Apollons Glückskekssprüche

von Christian Rakow

Moers, 9. Februar 2008. Es ist ein Drama ultimativer Treue. Alkestis geht für ihren Mann Admetos in den Tod, damit er lebe. Worin sich ein Gnadenakt erfüllt, den Apollon dem König Admetos zugestanden hatte: Sein Erdendasein kann er um eine Lebensfrist verlängern, wenn jemand sich an seiner Statt dem Hades opfert. Dieses Opfer aber bedeutet schwere Bürde.

 

Denn Alkestis erlegt ihrem Gatten sterbend auf, ihr Andenken nicht durch eine neuerliche Heirat zu schmälern - Treue ist keine Einbahnstraße. Doch Admetos, den bald Skrupel ob seines unwürdigen Handels plagen, erlangt die Chance zur Wiedergutmachung. Er hält sich rein und trauert tief und bekommt schließlich durch den Helden Herakles seine Alkestis aus dem Totenreich zurückgebracht.

Würde Alkestis heute für ihren Mann sterben?

"Larger than life", wie alle guten Dramen, zeigt sich diese älteste erhaltene Tragödie des Euripides. Ihr Pathos zehrt vom unauflöslichen Widerspruch zwischen der Gier nach Leben und einer Sittlichkeit, die alles Irdische und Vergängliche transzendiert. Und nur in dem Maße, in dem beide Protagonisten diese Sittlichkeit als verbindlich annehmen, erlangt ihre Geschichte über die komödienhafte Schlusswendung hinaus eine erhabene Größe.

Man kann sich gleichwohl ausmalen, wie eine Schulklasse heute einen solchen Text pro und contra diskutiert: "Was ist denn das für eine Memme, dieser Admetos? Da lässt der seine junge Frau dran glauben, damit er ein paar Jährchen länger macht?" – "Ja, aber, was ist das für eine selbstgerechte Frau? Die will, dass er ein Leben lang der Ex nachtrauert?" – "Überhaupt, wer glaubt denn das, dass der sich da nicht noch 'ne Neue angelt!"

So ungefähr müssen Ulrich Greb, Intendant des Schlosstheaters Moers und Regisseur des Abends, und seine Dramaturgen ihre radikal gekürzte, auf gut eine Stunde Spieldauer angelegte Fassung begonnen haben. Es ist das skeptische Kopfschütteln einer säkularen Moderne, das in dieser Inszenierung ausgespielt wird – auf einer kühlweißen, nach hinten, zur Unterwelt mit Spiegelfolientüren begrenzten Bühne (von Birgit Angele).

Viel Kunstblut in der kühlweißen Unterwelt

Ein zartes Wesen ist Alkestis (Kinga Prytula), elegant, in einem schwarzen Trauer- oder Cocktailkleid. Mit goldenem Grabschmuck behängt man sie, während einer gemessenen, zeremoniellen Anfangsszene. Bereit zum Selbstopfer? Nicht wirklich. Alkestis rennt plötzlich los und windet sich und wird schließlich unter viel Kunstbluteinsatz massakriert von den Göttern (Ekkehard Freye als Todesbote Thanatos; Roland Silbernagl als Apollon/später Herakles) und einer Dienerin (Magdalene Artelt).

Von da an sind alle blutrot, lies: schuldbehaftet. Und das Drama nimmt den erwartbaren Lauf. Der eingangs mit leichter Trauer angezärtelte Admetos von Holger Stolz greift flugs wieder ins volle Leben und wagt ein Tänzchen mit der Dienerin, die schon die Kleider und Schmuckstücke der Alkestis angelegt hat. Auch die Treueforderung, die Alkestis dem Gatten wohlweislich auf einem Diktiergerät hinterlassen hat, wird bald von der Neuen überspielt.

Eheleute im tragödienunfähigen Maß

Mit Euripides hat das nur noch sehr entfernt zu tun. Überhaupt produzieren die grellen Effekte (bei relativ distanzlosem Spiel) eher eine unfreiwillige Komik als Dramatik im engeren Sinne. Denn während Hollywood-Filmmusiken dahinplätschern und Apollon dann und wann einen chinesischen Glückskeksspruch zum Besten gibt ("Sie haben einen feinen Sinn für Humor und genießen das Leben"), geht es zunehmend darum, Admetos auf das kleinstmögliche und garantiert tragödienunfähige Maß zurechtzustutzen.

Als seine Frau schließlich zum zweiten Mal gespensterhaft zurückkehrt, schreien Herakles (in Fesseln/Klebeband) und der Todesgott ihn um die Wette an und erläutern uns damit gleich noch einmal, was von diesem Kerl zu halten ist: "Du bist ein Feigling, fass sie an! Du brauchst immer eine neue Frau, die für Dich in den Tod geht! Mörder!" Da sind wir dann so klug als wie zuvor: Männer gehen über Leichen, Frauen wollen Schmuck und biedern sich an, und die Götter müssen verrückt sein. Darauf noch einen Glückskeks aus Delphi oder Peking: "Sie sollten etwas zur Stärkung Ihres Immunsystems tun!"

 

Alkestis
nach Euripides
Regie: Ulrich Greb, Bühne: Birgit Angele, Kostüme: Elisabeth Strauß, Dramaturgie: Erpho Bell, Fabian Lettow.
Mit: Holger Stolz, Kinga Prytula, Ekkehard Freye, Magdalene Artelt, Roland Silbernagl.

www.schlosstheater-moers.de

 

Kritikenrundschau

Jens Dirksen findet in der Neuen Ruhr Zeitung (11.2.2008) für die "Alkestis" in Moers das schöne Attribut "ratzekurz". Kinga Prytula erwecke die Alkestis "souverän zum Leben". Von Euripides ließen die Darsteller in Ulrich Grebs Inszenierung "aber nur übrig, was den Menschen ausmisst: Die Riesenangst, die eine Mutige wie Alkestis haben kann, wenn's ans Abgeschlachtetwerden geht; die Heidenfreude, die ein Feigling wie Admetos am Leben haben kann, und seine Zwergenangst vor der Toten auf Urlaub, seiner Frau. Holger Stolz spielt das Hasenherz im Angestellten-Anzug mit gekonnter Blässe." Ansonsten gebe die Aufführung dem Zuschauer einige Rätsel auf.

Es seien "die Details, die das Stück heutig machen", meint Anja Katzke zu Ulrich Grebs "Alkestis" in der Rheinischen Post (11.2.2008): Plattenspieler, Tonband, Kamera und Glückskekse. Der Regisseur suche "die absurd-heiteren und lustig-bedrückende Momente", scheue andererseits nicht das Drastische. Ganz glücklich scheint Frau Katzke aber nicht; sie berichtet, dass "Alkestis" als zusätzliche Premiere auf den Spielplan kam: "Das Ensemble probte das Stück parallel zur Uraufführung von '21 Gramm' – als Plan B sozusagen, als es nicht sicher war, ob es die Rechte für die Bühnenfassung rechtzeitig bekommen würde. ... Was hätten diese Schauspieler mit ihrem Regisseur aus diesem antiken Stoff gemacht, wenn es nicht nur ein Plan B oder ein Ersatz gewesen wäre? So bleibt am Ende von Alkestis der unbefriedigte Wunsch nach mehr Tiefe, aber vielleicht liegt das ja auch nur an der ungewohnten Kürze."

 
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