Zwei Junkies unterm Wunderbaum

von Peter Schneeberger

Wien, 6. Juni 2008. Dorota Masłowska eilt ein einschlägiger Ruf voraus. Bereits Andrzej, der halbstarke Angeber aus ihrem Romandebüt "Schneeweiß und Russenrot" (2004), stand unter Drogen. Der Ich-Erzähler delirierte von Sex und Sehnsucht, Rauschgift und Liebe. Aber auch in Maslowskas zweitem Buch "Die Reiherkönigin" (2007) ging es nicht unbedingt nüchterner zu: giftig und verzweifelt dröhnt der Vers-Roman wie Hip-Hop in den Ohren.

 

 

2006 schrieb die Rockerin der polnischen Gegenwartsliteratur ihr erstes Theaterstück, das nun bei den Wiener Festwochen als deutschsprachige Erstaufführung Premiere hatte: Die erst 24-jährige Warschauerin, in Europa bereits zum Literaturstar avanciert, wird ihrem Ruf als Enfant Terrible mehr als gerecht. Ein zugedröhntes Pärchen trampt per Autostopp übers Land. Die Frau erinnert sich nicht mehr, wo sie ihr Kind gelassen hat. Der Mann behauptet, in einer TV-Serie einen Priester zu spielen und dringend zum Dreh nach Warschau zu müssen.

Fettiges Haar, grindige Klamotten

Mit "Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen" brachte Masłowska ein aberwitziges Roadmovie zu Papier. Was ist hier wahr, was Lüge? Stets aufs neue erfinden Dschina und Parcha, die beiden Protagonisten, unglaubwürdige Geschichten. Hilke Altefrohne (Dschina) und Andreas Pietschmann (Parcha) schlüpfen zu Beginn der Inszenierung von Armin Petras vor versammeltem Publikum in ihre Kostüme. Aus den Lautsprechern dröhnt Balkan-Pop und die beiden Schauspieler sehen schon bald zum Fürchten aus: das Haar fettig, die Klamotten grindig und die Zähne braune Stummel.

Mit stilistischem Furor verdichtet Masłowska Alltagsjargon zur komplexen Kunstsprache und erschafft einen Mix aus Gossensprache, Beamtenidiom, Poesie und Verbalinjurien. "Und zeigt mir seine Zähne, solche braunen unausgegorenen Stümpfe, mir kam fast das Kotzen, wie kann man solche Zähne haben und sich dann auch noch, meine ich, fortpflanzen?", echauffiert sich ein braver Autofahrer (Andreas Leupold), dem die beiden Tramper als erstes unangenehm auf die Pelle rücken. Wie zwei Aliens krachen Dschina und Parcha in die bürgerlich geordnete Welt ihres Fahrers: Mit viel Witz lässt Masłowska das schöne neue Polen und das Osteuropa der Verlierer aufeinander prallen.

Jonglieren mit Ostklischees

Ordinär beschnuppern die zwei Junkies den Wunderbaum des Fahrers, der am Rückspiegel baumelt. "Bei uns in Rumänien ist es hart, wir haben das ganze Leben eigentlich nur Wurstverschnitt gegessen, das ist tödlich für's Knochenwachstum", erklärt Parcha mit Mitleid heischender Miene. Angriffslustig und ironisch jongliert Masłowska mit Ostklischees. Doch von all der Sprachkunst ist in Petras Inszenierung nicht sonderlich viel zu spüren: Ungeniert und unsensibel wird der Dreiakter von seinem Regisseur eingekürzt.

Die Darsteller spielen über Pointen hinweg, auch Petras fehlt jede Lust am Zelebrieren: Schon bald hat das Team dem Theaterabend den Garaus gemacht. Auf der Bühne des Wiener Schauspielhauses ist banales Regietheater zu erleben: Immer schlampiger schummelt sich Petras, mit bis zu zehn Inszenierungen pro Jahr der Sprinter unter Deutschlands Regisseuren, von einer Szene zur nächsten.

Während die Figur des Parcha jede Doppelbödigkeit der Vorlage verliert, verschwimmt Dschinas Charakter bis zur Unkenntlichkeit: Zuerst kreischt Hilke Altefrohne wie verrückt, dann leckt sie ihrem Gegenüber die Nase aus, am Ende des Abends schneidet sie sich die Kehle durch – und keiner weiß so recht warum.

Inflation der amüsanten Zeichen

Zumindest an eine Vorgabe hat sich der Intendant des Berliner Maxim Gorki Theater gehalten: Gleich beim ersten Vorbereitungsgespräch habe die Theaterdebütantin Masłowska ihn gebeten, ihr Stück "nicht eins zu eins auf die Bühne zu bringen", erzählte Petras dem österreichischen Nachrichtenmagazin "profil" - und übersäte die Bühne mit amüsanten Zeichen: Ein kleiner Plastikbaum steht für einen ganzen Wald, ein Blaulicht symbolisiert einen Streifenwagen und eine kleine Tischlampe genügt, damit aus dem Bühnenbild eine Polizeistation wird.

Doch der Rest des Abends ist Theater von der Stange: Einfallsarm reiht Petras inszenatorische Versatzstücke aneinander. Die Szenepausen werden mit Musik lieblos überbrückt, im Hintergrund läuft hin und wieder ein Videofilm und schließlich fliegen auch noch Blutbeutel imposant gegen eine weiße Wand. Nach einer Stunde 45 Minuten ist der Abend zu Ende. Er wirkte doppelt so lang.

 

Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen
von Dorota Masłowska
Regie: Armin Petras, Bühne: Annette Riedel.
Mit: Hilke Altefrohne, Andreas Pietschmann, Andreas Leupold, Christin König, Anja Schneider, Lea Reusse.

www.wienerfestwochen.at


Mehr über Dorota Masłowska lesen Sie hier, und zwar über die Theateradaption ihres Romans Die Reiherkönigin im Berliner Maxim Gorki Theater.

 

Kritikenrundschau

"So eindeutig sozialkritisch" wie "Zwei arme Polnisch sprechende Rumänen", das sich "wie ein Sozialdrama auf Speed samt kaltem Entzug" lese, seien Dorota Masłowskas Romane nicht gewesen, schreibt Karin Cerny in der Süddeutschen Zeitung (9.6.). Armin Petras verpasse seiner Inszenierung "jene Mischung aus zärtlich-brutalem Witz, die man von seinen eigenen Stücken als Fritz Kater kennt" – Polen sehe aus wie Berlin und klinge auch so. Dabei gehe es "im schnoddrigen Tonfall" auf fast leerer Bühne "schnell und direkt zur Sache". "Provokant" lasse Petras "sein energetisches Ensemble im Slapstick-Modus alle Ostklischees durchdeklinieren und frech die Mitleidstour abspulen". Doch "je länger der Abend dauert, desto düsterer wird er" und schramme am Ende "nur knapp an der Sozialschmonzette vorbei". Obwohl der Regisseur das "sympathisch holprige Stück" überdies "etwas runder" mache, "als es tatsächlich ist", seien er und Masłowska "ein gutes Team" mit "ähnlich bösem Witz" und zugleich einem "Herz für Menschen, die aus der Bahn geraten sind".

Auch Margarethe Affenzeller vom Standard (9.6.) findet die Teammischung passend. Masłowskas Figuren, "Menschen, die zwischen Vergangenheitstrauma und Zukunftsangst am Überleben basteln und es einfach nicht schaffen", humpelten dem "virtuellen Paradies" hinterher und gingen dabei "an den Widersprüchen zugrunde, denen sie ausgeliefert sind". Davon verstehe auch Armin Petras "eine Menge". Die "herrlich schnoddrige Tragödie" Masłowskas habe er "sich quasi ehrenamtlich zu Herzen genommen". Für Affenzeller fühlt sich die Fahrt durch die Bühnen-"Mondlandschaft" wie ein "altmodischer Sciencefiction-Albtraum" an, der auch ihrer Meinung nach "knapp am Sozialkitsch vorbeischrammt". Der Text jedoch nehme "dadurch keinesfalls Schaden", vielmehr schleife Petras "diesen Erstling in Millimeterarbeit zurecht", trage Pathos ab, straffe und dichte "pointiert neu". Fazit: "ein Abend, der auf unverbraucht unsachgemäße Art – mitunter befreiend – von Trostlosigkeit sprach".

"Ergreifend" findet bp von der Presse (9.6.) Masłowskas "Geschichte mit stark deutsch-polnischem Akzent" und "literarischen Rap" nicht, bewundert allerdings den "energiegeladenen" Hauptdarsteller Andreas Pietschmann, "aus dem unentwegt die Tiraden strömen, als wären sie nicht auswendig gelernt". Das Ganze wirke "gar nicht wie Schauspielerei, nicht einmal artistisch virtuos, sondern einfach total authentisch". Regisseur Petras habe außerdem "manch treffendes Bild gefunden für dieses gelungene Gebrauchstheater", das "nicht neu" sei, "aber ansehnlich".

Masłowskas erstes Drama überzeugt Petra Rathmanner "durch unverblümten Gossenslang, schwarzen Humor und alptraumhafte Dramaturgie, die zwischen Sozialdrama und surrealer Performance changiert". Dieses Stück sei also, schreibt sie in der Wiener Zeitung (8.6.), "wie geschaffen für Armin Petras", der es "wie kaum ein anderer" verstehe, "lädierte Typen, die an Sozialisationsschäden des globalen Turbokapitalismus leiden, ins rechte Licht zu rücken". Auf "wunderbare Weise" vereine die Inszenierung "Gegensätzliches: Sie ist zynisch und sentimental, realistisch und surrealistisch zugleich" – "ein Abend, geprägt von Boshaftigkeit und voll von Zärtlichkeit für jene postsozialistischen Existenzen, die sich im eigenen Leben fremd geworden sind".

Petras zeige Masłowskas "düster-melancholischen Abgesang auf die zwischen Konsumrausch und Prekariat delirierende polnische Gegenwart" als "flockigen Ost-Trash", findet Christina Kaindl-Hönig im Berliner Tagesspiegel (9.6.). Die zwei jungen Polen nölten Berlinerisch, "als wollte sich Petras von seiner eigenen, gespaltenen Ost-West-Biographie nicht trennen". Während Masłowskas "Enthüllungsdramaturgie um die vermeintlichen Rumänen deren 'coming down' in eine brutale Realität" folge, enträtsele Petras "das surreale Identitäten-Drama ... zum eindeutigen Handlungsverlauf". Für wenige Momente offenbarten sich "Leere und individuelle Isolation als erschreckender, gesellschaftlicher Bodensatz" des "originellen Theaterdebüts". Am Ende entscheide sich Petras, so meint auch Kaindl-Hönig, "für den Kitsch, anstelle Verlorenheit und Aggression seiner Protagonisten offen gelegt zu haben".

In der Kultursendung "Fazit" (6.6., 23:18 Uhr) auf Deutschlandradio berichtet Hartmut Krug über die Wiener Aufführung: Das Stück sei vergleichweise sehr konventionell, von den Wortschöpfungen, für die Masłowska bekannt sei, sei nichts zu merken. Petras wiederum setze bei seiner Inszenierung auf der fast leeren Bühne auf "Bildschöpfungen", auf die "Spielastik" der Schauspieler. Nur würden die Geschichten zwischen den Figuren durch diese "Bildversuche" nicht immer klar, besonders nicht für diejenigen, die das Buch nicht kennten. Zwar seien die Situationen "lustig", aber dem Kritiker fehlten Zuspitzung und Verschärfung.


 
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