Die Ehe, Gott, die Frau an sich

von Maximilian Pahl

Basel, 25. Februar 2017. Gott ist ein Spanner. Er ist türkis. Und er zerlegt mit einem Messer – frei einem vedischen Mantra folgend – den Menschen in drei Teile. So lautet es bei der hochgeschätzten Dramatikerin Anja Hilling, die sich zum zweiten mal den französischen Bühnendichter Paul Claudel vornimmt. Sein Stück "Mittagswende" aus dem Jahr 1905 basiert auf Reiseerlebnissen und verbrachte das erste Drittel des 20. Jahrhunderts in der Schublade. Nun hat es Hilling also für das Theater Basel umgeschrieben. Nicht etwa, um den Text des katholischen Diplomaten Claudel zu verweltlichen und scheinbar auch nicht, um ihn dadurch vermittelbarer zu machen.

Es sind verwirrlich dichte Sprachgebilde auf den Grundfesten von Claudels Dreiakter, welche sich unter Julia Hölschers Regie auftürmen, eine zur Gigantik hochgezüchtete Gefühlsbekundung aus vier Kehlen, zu der man besser ausgeschlafen erscheint. Denn neben göttlicher Schaulust ist auch lyrische Fassungskraft gefragt, um zu folgen.

Mittagswende1 560 Sandra Then uDie geheimnisvollw Ysé (Nicola Kirsch) © Sandra Then

Spielarten der Liebe

Die vier Menschen auf dem frisch geschrubbten Schiffsdeck sind nicht türkis, Ihre Kostüme werden höchstens grün, gelb oder rot. Sie zerlegen sich – frei nach gefühlt allen Spielarten der Liebe – in Einzelteile. Sie geben ein Bild ab, das besser zu ihnen selbst passt, als zur Szene. Ysé begleitet ihren Ehemann auf seiner Geschäftsreise nach China, trifft dabei ihren weltmännischen Ex-Lover Almaric und durch ihn auch den jungen Mesa, der nach ein wenig Überzeugungsarbeit ins amouröse Viereck einsteigt. Kinder hat Ysé bereits bekommen und wieder verloren und der Ehebruch wird von allen auf die eine oder andere Art begrüsst. Jeder will zu sich selbst gelangen und zugleich wollen die drei Männer Ysé – ein Zwist, der mit der Frage nach dem Glauben an Gott parallel verläuft. Mario Fuchs lässt sich zum Liebes-Novizen bekehren und staunt Nicola Kirsch an: "Wie kann man so geil sein. Und so verheiratet. So unmöglich. Wie du."

Nicola Kirschs Kokettieren ist der Angelpunkt: sie schmachtet, oder gibt kühl und schlagfertig zurück. Sie wird Mutter, aber gibt das Frausein auf und zerschneidet sich schließlich das Gesicht. Leicht könnte man sie für eine von Shakespeares Königinnen halten, dann wieder für die Braut aus "Kill Bill". Florian von Manteuffel als ihr Ex-Lover erkennt in ihr auch die geborene Hausfrau, als sie ihm das Bier mit dem Fuss serviert. Dann verkehren sich die Dinge.

Mittagswende2 560 Sandra Then uKasteiungen im Namen der Liebe (Nicola Kirsch, Mario Fuchs) © Sandra Then

Die Figuren auf der Bühne verhalten sich so, wie es im Text geschrieben steht: "Ich töte den anderen in mir. Ich gehe durch ihn (bis ich durch bin.)" Ja. Und alles Vorhandene soll irgendwie zu etwas anderem werden. Oder zu nichts: Die Ehe, Gott, die Frau an sich. Nur in vedischer Kontemplation wäre dies wahrscheinlich wirklich zu verarbeiten. Auch sprechen die vier Menschen selten zueinander, denn ihre Poesie ist von Anfang bis Ende durchgetaktet. Kaum ein Satz begnügt sich mit weniger als der grossen Vollendung. Und wenn doch ("Ich erhalte deutliche Mails" oder "Du siehst scheisse aus"), dann klingt das schnell nach Fremdkörper.

Beziehungskampfkunst

Dieser ganzen Ballung und auch der Kontemplation kommt zunächst die permanente Tonspur von Martin Gantenbein zugute. Es ist der Soundtrack zum Schmachten am Sonnendeck. Doch wird es zunehmend schwieriger für die Spieler, neue Energien hineinzutragen. Dass die Figuren das Allermeiste schon im Vorfeld zu wissen scheinen, macht es nicht einfacher. Aus der Schwere ihrer Bedeutung entweicht keine dauerhaufte Atmosphäre.

Auf den Friedhof, wo der zweite Akt spielt, fühlt man sich am ehesten mitgenommen. Auf torfigem, dennoch gummiartigem Untergrund ereignet sich folgende feine Szene zwischen Nicola Fritzen und Nicola Kirsch: Sie besiegeln in tänzerischer Kampfkunst ihre Ehe und schaffen damit den schönsten Moment des Abends. Der letzte Akt vollzieht sich dann im Holzkubus, den ein Drahtseil langsam kippt. Claudel liess das Ende in China spielen, kurz nach dem Boxeraufstand. Von seiner Kritik an Europa und am Imperialismus blieb in Basel einiges erhalten. Insbesondere von Manteuffel attestiert der Zivilisation ihre Verdammnis durchaus klug, wenn auch stark gerafft.

Muskel für Muskel

Denn in den Grundzügen zeigt Julia Hölschers Inszenierung die Handlung von Claudels Bühnenpoem. Und Hilling bewahrt sprachlich seine ausufernde Emotionalität. Im Programmheft hat sie immerhin eingeräumt: Diese Sprache müsse nicht jedem gefallen. In den durchchoreographierten Liebeszenen kommt es nie wirklich zur Befriedigung, denn Kirschs Ysé würgt, wen sie eben noch umschlang und spielt mit ihrer körperlichen Nähe aus Verdruss. Das lädt sich auf und gerät zur Selbstkasteiung im Namen der Liebe. Am Ende will Ysé die ganze Zeit Gott gewesen sein, von dem Mesa sich abgewiesen glaubt. Ihre Bewegungen sind höchst akribisch in den Regieanweisungen notiert. Muskel für Muskel. Als letzte Anweisung steht da: "Die Wände werden Staub".

Es ist eine der milderen Forderungen dieses Abends.

 

Mittagswende. Die Stunde der Spurlosen
von Anja Hilling nach "Mittagswende" von Paul Claudel
Regie: Julia Hölscher, Bühne: Paul Zoller, Kostüme: Janina Brinkmann, Musik: Martin Gantenbein, Dramaturgie: Stefanie Hackl, Licht: Roland Heid, Stefan Erny.
Mit: Nicola Kirsch, Nicola Fritzen, Florian von Manteuffel, Mario Fuchs.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause.

www.theater-basel.ch

 

Mehr lesen? Beim 62. Festival d'Avignon zeigte Valérie Dréville 2008 die Originalversion Paul Claudels im Steinbruch Boulbon.

 

Kritikenrundschau

"Wie Julia Hölscher ihre Figuren setzt, wie die Schauspieler ihrerseits Position zu sich selbst und zueinander beziehen, das schafft starke Bilder", findet Annette Mahro in der Badischen Zeitung (27.2.2017). Bei Claudel werde "die Unmöglichkeit, sowohl dem Gegenüber jemals nahezukommen als auch den zu erkennen, der sich in dessen Auge spiegelt, zum unlösbaren Drama der Menschheit". Die Basler Inszenierung lasse das in starkes Theater münden.

Auf ganzer Linie gescheitert, schreibt dagegen Christoph Heim in der Baseler Zeitung (27.2.2017). Man versucht, Claudel auf den Boden und ins Heute zu holen. "Aber wie stehen doch die Schauspieler dumm auf der Bühn eherum." Wenn es darum gegangen wäre, jedes Wort, das über die Lippen kommt, der Lächerlichkeit preiszugeben, man hätte es nicht besser machen können.

Und in der BZ Basel (27.2.2017) schreibt Verena Stössinger: "Das Glück des Abends sind die Bühne. die Kostüme, und die Choreographie der Körper: all das, was nicht übers Hirn laufen muss. Denn die pathetisch poetisierte Sprache der Bearbeitung verstellt nicht nut das Verstädnis, sondern auch Teilnahme und Empathie." Die Geschichte bleibe - wie bei Claudel - eine Wört-Kulisse.

 

 

 

 
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