze vor Sentimentalität heillos zerfließende Abend." In dieser sehr Wienerischen Familien-Entrümpelung zeige sich, "wie schnell dabei die Grenze zum Kitsch überschritten wird". Der ganze Abend triefe nur so vor Erinnerungs- und Rührseligkeit. Fazit: "Nichts wird hier je zugespitzt, verschärft, an Schmerzpunkte getrieben. Das könnte ewig so weitergehen, würde Philipp am Ende nicht mit den Handwerkern in die Ukraine entschwinden ... Vielleicht geht es ihm dann endlich gut."

"Verkleinert für die Bühne" mit dieser Unterzeile wird in der NZZ (6.5.2008) vielsagend die Rezension von Barbara Villiger Heilig eingeleitet. Ihr Fazit: "Theater im Kompaktformat, patent dramatisiert, aber in keinem Moment dramatisch im emphatischen Wortsinn – und, paradoxerweise genau entgegen den Absichten des Romans, sogleich wieder vergessen." Geigers "detailreiche, psychologisch ausgefeilte Personenkonstruktionen" wurde für den Bühnenauftritt "drastisch zurechtgetrimmt". 400 Seiten dichte Literatur in eine "gut verdauliche, leicht nachvollziehbare szenische Show" umgemodelt. Hübsch komme das heraus, witzig zum Teil, manchmal sogar ernst, meist indessen verniedlichend und nie bewegend. Jungwirth und Walburg lösen die Aufgebe, den Roman auf die Bühne zu bringen, "mustergültig, um nicht zu sagen musterschülerhaft." 


 
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