Der Tod ist der Tod ist der Tod

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 9. Dezember 2016. Der Tod, der alte Angeber, trägt ein schlecht sitzendes Jackett, kirschrote Stöckelschuhe und kann gar nicht besonders lesen: Viktor Tremmel spielt ihn als absichtsvoll lustlosen Conferencier, der zu Beginn an einem kleinen Tisch zur Linken Platz nimmt und in verteilten Rollen aus dem Stück liest. Dazwischen tritt die Sopranistin Virginia Goldmann ans E-Piano und bietet kirchentagtaugliche Lieder dar wie Hostien. Ihrem Instrument und ihrer Stimme entlockt sie dabei himmlische Klänge. Trotzdem ein eher behäbiger Auftakt für einen Abend, der nicht so blöd ist, wie er sich vordergründig aufführen mag.

Alkestis1 560 BirgitHupfeld u"Wo ist mein zweiter Schuh?" (Ensemble) © Birgit Hupfeld

Vielfältige Spuren

Die Regisseurin Julie Van den Berghe inszeniert "Alkestis" von Ted Hughes nach Euripides nämlich als beziehungsreiche und revueartige Versuchsanordnung. Schauplatz ist ein mysteriöses Zwischenreich, das ans Totenreich gemahnt, wobei die Metaebene die Spielfläche abgibt. Dort steckt zu Anfang Alkestis, die für ihren Mann Admetos in den Tod gehen wird, fest und streckt ausdauernd schmerzerfüllt ihe Arme gen Himmel. Dabei zitiert sie auch Sätze aus dem Gedicht "Lady Lazarus", einem der berühmtesten der amerikanischen Schriftstellerin Sylvia Plath mit den wegweisenden Zeilen "Sterben/Ist eine Kunst, wie alles andere auch/Ich kann's besonders schön".

Sylvia Plath war die Ehefrau des britischen Dichters Ted Hughes, die sich mit gerade einmal dreißig Jahren das Leben nahm, wofür ihrem Gatten dann lebenslänglich von ihren Anhängern und besonders von feministischer Seite die Schuld gegeben wurde. Durs Grünbein, der Ted Hughes heutig tönende Alkestis-Fassung aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat, geheimnist deswegen womöglich eine Spur zu viel hinein in diesen Text, zum Glück nur im Programmheft, nicht in seiner Übersetzung. Van den Berghe indes tut gut daran, sich von derlei Gedanken nicht knebeln zu lassen, sondern vielfältige Spuren auszulegen.

Dafür setzt sie ihr Personal in eine, von einem Vorhang begrenzte, Art Käfig, der auch die Abteilung für Anatomie eines herkömmlichen Zombie-Krankenhauses sein könnte. Der Tod ist der Tod ist der Tod, heißt es einmal. Die Inszenierung beschwört ihn mit Bildern, die in ihren besten Momenten an die phantastischen Prozessionen des Künstlers James Ensor erinnern: Tote, die wie Clowns daherkommen. Alkestis in der Geisterbahn.

Alkestis2 560 BirgitHupfeld uPaula Hans und Nico Holonics aka The Walking Dead © Birgit Hupfeld

Wer hat das Sagen?

Paula Hans in der Titelrolle muss zu Beginn als lebende Tote Vokale und Konsonanten ebenso lang zum Jammer-Tremolo heben wie ihre Arme, während Nico Holonics ihr als Admetos gespenstische Augen macht. Die beiden verbinden zwei Kinder und eine ebenso märchenhafte wie alptraumhafte Liebe, von deren Zartheit man erst ganz am Ende etwas verspürt, als Holonics Admetos sich mit auf einmal normaler Stimme an seine Frau wendet und die ihm Antworten ins Mikrophon haucht und flüstert.

Dabei gönnt die Inszenierung Alkestis und auch der Mutter von Admetos (Heidi Ecks) mehr Raum als das Drama selbst. Wie es ihr überhaupt gelingt, den Mythos mit Frauenbildern von heute und gestern zu unterfüttern. Von der kleinen Meerjungfrau über heutige Mermaids bis hin zu Courtney Love und Britney Spears, inklusive des entsprechend dämlichen Soundtracks. Doch das Sagen auf der Bühne wie im Drama haben die Männer, egal ob Gitarrenmann Apollo (Justus Pfankuch), Krawallschachtel Herakles (Björn Meyer) oder der entzückend zurechtgemachte Pheres von Peter Schröder, der dem Ganzen kleine Akzente aufsetzt wie Krönchen.

Schade, dass sich der Abend dennoch einigermaßen langwierig und gespreizt vollführt, was auch daran liegt, dass er zu selten zur Besinnung kommt. Im Schlussbild tut er's Gott sei dank, wenn Paula Hans sich von einer verhüllten Statue zur im Klischee erstarrten Muttergottes wandelt. Die letzten Worte des Abends gebühren dann zumindest hier, wenn schon nirgends sonst, Alkestis, der Mutter, Hure, Heiligen.

 

Alkestis
von Ted Hughes nach Euripides
aus dem Englischen von Durs Grünbein
DSE
Regie: Julie Van den Berghe, Bühne: Lucas Devriendt, Kostüme: Maison The Faux (Joris Suk und Tessa de Boer), Musik: Berny Kloos, Dramaturgie: Stephan Wetzel.
Mit: Nico Holonics, Paula Hans, Björn Meyer, Peter Schröder, Justus Pfankuch, Viktor Tremmel, Heidi Ecks und Virginia Goldmann.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspiel-frankfurt.de

 

Kritikenrundschau

"Vieles an dieser 'Alkestis'-Inszenierung wirke narzisstisch und beliebig, "offenbart auf den zweiten Blick aber ein dichtes Gefüge", schreibt Markus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (12.12.2016). "Auch im besten Fall" seien die Bezüge allerdings nicht-intuitiv und ergäben "eher ein multimediales Gedicht als Bühnenkunst, die aus sich und dem Text heraus wirkt". Immerhin halte "der bunt-gespreizte Bilderbogen" die Spannung. "Das Empfinden, 'Alkestis' gesehen zu haben, war hingegen nicht mit eingepreist."

Ein kurioser Widerstreit sei zu erleben, so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (12.12.2016). "Hier die routinierten Albernheiten eines mit Exaltation und Popmusik aufgepeppten Schauspielspektakels, (...) Dort die Darsteller, die sich doch auf das einlassen wollen, was hier konkret verhandelt wird." Allzu vage und allgemein verfolge Van den Berghe die Möglichkeit, dass es hier um Frauenbilder gehen könnte. "Was den Text betrifft, wird in Frankfurt nicht einmal das vorletzte Wort gesprochen."

Das Satyrspiel nehme die niederländische Regisseurin beim Wort, schreibt Claudia Schülke in der FAZ Rhein-Main Ausgabe (12.12.2016). Den glücklichen Ausgang lasse sie schuldig bleiben. Knallbunte Pop-Kultur beherrsche die Bühne, Märchen-, Phantasie- und Traumbilder. Die Lektüre von Euripides, Ted Hughes und Sylvia Plath sei anzuempfehlen. "Wem das zu anstrengend sei, der kann sich imemr noch an der Pop-Kultur ergötzen, die wie ein wuietschbunter Firnis diesen Theaterabend überlagert.

 

 

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