Auf der Seite der Macht

von Martin Thomas Pesl

Wien, 9. Mai 2017. "Skandalisieren, verraten muss man die Welt, sonst verliert sie sich doch in ewiger Wiederholung", sagt die Frau in ihrem letzten Monolog, und es klingt wie die längst im Raum stehende Rechtfertigung für alles, was hier geschieht. Auch dafür, dass dieses Stück überhaupt aufgeführt wird. "Orgie" entwirft in bildhaften, sexuell expliziten Sätzen eine Normwelt und gibt sie stolz der Schändung preis. Trotz des zeitlosen Themas wurde Pier Paolo Pasolinis Tragödie oft als undramatisches "Hörspiel" abgetan. Dass es im Gegenteil mit einer erschreckend plastischen Handlung aufwartet, beweist Ingrid Lang nun am Wiener Hamakom-Theater.

Ein Normalo auf Abwegen

Mit ihrer ersten Inszenierung – des dystopischen Dramoletts "In weiter Ferne" von Carol Churchyll – landete die gelernte Schauspielerin hier 2016 einen Überraschungserfolg. Für das Folgeprojekt hat sie eines der sechs Stücke entmottet, die der skandalumwitterte italienische Filmer Pasolini 1966 im Krankenbett für ein utopisches Theater nach seiner eigenen radikalen Vorstellung entwarf. Zu Beginn von "Orgie" erklärt ein frisch Erhängter, er sei ein Mensch wie du und ich gewesen, "auf der Seite der Macht", aber "nicht Konformist genug (...), um von der Macht guten Gebrauch zu machen." Man möchte Jakob Schneider den scheuen Normalo nur zu gern abkaufen, wie er sich verschreckt von einer Assistentin in Schwarz entkleiden, von ihrem Kollegen mitten im Satz das Mikro wegnehmen lässt. Der stets fragende Ton seiner Monologe weicht die Anklage des "Andersartigen" auf.

Orgie3 560 MarcelKoehler uNicht Konformist genug: Jakob Schneider als sadistischer Protagonist © Marcel Köhler

Mit seiner badenden Ehefrau bespricht er sodann im Rückblick liebevoll Fragen und Hintergründe zu ihrer sadomasochistischen Beziehung. Sie analysieren die Freude am ängstlichen Zittern, erinnern sich an alte Zeiten am Dorf, werden von Lachkrämpfen geschüttelt im Gedanken an die Gewöhnlichkeit der Eltern. Johanna Wolffs ambivalente Kraft ist faszinierend. So nackt und zart kann sie gar nicht vor dem Mann stehen, so brüchig kann ihre Stimme gar nicht sein, dass man in ihr ein Opfer sähe. Mit einem Mal wird das Prinzip des Sadomasochismus sonnenklar: Die Masochistin ist's, die den Ton angibt, indem sie Bestrafung einfordert, nur so kann es funktionieren.

Der zeitlose Horror im Wohlstandsnest

Ingrid Lang konterkariert die schwülstige Lyrik des Textes durch satten Realismus. Die detailverliebte Wohnung, deren Wände sich bis hinter die Zuschauertribüne ziehen (Bühne: Peter Laher), verortet den zeitlosen Horror in bürgerlichem Wohlstand. Er schneidet sich im Bad die Zehennägel, während sie über ihre Bettlektüre hinweg mit ihm über Krieg, Frieden und Körperliches parliert. Dann wieder bricht Lang elegant den sorgsam kreierten Realismus, wenn die Maskenbildnerin der geschundenen Frau seelenruhig blaue Flecken aufträgt oder ein Video Momente von Gewalt, Schmerz und Lust zeigt.

Mag sein, dass der stilisierte Film eine Spur zu keck mit dem Horrorgenre kokettiert, in dem diese geradlinige Otherness-Geschichte im Übrigen bestens aufgehoben ist. Über Pausen und Blicke entfaltet sich der Psychothrill, nur punktuell untermalt Karl Stirners Musik die Anspannung. In der schaurigsten Szene des Abends sitzen einander Mann und Frau – voll bekleidet – bei fahlem Licht gegenüber und malen sich ihre nächste Misshandlung durch ihn aus, einschließlich der Ermordung der beiden Kinder. Hierzu läuft frühlingshafte Klassik. Später tanzen sie zu ihren eigenen Stimmen, die rhythmisch vom Plattenspieler erklingen, nebst soghaftem Knistern.

Orgie1 560 MarcelKoehler uTanz auf dem Vulkan: Johanna Wolff und Jakob Schneider als sadomasochistisches Paar in "Orgie" © Marcel Köhler

Plötzlich wird es ernst, sie, nun ja, verschwindet, und er, mit dem wir bisher fast Mitleid hatten, entpuppt sich als Monster. Gerade holt sich die Frau noch ein Messer aus der Küche, schon lässt der Mann ein junges Mädchen für sich strippen (Mina Pecik). Er fesselt, droht, die Situation eskaliert, das Mädchen flieht. Und er unterfüttert weiter und weiter mit Erklärungen, Rechtfertigungen und Weltanklagen seine Andersartigkeit, seine Pasolini'sche Skandalträchtigkeit, während er sich ihre Unterwäsche anzieht und den Hals in die Schlinge legt.

Skandal, eine präzise psychologische Inszenierung mit freiberuflichen Schauspielern auf einer Mittelbühne! Unerhört, diese nackten Frauen in diesem gar nicht nackten Raum und dieser nackte Mann, der sich mit seiner selbstgerechten Suada auf der Bühne (fast nicht nur im übertragenen Sinne) einen runterholen darf! Wird diese "Orgie" zum Skandal werden? In unserer "Friedensperiode der Welt", wie es spöttisch im Text heißt, wahrscheinlich nicht. Fest steht: Im Wiener Theater ist derzeit nichts von vergleichbarer Intensität zu sehen.

 

Orgie
von Pier Paolo Pasolini
Deutsch von Heinz Riedt
Fassung von Karl Baratta und Ingrid Lang
Regie: Ingrid Lang, Bühnenbild: Peter Laher, Kostüme: Alexandra Burgstaller, Dramaturgische Beratung: Karl Baratta, Musik: Karl Stirner, Licht: Harri Michlits, Regie und Produktionsleitung Film: Wolfgang Liemberger.
Mit: Mina Pecik, Jakob Schneider, Johanna Wolff.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.hamakom.at

 

Kritikenrundschau

Ingrid Lang habe Pasolinis "Orgie" "gediegen inszeniert", meint Michael Wurmitzer im Standard (11.5.2017). Einer "Orgie, einem Fest des Fleisches", komme die Aufführung "nie nahe. Statt auf Effekte konzentriert Lang sich auf den nicht ganz einfachen, aber faszinierend frei denkenden Text." Bebildert werde "dieser dialogische Essay über Freiheit mit alltäglichen Szenen einer Ehe: Hygiene im Badezimmer, Gespräche beim Schlafengehen im Doppelbett." Seinen Reiz gewinne "der kühle Abend aus ebendiesem Kontrast der harten Worte und weichen Gesten".

 

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