Kirschlolli-Paradies

von Jürgen Reuß

Freiburg, 20. Oktober 2017. Übern roten Teppich unter prachtvollem Baldachin hindurch geht's in den runderneuerten Schlund unterm Theater. Hinter der Theke schenkt Freiburgs neuer Intendant Peter Carp freigebig Kirschbowle aus, auf den Tischen stehen Kirschlollies. Statt einer Spielzeit könnte hier auch ein Club neueröffnet werden.

Im Cherry Orchard Club

Tatsächlich hat dieser Durchgang, nachdem er mal Kinos beherbergt hatte, eine Club-Vergangenheit. Als Jackson-Pollock-Bar sprang er als intellektueller Salon und landete als Umland-Disko. Dann wurde er von einem Galeristen (Freiburg-New York!), einem lokal legendären Barkeeper und einem ehemaligen Insassen des Big-Brother-Containers entsprechend der Hausadresse als Passage 46 mit Pomp neuerfunden, bevor er kurz darauf kaum minder spektakulär pleite ging. Unter Peter Carp wollen es die Theaterleute nun selbst in die Hand nehmen.

Kirschgarten 560a BirgitHupfeld uVom Kirschgarten zum Cherry Orchard Club. Geliebte Siebziger, willkommen zurück. Die Bühne von Mitra Nadjmabadi.  © Birgit Hupfeld

Das wäre in diesem Rahmen vielleicht alles gar nicht so interessant zu wissen, wenn es nicht auch schon als Teil der ersten Spielzeit-Inszenierung gesehen werden könnte. Dafür hat der iranische Regisseur Amir Reza Koohestani Tschechows "Kirschgarten" in einen heruntergekommenen Nachtclub namens "Cherry Orchard" umgedeutet. Die Bühne empfängt wie zuvor schon das Foyer mit gediegenen Clubmöbeln, links die Bar, zentral die Tanzfläche unter Kirschlollielampenkugeln im Retrolook, von denen gleich zu Beginn eine scheppernd auf den Boden knallt. Dass ein Club nicht mehr gut geht, wenn die Barfrau nur einen Stammgast mit Kopf auf dem Tresen vor sich hat, ahnt man. Nach der zerdepperten Lampe weiß man, dass auch die Substanz marode ist.

Von Tschechow zum globalisierten Drama

Der Stammgast ist Lopachin, der bei Tschechow aus dem Kirschgarten ein Feriendorf und bei Koohestani aus dem in den 80ern stehengebliebenen Mottoclub ein Hipsterding machen wird, in den das Elend der Außenwelt nur als ironisches Dekozitat Einlass erhält. Die Barfrau ist Dunjascha und beide erwarten die Rückkehr der Ranjewskaja und ihrer Tochter Anja, die dann samt Onkel Gajew und Mitbringsel Jascha von Semjon angekarrt werden. Damit ist Tschechows Personage zur Gänze im Clubleben angekommen. Auch strukturell ist alles wie gewohnt: Der Onkel, der den Laden runtergewirtschaftet hat, die Mutter, die das Geld verschleudert, der Ex-Bedienstete, der alles übernehmen wird und im Hintergrund geistert das tote Kind.

Kirschgarten 560 BirgitHupfeld uSchöne neue Selfie-Zeit: Holger Kunkel, Marieke Kregel, Anja Schweitzer, Rosa Thormeyer, Lukas Hupfeld, Martin Hohner, Laura Angelina Palacios, Tim Al-Windaw  © Birgit Hupfeld

Doch sobald die Schauspieler zu sprechen beginnen, ist dann auch alles anders. "Ich finde es zunehmend schwieriger, die eigene Sichtweise in ein Stück zu injizieren und dabei die originalen Dialoge des jeweiligen Dramatikers zu verwenden", sagt Koohestani im Programmheft und hat folgerichtig Tschechow komplett neu geschrieben. Ein Iraner schreibt einen Russen auf Farsi neu, um ihn mit Deutschen aufzuführen, von deren Sprache er keine Ahnung hat – und das Ergebnis überzeugt. Selbst Skeptiker der Globalisierung müssen nach so einer Inszenierung zugeben, dass sie manchmal auch Gutes hervorbringt.

Überzeugende Monaden

Das liegt zum einen daran, dass Übersetzerin Sima Djabar Zadegan und Dramaturg Rüdiger Bering den Text gut ins Deutsche gebracht haben, aber vor allem auch an der Leistung des Ensembles. Kompliment, wie authentisch alle den runderneuerten Tschechow mit Leben füllen. Von der zarten Verletzlichkeit unter der abgeklärten Thekerinnenschale bis zum wahrnehmungslosen Kreiseln in vergangener Mottopartydekadenz des abgehalfterten Clubonkels reden da überzeugende Monaden zwei Stunden ohne falsche Theatralik tragikomisch aneinander vorbei. Verhandeln dabei nachvollziehbar modernisiert Tschechows Themen von Zugehörigkeit, Anerkennung, Rückzug ins kaputte Innere und Kreiseln im Wiederholungszwang.

Auch die Verschiebung des Lamentos der von den Zeitläufen abgehängten Adeligen zur Verklärung von Partydekadenz zum sexuellen und kulturell schützenswerten Befreiungsheroismus macht man gern mit. Im Grunde ist am Ende alles gut gewesen und wird vom alten Firs, der noch Tschechows Kirschgarten, dann das Feriendorf und schließlich die Clubgeschichten miterlebt hat, schlüssig zur ewigen Wiederkehr modischer Zyklen, unter deren Räder jede Generation aufs neue gerät, rund gemacht.

Also, Inszenierungsidee und Umsetzung sehr gut, Ensemble sehr gut, Einbettung in die Saisoneröffnung stimmig – trotzdem bleibt beim Rezensenten ein gewisse Unzufriedenheit zurück. Kann man Stücke zu gut machen, zu gut ins Hier und Jetzt übertragen? Eigentlich nicht. Egal, wenn Rätsel bleiben, ist das ja auch ein Merkmal für einen guten Theaterabend. Ein gelungener Einstieg in die internationalen Regiehandschriften, die das Freiburger Publikum unter der neuen Intendanz erwarten.

 

Der Kirschgarten
von Amir Reza Koohestani nach Anton Tschechow
Deutsch von Sima Djabar Zadegan
Regie: Amir Reza Koohestani, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüm: Negar Nemati, Musik: Michael Koohestani, Licht: Mario Bubic, Ton: Sven Hofmann, Dramaturgie: Rüdiger Bering.
Mit: Marieke Kregel, Laura Angelina Palacios, Anja Schweitzer, Rosa Thormeyer, Tim Al-Windawe, Martin Hohner, Lukas Hupfeld, Holger Kunkel, Hartmut Stanke.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theater.freiburg.de

 

Kritikenrundschau

"Schön, dass die Ära Carp mit einem glücklich inszenierten Ensemblestück beginnt", schreibt Bettina Schulte von der Badischen Zeitung (23.10.2017). Koohestanis Inszenierung leuchte präzise hinein in das soziale Gefüge des Stücks und stelle die Frage: Was ist eigentlich eine Familie? Sie verwebe die Figuren "leichthändig miteinander, obwohl oder gerade, weil sie pausenlos aneinander vorbeireden und einander ins Wort fallen. Das geht so weit, dass der Zuschauer im Durcheinander der Stimmen nicht alles versteht."

Amir Reza Koohestanis eigenwillige Überarbeitung sei ein eigenständiges Stück, weshalb der Abend die Bezeichnung 'Uraufführung' zu Recht trage, schreibt Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (3.11.2017). Als Regisseur überziehe Koohestani gelegentlich und wolle allen aktuellen Problemlagen gerecht werden. "Das reicht von Seitenhieben in Richtung des amerikanischen Trumpelstilzchen bis hin zu einer ausufernden Mottoparty zur Aufbesserung der Haushaltskasse. Da tun alle so, als wollten sie eine heile Transgenderwelt herbeitanzen." Trotzdem sei ihm eine stimmige Neudeutung des Tschechow-Klassikers gelungen.

 
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