In den Dunkelkammern der praktischen Philosophie

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 7. Juli 2015. Tino Sehgal hat mich auf einen Orbit geschickt, auf dem ich weiterkreise, nachdem seine Performance "This Progress" zuende ist. Und ich merke es erst, als ich mich auf dem Fasanenplatz neben dem Haus der Festspiele auf eine Bank setze, um den Pärchen zu lauschen, die an mir vorbeiflanieren, ins Gespräch vertieft. Pärchen, die in der gleichen Dialogperformance spazieren, in der ich noch wenige Minuten zuvor lief. Wie weit sind sie im Vergleich zu mir und meinen Gesprächspartnern gekommen auf den 200 Metern, die sie vom Anfangspunkt im Haus der Festspiele zurückgelegt haben, wie viel hat ihr Gespräch noch mit der Anfangsfrage zu tun: "Was ist Fortschritt?"

Auf Fortschrittspfaden wandeln

Tino Sehgals Performancekunst kommt selbst in ausgewiesenem Kunstkontext (im Fall von "This Progress" beim Foreign Affairs-Festival der Berliner Festspiele) unvermittelt, und sie befördert den "Zuschauer" in einen idealen öffentlichen Raum. Distanzierter Zuschauer kann man da nicht mehr sein, denn es besteht die Verpflichtung zur aktiven Ko-Präsenz: wenn ich zum Beispiel bei "This Progress" von der ersten von insgesamt vier Gesprächspartner*innen, mit denen ich in der imaginären Wandelhalle ums Haus der Festspiele herum unterwegs sein werde, einem kleinen Mädchen, aufgefordert werde, meine Definition von "Fortschritt“ zu geben.

tino Sehgal Berliner Festspiele c johnny green uTino Sehgal © Johnny GreenDas Mädchen hört nur zu und fasst meine Aussage bei der Übergabe an meine zweite Gesprächspartnerin, eine Jugendliche, zusammen. Die geht meiner Definition mit mir zusammen auf den Grund, hakt nach, äußert Zustimmung und Unverständnis. Eine dritte Gesprächspartnerin (in meinem Alter, um die 30) löst sie plötzlich ab und eröffnet ein neues Thema: "Mir macht es Sorgen, dass wir so unpolitisch sind". In den folgenden fünf Minuten bin ich diejenige, die nachhakt. Und auf einmal ist sie hinter einem Baum verschwunden, läuft stattdessen ein Mann mit weißen Haaren neben mir, der mir seine Lebenserkenntnis darlegt: Fortschritt ist, wenn man Konflikte mit geliebten Menschen nicht scheut. Das habe er von seiner Frau gelernt. In diesem letzten Abschnitt fühle ich mich als aktive Zuhörerin gefragt – nehme also die Gesprächs-Rolle ein, die am Anfang das Kind mir gegenüber spielte.

Wie ein Molekül der Menschheit

Zu einer ähnlichen Art des praktischen Philosophierens werde ich auch im Martin-Gropius-Bau aufgefordert, als ich in das erste Kabinett der Tino-Sehgal-Ausstellung trete und von sechs Tänzer*innen begrüßt werde: "Welcome to this situation!" Sie reden über "Technologien des Selbst" und wollen auch wissen, was ich darüber denke. Das Gespräch mündet in einen Erfahrungs-Austausch übers Tagebuch-Schreiben – ohne dass irgendjemand aus seinem Tagebuch zitiert. Das intime Zwiegespräch von "This Progress" wird hier zu einer Symposiums-Situation ausgeweitet, die aber ebenso von Ernsthaftigkeit und Aufmerksamkeit für den einen, der gerade spricht, geprägt ist. In beiden Situationen habe ich mich nicht als Privatperson, sondern als Molekül der Menschheit angesprochen gefühlt – selbst als ich im Gespräch aus meinen (vermeintlich) privaten Erfahrungen geschöpft habe, habe ich hinterher nicht das unangenehme Gefühl, ausgehorcht worden zu sein, sondern, mich befragt zu haben.

Sehgals Darsteller markieren die Situation durch verstärkte Gestik als theatral: Sie bewegen ihre Arme, wie man seine Arme bewegt, während man redet, aber unruhiger und langsamer zugleich, also als wäre jemand, der heftig gestikuliert, auf Zeitlupe gestellt. Auch die beiden, die im Lichthof des Gropius-Baus alle Arten der Umschlingung ausprobieren, tun das langsam und fließend, es wirkt wie eine Meditation. Aus dem zweiten Kabinett schallt Gesang, zwei Tänzer sitzen einander gegenüber und stecken sich mit Musik an. Als sie fertig sind, ziehen sie in den Lichthof und lösen die beiden Umschlinger ab. Sofort nimmt der Lichthof eine andere Atmosphäre an: Wo bei der ruhigen Bewegungsstudie das heller und dunkler werdende Tageslicht von oben wichtig mitgespielt hat, wird die Konzentration jetzt runter geholt, dorthin, wo der Schall reist. Mit den Tänzern rotieren die Ausdrucksmittel durch die gesamte Ausstellung und machen sie zu einem Organismus.

Gropius Bau c Jansch Berliner Festspiele uSpielstätte Martin Gropius Bau in Berlin. Tino Sehgal untersagt Bilder von seinen Performances © Jansch

Spuk im Gropius-Bau

Ins Kabinett, das die beiden Musiker verlassen haben, kommt ein Mädchen und fängt an, sehr leise über Kunst zu reden. Das ist einer der Momente, in denen es ins Prätentiöse kippt und man sich allzu sehr im Kunstraum fühlt. So wie auch die totale Dunkelheit in den letzten beiden Kabinetten der Ausstellung zunächst ein wenig zu herausfordernd die Frage stellt: Wie weit traust Du Dich zu gehen? Das wird allerdings in beiden Fällen aufgefangen; im letzten Kabinett vier steht man zwischen Darstellern, die sich hörbar machen – zunächst in einem Froschkonzert, aus dem sich nach und nach individuelle Stimmen erheben; auf einmal geht für einen kurzen Moment das Licht an und stiftet ein Bewusstsein der Raumgemeinschaft, dem ein Ritual der kollektiven Ekstase folgt; die Schar der Tänzer bricht aus in den Lichthof und führt dort einen kurzen, schnellen, wütenden Tanz auf, bevor sie wie ein Spuk wieder in der Dunkelheit verschwindet.

Ein bisschen wie ein Spuk fühlt sich eigentlich die ganze Ausstellung an, kurz nachdem man aus ihr hinausgetreten ist in "die Welt". Sie macht sich ja auch nach außen hin unsichtbar: Tino Sehgal lehnt nicht nur Werbung für, sondern auch die bildliche Dokumentation seine/r Arbeiten ab (was zu einem ungewöhnlichen Ausstellungsbericht mit gezeichneten Bildern in der Fernsehsendung "Titel Thesen Temperamente" geführt hat. Der ideale öffentliche Raum braucht in Zeiten der potentiellen Komplett-Überwachung des Bürgers durch Staaten und Konzerne eine sichtbare Schutzmauer? So kann man Sehgals Bilderverbot sehen, als Sichtbarmachung eines wichtigen Paradoxons unserer "westlichen" Lebenswirklichkeit. Die eigentliche Qualität seiner lebendigen Arbeit liegt aber, glaube ich, wohl immer noch kreisend, darin, dass diese Deutung und die schöne Erinnerung an die plötzliche Einladung in diesen idealen öffentlichen Raum nebeneinander bestehen.

 

Tino Sehgal in zwei Häusern

Werkschau im Martin-Gropius-Bau Berlin
vom 28. Juni bis 8. August 2015

This Progress
von Tino Sehgal
Dramaturgie Descha Demgen
beim Festival "Foreign Affairs" im Haus der Berliner Festspiele

www.berlinerfestspiele.de

 

Neben dem bereits erwähnten Fernsehbeitrag im "Titel Thesen Temperamente"-Magazin (ARD) sind Kritiken zu der Ausstellung u.a. im Tagesspiegel und der Welt erschienen; die Berliner Zeitung widmete Tino Sehgal im Vorfeld der Ausstellungseröffnung ein Porträt.

Kommentare

Kommentare  
#1 Tino Sehgal in Berlin: nicht beschreibenGast 2015-07-08 11:11
Eigentlich lehnt Tino Sehgal auch ab, dass man die Situationen beschrieben bekommt, weil man dann schon zu viel weiß über die Konfrontationen mit den Spielern - aber das hat Frau Diesselhorst wohl vergessen und schreibt einen Erlebnisbericht (...).
Wie so oft bei nachtkritik ersetzt eine Inhaltsangabe keine Kritik, hier ist es aber besonders unangenehm: "Wie ich mal in einen total dunklen Raum kam und zuwenig herausgefordert war" geht halt ganz an den außergewöhnlichen Konfrontationen vorbei, die Sehgal schafft.
Trotzdem hingehen! mehrmals! Jeden Tag! Es ist toller, als es der Text oben suggeriert. Auch wenn man jetzt schon zuviel weiß.
#2 Tino Sehgal in Berlin: nicht davon berichten?Gastarbeiter 2015-07-08 12:44
Ihr könnt jemand, der auf Seghals Wünsche hinweist gerne als Gralshüter dissen, aber wie wäre es wenn man einfach mal die künstlerische Praxis des Künstlers repektiert, dem man begegnet? Ist gar nicht so schwer, (alle Veranstalter, die mit Seghal arbeiten tun das, sei es Documenta, sei es der GropiusBau: keine Werbung, keine Beschreibung) ist mindestens so leicht, wie sich Kritik an der Kritik mit flapsigen Überschriften vom Leib zu halten.

(Lieber Gastarbeiter,
gewiss haben Sie auch an FAZ und Süddeutsche und alle anderen, die über Sehgal Arbeiten in Berlin berichtet haben, diese Forderungen gestellt und gewiss haben diese Zeitungen auch Ihre Forderung veröffentlicht und sind ihnen nachgekommen. Ich vermute, wir haben unterschiedliche Auffassungen. Aber die Überschrift über dem letzten Kommentar habe ich trotzdem geändert.
jnm)
#3 Tino Sehgal in Berlin: Werbung gesehenIch 2015-07-08 19:04
Sorry, aber ich fuhr gerade auf der landsberger allee und ich bin mit sicher, dass ich da Werbung für tino sehgal im gropius Bau gesehen habe.groß plakatiert. Im übrigen finde ich den Text hier ganz schön. Macht Lust hinzugehen.
#4 Tino Sehgal in Berlin: unaufgeregt lifechangingGretel Walfisch 2015-07-11 03:36
Ich war gerade im Gropiusbau und die zwei Stunden waren eine sehr schöne Erfahrung. Angemessen zu beschreiben, was ich erlebt habe, fiele mir tatsächlich schwer, weil das Geschehen einerseits so unspektakulär ist und einen andererseits auf eine so persönliche und tiefgreifende Art angeht. Die Sätze von Sophie Disselhorst, es sei eine "plötzliche Einladung in einen idealen öffentlichen Raum" und "man fühle sich wie ein Molekül der Menschheit" gefallen mir aber gut- so ging es mir jedenfalls auch. In amerikanischen Filmen fragen die Figuren einander manchmal: "So- was it a lifechanging expierence?" Und oft klingt das lächerlich. Aber das, was da heute war, war auf ein ganz ruhige, unaufgeregte Art genau das für mich: a lifechanging experience. Ich empfehle sehr, das nicht zu versäumen, es ist eine Freude.
#5 Tino Sehgal-Ausstellung: belanglosBerlin School 2015-07-17 16:00
Sehr enttäuschend und belanglos. Sehgal scheint mehr an der neoliberalen Verwertbarkeit von Performance Art interessiert zu sein, denn an radikalen Situationen und tatsächlichem Diskurs. Die Nichtberichterstattung bzw das Bilderverbot dienen auch nicht dem Widerstand im neoliberalen System, im Gegenteil, sie dienen der neoliberalen Warenwerdung der Performance Art und der Einspeisung in das Galeristen- und Sammlersystem. Eigentlich ziemlich zynisch.

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