Im Chor Richtung Kohle

von Gregor Schenker

Graz, 7. März 2008. Mit "Go West – eine Familie wandert aus" widmet sich das Schauspielhaus Graz einer Durchleuchtung der Aufschwungsparolen der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. "Go west, life is peaceful there, go west in the open air", sangen einst die Village People zur Melodie der russischen Nationalhymne. Nicht dieser Gassenhauer wird in dem Auftragswerk des Grazer Schauspielhauses  geträllert, dafür aber in Dirndl und Krachlederner der Kanon "Hätt i di, hob i di" gejodelt. Dennoch wird im Laufe des Stückes Erzengel Gabriel der bibelfesten Durchhaltemutter Maria zur Verkündigung erscheinen und dabei frappant an den "Indianer" Felipe Rose der New Yorker Discotruppe erinnern.

Der aus Bosnien gebürtige Autor und Grazer Stadtschreiber des Jahres 2006, Saša Stanišić, hatte offensichtlich den Auftrag, eine Bearbeitung des Musicals "The Sound of Music" abzuliefern, obwohl jede Nennung des Namens der von Salzburg in die Vereinigten Staaten ausgewanderten singenden Familie Trapp, deren Geschichte als Grundlage des Musicalstoffes diente, von Seiten des Schauspielhauses tunlichst vermieden wird, möglicherweise aus urheberrechtlichen Gründen.

Bereits zu Saisonbeginn konnte man am Schauspielhaus das in Kooperation mit dem Theater im Bahnhof produzierte "Sound of Seiersberg" sehen. Dort trieb die Familie Knapp ihr Unwesen in der Vorstadt. Weshalb diese Spielzeit derartig von "The Sound of Music" dominiert wird, steht allerdings in den Theatesternen. Faktum ist jedoch, dass einige Szenen von "Go West", besonders am Anfang des Stückes, aus den Filmen "Die Trapp-Familie" und die "Die Trapp-Familie in Amerika" von Georg Liebeneiner aus den Jahren 1956 und 1958 übernommen zu sein scheinen.

Gegen Klischees

Diese überaus erfolgreichen Nachkriegsfilme mit Nobelnäsler Hans Holt als Baron Georg von Trapp und Filmstar Ruth Leuwerik als Maria von Trapp waren Musterbeispiele des Klischees "vom Tellerwäscher zum Millionär" einer von Ärmelaufkrempel- und Zusammenhalteparolen gekennzeichneten Wiederaufbauunterhaltungsindustrie. Konsequenterweise wurde die Handlung für "Go West" von Ende der 30er in die 50er Jahre des Aufschwunges verlegt.

Autor Stanišić, Regisseur Tom Kühnel und Puppenvirtuosin Suse Wächter sind nun angetreten, die Amerikaklischees dieser Zeit zu unterwandern und durch subversive Dialoge zu zersetzen. Vor allem die erste halbe Stunde aber weist doch beträchtliche Längen auf. Zu sehr wird in Klischees gebadet, ehe eingeschobene philosophische Dialoge über den kategorischen Konjunktiv von Tradition, good old Europe und das Ducken vor Atombomben folgen.

In einer Puppen-Welt

Mit ihrem VW-Käfer-Bus ist die Familie auf der von Jo Schramm gestalteten Schienenstraßenbühne unterwegs, trifft auf Rancher, Radio, Fernsehen, Jeans und verschiedene amerikanische Ikonen wie Batman und Louis Armstrong darstellende Puppen. Lustig, wenn etwa Dominik Warta als Vater Georg seine Rede an die Cherokee Indianer hält. Und konsequenterweise tritt auch die Puppe der alten Dame Claire aus Kühnels "Besuch der alten Dame" von letzter Saison wieder auf, um ihre auf Reichtum fußende Macht auszuspielen.

Doch die großartige Puppengestalterin und –spielerin Suse Wächter könnte auch einfach nur über die Bühne schlendern und der Abend wäre gerettet. Das wirklich Schöne ist: sie kann noch viel mehr. Singen wie die imaginäre Tochter von Tom Waits und Reese Witherspoon, therapeutisch säuseln wie Siegmund Freud, Seifen- und Colawerbung nachspielen und sogar – staubsaugen.

Leider sind manche Puppen für die hinteren Ränge etwas klein geraten, ein weiterer Punkt – neben den noch etwas wackeligen Übergängen –, warum die Arbeit für das große Haus ungeeignet erscheint und man ihr einen intimeren, relaxteren Rahmen wünscht. Mit Spannung kann aber schon die Dramatisierung von Stanišićs Debütroman "Wie der Soldat das Grammofon repariert" im Mai erwartet werden.

 

Go West – eine Familie wandert aus
von Saša Stanišić (UA)
Regie: Tom Kühnel, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Klaus von Heydenaber, Dramaturgie: Sandra Küpper.
Mit: Juliette Eröd, Dominik Warta, Susanne Weber, Martina Stilp, Julian Greis, Franf Josef Strohmeier, Sebastian Reiß, Oscar Olivo, Suse Wächter.

www.buehnen-graz.com


Mehr am Schauspielhaus Graz: David Greigs Pyrenäen.

 

Kritikenrundschau

"In einer geradezu naiv-langweiligen Weise werden im Schauspielhaus Graz die Nachkriegserlebnisse einer Salzburger Trachtengruppe auf dem Weg nach Amerika geschildert." Das schreibt Ernst Scherzer in der Wiener Zeitung (10.3.2008). Und weiter heißt es in der sehr kurzen Kritik: "Die Schauspieler begaben sich dabei in Rollen, die weit unter ihren gewohntem Niveau lagen. Sebastian Reiß befand sich überwiegend stumm auf der Bühne. Martina Stilp war kaum mehr als die kindliche Stichwortgeberin." Die Alpträume, in denen den Familienmitgliedern historische Gestalten von Adolf Hitler über Bertolt Brecht bis Louis Armstrong und Sigmund Freud begegnen, seien "wenigstens in Ansätzen noch witzig während dieser drei zum Gähnen langweiligen Stunden".

Colette M. Schmidt, sie schreibt im Wiener Standard (13.3.2008), hat ein "witzig-ironisches Roadmovie" gesehen, "in dem die Drehbühne zum Highway wird". Von der Ost- zur Westküste rolle die Familie vorbei an "amerikanischen Klischees, aber auch grotesken Figuren: etwa einem Cowboy (amüsanter Sebastian Reiß), der am Lagerfeuer von Graf Coudenhove-Kalergi und seiner Pan-Europa-Idee philosophiert. Einer der Höhepunkte von Dominik Warta, der den Vater als Spießer gibt, ist eine Rede an die Cherokee, in denen er peinlich Gemeinsamkeiten herzustellen versucht: Was den Ureinwohnern Amerikas die Prärie ist, sei den Österreichern Ungarn." Die Schauspieler machten aus dem dreistündigen Abend "ein Vergnügen". Sie rutschten nicht "ins Kabarettistische ab", obwohl das der Text manchmal zuließe, sondern nehmen ihre Figuren ernst.

 
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