Wir Kinder vom Bahnhof Zero

Von Falk Schreiber

Hamburg, 27. November 2016. "Schön habt ihr es hier", nickt die reiche Tante anerkennend. "Ganz nach meinem Geschmack!" Was eine ziemliche Gemeinheit ist, weil Karin Neuhäuser die Tante als jemanden darstellt, auf deren Geschmack man nicht wirklich viel geben sollte: als herrische Schabracke auf atemberaubenden Absätzen, mit Schwarzfuchs um den Hals und der Fähigkeit, die gesamte Belegschaft innerhalb von Sekunden nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

Allerdings scheint es einiges zu erben zu geben, da lässt man sich von der Tante doch gerne mal rumscheuchen, zumindest wenn man es nötig hat. Und nötig hat es die Gesellschaft im Kasino von Roulettenburg: der abgehalfterte General (Stephan Bissmeier), der Hauslehrer Alexej (Sebastian Zimmler), die schnell verblühende Schönheit Polina (Alicia Aumüller). Ein Dostojewski-Bestiarium, das vom Roulettetisch in den Mund lebt und nur darauf wartet, dass die Tante endlich stirbt, auf dass ein paar neue Jetons ins Spiel kommen.

Junkies der nächsten Kugel

Die Tante stirbt aber nicht in Jan Bosses strukturell recht brav nacherzählter Theaterfassung von Fjodor M. Dostojewskis Roman "Der Spieler", für die Stéphane Laimé eine spektakuläre Bühne in die Thalia-Dependance Gaußstraße gebaut hat: ein mit Glitzervorhängen ausgekleidetes Kasino, in dem das Publikum auf überraschend bequemen Drehstühlen verteilt ist und sich mehr oder weniger zentriert auf eine Mischung aus Bar, Piano und hadeshaftem Spieltisch ausrichtet. In diesen Raum bricht also die Tante ein – "Schön habt ihr es hier, ganz nach meinem Geschmack!" –, dann versucht sie sich auch mal an dieser lustigen Zerstreuung namens Roulette, setzt auf die Null, die Kugel rattert, und der Groupier ruft "Zero!", und dann ist sie verloren. Und mit ihr das Erbe.derspieler 03 560 c Fabian Hammerl"Schön habt ihr's hier", spricht die Großtante (Karin Neuhäuser), und alle anderen staunen …
© Fabian Hammerl

Alexej liebt Polina, der General liebt die vor allem wegen ihres durchsichtigen Kleides liebenswerte Blanche (Romy Victoria Lambez), Polina liebt den möglicherweise reichen Franzosen Des Grieux (Sven Schelker), und der aasige Mr. Astley (Steffen Siegmund) liebt wahrscheinlich in erster Linie sich selbst, manipuliert Alexej aber so geschickt wie gelangweilt durch die Handlung. Was freilich auch nur charmante Lügengeschichten sind, die diese Figuren unsicher lächelnd mal einander, mal dem Publikum erzählen: Die lieben hier überhaupt niemanden, das sind Junkies, die nur für den nächsten Kick leben, für die Kugel, die ins richtige Fach kullert. Wir Kinder vom Bahnhof Zero. Sollte man einem Junkie glauben, dass er irgendetwas für irgendjemanden empfindet? Eben.

Zero als Investment

Allerdings: Dass Spielen eine Sucht sein kann, ist als Erkenntnis jetzt nicht wirklich weltbewegend. Viel weiter führt aber Bosses aufwendige Versuchsanordnung nicht. Man beobachtet sieben Menschen, die sich selbst zu Grunde richten, die auch wissen, dass ihr Tun falsch ist, und die dennoch nichts dagegen machen können. (Typische Suchtmerkmale übrigens: Leidensdruck, selbstschädigendes Verhalten, Bewusstsein der Sucht.) Man sieht also tolle Schauspieler, die in einem eindrucksvollen szenischen Arrangement einen großen Text performen, aber dennoch lässt einen das Geschehen seltsam kalt.derspieler 01 560 c Fabian HammerlRoulettenburg im Glitzerlook © Fabian Hammerl

Von Anfang an ist klar, dass man hier einen Abend lang Lügen um die Ohren gehauen bekommt, und auch wenn diese Lügen zu einem gewissen Teil Selbstlügen sein mögen – berühren kann einen solch ein vollkommen offenliegender performativer Ansatz nicht. Einmal rutscht Alexej in einen seltsam psychologisierenden Rassismus ("So ein Franzose ist ja nie von Natur aus freundlich!"), nur um zu kaschieren, dass es ihm doch ausschließlich um den nächsten Schuss geht, Zero! Einmal versucht Des Grieux, das Spiel als Ökonomie zu verbrämen, verargumentiert seine Sucht als Investment, aber worum geht es ihm? Zero! Das ist alles schon schwer vorhersehbar.

Den Sturz genießen

Was nicht heißt, dass diese Welt aus Ennui und Selbstverachtung nicht ihren eigenen ästhetischen Reiz hätte. Es macht Spaß, den Protagonisten zuzuschauen, wie sie Souveränität performen, Coolness, den Tanz am Abgrund. Sobald es wirklich ans Eingemachte zu gehen droht, wirft jemand die Musikbox an, "Blue Velvet" klimpert, und die Ernsthaftigkeit wird weggetänzelt. Gott, ist das abgrundtief schön, jämmerlich, hoffnungslos, wenn Zimmler tänzelt! Aber es ist egal. Und das ist der Knackpunkt: Diese Figuren werden in den Abgrund stürzen, man weiß es. Und deswegen genießt man es, ihnen beim Stürzen zuzusehen, weil man ja weiß, dass der Sturz schon längst begonnen hat. Helfen kann man ihnen ohnehin schon lange nicht mehr, also darf man sich auch daran erfreuen, wenn ein Sturz gut aussieht.

Für einen ganzen langen Theaterabend ist das dann aber vielleicht doch ein bisschen wenig. Ein bisschen.

 

Der Spieler
von Fjodor M. Dostojewski
Deutsch von Alexander Nitzberg
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Jonas Landerschier, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Alicia Aumüller, Stephan Bissmeier, Romy Victoria Lambez, Jonas Landerschier aka Jones L., Karin Neuhäuser, Sven Schelker, Steffen Siegmund, Sebastian Zimmler.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Andere "Spieler"-Bühnenversionen der jüngeren Vergangenheit stammen von Christopher Rüping an den Münchner Kammerspielen, von Martin Laberenz in Düsseldorf und natürlich von Frank Castorf bei den Wiener Festwochen bzw. an der Volksbühne Berlin.

 

Kritikenrundschau

Eine schillernde Sause über Sucht, Dekadenz und gebrochene Herzen im Kapitalismus, sah Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (29.11.2016). "Die multinationale Gesellschaft geldgieriger Intriganten und Falschspieler – als galatauglichen Modebluff", exaltierte Figuren in bunten Kostümen, die Kathrin Plath aus dem Glitzer-Kosmos eines Gaultier oder Galliano herbeizitiere. Diese Welt der Oberflächen "erschöpft sich geradezu zwangsläufig in einer langweiligen Show der Seifenblasen – allerdings mit einem explosiven Kern".

"Warum das Publikum im ersten Teil unten auf dem Spielfeld und im zweiten Teil oben auf der Tribüne sitzen muss, bleibt ein Rätsel. So wie sich manches in dieser Inszenierung nicht erschließt", schreibt Heide Soltau vom NDR (28.11.2016). Den Schauspielern gucke man gern zu, allen voran Sebastian Zimmler als Alexej. Regisseur Jan Bosse folge der Vorlage und peppe sie mit viel Glitzer auf. Längen habe der Abend trotzdem.

 
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