Steigende Säfte, faule Kompromisse

von Jürgen Reuß

Freiburg, 24. Mai 2008. "Frühlingserwachen" ist ein freundliches Wort. Man denkt an unbändige Energien, steigende Säfte, Blütenmeere. Man freut sich über das verlässliche Wunder, dass die kahle Natur auch diesmal wieder ergrünt. Natur minus Mensch, versteht sich. Wenn beim Menschen der Frühling erwacht, nennt man das Pubertät und wundert sich, dass es bei dieser Form von Säftesprießen überhaupt Überlebende gibt. Jedenfalls, wenn man wie Regisseurin Felicitas Brucker Frank Wedekinds Schauspiel "Frühlings Erwachen" als Sprungbrett für einen Bühnenversuch über die Pubertät nimmt.

Sterben beim Erblühen

In Bruckers Wedekind-Version stehen die Chancen schlecht. Am Ende sind drei der fünf jugendlichen Protagonisten tot. Das so schlichte wie kluge Bühnenbild (Steffi Wurster) verrät diesen Ausgang schon, bevor die erste Silbe gesprochen wird. Fünf hochkant stehende, altbaudeckenhohe Winkelelemente – für jeden Jugendlichen eines. Innen hell furniert, außen eine Seite dunkel mit Neonlicht in Hüfthöhe und einer Steckdose unten. Dreh- und rollbar über dunkles Parkett. Natur hat da nur als aufgebügelte Maserung eines jung gefällten Baumes Platz.

Kein Wunder, dass die ersten Worte, die fallen, "Leere" und "Dreck" sind. Sie klingen düster und werden von Melchior (Gabriel von Berlepsch) auch so vorgetragen. Dabei sind sie in dieser sauberen und verstellten Bühnenwelt ein verständlicher Wunsch. Donnern die unbändigen Pubertätsenergien so doch regelmäßig gegen die Wand. Als Objekt der Begierde, mal in Septischem zu suhlen, bleibt die Friedhofserde, deren Vorzüge Moritz (Jens Bohnsack) gleich zu Beginn preist. Er hat es geschafft. Wasser in den Mund, Pistole rein, das Hirn spritzt ins Offene, und der Körper wärmt sich in der kühlen Erde an der eigenen Verwesung.

Zu jung, um sich zu arrangieren

Wenn ein Stück so beginnt, verspricht das keinen besonders freundlichen Blick auf die Adoleszenz. Keine Aufbruchstimmung, kein Energieschub, keine Exzesse, die nicht in den Abgrund führen. Moritz verballert seine Kräfte im von den Eltern aufgezwungenen Leistungsdruck und falschem Onanieren, wie Melchior attestiert. Ihm, dem alles zufliegt, ist alles nichts, und er sucht seine Grenzen in einer Vergewaltigung. Die vergewaltigte Wendla (Melanie Lüninghöner) wird gleich schwanger, verinnerlicht sozusagen den Konflikt mit der Mutter, bevor sie ihn für sich ausgetragen hat und beendet diese Lebensperspektive ebenso abrupt wie Moritz.

Nur Martha (Elisabeth Hoppe) und Rilow (Martin Weigel) schaffen den Sprung in ein "normales" Leben. Sie sind die einzigen, die kapieren, dass man nicht nur den Kopf gegen die Winkelelemente rammen, sondern auch auf sie hinaufklettern kann. Sie wollen Absahner werden. An dieser Stelle mal ein Kompliment an die Kostümbildnerin (Irene Ip), die da eine ganz besondere Gang kreiert hat: so was zwischen lässigen Britpop-Boys und verspielten kroatischen Eurovison-Songcontestern.

Keine Zugeständnisse der Harte-Hand-Fraktion

Die Elterninstanz tritt im Stück nur in zwei Mutterversionen auf: dem einfach gestrickten Tränentier und der lüsternen Intellektuellen, die ihr Elend mit dem Aussaugen von Moritzjünglingen versüßt (beide Uta Krause). Eigentlich nur Nebenrollen. Doch täuscht das über die zugrunde liegende Perspektive des Stücks hinweg. Für die hat Brucker sich die eines Erwachsenen zu eigen gemacht, der die Pubertät nicht als einen Durchbruch des Möglichkeitssinns erfahren hat, sondern als Überlebender eines Zurichtungsprozesses.

Die Inszenierung stärkt diesen Aspekt. "Jede Generation von Babys gleicht einem Einfall von Barbaren. Ihnen mangelt es an Kultur, Einsichtsfähigkeit und Disziplin. Wer gerecht erziehen will, muss bereit sein zu strafen", wird da der Harte-Hand-Freak Bernhard Bueb hineingeschnitten. Bei dieser Prämisse für den Ist-Zustand der Welt, ist klar, dass man Pubertierenden nicht mal im Tod wilde Natur zugesteht. Die Selbstmörder dürfen sich am Ende nur in Blumenerde aus der Plastiktüte suhlen. Eine konsequente Inszenierung mit sehr guter Schauspielerführung.


Frühlings Erwachen
nach Frank Wedekind
Regie: Felicitas Brucker, Bühnenbild: Steffi Wurster, Kostüme: Irene Ip, Dramaturgie: Arved Schultze.
Mit: Jens Bohnsack, Elisabeth Hoppe, Uta Krause, Melanie Lüninghöner, Gabriel von Berlepsch, Martin Weigel.

www.theater.freiburg.de


Mehr über Felicitas Brucker: im Berliner Maxim Gorki Theater inszenierte sie im Januar 2008 Goethes Urfaust, im April folgte in der Nebenspielstätte des Thalia Theater Hamburg Thomas Freyers Amoklauf mein Kinderspiel.


Kritikenrundschau

In Felicitas Bruckers Freiburger Inszenierung von Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen" "leiden keine pubertierenden 14-Jährigen aus der wilhelminischen Kaiserzeit an einer rigiden Sexualmoral, sondern junge Erwachsene von heute", schreibt Siegbert Kopp im Südkurier (26.5.2008). Die Regisseurin lasse "die verzweifelte Jugend mit sportiver Energie ihren Selbstmord betreiben" und habe "die 'Wedekinder' ins Hier und Jetzt geführt und ihnen eine aktuelle Brisanz gegeben zwischen Gewaltexzessen, Liebessehnsucht, Leistungsdruck, Coolness und Autoaggression. Wedekinds Dramentext wurde zusammengestrichen und dafür angereichert mit Fremdtexten." Die Stärke des Abends sei: "Wie das spielfreudige Ensemble sich gegenseitig die Stichwörter liefert, sie aufnimmt, übertreibt, unterläuft, konterkariert – ein cooler Plauderton, der bisweilen furchtbar ernst macht – und plötzlich tritt einer beiseite und bringt sich um wie nebenbei."



 
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