Masken statt blöde Gesichter

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 13. November 2014. Fast erwartet man, dass sie gleich "Ihr Ratten" oder Ähnliches in die Runde ruft. Tut sie aber nicht, obwohl ihr Regisseur Christian Stückl und sein Ausstatter und Kostümbildner Stefan Hageneier das Outfit von Dame Edna verpasst haben. Stattdessen fordert die alte Dame die sie umgebende, mit messerscharfen Worten bewaffnete Nachmittags-Gartengesellschaft auf, von diesem Werkzeug auch üppig Gebrauch zu machen: "Damit die Konversation an Lebendigkeit gewinnt", wie sie es mehrmals formuliert.

Wir befinden uns in einem Nukleus der österreichischen Nachkriegsliteratur: Bei dem legendären Mäzenaten-Ehepaar Lampersberg, das Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre in Kärnten junge Künstler um sich scharte. Allen voran Thomas Bernhard, der dann mit dem Roman "Holzfällen" die Hand, die ihn generös gefüttert hatte, so fest wie nur möglich biss. Ein paar andere in der Runde: H.C. Artmann, Friederike Mayröcker oder der Maler Anton Lehmden. Und dann war da noch ein gerade Fünfzehnjähriger aus dem Kärntner Dorf Maria Saal, der auch ein wenig profitierte von diesem reichlich verqueren, heftig saufenden und schmarotzenden Künstlerzirkel und seinem Geldgeber: Das war Peter Turrini…

Überdrehte Paraphrase
"Bei Einbruch der Dunkelheit", 2006 im Klagenfurter Stadttheater uraufgeführt, zehrt von diesen Erfahrungen. "Ich mache aus Vorfindungen Erfindungen", betont Turrini. Genau so sollte man die Sache auch verstehen: als ziemlich überdrehte Paraphrase auf etwas, was der Pubertierende, damals auf Buchstabensuche, letztlich doch ähnlich krass empfunden haben mag. Turrinis Erinnerung (in einem im Programmheft abgedruckten Interview) ist entschieden positiver als der Theatertext. Er habe viel gelernt von diesem auch als Komponisten sich gerierenden Mäzen Lampersberg, mit all seinen Schnurren.

einbruch der dunkelheit3 560 georg soulek uDurchgeknallte Gartengesellschaft: mit Sven Dolinski, Markus Meyer, Falk Rockstroh und
Barbara Petritsch © Georg Soulek

Das Setting des Stücks ist deftig: Da ist dieser Sponsor-Typ, hier genannt Philippe, ein hemmungsloser Trinker, vor dem weder Frauen noch Männer sicher sind. Über jeden und jede macht er sich im Lauf des Stücks einmal her, über den "dicken Jungen" öfters. Für Markus Meyer eine tolle Rolle, in der er auch als Schlager-Barde immer wieder die Lacher auf seiner Seite hat.

Stichworte wie Dolche
Vor allem aber ist es der Abend der Barbara Petritsch. Sie ist die gallig bittere, geriatrisch ausgereifte "Dame Edna" alias "Gräfin" alias "Frau Schwarz": "Ich bestehe auf Verstellung", insistiert sie, wenn die Masken der Gesellschaft zu fallen drohen (und das tun sie oft). Eben Masken wolle sie sehen, nicht "blöde Gesichter". Und im übrigen – in solchen Formulierungen finden wir uns unvermittelt in der Phrasenwelt von Thomas Bernhard wieder – sei "die ganze Kunst verstellt von aufgeblasenen Bedeutungsträgern".

einbruch der dunkelheit1 560 georg soulek uSpiel mit dem Strohfeuer: das Burgtheater-Ensemble in der Regie von Christian Stückl
© Georg Soulek

Immer wieder holt jemand in der Runde aus zum Kunst-Exkurs in Bernhard-Manier, wird aber regelmäßig aus- und abgestochen von der spitzzüngigen Alten, vom durchgeknallten Bonvivant Philippe oder seiner fanatisch-optimistischen Frau Claire (Dorothee Hartinger), die sich von der Mutter sagen lassen muss, sie sei eine "Idiotin des Positiven". Die anderen sind Stichwortbringer, und das wortwörtlich: Ihre Sätze sind geschärft wie Dolche. Ein wenig unausgeglichen wirken die Figuren in der dramaturgischen Feinmechanik. Christian Stückl, der auf lustvolles Outrieren mehr denn auf hinterhältig leise Töne setzt, hält dem nicht wirklich Ausgleichendes entgegen.

Horváth-Gene
Falk Rockstroh sei zumindest hervorgehoben aus der buntscheckigen Personnage. Wenn er in der Rolle des alten Rechtsanwalts der Mäzenatenfamilie wieder mal den Finger mahnend ausstreckt und irgendetwas hinterfragt: Dann brennt es sofort wieder, und die Gräfin ist nicht weit, um Öl ins Feuer zu gießen.

All den Figuren spürt man an, dass sie Gene aus der Ödön von Horváth'schen Stückewelt in sich tragen. Der ist für Turrini erklärtermaßen so etwas wie der Theater-Urvater. Hoffnungslose Typen sind sie also, die sich mächtig abstrampeln, um wenigstens minutenweise die Köpfe hoch und das Ich aus der Misere zu kriegen – um gleich wieder eingetunkt zu werden in den Sumpf. Die Mixtur aus Horváth und Bernhard treibt durchaus eigenwillige Blüten. Geradliniger Deutung widersagen sich die Figuren, manch Uneingelöstes und nicht ganz Ausgearbeitetes rumort in ihnen. Das relativiert manche Plattheit und macht das Zuschauen zu einer lustvollen Angelegenheit, trotz der Dauer-Tristesse. Die mit auffallender Begeisterung aufgenommene Premiere galt aber wohl auch dem Jubilar Peter Turrini (er ist Siebzig) ganz allgemein, war Lob fürs Lebenswerk, das im Burgtheater vor allem dank Peymann immer ziemlich repräsentativ vertreten war.

Bei Einbruch der Dunkelheit
von Peter Turrini
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüm: Stefan Hageneier, Musik: Tom Wörndl, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Hans Mrak.
Mit: Barbara Petritsch, Dorothee Hartinger, Markus Meyer, Falk Rockstroh, Elisabeth Augustin, Sven Dolinski, Laurence Rupp, Matthias Hecht.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Der Text ist ein rein literarisches Als-Ob, eine Art Alpen-Tschechow, zusammengebaut aus Suaden wie bei Thomas Bernhard, die Turrini mit Lust anhäuft, um sie bis zur Sinnlosigkeit bloßzustellen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (15.11.2014). Das sei toll geschrieben, bringe aber keinerlei Erkenntnis. Stückl stelle sich mit Lust der Farce, lässt die Figuren von Stefan Hageneier grell und punkig ausstaffieren, setzt sie in ein aschegraues Idyll und lässt sie mit Verve aufeinander los. "Alle sind ein bisschen brünstig, böse, aber letztlich so harm- wie hilflos." Das Ganze sei "lustig, aber von letztlich hohler Brillanz. Das zeigt Stückl."

Turrini sei kein Hasser, sondern ein Menschenfreund, so Norbert Mayer in der Presse (15.11.2014). Sein Stück wirke "trotz vieler derber Passagen und vereinzelter gemeiner Sätze vor allem melancholisch, ja sentimental". Stückl mache aus Turrinis Rückschau "ein turbulentes Kärntner Leilei. Und das ist gut so, denn mit Bernhards selbstzerstörerischem Spott sollte sich der Text nicht messen." Man könne sich an Skurrilem ergötzen und zugleich mit Vergnügen dem Spott Turrinis lauschen: "Zur Auslöschung kommt es nicht."

Stückl habe bei seinem Burg-Debüt "sein Möglichstes getan", findet auch Bernhard Doppler im Deutschlandradio Kultur (13.11.2014). Auch die blasphemischen Aktionen wisse er "durchaus klug in Szene zu setzen". Wenn man "aus all der Verzweiflung, aller Aggression und all dem dörfischen Spaß die Einsamkeit, Sehnsucht und  Verzweiflung der Figuren herauslesen" wolle, dann könne man "entfernt auch an eine Tschechow-Gesellschaft denken".

Stückls "Theaterpratze" zermalme "das bis in viele Details authentische Konversationsstück", das "eine Art Alpen-Tschechow sein könnte", so Joachim Riedl in der Zeit (20.11.2014). Aus einer Tragödie wider Willen werde so die groteske Travestie auf eine Künstlerkolonie, in der fast die gesamte österreichische Nachkriegsliteratur zu Gast war. "Wo Turrini mithilfe des Sprachsadismus der Bernhardschen Tiradenkunst das kulturelle Inferno der Wiederaufbauzeit
vergegenwärtigen möchte, lässt die bayrische Kraftlackelei des Regisseurs das Ensemble zum Repertoire deftigen Kolportagetheaters greifen: Es furzt, spuckt, hampelt, poltert, grabscht und kopuliert."

 
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