Wer sind denn wir?

von Gerhard Preußer

Bonn, 13. Februar 2016. Gelb ist der Feind: das Reclam-Heft. Gelb, die Signalfalbe für den Zwang zum Überholten, Überflüssigen, für das, wogegen das Theater als Gegenwartskunst anspielt. Gelb ist die Plattform, auf der man in Bonn Lessings "Nathan" spielt. Und die Reclam-Hefte werden dem Lehrer um die Ohren geworfen.

Die Schläfer erwachen

Volker Lösch lässt seine "Nathan"-Version "mit Texten von Muslimen aus Bonn" mit einer Unterrichtsstunde beginnen. Ein etwas überdrehter Lehrer (Glenn Goltz) erklärt seiner stummen Klasse von migrantischen Schülern den Kampf der Kulturen nach Samuel Huntington und fängt an, aus Lessings "Nathan" vorzulesen. Da erwachen die Schläfer und erzählen in wechselnden chorischen Gruppen ihre Herkunftsgeschichten. Sie glauben dem Toleranzgerede dieses Lehrerpopanzes nicht. Und dann bricht ein gelber Keil das Klassenzimmer in der Mitte auf und dort wird nun "Nathan" wirklich gespielt, wie sich das der reclamtexttreue Durchschnittsdeutschlehrer wahrscheinlich vorstellt: stark gekürzt, aber mit viel Gebrüll und Gehampel.

Nathan2 560 Thilo Beu hHappy Burka-Family auf der Reclam-Bühne © Thilo Beu

Der Wechsel zwischen solchem Lessing-Aufsagetheater, den Chören der jungen Muslime und christlich pseudo-toleranten Gegenargumenten des Lehrers ist das Strukturprinzip des Abends. An passender Stelle werden als Kommentar, Widerlegung oder Aktualisierung von Lessings Sätzen Zitate aus Interviews mit Muslimen eingeschoben. Spricht Recha davon, dass dieser Tempelherr, der sie aus dem Feuer gerettet hat, doch ein Engel gewesen sein müsse, erklären die Choristen uns, was es mit dem Engelsglauben im Islam auf sich hat. So werden die Themen Dämonen, Almosen, Salafistenwerbung, Diskriminierungserfahrungen, Religionswitze, Homosexualität und islamischer Antisemitismus untergebracht.

Tanz der Klischees

Diese Mitteilungen und Bekenntnisse sind zum größten Teil eigentlich Äußerungen einzelner Mitglieder des Chores, der aus jungen Bonner Muslimen der zweiten oder dritten Generation besteht, meist Studenten und Studentinnen. Sie sind jedoch im chorischen Sprechen keinem einzelnen mehr zuzuordnen. Zwischendurch gibt es auch einen Tanz der Klischees mit Bärten, Kopf-Ab-Hinrichtungen, IS-Fahne und Bauchtanz. An einigen Stellen werden im gefährlichen roten Licht Sätze von radikalen Bonner Islamisten gesprochen, die sich natürlich nicht auf die Bühne bitten ließen. So erhält man ein differenziertes Bild der Gedanken- und Gemütslage einer Generation junger Deutscher, hier geboren, hier sozialisiert und im Islam verwurzelt.

Die überwiegend statischen "Nathan"-Intermezzi werden etwas aufgelockert durch eine heftige, zielbewusste Recha (Julia Keiling), die einen erotischen Überfall auf den ahnungslosen Tempelherren startet. Überrascht stottert er: "Das war das Mädchen nicht, nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer ich holte." Und Nathan (Bernd Braun) muss die Ringparabel atemlos erzählen, weil Sultan Saladin (Daniel Breitfelder) ihm seinen Degen auf die Halsschlagader setzt. Am Schluss sind Recha und der Tempelherr (Jan Jaroszek) angemessen verzweifelt angesichts der Nachricht, dass sie Geschwister sind. Aber dann streifen alle vier neu erkannten Familienmitglieder hübsche bunte Burkas über (Kostüme: Cary Gayler) und fertig ist die islamische Familie.

Nathan4 560 Thilo Beu hDer Lehrer (Glenn Goltz) und seine Klasse © Thilo Beu

Als sich Saladin von der Ringparabel Nathans nicht ergriffen zeigt, sondern nur an Nathans Geld interessiert ist, fragen die Schüler dazwischen, das stehe doch so nicht im Text. Der Lehrer rechtfertigt den minimalen Eingriff mit dem schönen Satz: "Das Theater ist keine Volkshochschule." Doch, das ist es in dieser Inszenierung.

Schreckliche Antworten

Löschs Bonner Chorwerk reiht sich ein in die Folge der Inszenierungen, mit denen das Bonner Schauspiel heiße lokale Themen auf die Bühne bringt. Nach den Burschenschaften und dem Missbrauch am Jesuiten-Internat nun der Salafismus. In Bad Godesberg, wo die Kammerspiele, die Hauptbühne des Bonner Schauspiels, sich befinden, gibt es ein ziemlich geschlossenes arabisches Milieu einschließlich einer von Saudi-Arabien finanzierten Schule. Warum man dazu Lessings "Nathan" bemühen muss? Als Reibungsfläche, als toten Hund, den man begraben will?

Am Ende, nach der gesprochenen berühmten Regieanweisung der allseitigen Umarmungen, sieht man nicht nur sämtliche Mitwirkenden in bunten Burkas tanzen, sondern der Lehrer rafft sich noch einmal auf und berichtet in verdrehter Pegida-Perspektive von einer Umfrage, die Löschs Team tatsächlich unter Bonner Theaterbesuchern gemacht hat. Die Antworten auf die Frage, ob der Islam zu Bonn gehört, sind schrecklich. Sie werden minutenlang verlesen. Da versteht man, dass man eine "Nathan"-Inszenierung braucht, um das kulturaffine bürgerliche Bonner Theaterpublikum zu locken und einmal dazu zu bringen, sich anzuhören, was junge Muslime so denken. (Und der gefährlich aggressive Kommentar zu einem Interview Volker Löschs auf der Website der Bonner Pegida-Sprecherin Melanie Dittmer rechtfertigt die Inszenierung jedenfalls politisch.) Das letzte Wort dann haben also auch diese Bindestrich-Deutschen: "Wer, verdammt, sind denn wir?"

 

Nathan
nach G.E. Lessing mit Texten von Muslimen aus Bonn in einer Fassung von Stefan Bläske und Volker Lösch
Inszenierung: Volker Lösch, Bühne und Kostüme: Cary Gayler, Dramaturgie: Stefan Bläske, Nadja Groß, Elisa Hempel.
Mit: Bernd Braun, Glenn Goltz, Jan Jaroszek, Julia Keiling, Daniel Breitfelder, Birte Schrein, Manuel Zschunke. Und: Semiha Akyayla, Nima Bazrafkan, Nour-Eddine Harrach, Aykut Ali Ismail Ötün, Sinem Kakalic, Nina Karimy, Jaschar Markazi Noubar, Jasmin Mourad, Arash Nayebbandi, Mihrab Tunc, Sümeyra Yilmaz, Damon Zolfaghari.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater-bonn.de

 

Kritikenrundschau

Dorothea Marcus vom Deutschlandfunk (14.2.2016) ist begeistert: "Volker Lösch geht an die Schmerzgrenzen der politischen Korrektheit. Es gelingt mit seinem Bürgerchor ein authentischer Blick in die reale Gedankenwelt liberaler, junger Muslime." Lösch sei ein "wichtiger, komplexer Abend gelungen, der vielen Seiten Gehör verschafft und tief in die Grauzonen der Toleranz eindringt. Er könnte zu Kommunikation und besserem Verständnis beitragen. Mehr kann Theater nicht leisten."

"Theater, das sich selbst vergisst", hat hingegen Andreas Rossmann erlebt, wie er in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (16.2.2016) schreibt. Statt mit künstlerischen Mitteln eine überraschende, aufstörende Sicht auf die Wirklichkeit, auf Beziehungen und Abhängigkeiten, zu eröffnen und den Blick des Zuschauers zu schärfen, kompiliere Lösch Nachrichten und Schlagworte, stelle er Thesen und Positionen neben- und gegeneinander. "Es wird nur gebrüllt auf der Bühne. Keine Menschen werden vorgestellt, keine Konflikte ausgetragen, keine Gefühle reflektiert, keine Entwicklungen aufgezeigt."

Volker Lösch habe das "Evangelium der Toleranz" auf eine Zeitreise geschickt: ins Herz der Gegenwart, formuliert Dietmar Kanthak im Bonner Generalanzeiger (15.2.2016). Und subsummiert: "Dieses Herz blutet." Volker Lösch und sein Ensemble unterzögen Lessings Aufklärer-Drama dem Wirklichkeitstest. "Da kann das 18. Jahrhundert nur verlieren." Der Erkenntnisgewinn fürs Publikum bestehe darin, dass keine einfachen Lösungen in Sicht sind.

Nicht nur politisch, sondern auch eotional sei der Abend eine ziemliche Wucht, so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (17.2.2016). "Die besten Momente entstehen dann, wenn sich der beeindruckend präzise Sprechchor in Gruppen spaltet und streitet. Dann zeigt sich eine Bandbreite an Meinungen und Lebenswelten, die einer Pauschalisierung vehement widerspricht. Die Ratlosigkeit, ja Verzweiflung darüber, dass die Debatte um Flucht, Migration und Integration derzeit zu kippen droht, durchzieht den Abend."

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