Keiner tanzt mit Hiob

von Christian Rakow

Berlin, 31. März 2016. "Mama", sagt der kleine Menuchim, der sonst nichts sagt, weil er stumpf und verkrüppelt in diese Welt gepurzelt ist gleich einem Ast vom morschen Stamm. Er sagt "Mama", und in den Ohren seiner Mutter und für Joseph Roths Erzähler klingt es so: Dieses "eine Wort der Missgeburt war erhaben wie eine Offenbarung, mächtig wie ein Donner, warm wie die Liebe, gnädig wie der Himmel, weit wie die Erde, fruchtbar wie ein Acker, süß wie eine süße Frucht."

Kann ein Wort auf der Bühne so klingen? So raumgreifend, so bildgesättigt? Almut Zilcher mischt ihrem Ausruf "Mama" und der Roth'schen Beschreibung eine beherzte Fröhlichkeit bei und hüpft dazu ein wenig, sodass er sich, wenn schon nicht nach einer kosmischen Offenbarung, so doch zumindest nach Erntedankfest anhört.

Das Schielen nach den Mikrophonen

Es gibt im weiten Feld der Romane, die vom Theater regelmäßig angeeignet werden, solche, die schauspielerische Fantasie wie von selbst befeuern, weil sie durch und durch dramatisch gestrickt sind. Romane von Tolstoi, Dostojewski oder Thomas Mann zum Beispiel, die von Szenen leben, vom Dialog, von Menschen im Handel oder im Ringen miteinander. Bei ihnen wirft die Dramaturgie gemeinhin nur den umspielenden Erzählertext mit allen raffenden und deskriptiven Passagen raus, und schon hat man ein veritables Drama vorliegen.Hiob1 560 Arno Declair hEin markiger Dulder: Bernd Moss als Hiob © Arno Declair

Anders ein Roman wie "Hiob" von Joseph Roth (veröffentlicht 1930). Dieser Text lebt weniger von den Interaktionen der Figuren rund um den jüdischen Thora-Lehrer Mendel Singer als von ihren inneren Reflexionen, gespiegelt im einordnenden Erzählerbericht. Bei einem solchen genuin narrativen Text muss das Theater eine ganz eigene Kühnheit und Vorstellungskraft aufbringen, damit nicht das passiert, was man am Deutschen Theater an diesem Abend gute zwei Stunden lang erlebt: dass Spieler*innen mit festem Blick und festem Stand an der Rampe oder kurz dahinter nach imaginären Mikrophonen schielen, um packenweise Erzählerrede frontal ins Publikum zu deklamieren. Wär's für eine Hörbucheinspielung gewesen, hätte man wenigstens beim Joggen oder Autofahren noch die Weiten der Erde und den fruchtbaren Acker genießen können.

Der Bär, der Fuchs und die Kokette

Stattdessen erlebt man ein Ensemble im zaghaften Tasten nach dem Nebenmann oder nach scheuen Illustrationen des wacker Hergebeteten: "Stark und langsam wie ein Bär war der älteste Sohn Jonas", stellt Bernd Moss als "Hiob"-Protagonist Mendel Singer das erste seiner Kinder vor, und Edgar Eckert als Jonas zwinkert bärlich unter seinem Wuschelkopf. "Schlau und hurtig wie ein Fuchs der jüngere Schemarjah" – und Camill Jammal bezirzt mit aasigem Augenaufschlag. "Kokett und gedankenlos wie eine Gazelle die Schwester Mirjam" – hört's und wirft sich kokett ihren geflochten Zopf um die Schultern: Lisa Hrdina als Mirjam. So geht das Illustrationstheater von Romannachstellers Gnaden.

Mendel Singer wird seine Söhne an den Krieg verlieren, die Tochter an den Wahnsinn, seine Frau Deborah (Almut Zilcher) an den Tod. Der Titel "Hiob" sagt's ja schon. Die Pointe, dass ihm sein jüngster, bei der Ausreise nach Amerika in Russland zurückgelassener Sohn Menuchim – die "Missgeburt", im Wortlaut des Romans – gesunden und spätes Glück bescheren wird, nimmt Anne Lenks Inszenierung umstandslos vorweg. Sie etabliert Alexander Khuons anfangs edel regungslosen Menuchim ab Hälfte der Handlung bereits als Erzähler.

Hiobs Sehnsucht nach Action

Was noch? Zu Amerika fallen Regisseurin Anne Lenk vor allem Vaudeville-Chargen ein, mit einem nennenswerten Höhepunkt durch Edgar Eckert als übergewichtigem, Fantasietexanisch stammelndem Footballspieler-Verschnitt. In Bernd Moss hat Lenk einen markigen Dulder Mendel Singer, der sich an Herrenschuhe klammert, wenn er vom "Frost der Gewohnheit", der seine Ehe befallen habe, berichtet. Der Frost weicht dann ein wenig abrupt der Hitze seines Gotteszorns, samt Gottesgebrüll. Die Sehnsucht nach Action – um im amerikanischen Idiom zu bleiben – muss ihn dort für Sekunden übermannt haben. Für den Rest gilt, was Almut Zilcher in ihrer Erntedank-Szene – "Mama" – extemporiert: "Keiner tanzt mit mir, in dieser langweiligen Bude hier." Da war eigentlich schon alles gesagt.

 

Hiob
nach dem Roman von Joseph Roth
Fassung von Anne Lenk und Sonja Anders
Regie: Anne Lenk, Bühne: Halina Kratochwil, Kostüme: Silja Landsberg, Musik: Leo Schmidthals, Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Bernd Moss, Almut Zilcher, Edgar Eckert, Camill Jammal, Lisa Hrdina, Alexander Khuon.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de

 

Wer sich schon unter nachtkritischer Beobachtung an Joseph Roths "Hiob" auf der Bühne versuchte: Johan Simons in München, Klaus Schumacher in Hamburg, Wolfgang Engel in Essen, Michael Talke in Potsdam und Peter Wittenberg in Linz.

 

Kritikenrundschau

"Anne Lenk gelingt das Kunststück, den prototypisch zugespitzten Figuren der Romanvorlage, die immer eingebettet bleiben in etwas Größeres, Allgemeingültigeres, eine hinreißende, feinstimmige Lebendigkeit und Tiefenschärfe zu verleihen, indem sie ihre Inszenierung zu einem Fest hingebungsvoller Schauspielerei werden lässt", so André Mumot in der Sendung "Fazit" von Deutschlandradio Kultur (31.3.2016). Ja, der ganze Abend ist ein zweieinhalbstündiger Glücksfall leiser, klug konzentrierter Menschenerzählung, einer, der zeigt, wie kleinste Gesten groß werden können, wenn man ihnen Raum gibt, einer, der das Publikum zum Hinschauen und Zuhören bringt, weil er selber so aufmerksam lauscht. (...) Es ist so leise, dass man es kaum hören kann. Man muss die Luft anhalten. Aber man wird es nicht vergessen."

"Es ist ein Ausmaltheater, vorgestanzte Szenen, eingekästelte Figuren," schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (2. 4.2016). "Die Amerikaner zum Beispiel sind grelle Clownsmenschen, bunte Karikaturen, als gehörten sie nicht zu dieser Welt; man kann das auch mit Ressentiments gefütterten Kitsch nennen. Immerfort wird dabei zwar mit feuriger Entschiedenheit gespielt, aber es wirkt, als müssten sich die Figuren ihre Gedanken und Gefühle erst vornehmen, ehe sie sie haben. Sie fühlen und denken nicht, sie erledigen Gedanken- und Gefühlsaufträge."

"Anne Lenk stellt die Handlung sauber durch, es kommen auch mal groteske Einlagen", schreibt Rüdiger Schaper im Berliner Tagesspiegel (2.4.2016). "Aber eigentlich ist es langweilig. Bernd Moss arbeitet auf seinen finalen Hiob-Wutausbruch hin, sein zurückgekehrter Sohn Menuchim scheint bei Alexander Khuon an den Ausgang der Geschichte auch nicht recht zu glauben. Frau Deborah, Almut Zilcher, stirbt in jeder Hinsicht zu früh. Und ein bisschen Kapitalismuskritik gibt es auch. Hiobs Botschaft: ein Job wie jeder andere."

Die Regisseurin halte über weite Strecken an der Prosa Joseph Roths fest, so Katrin Bettina Müller in der taz (2.4.2016). Anne Lenk macht das Müllers Eindrück zufolge "weil sie glaubt, dass der knappe und präzise Ton der Sprache weite Vorstellungsräume öffnen kann". Dieses Konzept gehe auf. "Die erzählenden Sätze ziehen Konturen um die Figuren, so hart und eng wie die sozialen und ökonomischen Verhältnisse, an denen sie sich stoßen." So dicht an der Sprache des Romans zu bleiben, erweist sich aus Sicht der Kritikerin "auch als glückliche Konstruktion für die Schauspieler. Ihre Sensibilität für die Sprache, das Ausloten des Raumes hinter jedem Wort, kann sich hier ganz entfalten."

 
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