Work hard, play harder

von Dennis Baranski

Mannheim, 5. Oktober 2013. Sie bilden Meinungen, beeinflussen die Legislative und operieren doch meist fern der öffentlichen Wahrnehmung: Lobbyisten und Berater haben sich bedenklich tief in unserem parlamentarischen Regierungssystem eingenistet, was die Dramatikerin Felicia Zeller in ihrer Zeit als Hausautorin am Mannheimer Nationaltheater beschäftigte. Ihre Auseinandersetzung mit den Mechanismen der Macht gebar "Die Welt von hinten wie von vorne", eine dichte Collage im Duktus der politischen Klasse, die Intendant Burkhard C. Kosminski zur Uraufführung im Schauspielhaus gebracht hat.

Von eigener Überlegenheit berauscht ist Zellers "Powerteam" aus brainstormenden, teambuildenden, meetinghockenden Karrieristen bereit, der Welt Bewegung durch Aktivsätze vorzutäuschen. Sie sind käuflich und erfolgreich, ganz gleich ob es einer Kampagne für den fragwürdigen Prothesenhersteller "Sitgo" oder einer Intrige gegen den unbequemen Präsidentschaftskandidaten und Beraterverächter Alexander Peter bedarf – die professionellen Phrasendrescher stürzen sich mit Eifer bis zur Selbstverleugnung in jede noch so aussichtslose Marketingstrategie. Unverbindlichkeit ist hier die Kardinaltugend, vor allem für Klaus Klausen, Gründer der führenden PR-Agentur "Mover und Shaker und Partner", den Andreas Grothgar bei seinem Mannheimer Gastspiel als Fitnessfanatiker im Jugendwahn von Anfang an der Lächerlichkeit preisgibt. Um ihn herum ist die versammelte Meinungsmacherschar austauschbar, sie wirken, in LED-Leuchtstreifen-besetzte Gymnastik-Strampler geschossen, seltsam entmenschlicht. Work hard, play hard – wer Schwäche zeigt, wird prompt geschasst. Klaus Rodewald gelingt als Kreditrückzahler und Eselzüchter Dirk im Äußern leiser Zweifel einer der raren Schauspielmomente. Später, nach dem Rauswurf, entlarvt er seine Figur dann endgültig als rückgratlosen Sklaven.

Figuren als Elemente einer Powerpoint-Präsentation
Prinzipien passen nicht in die zurechtphantasierte Werberwelt, der Florian Etti ein technokratisch anmutendes Bühnenbild entgegensetzt. Eine gute Nachricht, denn endlich scheint das Mannheimer Sitzmöbel-Theorem – nun sind die Stühle im Fundus, also werden sie auch auf die Rampe gestellt – durchbrochen: Ein stählernes, bühnenhohes Klettergerüst ist dem Ensemble gleichsam Spielfläche und Ordnungsraster. Elementen einer Powerpointpräsentation gleich sollen die PR-Berater agieren. Sie tanzen und turnen in schwindelerregender Höhe oder lassen sich trocken protokollarisch referierend an der Front des Gitterkäfigs hängen, als hätte sie jemand an die Wand geworfen. Das ist beeindruckend, bisweilen auch spektakulär. Besonders Dascha Trautwein glänzt als abgebrühte Teamleiterin Sandra Ardnas mit artistischem Geschick. Die formale Enge fordert jedoch hohen Tribut.

die welt 08 560 hans joerg michel uMannheimer Knallchargen: Uraufführung von "Die Welt von hinten wie von vorne" von Felicia Zeller, Dascha Trautwein (links), Andreas Grothgar (rechts)  © Hans Jörg Michel

Denn Zellers geschliffene Zeilen kommen konsequent im Sprachjargon der Beobachteten daher, und nach ihrer Lesart bestimmen hier ausschließlich inhaltsleere Formeln und Floskeln den Ton. Diese grotesk überzeichnete Oberflächlichkeit legt die Figuren bereits im Text recht flach an, und Kosminski vermag ihnen keine zusätzliche Tiefe zu verschaffen. Im Gegenteil: Sein Regiekorsett lässt nur noch blutleere Clip-Art-Strichmännchen übrig. Das halsbrecherische Klettervergnügen läuft endgültig leer, als sich der Plot zuzuspitzen beginnt. Für Schauspielertheater bleibt hier kein Raum. Schon gar nicht für Sven Prietz, der von der Regie hervorgehoben wird durch permanente Anwesenheit auf der Bühne und, indem er in einer kurzen Solidaritätsbekundung mit Plastik-Pickelhaube und Trainingsjacke Jonathan Meeses Mannheimer Schillertage-Performance zitieren und damit auf Kosminskis eigene Erfahrungen im Erkaufen medialer Aufmerksamkeit verweisen darf – sonst fristet er aber ein auffällig stiefmütterliches Dasein im Hintergrund.

"Pro Thesen" löst "Sitgo" ab
Dabei ist die Vorlage klug arrangiert. Allein gehaltlose Versatzstücke, sorgsam pointiert und gespickt mit Verweisen auf ihre realen Urheber, treiben die Handlung voran, bis die Kabale den Spitzenpolitiker direkt zu den unheilbringenden Strippenziehern treibt, und die "Meinungsdesigner" zum absurden Höhepunkt eine Kampagne gegen die eigene Kampagne lancieren. Agenturchef Klaus beginnt durch umhervagabundierende Metallsplitter seines künstlichen Hüftgelenks qualvoll dahinzusiechen, nur um mit seinen Klagen an die eigene, frei erfundene Initiative "Pro Thesen" verwiesen zu werden.

Felicia Zeller gelingt wohl ein geschickt konstruiertes Sprachspiel, das sich genüsslich an scheinbar standardisierten Sentenzen aus Reden, Meldungen oder Debatten labt. Einen dankbaren Theatertext schuf sie indes nicht. Ob die Auftragsarbeit überhaupt zum Bühnenspiel taugt, konnte am Uraufführungsabend nicht belegt werden.

Die Welt von hinten wie von vorne (UA)
von Felicia Zeller
Regie: Burkhard C. Kosminski, Bühne: Florian Etti, Kostüme: Ute Lindenberg, Musik: Hans Platzgumer, Dramaturgie: Katharina Blumenkamp.
Mit: Andreas Grothgar, Dascha Trautwein, Klaus Rodewald, Sven Prietz, Sabine Fürst.
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

 

Kritikenrundschau

"Keine große Fallhöhe" bescheinigt Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen (7.10.2013) dieser "Turnstunde in Phrasendrescherei". Zu austauschbar sind aus seiner Sicht die karrikierten "Worthülsen, Versatzstücke und Motivationsparolen, als dass wirkliche Figuren entstehen könnten. Und Kosminskis Kletterpark mit Stomp-Trommel-Einlagen befördert die Sache nicht gerade." Bereits nach 50 Minuten nutze sich die Manga-Ästhetik trotz Leuchtstreifen-Body und Trommelwirbel ebenso ab wie der Wiedererkennungswert des PR-Thesensalats." Dann sei die Halbwertszeit des Originellen überschritten und der Mangel an Schauspieltauglichkeit ds Textes werde offenbar."

"Einen klaren Plot hat Zellers Stück nicht, es ist eine Sprachanalyse ohne Höhepunkte", schreibt Tobias Becker auf Spiegel online (7.10.2013). Es sei schon tragisch: "Das Publikum soll erfahren, wie PR-Agenturen ihr Publikum einlullen, und wird dabei selbst eingelullt. Eingeschläfert." "Die Welt von hinten wie von vorne" wirke unfertig: "Das Sprachmaterial des analysierten Milieus ist nicht so durchformt wie früher, es ergibt keine Sprachskulptur, es bleibt stecken im Klischee." Uraufführungsregisseur Kosminski lege auf Zellers Hyperrealismus noch eine Schippe drauf, stelle ihre Groteske als Groteske aus, lasse ihre grotesken Sätze grotesk sprechen und spielen. "Das doppelt die Sätze - und nimmt ihnen die Kraft, die Irritation."

Einen "großen, gewitzten, wenn auch etwas erwartbaren Wortschwall" nennt Judith von Sternburg Felicia Zellers Stück in der Frankfurter Rundschau (7.10.2013). Sein "nicht riesiges, aber vorhandenes Potential" rühre Burkhard C. Kosminskis Uraufführungsinszenierung nicht an. "Zeller will das Artifizielle und sicher auch das Überzogene. Von Schauspielern dargestellte Power-Point-Präsentationen schweben ihr vor, für die in Mannheim auf den Satin-Strampelanzügen Lichterreihen aufleuchten und aus Menschen Strichmännchen machen." Aber es gebe keinen Hinweis darauf, dass sie Clowns auf der Bühne sehen will, im Gegenteil gewinne ihr Text zumindest in dieser Umgebung ausschließlich an Fahrt, wenn das dazu absolut befähigte Ensemble die kreative Routine des PR-Sprech einigermaßen naturgetreu imitiert. "Das trägt seine eigene Karikatur ja schon in sich."

Optisch mache der Abend viel her, schreibt Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (7.10.2013). "Akustisch auch, weil der Perkussionist und DJ Hans Platzgumer für perfekt wummernde Beats sorgt." Einen Schönheitsfehler habe die Produktion trotzdem: "Andreas Grothgar, Dascha Trautwein, Klaus Rodewald, Sven Prietz und Sabine Fürst sind als Darsteller zwar mit vielen Wassern gewaschen, hier jedoch dürfen sie keine Charaktere spielen, sondern nur Charakterschablonen."

Im jünsgten Auftragswerk funktioniere die lebensweltliche Zeller-Kernforschung mittels Sprachturbogenerator "leider nicht so gut", befindet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.10.2013) nach einer ausführlichen Wüdigung der Autorin. "Schon bei der Lektüre vermisst man die Charakterzeichnung hinter dem Wortschwall, die gepeinigte Seele hinterm Sound, den Menschen im Material." In Kosminskis "albern-grotesken Zuspitzung, ja: Übertreibung des Ganzen" hänge das Stück dann durch: "Der Mannheimer Schauspielchef nimmt an dem Stück rein gar nichts ernst, außer dass ihm der Agenturname 'Movers and Shakers' Anlass ist für ein exzentrisches Bewegungskonzept im Techno-Rhythmus."

Kosminski, "für seine Werktreue bei deutschen Autoren geschätzt", habe die unmöglichen Regieanweisungen Zellers zu wörtlich genommen, so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.10.2013): "In der Praxis sieht das dann so aus, dass Designerhornbrillenträger in blinkenden Strampelanzügen, die sie wie eine Kreuzung aus Lurchi und 'Raumpatrouille Orion' aussehen lassen, in einem Stahlgerüst herumturnen und wie die Trommler der 'Blue Man Group' Phrasen auf Metall dreschen. Das Gerüst ist stabiler und abriebfester als jede Prothese, aber das Spektakel ermüdet rasch." Dass Zeller ihrem Stück einige Handlungsstränge eingezogen habe, mache den Mangel an Fleisch und Blut noch fühlbarer.

Zeller, "Hätschelkind der öffentlichen Hand", lasse sich mitreißen von ihrer Kapitalismuskritik und übe an sich selbst totalen Innovationsboykott, ätzt Jan Küveler in der Welt (8.10.2013). "Das textflächengleiche Gelaber ist ein René Pollesch nach umfassender Gedankeneinsparung, eine Elfriede Jelinek nach erbarmungsloser Witzrationalisierung." Kosminskis Regie, der nur als "Beleidigte-Intendanten-Leberwurst" erwähnt wird, schenkt Küveler kaum Beachtung. Sein Fazit: "Der Abend ist eine einzige Produktenttäuschung."

 

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