Revolution in pechschwarz

von Steffen Becker

Pforzheim, 8. November 2014. Der Tag ist gut gewählt, um über Revolutionen zu sinnieren. Am Vorabend des 9. November gießt Murat Yeginers Inszenierung von "Dantons Tod" ein bisschen Wasser in den Wein des Gedenkens an den letzten friedlichen Umbruch in Europa. In Pforzheim verheißt eine pechschwarze, leere Bühne, die sich in der Flucht verengt auf einen schmalen Schlitz mit grellem Licht, schon rein optisch nichts gutes. Darauf versammeln sich Georg Büchners Unglücksraben, um die Perversion eines Umbruchs entweder voranzutreiben oder zu beklagen.

Yeginer versammelt dazu ein reduziertes Tableau: Er dampft das Setting von 30 Darstellern auf fünf ein. Danton, seine Frau Julie und sein Gefährte Camille und als Gegenspieler Robespierre und sein Scharfmacher St. Just. Es wäre sonst auch arg eng geworden auf der Bühne. Denn in Yeginers Danton gibt es keine Auf- und Abgänge. Alle Protagonisten sind permanent präsent. Das erweist sich als kluger dramaturgischer Schachzug. Ohnehin definiert sich die eine Partei über die Ablehnung der anderen und baut ihre Handlungen in Reaktion auf deren Wirken auf. Man hat sich also eh immer vor Augen.

Hymne auf die Selbstbestimmung

Yeginer geht aber noch einen Schritt weiter. Bei ihm fließen die Handlungen ineinander. Die Antagonisten interagieren, wo sie im Stück durch Akte und Szenen fein säuberlich getrennt sind. Auf Julies Initiative stimmen sie etwa gemeinsam das Volkslied "Die Gedanken sind frei" an. Erbitterte Gegner, sitzend aufgereiht, eine Hymne der Selbstbestimmung singend - bis zur Strophe über die Liebe zu Wein und Mädchen. Dann springen Robespierre und St. Just verächtlich auf. Prägnanter kann man den Konflikt um die Revolution und die Tugend als Rechtfertigung für Terror kaum veranschaulichen.

danton 560 sabine haymann u "Dantons Tod", von links: Jörg Bruckschen (George Danton), Mario Radosin (Camille Desmoulins) und Christine Schaller (Julie) © Sabine Haymann Teilweise verschmelzen bei Yeginer auch die Figuren. Christine Schaller tritt hauptsächlich als Julie in Erscheinung, vereint aber auch alle weiteren Frauenfiguren in sich - neben der treuen Ehefrau auch die Prostituierte und das Opfer. Dabei verkörpert sie aber immer die Stimme der praktischen Vernunft und der Lebenslust. Schaller verleiht dieser Rolle ein Selbstbewusstsein und eine Dominanz, die ihre Julie zum eigentlichen Zentrum des Abends macht. Damit lenkt Yeginer den Blick verstärkt auf diejenigen, die sich Systeme und Revolutionen nicht aussuchen, sondern sich darin bestmöglich zurechtfinden müssen.

Populismus versus asketische Reinheit

Danton hingegen zeichnet der Regisseur als eher nachdenklichen Charakter. Jörg Bruckschen verkörpert zwar äußerlich den Genussmenschen, den Macho im weit aufgeknüpften Hemd. Er legt jedoch den Schwerpunkt auf den der Revolution überdrüssigen Fatalisten, der weiß, dass seine Zeit vorbei ist. Auch dafür findet Yeginer die passenden Bilder. Ganz vorne hat er eine beleuchtete Plattform errichten lassen (Bühne: Jürgen Höth), auf der die politischen Reden geschwungen werden.

Danton muss von seinem verzweifelt-drängenden Protegé Camille (Mario Radosin) auf diese regelrecht gestoßen werden. Er mag das Scheinwerferlicht nicht und selbst in Phasen einstiger Stärke bei seiner Verteidigung vor dem Tribunal scheint eine Last abzufallen, wenn er diese Bühne verlassen darf. Auch Mathias Reiter als Robespierre betont vor allem die Schwächen seiner Figur. Im Gegensatz zum äußerlich virilen Danton sind seine Reden und seine Bewegungen überkontrolliert. Ein Mann, der nur den Geist, aber nicht die Emotionen anspricht. Obwohl er die Klaviatur des Populismus beherrscht. Zur Begründung von Dantons Verurteilung zieht er sich bis aufs Hemd aus und prangert den Reichtum seines Rivalen an - im Gegensatz zu seiner asketischen Reinheit.

Wenig Reiz

Trotzdem tappt Regisseur Yeginer dabei in die Falle, Robespierre und noch mehr St. Just (Jens Peter als düsterer Strippenzieher) zu dämonisieren. Unsympathische, maliziös lächelnde Figuren vermitteln aber nicht den Reiz der Radikalität, den ihre politische Rolle eigentlich hat. Die Sexyness der einfachen Lösungen - "schlagt ihnen den Kopf ab und ihr werdet zu essen haben" - findet keine passende Entsprechung auf der Bühne. Dann würden auch Sätze wie "Nie hat die Unschuld die öffentliche Überwachung zu fürchten" einen noch größeren Schrecken entfalten. Man mag kaum glauben, dass sie 1794 fielen und seitdem einfach nicht historisch werden wollen. Berlin ist auf einmal ganz weit weg.

Dantons Tod
von Georg Büchner
Inszenierung: Murat Yeginer, Bühne und Kostüme: Jürgen Höth, Dramaturgie: Andreas Kahlert.
Mit: Jörg Bruckschen, Mario Radosin, Mathias Reiter, Jens Peter, Christine Schaller. Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theater-pforzheim.de


Kritikenrundschau

"Revolution kompakt" und "abstrakt", nämlich konzentriert auf die Kernfrage "Wie geht es weiter, wenn die tradierten Strukturen aufgebrochen sind?", das biete Murat Yeginers Büchner-Inszenierung, wie Sibylle Orgeldinger im Pforzheimer Kurier (10.11.2014) berichtet. Yeginer gelinge "eine präzise, atmosphärisch geschlossene Inszenierung. Geschickt positioniert er die Figuren im Raum, um Interaktionen und Konflikte zu veranschaulichen. Alle Darsteller sind durchgehend auf der Bühne präsent, wodurch sich ihre Positionen gegenseitig relativieren. Allerdings fehlt der Inszenierung die Wirklichkeit des Volks; sie lässt Dantonisten und Robespierristen abgehoben von der breiten Masse ihre Positionen vertreten."

Murat Yeginers Einkürzung des Büchner-Stückes "fördert einerseits bekömmlich die Konzentration auf die zentrale Auseinandersetzung, führt aber andererseits zu problematischen Sprüngen des szenischen Geschehens und zu heiklen Unschärfen bei den verbliebenen Gestalten, die nun Texte und Episoden anderer Rolle zu übernehmen haben und an Kontur verlieren", schreibt Rainer Wolff in der Pforzheimer Zeitung (10.11.2014). Das Publikum müsse "Büchner schon ganz gut kennen", um in den "dramaturgischen Grauzonen die Übersicht nicht zu verlieren".

 
Kommentar schreiben