Warten ist der Tod

von Philipp Bovermann

Münchnen, 25. November 2017. Soll man losschlagen gegen die Nazis? Oder doch lieber geduldig an den Humanismus glauben und in der mintgrün gekachelten Bahnhofshalle abwarten? "Wartesaal" heißt Stefan Puchers neue Regiearbeit an den Münchner Kammerspielen, nach Lion Feuchtwangers Romanvorlage "Exil" aus dem Jahr 1939. Darin beschreibt der Münchner Schriftsteller die Situation deutscher Exilanten im Paris Mitte der Dreißigerjahre, ihre Ohnmacht, den menschlichen Abrieb, den sie irgendwann erzeugt.

Moral ohne Macht

Der ehemalige Musikprofessor "Sepp" Trautwein schreibt bei der Exil-Zeitung glühende Zeilen gegen die Nazis. Doch die Zweifel, ob das überhaupt etwas bringt, dieses Reden gegen die Rechten, die ja doch machen, was sie wollen, sind berechtigt. Ein junger Literat erzählt hier spöttisch von einem Kinderspiel: "Wir setzten uns an einen großen Tisch und überdeckten ihn mit vielerlei Papieren, Bleistiften, Tintenfässern. Wir schrieben, telefonierten, liefen als Boten herein und hinaus und hatten es schrecklich wichtig."

Wartesaal3 560 ArnoDeclair uIn Barbara Ehnes mintgrüner Bahnhofshalle: Annette Paulmann  © Arno Declair

Als genau so einen echauffierten Kindskopf spielt Samouil Stoyanov den "Sepp". Er wirkt wie eine Oliver Hardy-Karikatur eines CSU-Landtagsabgeordneten aus der zweiten Reihe. Auf Bayerisch würde man sagen, er "gschaftlhubert": Er tut und scheint mehr, als er ist. Aber was bleibt einem auch anderes übrig im Exil, wo man gar nichts ist?

Während Stoyanov Bier vom Krug in der einen Hand in den der anderen (und zurück) schüttet und dabei mächtig Schaum produziert, geht sein Sohn Hanns in die "russische Stunde", denn "Moral ohne Macht, ich sag es, wie es ist, das ist eine Sauce ohne Braten" – und der Braten, spottet der bürgerliche Vater, der sei wohl die Sowjetunion? Ganz richtig, antwortet Hanns, in gefährlichen Situationen könne nämlich "ohne Autorität, ohne Gewalt, ohne Diktatur nicht regiert werden". Das will nun der ehemalige Musikprofessor nicht verstehen und nicht akzeptieren: dass seine humanistische Welt zu Ende geht und eine neue mit Gewalt heraufzieht.

Köpfe ohne Körper

Nach dem Auftakt mit Stoyanow als bierdimpfeligem Trautwein entwickelt sich ein eher leiser und konzentrierter Abend, der im positiven Sinn so wirkt, als stünde bei der Frage, ob man mit Gewalt gegen Rechts vorgehen sollte, einfach zu viel auf dem Spiel. Fürs Munter-Sein sind hier die Nazis zuständig. Neben Jan Bluthardt (der sehr teuflisch zwinkern kann) ist auch Jochen Noch als NSDAP-Bonze ein herrlich schmieriger Widerling. Bei seinem ersten Auftritt setzt er sich wie eine dicke, zufriedene Kröte in die Mitte des Wartesaals. Als wisse er, dass er es ist, auf den hier gewartet wird.

Im Gegensatz zu ihm haben sich die Emigranten der Umgebung anzupassen. Unter einem schulterhoch auf Schienen angebrachten Raum (in dem sich abwechselnd Trautweins Privatwohnung und die Redaktion befindet), bleibt ein bisschen Platz zum Boden. Gundars Āboliņš haust dort unten als zynischer Exil-Dichter wie ein über den Schuh spottendes Ungeziefer. Wenn die Schauspieler hinter dem Kasten stehen, trennt dieser ihnen sozusagen die Köpfe ab, man sieht unten nur die Körper bis zum Hals.

Wartesaal2 560 ArnoDeclair uRastlos, ernst, düster: Gundars Āboliņš, Samouil Stoyanov und Annette Paulmann © Arno Declair

Um den Rest kümmert sich eine Kamerafrau auf der anderen Seite und projiziert ihn, riesig über den zerbrechlichen Körpern aus Fleisch und Blut, auf eine Leinwand vor dem Kasten (Bühne: Barbara Ehnes). "Emigranten sind ein abgeschnittener Kopf ohne Körper. Sie zucken noch ein bisschen, die Lider klappen noch auf und zu, aber sie sind erledigt", sagt ein Nazi-Journalist.

Schöne Szenen

Damit dreht Pucher seine letzte Arbeit um, eine Inszenierung auf der Basis von T.C. Boyles Roman América. Dort geht es um die Ausgrenzung von Einwanderern, hier um Auswanderer, die in der Fremde versauern – die Emigration des einen ist schließlich die Flüchtlingskrise des anderen. Man kann sich in dieser Wartehalle radikalisieren. Während die Alten es "schrecklich wichtig haben", möchte der junge Literat "aus seiner Schale heraus", die Katastrophe nicht länger hinauszögern, keine schönen Worte mehr, endlich ernst machen. Im Grunde genau das, was auch die Faschisten wollen, nur von der umgekehrten Warte her betrachtet.

Zu Warten ist der Tod, scheint dieser Abend, sehr ratlos, ernst und düster, zu sagen. Aber die vielleicht schönste von vielen schönen Szenen gehört dann doch der Verzögerung. Ein alter Mann, gespielt von Walter Hess, erzählt von dem Wort "ara", das Homer häufig benutzt und das ungefähr "wie sich denken lässt" bedeutet. "Es gibt das Epische, es gibt die Ruhe, es gibt die Weisheit", sagt er. "Wenn wir das kleine Wort 'ara' besser bedacht hätten, dann wäre manches nicht passiert." Allerdings, so fügt er hinzu, werde wohl ein künftiger Epiker dichten: "Als sie dann an die Macht gekommen waren, ergriffen sie, wie sich denken lässt, alle diejenigen, die sie nicht liebten, banden sie, wie sich denken lässt, schlugen sie, verprassten ihr Gut und nahmen ihnen ihr liebes Leben."

 

Wartesaal
nach dem Roman "Exil" von Lion Feuchtwanger
Inszenierung: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Video: Ute Schall, Licht: Stephan Mariani, Musik: Christopher Uhe, Dramaturgie: Tarun Kade, Dramaturgische Mitarbeit: Malte Ubenauf.
Mit: Annette Paulmann, Daniel Lommatzsch, Gundars Āboliņš, Hassan Akkouch, Jan Bluthardt, Jochen Noch, Johann Jaster, Julia Riedler, Maja Beckmann, Niklas Herbert Wetzel, Peter Brombacher, Samouil Stoyanov, Stefan Merki, Walter Hess, Zeynep Bozbay, Live-Video: Ute Schall.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.muenchner-kammerspiele.de

 

Kritikenrunschau

Stefan Pucher habe "den Roman ziemlich Roman sein lassen" und für die "sehr elegante und zwischen kabarettistischer Überzeichnung und tiefer Psychologie hin- und herschwingende Literatur von Lion Feuchtwanger eine ebenso elegante Bühnenübersetzung gefunden", sagt Sven Ricklefs im Deutschlandfunk Kultur (Fazit, 26.11.2017). Man sehe, dass da ein Regisseur am Werk sei, "der seine Mittel sehr souverän beherrscht". Das Stück spiegele die Flüchtlingssituation von innen und stelle die Frage: "Was tun in Zeiten, wo ein Rechtspopulismus salonfähig wird?"

Pucher zeige "viel Respekt vor der Vorlage", habe eine "szenische Rezitation" geschaffen, "die überwiegend kurzweilig bleibt", so Mathias Hejny in der Abendzeitung (27.11.2017). Dazu kämen die "Schauwerte des Livekinos", wobei die Nahaufnahmen das Bühnengeschehen "als berührend brüchige Wahrnehmung" vermittelten. Egal, ob als Projektion oder "in Natur": Die Darsteller feierten "ein Schauspielerfest", Julia Riedler mit "Dreifachbelastung" hebt Hejny besonders hervor: "zum Niederknien". Vieles gerate hier auch zur Karikatur, aber die Spieler trösten den Kritiker, so scheint’s, vollends darüber hinweg, wie sehr sich Pucher "auf die flache Modellhaftigkeit seines Personals beschränkt".

Das sei kein großer Theaterabend, "nur ein groß angelegter, groß besetzter, großspurig daherkommender", urteilt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (27.11.2017). Die schwarz-weißen Großaufnahmen hätten "die Anmutung eines Spielfilmklassikers aus den Dreißigerjahren" – "schön anzusehen" zwar, aber ohne "Spannung", ohne "Tragik": "(Roman-)Theater als Live-Film ist weder neu noch als Technik alleine schon abendfüllend." Das Problem an dieser "zweifellos gut aussehenden Inszenierung (…) ist der lange, brave Informations- und Konversationsfluss, in dem sie episch träge dahinplätschert", es werde "ganz plan der Roman nacherzählt, kaum je dramatisch geformt oder zugespitzt (…), kaum interpretatorische Frechheiten oder Freiheiten. Mensch, Pucher, wo ist dein Irrwitz?" Die "vielleicht beste Schauspielleistung" liefert für Dössel Daniel Lommatzsch, Julie Riedler hat sie hingegen "noch nie so schwach gesehen." Die personale Erzählperspektive in der dritten Person verstärke "den epischen Charakter des Abends" und mache die Rolle von Annette Paulmann als Zwischendurch-Erzählerin "einigermaßen überflüssig".

Auf Bernd Noack von der Neuen Zürcher Zeitung (27.11.2017) wirkt der Abend "wie ein Kniefall vor dem Publikum. Die ganze übrig gebliebene Garde der Kammerschauspieler marschiert auf, nebst einigen Neuzugängen, die man endlich wieder als grosses Ensemble erleben kann: solide Schauspielkunst im ehrwürdigen Haus statt wüster Experimente." Feuchtwangers Geschichte laufe dabei "so ab wie gedruckt", was auch Noack nur mäßig goutiert: "Die Szenen wirken wie Puzzleteile, die beim Zusammensetzen auch einmal klemmen". Da mache Trautwein "eine Blitzwandlung" durch, die bösen Nazis "sind und bleiben richtig böse". Einzig Maja Beckmann vermittle "eine Atmosphäre von Verzweiflung". Ansonsten aber bleibe dieser Abend "in nostalgischer Eleganz stecken. Theater ohne Anstösse – weder gedankliche noch solche zum Empören."

'Exil' sei ein Stück des 20. wie auch des 21. Jahrhunderts, so K. Erik Franzen in der Frankfurter Rundschau (27.11.2017). "Allein das existenzielle Unbehaustsein mit all seinen dramatischen Folgen passt ins Hier und Jetzt." Selbst wenn die ungewohnt ruhige Handschrift Puchers irritiere — der unaufgeregte, überlegte Zugang passe zur Vorlage. "Pucher und sein Team steuern nah an der Textvorlage entlang, mit ihrem pädagogischen Impetus und den humorvollen Überzeichnungen im Detail."

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