Dracula nimmt Unterricht

von Martin Krumbholz

Düsseldorf, 22. Januar 2016. Merkwürdiges Stück. In der Ballade/Moritat/Parabel (was immer es sein soll) "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" schildert Bertolt Brecht die Entstehungsgeschichte und die ersten Herrschaftsjahre des Nationalsozialismus als Machtkampf von Gangstercliquen in Chicago. Nicht um Ideologien geht es, sondern um die Interessen von Blumenkohlhändlern. Zentrale Figuren des NS und des politischen Umfelds sind leicht verschlüsselt und amerikanisiert, Hindenburg ist Dogsborough, Goebbels Givola, Göring Giri und Hitler eben Arturo Ui. Der Völkermörder als Anführer einer Schutzgelderpressergang.

Bizarr! 1941 hat Brecht das geschrieben, aufgeführt wurde es zu seinen Lebzeiten nie, das Attribut "aufhaltsam" im Titel nach dem Krieg gestrichen. In schlichten 1:1-Übertragungen und Blankversen erzählt der Dramatiker die Anfänge des NS bis zum Anschluss Österreichs 1938; eher periphere Begebenheiten – jedenfalls aus der historischen Rückschau betrachtet – wie die Ermordung des SA-Chefs Röhm werden plötzlich zu Schlüsselmomenten des Vergangenen. "Arturo Ui" ist letztlich das krude Resultat einer rein ökonomistischen und demnach verharmlosenden Betrachtung der Geschichte, deren eigentliche verheerende Dynamik Brecht zum Zeitpunkt der Entstehung nicht einschätzen konnte oder wollte.

Der Führer lacht

Daran ändert auch eine Krawall-Inszenierung nichts wie die, die Volker Hesse jetzt auf den Brettern des "Central", der Ausweichspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, hingelegt hat – im Gegenteil. Mit Pauken und Gesängen (die Sopranistin Hiltrud Kuhlmann hat mehrere Auftritte mit Brecht-Vertonungen) soll dem naiven Konstrukt zu Leibe gerückt werden, mit sporadisch auftretenden Ganzkopf-Masken, mit Körpereinsatz, Live-Video, Statisterie und anderem Schnickschnack. Offenbar sollten hier keine Mittel geschont werden, "brecht auf!" heißt das Motto, damit war zunächst der Umzug vom Gründgens-Platz zum Hauptbahnhof gemeint, der den Düsseldorfern schwerfällt. Dabei könnte die wie eine Disco beleuchtete Foyerbrücke, die sich über die Hauptstraße erstreckt, durchaus wie ein Magnet wirken, und anders als etwa in Köln liegt das Ausweichquartier mitten in der Stadt.

arturoui1 560 sebastianhoppe uAlle Stege führen zu Ui: Parteitagssetting in Düsseldorf © Sebastian Hoppe

Heisam Abbas spielt den Ui mit den bewährten Ausdrucksmitteln der Schöpfung einer Kunstfigur aus dem Repertoire eines sich mausernden Schauspielers. Hitler war ein Performer, vielleicht ist dies die triftigste Erkenntnis des ganzen Stücks. Anfangs wird der schmächtige Körper des Manns noch wie Graf Dracula in einen Sarg gepresst, die Stimme klingt dumpf; später scheinen die Arme immer länger zu werden, die Stimme voller, der Auftritt insgesamt bühnenreifer – der Charismatiker hat Schauspielstunden genommen bei Manuela Alphons (diesmal also bei einer Frau). Sie hatte ihm den köstlichen Tipp gegeben, die Hände vors Geschlecht zu legen (solang er nicht den einen Arm hochreißt), es ist die einzige Stelle, da der Führer lacht. Großes Theater. Givola rührt die Trommel. Alle brüllen. Hingemetzelte Schutzgeldverweigerer im Video. Ui predigt vom "Glauben". "Sie werden’s nicht wagen", hofft Dogsborough, Büchner zitierend, da hat er sich getäuscht. Sie wagen es. Der "einfache Sohn der Bronx", als den Ui sich ausgibt, ist am Ziel.

Von den Geschichten, den verständlichen

Heiner Müller hat einmal angemerkt, interessant sei Brecht eben nicht als Aufklärer. Er meinte damit die sogenannte gotische Linie, das Deutsche, Nibelungenhafte, den Blutstrom, im Gegensatz zum Heiteren, Klassischen, Chinesischen. Von dieser gotischen Linie ist im "Ui" nichts zu spüren, nichts ist dunkel, alles platt und klar. Wenn Volker Hesse die namenlosen Gemüsehändler mit Migranten besetzt, ihre betroffenen Gesichter einblenden lässt und damit auf die Untaten des NSU anspielt, verstärkt er nur den peinlichen, peinigenden Zug des ganzen Unternehmens, Text plus Inszenierung. Die Geste ist wieder einmal gut gemeint und in diesem glatten und lärmigen Zirkus-Theater dennoch gänzlich fehl am Platz.

Um noch einmal das Programmheft zu zitieren: Jedes kleine Brecht-Gedicht ist mehr wert als dieser "Arturo Ui". Zum Beispiel "Orges Wunschliste". Da heißt es: "Von den Geschichten, die unverständlichen". Das Stück von 1941 ist nur allzu verständlich und doch ganz und gar daneben.

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
von Bertolt Brecht
Regie: Volker Hesse, Bühne und Kostüme: Stephan Mannteuffel, Komposition und musikalische Leitung: Bojan Vuletic, Choreografie: Chrystel Guillebeaud, Dramaturgie: Barbara Noth, Licht: Jean-Mario Bessière, Video: Marco Hugo Schretter.
Mit Heisam Abbas, Achim Buch, Maximilian Laprell, Sven Walser, Reinhart Firchow, Jonas Gruber, Harald Schwaiger, Andreas Grothgar, Wolfgang Reinbacher, Markus Danzeisen, Gregor Löbel, Mona Kloos, Manuela Alphons, Andreas Weissert, Alisa Smetanina, Hiltrud Kuhlmann, Klaus-Lothar Peters und Statisterie.
Dauer: zwei Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Ein optisches Ereignis ist der Raum", findet Lars von der Gönna auf derwesten.de (24.1.2016). Aber sonst? Hesse habeinen "ungefähren Zugriff" auf den Abend: "Wo man ihn fassen möchte, entgleitet er ins nächste, selten souverän behandelte Genre." Am meisten räche sich, wie hartnäckig Hesses Regie Brechts Entlarvung Uis/Hitlers als Witzfigur ignoriere: "Wo ist Brechts giftiger Witz über den wandelnden Minderwertigkeitskomplex, der Deutschland in den Un­tergang trieb?"

Ganz anders urteilt Dorothee Krings in der Rheinischen Post ( 24.1.2016): "Hesse reißt nur an, übertreibt es nicht mit den Aktualisierungen, überlässt es seinen Zuschauern, Parallelen in die Gegenwart zu ziehen und die Mechanismen der Angstmache von heute zu identifizieren." Hesse fahre viele Mittel auf, um diesem Abend alles Lehrstückhafte zu nehmen, zettele so "einen packenden Theaterabend an, nie gerät er ins Dozierende, sein Brecht ist aktuell, relevant, unterhaltsam" und "lustvolles Schauspieler-Theater".

Am meisten aber rächt sich, wie hartnäckig Hesses Regie Brechts Entlarvung Uis/Hitlers als Witzfigur ignoriert. Die pantherhaft-ästhetische Gliederpuppe, als der der nackt schlammgeborene Heisam Abbas den Abend prägt, ist – sprachlich oft monochrom – ein flacher Smoking-Bösewicht. Wo ist Brechts giftiger Witz über den wandelnden Minderwertigkeitskomplex, der Deutschland in den Un­tergang trieb?

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Wo man ihn fassen möchte, entgleitet er ins nächste, selten souverän behandelte Genre.

Schlammgeborener im Smoking - Brechts „Ui“ in Düsseldorf | WAZ.de - Lesen Sie mehr auf:
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