Fallhöhe des realen Grauens

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 4. August 2014. Vor der Vorstellung hat einer gesagt, dieses Mal werde es nicht so schlimm. Nach der Vorstellung sagen viele, es wäre sehr schlimm gewesen. Die Rede ist von der Uraufführung von "ICURE" im Kasino am Schwarzenbergplatz im Rahmen von ImPulsTanz. Warum es dieses Mal nicht so schlimm hätte werden sollen? Weil der Pressetext vor allem Heilung verspricht. Heilung von allem, für alle, jetzt. Die große Genesung. Warum auch sollten wir weiterhin ins Theater gehen, um uns zu bilden, wo wir uns doch heilen könnten? Katharsis auf kapitalistisch: "Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht im Theater – machen Sie davon Gebrauch!"

Hilfe, hier wird Heilung versprochen

Der aus Bulgarien stammende und mittlerweile in Brüssel ansässige Choreograf und Performer Ivo Dimchev hat im vorangegangenen Jahr im Rahmen von ImPulsTanz die Produktion "Fest" präsentiert. Dort wurden die Mechanismen des Kunstmarktes aufgezeigt, ausgehöhlt und an die Grenzen ihrer Zeigbarkeit gelockt. Quasi harmlos mutet dementsprechend der heutige Versuch an. Heilung ist gut. Und selbst, wenn wir uns naiv dabei fühlen, wir folgen der Anweisung des Performers und notieren auf den verteilten I-CURE-Cards vier Dinge, für die wir Heilung wünschen. Ivo Dimchev, mit blonder Perücke und knappem Höschen, klärt das Publikum über die Wirkungsweise dieser Karten auf. Sanfter Druck soll positive Energie auf die besagten Problemfelder übertragen. Alles ganz Teleshoppingkanal.

Und wirklich ist auf dem Bildschirm bald das eine Bild der ewigen Palme am Sandstrand zu sehen. Dieser Bildschirm, der auch loderndes Feuer, einen üppigen Wasserfall und einen laufenden Leoparden zeigen wird, steht in der Mitte der Bühne und wird später zum Gravitationszentrum des Abends. Die Bühne, das sind mehrere Rollen weißer Tanzboden inmitten des steinernen Saales. Drumherum gereiht die Scheinwerfer. Es gibt keine Offstage, es gibt kein Entkommen. Das klingt drastisch - und ist es auch.

Positive Energien beschwören

Es reihen sich in "ICURE" Bilder aneinander, aufeinander und nehmen das Publikum für diesen Performer ein, der sich scheinbar für keinen Sketch zu schade ist. Ivo Dimchev singt, lärmt, tanzt und verweist immer wieder auf positive Energie, Selbstheilungskräfte und natürlich die I-CURE-Cards. Er spielt Cello wie einer, der durch seine Krankheit hindurch endlich Arzt werden will. Er lässt sich von Menschen aus dem Publikum massieren und lobt den heilsamen Effekt auf Russisch, Deutsch und Italienisch. Er lässt sich von einem zweiten Performer oral befriedigen und lobt auf Englisch, Türkisch und Spanisch.

icure1 560 ivodimchev uIvo Dimchev in Aktion vergisst man nicht so schnell © Ivo Dimchev 

Während des fingierten, aus reiner Bewegung bestehenden Geschlechtsaktes mit diesem zweiten Performer – genannt Jesus – singt Dimchev "Amazing Grace". Der zweite steht auf und lässt ihn alleine in seiner absurden reflexhaften Bewegung. Shocking? Nein. Das ist viel zu kurz gegriffen. Dennoch wird zustimmend geschnaubt im Publikum, wenn der Performer erklärt, er wisse eigentlich nicht, was er zu sagen habe. Andere fühlen sich jedoch durch und durch sicher mit dieser starken Kunstfigur vorne auf der Bühne. Harmlos und komisch. Aber dann.

Schmerz erleben

In die herrliche Komik mischen sich Momente des Grausens. In einer Aufzählung von diversen Gefühlszuständen fällt der Satz: "Sometimes I feel like a dead mother with two dead children." Der makabre Witz wird nachgereicht: "In low resolution." Während der Leopard am Bildschirm seine schöne Naturromantik zeigt und eine Ziehharmonika heimelige Stimmung macht, tauchen diese Kinder wieder auf. Ivo Dimchev imitiert das Weinen einer Mutter, die für ihre Kinder sorgen will.

Hier wird etwas vorbereitet. Das Publikum geht durch diese Momente des Bühnenschmerzes hindurch, erfährt vielleicht wohlige Schauer beim Anblick des fremden Gefühlslebens. Und weiter geht's.

Aus einem Moment völliger stimmlicher Verausgabung setzt Ivo Dimchev sich wieder an den Bildschirm. Fallhöhe etabliert. Der Bildschirm zeigt eine Photographie. Zu sehen sind drei Leichen. Eine erwachsene Frau und zwei Kinder. Mit einem verschnuschelten Satz ist klar: Israelische Raketen haben diese drei Menschen getötet. Dieser Schauer ist nicht mehr wohlig. Sondern völlig inadäquat. Viele verlassen den Raum.

Minenfeld

In den letzten Minuten des Stücks bemüht Dimchev sein I CURE Programm in Angesicht des Photos. Hat er uns jetzt verloren? Wer traut diesem Zirkusdirektor noch, der uns in eine solche Falle gelockt hat? Dimchev führt ein Selbstgespräch, fordert sich auf, wieder dem Publikum gegenüber zu treten. Es gäbe doch noch eine Szene zu spielen. "It's disgusting. Sorry, am I cynical? You have to get back to the audience and press your I-CURE-Card." Aber, "I feel uncomfortable." So fühlen sich alle. Ivo Dimchev schaut still ins Publikum und das Licht geht aus.

Puh. Ist diese Performance in die Publikumsreihen gewachsen und hat politisches und mediales Minenfeld betreten? Ja. Dürfen wir das? Und ist das noch Kunst? Das werden die Fragen sein, die gestellt werden. Kurz gegriffene Fragestellungen. Jedenfalls ein Abend mit großem Aufwand und voller Dekadenz, der das Publikum mitnimmt hin zu dem Moment der Katharsis, der absolut nicht zu ertragen ist.  

ICURE
von Ivo Dimchev
Text, Originalmusik, Choreografie: Ivo Dimchev, Lichtdesign: Giacomo Gorini, Technische Assistenz: Emilian Gatsov.
Dauer: 60 Minuten, keine Pause

www.impulstanz.com

 

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