Verletze mich, wenn du kannst!

von Nikolaus Merck

Wien, 18. Oktober 2008. Sie kommen durch den Zuschauerraum: Martha und George alias Christiane von Poelnitz und Joachim Meyerhoff, im Leben so wirklich ein Paar wie heute Abend auf der Burgtheaterbühne. Hand in Hand entern sie die Vorbühne, wenn der Vorhang sich hebt und den Blick auf das Wohnzimmer, das bald zum Schlachtfeld werden wird, frei gibt. Zeitpunkt und Ort: sind ungewiss, die Möbel könnten gut und gerne gesternheutemorgen bei IKEA eingekauft worden sein.

Sitzgruppen, eng gehängte Allerwelts-Fotokunst, eine Regalwand mit Flaschen, eine zweite voller Archivkästen, darüber drei Batterien Hängelampen, kein Zimmer, eine Enge – wie eine überdimensionierte Puppenbühne lässt sich der ganze Kasten auf der leeren Bühne umher rollen. Natürlich taugt solch Spielplatz vorzüglich dazu, zerlegt, zerfetzt, zerstört zu werden. Was später am Abend, am Gipfelpunkt der grausamen Ehepaarzerfleischung, auch planmäßig geschieht. Doch zunächst ist's ein Spiel, eine Verabredung, ein Ritual, das mit einem Na-dann-wollen-wir-mal-wieder-Schwung einmal mehr begonnen wird.

Suff, Sex, Verzweiflung

Meyerhoff in braunem Dreiteiler, mit angegrautem Schopf und Lesebrille, die Hände in den Hosentaschen, am liebsten vor der Bühne durch den Zuschauerraum tigernd; von Poelnitz, Seidenbluse, Seidenrock, frisch onduliertes, genauso grau durchwirktes Haar, teure Handtasche, Schnapsflaschen in einem Zug leerend, auf der Bühne. Die vorherrschende Farbe: ein unfroh fäkalisches Braun. Edward Albees Broadway-Erfolg war 1962 eine erbarmungslose Entlarvung der Lügen, die Hollywood seit dem Zweiten Weltkrieg der Welt über den American Way of Life auftischte. In Albees New Carthago gab es keine romantische Liebe, weltbewältigende Männer und kuschende Frauen mehr. Stattdessen Suff, Sex, Verzweiflung und zynische Spiele, in die ahnungslose Unbeteiligte verwickelt werden wie harmlose Schmeißfliegen ins Spinnennetz.

Martha und George sind seit zwanzig Jahren verheiratet und kinderlos. Er ist Professor für Geschichte, sie die Tochter des College-Präsidenten. Langweilig die Samstagabende beim (Schwieger)Papa mit dem leeren Gerede, den Drinks und den immer gleichen Gesichtern. Martha und George haben sich deshalb ein Rede-und-Antwort-Spiel ersonnen: verletze mich, wenn Du kannst.

Mit der Kettensäge durch Pappe

Sie sind darin wahre Meister. Besonders vor Publikum, das an diesem Abend der junge Biologie-Professor Nick und seine Frau Putzi abgeben. Martha ist scharf auf das feste Fleisch von Nick, es kommt zum Beischlaf. George rächt sich, indem er den fiktiven Sohn, den sich Martha und George in allerlei Geschichten lebendig ausgesponnen hatten, für tot erklärt.

Natürlich geht eine Aufführung nie schlimm schief, wenn Schauspieler wie von Poelnitz, Meyerhoff und dazu Katharina Lorenz und Markus Meyer zur Verfügung stehen.
Dennoch misslingt die Inszenierung.
Weil etwa der wundervoll coole Meyerhoff, mit Eiswürfeln in der Hosentasche und unter jedem Wort ein Lächeln, mit dem er sich über seine Mitspieler erheitert, nicht deutlich macht, an welcher weichen Seelenstelle der Schmerz, die Kränkung ihn einholt. So zerlegt er unvermittelt, während Martha und Nick irgendwo im Off miteinander schlafen (wozu er sie noch ermuntert hatte), die Wohnzimmer-Puppenstube und abgesehen davon, dass es lachhaft wirkt, wenn die Mini-Kettensäge durch Pappe, Styropor und Sperrholz fährt, derweil ein umstürzendes Regal mit hundert Flaschen nur das Prchk Prchk von Plastikpfandgut in einem Sammelsack verursacht – fragt man sich schon: Woher nimmt der Spielmeister Meyerhoff-George plötzlich diese Wut? Und warum begnügt sich Martha, mit Stentorstimme zu pöbeln, als ginge es der Mittelstandsdame bloß darum, durch antiautoritäre Sprüche zu provozieren.

Abgang aus der geschlossenen Spielanstalt

An Existenzielles jedenfalls rührt das alles nicht und ist in seinem tieferen Gehalt genauso schwer nachzuvollziehen, wie Bosses Idee, das Klo mitten im Wohnzimmer aufzuschlagen und seinen Akteuren mal den Abgang aus der geschlossenen Spielanstalt wider die Szenenlogik zu verwehren, andere Male jedoch ohne Not zu verordnen.

Kurzum: dramaturgisch geht an diesem Wiener Abend einiges daneben. Was aber nicht verhindert, dass Katharina Lorenz in der undankbaren Rolle der Putzi Gelegenheit erhält, mit langen Fingern, Glieder-Verknoten und Augenwinkel-Geschmule auf sich aufmerksam zu machen. Schön auch das Ende, wenn das verwüstete Wohnzimmer sich wegdreht und aus dem Bühnenboden seine exakte, aber unangetastete Kopie herauffährt: Als dann, auf ein Neues.

Die WienerInnen haben den Abend gemocht, Bravi für die Schauspieler und das Regieteam. Nur – was sich die Burg-Dramaturgie wohl dabei gedacht haben mag, den Ausfall des künstlerisch schwergewichtigen "Faust" von Jürgen Gosch durch ein solch dünnes dramatisches Lüftchen zu kompensieren?

 

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?
von Edward Albee
Deutsch von Pinkas Braun
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Dramaturgie: Joachim Lux. Mit: Christiane von Poelnitz, Katharina Lorenz, Joachim Meyerhoff, Markus Meyer.

www.burgtheater.at

 

Mehr Angst vor Virginia Woolf? Wir besprachen auch die Inszenierungen von Anselm Weber in Essen. Das Dream-Team Meyerhoff/von Poelnitz sahen wir schon in Viel Lärm um nichts und Der Gott des Gemetzels. Meyerhoff war außerdem Jan Bosses vielgerühmter Hamlet, Ariel in Barbara Freys Zürcher Sturm-Inszenierung und begeisterte überdies mit der Eigenkreation Alle Toten fliegen hoch, Teil 3.

Und hier gibt's Jan Bosse ohne Meyerhoff: z.B. Der gestiefelte Kater aus Zürich, Anna Karenina bei den Ruhrfestspielen, Amphitryon, Endspiel und Die Leiden des jungen Werther aus Berlin.

 

Kritikenrundschau

Edward Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" werde am Wiener Burgtheater bei Jan Bosse "zur bloßen Zirkusnummer", schreibt Norbert Mayer in der Presse (20.10.). Bosse halte "sich nicht mit Zwischentönen auf, sondern betont das Satirische dieses wohlkonstruierten Vierpersonenstückes. Man darf also drei Stunden lang die hohe Kunst der Frau von Poelnitz und ihres kongenialen Partners Joachim Meyerhoff als Marthas frustriertem Gatten George in schamloser Übertreibung bewundern, während das jüngere Paar (Katharina Lorenz als Putzi und Markus Meyer als Nick) noch stärker als ohnehin vorgegeben in den Hintergrund gedrängt wird." Im "Bemühen, das Drama zu entstauben", habe es Bosse "zu billig gegeben, vor allem, wenn man bedenkt, zu welcher Raffinesse von Poelnitz und Meyerhoff fähig sind". Zwar sei das Komödiantische gelungen, "die Vertiefung des Dramas allerdings feuchtfröhlich gescheitert".

Im Standard (20.10.) schreibt Ronald Pohl, dass sich "jeder Lobgesang auf Jan Bosses Regie-Großtat" lohne, "weil man dieses unvergleichliche Stück Ehekriegsliteratur in letzter Zeit in Wien zwar recht häufig gesehen, aber noch selten so genialisch schreckenskalt erlebt hat, so kalkuliert entblößt und in seine Mechanismen zerlegt". Bosse habe "den bis zum Überdruss bekannt geglaubten Krisenstoff mit spekulativen Mehrwerten erfolgreich angereichert". "Ein Stück aus der Zeit der krachenden Bankhäuser: Hier sind zwei, die ineinander investieren. Jeder Akt des Verrats soll die Zukunft besichern. Tatsächlich rauscht dieses Stück wie ein angelsächsischer Boulevard-Meteor haarscharf an dem Planeten Beckett vorüber." Es sei eine Aufführung "mit einigen der besten Schauspieler, die man zurzeit auf deutschsprachigen Bühnen bewundern kann." Und mit einem Regisseur, "dessen stupende Klugheit den Illusionsmechanismus des 'well made play' als philosophische Fragestellung erweist."

In der Neuen Zürcher Zeitung (20.10.) glaubt Paul Jandl, man hätte "das Stück um zwei Menschen, die vorführen, was nach vielen Jahren Ehe 'von ihrem Verstand noch übrig ist', als finsteres Kammerspiel inszenieren können oder als surreale Farce. Doch für das Erste ist die Regie des jungen Deutschen Jan Bosse zu aufgedreht witzig und für Letzteres zu bieder." Wenn es einmal "wirklich ernst und böse wird im Stück, dann scheint die Regie zu sagen: Es war vielleicht gemein, aber es war nicht so gemeint." Bosse nehme "den Humor der Selbstentblössung nicht für unfreiwillig, sondern treibt ihn zum Äussersten. Bei ihm darf gealbert werden." Christiane von Poelnitz sei "eine wiedergängerische Liz Taylor", eine "Megäre des mitternächtlichen Zanks", während Joachim Meyerhoff den George als "wunderbar leisen Zyniker" gebe.

Bosses Inszenierung entwickle "viel Lust beim Griff in den Mistkübel", verlaufe aber sonst "in sehr geordneten Bahnen", schreibt Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (20.10.). "Fassaden, die langsam zum Einstürzen gebracht werden, gibt es in dieser Inszenierung keine mehr. Die Kleinbürger, die sich hier als Akademikerpärchen tarnen, spielen den Eheterror bereits seit Jahren. Sie haben beim Griff in die Eingeweide längst Routine. Und sind darüber zu ziemlich hässlichen und ordinären Zeitgenossen gereift." In Jürgen Goschs Inszenierung des Stücks am Deutschen Theater in Berlin seien "im Laufe der drei Stunden aus Menschen Monster" geworden. "An der Burg ist es umgekehrt: aus Pappmonstern werden so etwas wie Menschen. Sie zerfleischen sich, aber sie machen das mit einem Funken Gefühl."

Eva Behrendt beschreibt in der tageszeitung (21.10.), wie Bühnenbildner Laimé "gleich mehrere Wohnzimmergarnituren nebeneinander in einen flachen Kasten gestopft und mit je einem Ikea-Accessoire in Serie gepflastert" hat und das Zerrspiegel-Paar Nick und Putzi "mit Sixpack und Oberweite zu Barbie und Ken aufgepolstert" sind. "Wie so oft" inszeniere Bosse "über die Rampe hinweg", wobei einer der vier meist auf Zuschauerseite steht: "Die da vorne sind also welche von uns. Ach ja?" Die von ihm so gern betrachtete "Mitte" verlasse Bosse diesmal, denn "warum sonst übernimmt er Albees Ehemodell der frühen 60er-Jahre (...) mit der allergrößten Selbstverständlichkeit?" Da bleibe ihm nichts als die "lahme Dauerkarikatur vergangener Verhältnisse". Und die "schmale Botschaft, auf die Bosses gebremst spaßige Inszenierung hinausläuft", stehe schon bei Albee: "Liebe wird erst möglich, wenn die unterm Deckmantel der Romantik geschlossenen Statusgewinngemeinschaften gründlich demaskiert und ruiniert worden sind." Zudem klemme und bremse der den Spielern verordnete Exzess "an allen Ecken und Enden".

Albees "Psychokracher" jetzt auf den Spielplan zu setzen, verrate "Gespür für Timing", meint hingegen Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (21.10.). Allerdings vermisst er bei Bosse "Timing, Spannung, Nerven" und stellt bei überdies "fehlende Konfliktbereitschaft" fest: "Wie ein gutmütiger Zivi wartet er darauf, dass sich die Veteranen der Eheschlacht krankenhausreif gestichelt haben und er sie im Rollstuhl abtransportieren kann. Stell dir vor, es ist Geschlechterkrieg, und keiner schaut zu." Christiane von Poelnitz' Martha sei "ein wandelndes und wabbelndes Liz-Taylor-Zitat", Joachim Meyerhoffs George "ein hoffnungsloser Peacenik", der sich "um Deeskalation" bemühe und als "Ehekrisenmanager mit Beißhemmung wie der Moderator seines ergrauten Liebeslebens" wirkt. Meyerhoffs "Materialschlacht" am Schluss habe "keinen anderen Sinn", als den "schmutzigen Smalltalk (...) künstlich aufzublähen".

"So wenig wie an diesem Abend haben sich Martha und George wohl noch nie füreinander interessiert", vermutet Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.10.). Mindestens "die Hälfte der quälend langen drei Stunden" laufe einer der Spieler, meist Meyerhoff, "im Publikum herum, geht bei den Seitentüren raus (...) oder setzt sich in die erste Reihe neben die Souffleuse". Ironisch unterstellt er Bosse Regieanweisungen wie: "Also bitte, das war jetzt noch nicht uninspiriert genug!" Laimés vollgepferchte Ikea-Bühne ist für Lhotzky eine einzige "biedere Pseudodesignerscheußlichkeit"; die Inszenierung bediene teilweise "die untersten Humorregionen". "Vier eigentlich talentierte Schauspielkünstler" zelebrierten Bosses "alte Masche", "ein Stück ganz zu zerlegen". Sie scheitere hier jedoch "an einem Drama, das selbst schon alles zerlegt: Beziehungen, Träume, Erinnerungen, Menschenleben. Bosses tödlich öde Doppelung hechelt dem Albee hinterher, ohne ihn je einholen zu können."

 

Kommentar schreiben