Proletarier aller Ausländer, schubbert für uns!

von Michael Bartsch

Zittau, 6. Oktober 2017. Das Proletariat erscheint wieder auf der Bühne. Sogar ein ziemlich lumpiges, keine VW-Edelausgebeuteten, sondern die Küchenschaben eines Hotels auf einer nicht näher bezeichneten Insel. Sie leisten da nicht eben einen Traumjob, eher das, was mit Karl Marx unter "entfremdeter Arbeit" zu fassen wäre. 

Es sind die Ameisen, die Arbeitsbienen hinter der Kulisse des schönen Scheins im Gastgewerbe. Das Fließband ist hier ein Band mit schmutzigem Geschirr, und hin und wieder werden die vier doppelt freien Lohnarbeiter auch zu Servier- und Aufräumarbeiten in einem irgendwo hinter der Bühne gelegenen Saal beordert. Sie verrichten Arbeiten, für die sich die deutsche Herrenrasse zunehmend zu schade ist und für die die sonst geschmähten Ausländer wie schon zu Zeiten der "Spaghettifresser"-Importe der alten Bundesrepublik diskret willkommen sind. Heute kommen sie eben aus Polen oder mittel-osteuropäischen Ländern, also der unmittelbaren Nachbarschaft des Gerhart-Hauptmann-Theaters Görlitz-Zittau.

Wallraff läst im Dreiländereck grüßen

Die junge polnische Autorin Joanna Mazur weiß, wovon sie schreibt. Sie hat in den Ferien ihres fünfjährigen Studiums an allen möglichen Orten dieser Welt gearbeitet. "Der Fleck" ist das erste ihrer vier in der Schublade liegenden Stücke, das solche Joberlebnisse verarbeitet. Günter Wallraffs "Ganz unten" lässt entfernt grüßen. Zu danken ist diese Gelegenheit der internationalen Theaterkooperation J-O-Ś, benannt nach den Initialen der drei höchsten Berge in der deutsch-tschechisch-polnischen Region.

Fleck3 560 PawelSosnowski u© Pawel Sosnowski 

Dankenswert, ja geradezu mutig zu nennen ist der Durchstich zu einem Tabuthema unserer Zeit, an dem sich Literaten, Journalisten, Psychologen und Soziologen gleichermaßen die Zähne ausbeißen: die Arbeitswelt. Der schöne Schein, das Firmenimage, die vermeintliche Corporate Identity müssen um jeden Preis gewahrt werden. Die Verbreitung von Wahrheiten über das Betriebsklima kostet den Job. Lutz Hübners Die Firma dankt war in dieser Hinsicht eine Pioniertat auf dem Theater. Ambitioniert ist die Zittauer Uraufführung also allemal. Aber gelingt ihr die pointierte Kritik an einer nur geschickt kaschierten Klassengesellschaft?

Räsonnieren statt Schinderei 

Auf den ersten Blick stimmen die Attribute. Die Küchenangestellten sind zu Nummern degradiert, und auf mitlaufenden Digitaluhren werden ihre Lebensarbeitszeiten im Dienste der Chefin Nr. 0002 sozusagen als Verlustzeiten dokumentiert. Das ist eine stets perfekt gekleidete Sabine Krug, die das Hotel von ihrem angeblich noch menschenfreundlichen Vater übernahm und jetzt mit einem zynischen Charme eiskalt regiert. Nach 26 Jahren im Betrieb ist 0115 alias Tilo Werner ihr Natschalnik, also Vorarbeiter. Als er am Ende wegen gewerkschaftlicher Aufwiegelung der Kollegen entlassen wird, schneidet er sich an der Apfelschälmaschine die Pulsadern auf. Sein Blut verursacht jenen Fleck, der dem Stück den Namen gibt. Unbefangener, aber egoistischer Neuling ist David Thomas Pawlak als Nr. 0716. Die aus dem tschechischen Fernsehen bekannte Jana Podlipná ist hier die Mutter, die sich für ihr Kind in diesem Job gewissermaßen prostituiert und am Ende doch ausreißt. Der Pole Grzegorz Stosz, im Text eigentlich ein Afrikaner, ist in seinen kurzen Auftritten enorm präsent, obschon er lange nicht mehr als "not understand" herausbringt.

Fleck4 280 PawelSosnowski u© Pawel Sosnowski Das Stück beginnt wie eine griechische Tragödie mit einem Maskenchor, der eine erfüllende Arbeit erfleht. Der Dramentext von Joanna Mazur liest sich auch so, als würde es in einem überhöhten Duktus weitergehen. Kaum Interpunktionen, postdramatisch auf den ersten Blick. In der Regie von Jürgen Esser werden daraus aber doch sehr verbindliche, realistische Dialoge jenseits aller möglichen Abstraktion oder Verfremdung. Diese schlichte, überhaupt nicht artifizielle Spielweise, die der Text auch hergegeben hätte, trägt aber nicht über die gesamten zweieinhalb Stunden. Überdies wird sehr viel über die Entfremdung von einer Arbeit sinniert, deren Unzumutbarkeit szenisch kaum einen Widerhall findet. Hier schindet sich keiner wirklich, Titus, der Afrikaner, macht überhaupt keinen Finger krumm, über die Überstunden wird nur räsonniert. "Das ist bei uns viel schlimmer", ließ sich ein Besucher zur Pause lautstark vernehmen und wollte enttäuscht schon gehen.

Ehrlich, aber unscharf

Am Rande der grauen Wand mit der Flügeltür zu den Gefilden der Upper Class, die David Marek auf die Bühne gestellt hat, liegt der verdeckte Schlafraum. Er bildet das einzige Refugium, ansatzweise einen Ort der Intimität und wird mit einer gewissen Logik auch nur durch die Videoübertragung erschlossen. Doch diese langen Passagen schaffen nicht nur Distanz wie im Kino, die wie improvisiert wirkende wackelige Handkameraführung von Stephan Bestier stiftet auch eher Verwirrung, als dass sie Akzente setzt.

Treffendes wird angesprochen, der latente Masochismus der Helden der Arbeit, die Erpressbarkeit von Arbeitnehmern, die eigentlich die Geber ihrer Arbeit sind, die Entsolidarisierung, denn moralisch steht der Lohnarbeiter in seinem Streben nach materiellem Wohlstand auch nicht höher als der Kapitalist. Eine wichtige und ehrliche Inszenierung, der es aber an Schärfe und Plausibilität fehlt.

 

Der Fleck
von Joanna Mazur, deutsch von Marie Hauptmeier
Uraufführung
Regie: Jürgen Esser, Bühne: David Marek, Kostüme: Petra Goldflamová Stetinová, Dramaturgie: Kerstin Slawek.
Mit: Sabine Krug, Tilo Werner, Grzegorz Stosz, Jana Podlipná, David Thomas Pawlak, Stephan Bestier.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten

www.g-h-t.de

 

 
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