Entrüstungspop

von Leopold Lippert

Graz, 16. Oktober 2014. Aschenputtel, Schneewittchen, Dornröschen – Elektra ist durchaus nicht die erste mythische Frauengestalt, an der sich die amerikanische Choreographin und Performerin Ann Liv Young abarbeitet. Doch das Zauberhafte, das den Märchenheldinnen der Gebrüder Grimm spätestens seit ihrer Disneyfizierung anhaftet, fehlt der antiken Rachefigur: Spitze Spindeln und vergiftete Äpfel mögen grausam erscheinen, aber vorsätzlicher Muttermord ist doch ein ungleich brutaleres Handlungselement.

Tragisches Schnulzentum vom iPod

Das antike Drama ist für die "Elektra" im Grazer Dom im Berg dabei mehr Inspiration als tatsächliche Textvorlage: Die wenigen originalen Versatzstücke aus dem Text (nach Sophokles) spulen die Performerinnen im beinahe unverständlichen Schnelldurchlauf ab. Die eigentliche Bedeutungsproduktion übernehmen hingegen scheinbar belanglose Popballaden vom Band, deren schnulzige Textzeilen der griechischen Tragödie dann doch erstaunlich nahe kommen. Luther Vandross etwa säuselt melancholisch "I'd love to dance with my father again", während die trauernde Elektra minutenlang unbeweglich im Sand kniet und dazu monoton ihren Schellenring im Takt schlägt. Und Mumford and Sons legen dem in Verkleidung unerkannt aus dem Exil zurückkehrenden Orest ein banjolastiges "I'll know my name as it's called again" in den Mund. Tragische Erfahrung als iPod-Playlist.

elektra 560 wolfgangsilveri uKitschtriefende Songs, dazu Untote, die nach Rache rufen und dabei ihre Beine
spreizen: Ann Liv Youngs "Elektra" © Wolfgang Silveri

Doch diese "Elektra" ist keine hermeneutische Übung, sondern eine Entrüstung über die immer schon pathosbeladene, objektifizierende Repräsentation von Frauenschicksalen. "I'm forced to be outrageous by the outrage around me", schreit Elektra an einer Stelle zornig ins Publikum.

Youngs choreographisches Projekt ist dazu so simpel wie zerstörerisch: Die kitschtriefende Songauswahl wird mit hochartifiziellen, mechanisch präzisen, und garantiert unpassenden Bewegungsabläufen bebildert, die den Liedern das Sentiment gewaltvoll entreißen. Putzig ist in dieser unglaublich kalten Entzauberung bloß das kleine (echte!) Schweinchen, das unbeirrbar und keiner erkennbaren Choreographie folgend im Sand nach Essbarem wühlt und dabei schmatzt und quiekt.

Orest lässt zu Countrymusik die Muskeln spielen

Im während siebzig Minuten unverändert gelblich-fahlen Licht spuken drei weiß geschminkte Performerinnen über ein kniehoch umzäuntes Rondeau aus aufgeschüttetem Sand. Im ehemaligen Bunker tief im Grazer Schlossberg changieren Elektra, Klytaimnestra und Chrysothemis auf faszinierende und immer etwas angsteinflößende Weise zwischen Laszivität und Aggression, Verletzbarkeit und roher Gewalt. Sie sind bleiche Fratzen, Untote mit extravaganten Frisuren, die nach Rache rufen und dabei ihre Beine spreizen. Sie räkeln sich verführerisch an Holzstühlen durch die Popgeschichte, doch sie haben unbewegliche, emotionslose Gesichter. Ihre Lebendigkeit ist so gespenstisch und unheimlich wie jene der Windmaschine, die den Sand durch die luftigen Kleidchen – begräbnisschwarz und hochzeitsweiß – bläst. Und immer wieder hallen laute, durchdringende Schreie aus dem Nirgendwo durch den Raum.

Am Ende tritt Orest in den Ring, der totgeglaubte Bruder, der die längste Zeit reglos am Bühnenrand verharrt hat und nun zu Countrymusik die Muskeln spielen lässt. Er vollführt den Muttermord nackt, und als die tote Klytaimnestra blutüberströmt zu seinen Füßen liegt, ist das Licht plötzlich weiß und grell. Der Spuk ist vorüber, die Konturen wieder hart, und die richtigen Worte kommen diesmal von Tom Petty & The Heartbreakers: "Some say life will beat you down, break your heart, steal your crown." Und weil Pop immer auch Kommerz heißt, kann man im Anschluss an die Performance jede Menge Ann Liv Young-Plastikkrönchen käuflich erwerben.

 

Elektra
von Ann Liv Young nach Sophokles
Künstlerische Beratung: Annie Dorsen, Sounddesign: Michael A. Guerrero, Produktion: Kathryn Karwat.
Mit: Bailey Catherine Nolan, Charley Parden, Vanessa Soudan, Ann Liv Young.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.steirischerherbst.at

 

Die Performerin Ann Liv Young wurde auf nachtkritik.de zum ersten Mal mit "Sherry Show" und "Mermaid Show" besprochen, die beide auf dem Berliner Festival In Transit 11 liefen. Im Oktober 2013 besprachen wir ihre vier Dörnröschen-Arbeiten Sleeping Beauty (1-4), die ebenfalls beim Steirischen Herbst in Graz liefen.

Von Ann Liv Youngs Kollaborateurin bei dieser "Elektra", Annie Dorsen, besprach nachtkritik.de A Piece of Work im April 2013 im brut Wien.

Von Popelementen durchzogen war auch die Elektra von Stefan Pucher am Deutschen Theater Berlin (November 2013).


Kritikenrundschau

"Der antike, blutdürstige Stoff" der "Elektra" sei in dieser Performance lediglich "Ausgangspunkt", schreiben Ute Baumhackl und Julia Schafferhofer in ihrem Abschlussbericht vom diesjährigen Steirischen Herbst für die Kleine Zeitung (18.10.2014). "Der pathosschwangere Umgang mit Frauenschicksalen wird zornig vergnüglich zerlegt: mit kitschigen Popsongzeilen, gespreizten Beinen, gesprochenen Textbrocken auf Speed. Ein glänzender Tobsuchtsanfall."

Eine "Elektra"-Interpretation, "die mit Popkultur-Elementen und satirischen Überzeichnungen dem Sophokles-Stoff neue Ebenen entlockt", würdigt Helmut Ploebst in seinem Abschlussbericht vom Steierischen Herbst für den Standard (18.10.2014).

 

 
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