Der Neandertaler in uns

von Eva Biringer

Wien, 1. Februar 2017. Was macht Sisyphos im Supermarkt? Er trägt ein Neandertalerkostüm und scheitert am Transport seiner Einkäufe. Kaum hat er sich evolutionsbedingt aufgerichtet, kullert ihm ein Dutzend Salatgurken aus der Hand und er muss sich bücken, um sie aufzusammeln, um sie wieder fallenzulassen, um sie wieder aufzusammeln... Warum keine Tüte? Vielleicht waren ihm die fünfzehn Cent zu viel. Schließlich schmeißt er alles Grünzeug hin. Andere Neandertaler kommen ihm zu Hilfe und schauen nach, was man mit Salatgurken noch so alles machen kann, Maniküre, Mundhygiene, Feuermachen, aha, oder man fitzelt die Plastikfolie rauf und runter wie ein Kondom. Klingt bescheuert? Ist es auch. Willkommen in der Welt von Lisa Lie.

Ich kenn mich nicht mehr aus

Für ihre erste Uraufführung im deutschsprachigen Raum – ihr Stück "Blue Motell" war bereits beim Nordwindfestival auf Kampnagel zu sehen – beschäftigt sich die Norwegerin mit dem Mythos Kaspar Hauser. Wurde beschäftigt, um genau zu sein, ist doch dem Programmheft zu entnehmen, dass es sich bei "Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Moment angreifen!" um einen Werkauftrag des Schauspielhauses handelt. Ausgangspunkt war Peter Handkes 1968 erschienenes Stück "Kaspar", das sein Autor eine "Sprechfolterung" nennt. Viel übrig geblieben ist davon nicht. Eine Qual für die Ohren ist dieser Abend allemal.

Kaspar Hauser Wien 1 560 Matthias Heschl uHand und Fuß: Die Gute-Laune-Plastik im Bühnenzentrum © Matthias Heschl

Zu Beginn hat noch alles Hand und Fuß, wenn auch mehrere wie die einem Menschenknäuel nachempfundene Gute-Laune-Plastik im Bühnenzentrum (erdacht ebenso wie die Kostüme von Maja Nilsen). Rudolf Steiner lässt grüßen! Auch aus dem Programmheft, das Verbindungen zwischen dem Esoteriker und Kaspar Hauser aufzeigt. Von dieser sozialen Plastik herab spricht Vassilissa Reznikoff in märchenhaft-wolkigen Sprachbildern von Pullovern aus "Moorwollgras" und vom Mutter-Sein. Da haben wir Zuschauer noch alle Moorwollfäden in der Hand. Es folgt die eingangs beschriebene Gurkenszene, dann eine britische Five 'o clock-Zeremonie, später ein Balletttänzer mit einem Glitzermonolith auf dem Kopf und eine Twerking-Einlage, bei der die beeindruckend ausdauernden Performer – neben Vassilissa Reznikoff sind das Kenneth Homstad, Jesse Inman und Gabriel Zschache – ihrem gegenseitigen Begehren Ausdruck verleihen (Steiner würde sagen: Ausdruckstanz). Dass sie Spagat können, wusste man bereits vom Trailer auf der Schauspielhauswebsite. Nach und nach geht dem Stück jeglicher Sinn verloren, oder wie der verwirrte Wiener sagen würde: Ich kenn mich nicht mehr aus.

Plem-Plem Ugu-Aga Balla-Balla

Das Nicht-Auskennen gehört zum Konzept der im norwegischen Trondheim geborenen Regisseurin, die sich in ihrer Heimat auch als Performerin und Autorin einen Namen gemacht hat. Ebenso die mutierten Karnevalsmasken und ein galliger Humor, der nicht mal vor Vergewaltigungen halt macht, solange sie auf den Knien angekrochen kommen. Lies Landsleute nennen das "Trash", in Polen hieß es über eines ihrer Stücke: "Viele Leute lachten, ohne zu wissen, warum." Im Schauspielhaus lachen die Leute eher verhalten, manche gehen, einer schnarcht. Das ist natürlich ein Weg, der im Stück zitierten "historischen und gegenwärtigen Idiotie soweit das Auge reicht" zu begegnen. Einen anderen Weg lehrt uns Clemens Setz. In Die Stunde zwischen Frau und Gitarre verwendet der Autor die Kunstsprache Nonseq, deren Sätze zwar den Regeln der Grammatik folgen, jedoch keinerlei Bezug aufeinander nehmen.

Ähnlich funktioniert Sprechfolter bei Lisa Lie: Jeder brabbelt am anderen vorbei, ein Kauderwelsch aus Deutsch, Englisch, Höhlenmenschisch, mit gelegentlichen Zaunpfahlwinken nach unten, in Richtung Keller. Bevor der Text zu Ende ist, wollen wir noch kurz erwähnen, worum es geht: 1828 behauptete der sechzehnjährige Kaspar Hauser, allein in einem Verlies aufgewachsen zu sein. Dass es ihn gab, ist historisch gesichert, die genauen Umstände hingegen düster wie eine Steinzeithöhle. War er der Sohn des badischen Königs? Ein Vogelflüsterer? Ein Scharlatan? In einem Vorabgespräch bekundete Lisa Lie ein starkes Interesse an ihrer Hauptfigur. Ein Kind aus dem Keller und das in Österreich! Bei der Premiere wirkt es, als habe die Vorlage lediglich als Klammer gedient, um einen Haufen Unsinn zusammenzuhalten: Hauser – Plem-Plem Ugu-Aga Balla-Balla – Hauser. Eine Stunde lang ist das lustig. Zumal manche Bilder in ihrer komischen Evolutionspoesie an den Bühnenmagier Philippe Quesne erinnern. Nach eineinhalb Stunden mühsam. Nach zwei Stunden ist es vorbei. Vielleicht ist dieser Kaspar Hauser eine Einladung, den Neandertaler in uns zu umarmen. Wir müssen uns die Salatgurke als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 

Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Moment angreifen!
Regie: Lisa Lie, Bühne und Kostüme: Maja Nilsen, Dramaturgie: Tobias Schuster, künstlerische Mitarbeit: Julian Blaue.
Mit: Vassilissa Reznikoff, Kenneth Homstad, Jesse Inman, Gabriel Zschache.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Einen "Parforceritt durch die Menschheitsgeschichte, betrieben mit enormem Aufwand und ungewissem Ausgang", aber mit "zweifelhaften Ergebnissen", sah Petra Paterno von der Wiener Zeitung (3.2.2017). "Der künstlerische Mehrwert des ekstatischen Bilderbogens bleibt fraglich."

"Mit Kaspar Hauser hat diese Welt nur indirekt zu tun. Sie zeigt das Kreatürliche des Menschseins und seine nicht immer abgesicherten humanen Instinkte", bemerkt Margarete Affenzeller vom Standard (3.2.2017). "In diesen steilen Behauptungen liegt deshalb viel Spannung, weil die märchenhaften Bilder ihre Bedeutungen nicht sofort preisgeben." Man rätselte und staune. "Mehr Stringenz hätte aber gutgetan."

Um "Erbarmen!", bettelt norb in Die Presse (4.2.2017). Der Anfangsmonolog sei absurd, "schwammig artikuliert", der am Ende so überflüssig wie der zu Beginn. Dazwischen "fades Steinzeittheater".

"Ein intensives, teils sehr absurdes und anstrengendes, hin und wieder gelungenes Theaterstück, nach dem man nach leichter Kost und Entwirrung verlangt. Blöd, dass das Dschungelcamp schon vorbei ist …", bedauert Marco Weise vom Kurier (6.2.2017).

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