Regieren ist Drecksarbeit

von Valeria Heintges

Zürich, 12. April 2018. Herzog Vincentio sitzt vor den Mauern der Stadt. Er hat die Macht, kann wie Big Brother seinen Untertanen von oben zusehen, wie sie versuchen, sich im Labyrinth zurecht zu finden. Wenn Vincentio seinen Zigarettenrauch in das kleine Stadtmodell auf seinem Schoß pustet, dann weht seinen Untertanen der Rauch um die Ohren. Es ist nur eine kleine Szene, mit der Jan Bosse seine Inszenierung von "Maß für Maß" im Schauspielhaus Zürich beginnen lässt. Doch zeigt sie gleich, wie souverän dieser Abend mit Bildern, mit Perspektiven, mit Einfällen spielt: Ein Video filmt von oben, was sich hinter der Mauer verbirgt. Hier pustet eine Nebelmaschine, wenn Vincentio in sein Minimodell raucht.

Spiegel, Schatten, Schleier

Moritz Müllers Bühnenbild ist janusköpfig, wie fast alles hier. Halb zeigt es auf der Drehbühne sein trutziges, scheinbar fensterloses Gesicht, halb offenbart es von der anderen Seite her ein Labyrinth, notdürftig gezimmert aus Trennwänden und Stangen, die sich auch als Marterpfahl oder Thronempore nutzen lassen. Männer laufen in Röcken herum und steigen doch den Frauen hinterher. Menschen drehen sich scheinbar in der Luft – und werden in Wirklichkeit doch nur von Spiegeln reflektiert. Ein Herrscher begegnet keusch einer Nonne – und sein Schattenbild zeigt bereits die Erfüllung seiner unkeuschen Gedanken. Eine auf ihre Jungfräulichkeit bedachte Nonne donnert ihre weiße Tracht so mit Spitzen und Schleiern auf, dass die zum erotisch-durchsichtigen Nachthemd mutiert (Kostüme: Kathrin Plath).

Mass fuer Mass1 560 Toni Suter T T Fotografie u Bühnenbild als janusköpfiges Labyrinth © Toni Suter / T+T-Fotografie

Ein Herzog begibt sich auf Reisen und verfolgt das Geschehen in seiner Stadt doch mal als alte Frau, mal als verhüllter Mönch. Angelo wird sein Stellvertreter, kann die Nachricht der Machtübergabe erst nur mit einem gehauchten "Was?" aufnehmen und verschüchtert-dümmlich in den viel zu großen Herrschermantel steigen. Dann aber verurteilt er aus kalter Buchstabengläubigkeit sofort Claudio zum Tode, weil der seine Freundin geschwängert hat. Dieser Claudio von Benito Bause, der einfach nur seiner Liebe folgte, wird am Ende der einzige sein, der so etwas wie Unschuld für sich beanspruchen kann.

Alle zeigen die Abgründe

In Shakespeares zwischen Komödie und Tragödie schwankendem Stück ist Herzog Vincentio der Macht-Haber, aber er will diese Macht nicht. Auch, weil er nach all den Jahren noch nicht weiß, wie das geht, das Regieren. "Was tun? Was lassen?", sinniert Hans Kremers Herzog – und die Inszenierung wird mit Shakespeare nur Hinweise geben, aber sich einfachen Antworten verweigern.

Mancher wirkt gut, mancher böse – aber alle zeigen die Abgründe der menschlichen Seele. Allen voran Daniel Sträßers Herzogsstellvertreter Angelo: Seine Unsicherheit versteckt er hinter dem Wahn, das Gesetz rigoros buchstabengetreu umzusetzen. Doch als Isabella, die Schwester des Verurteilten, vor ihm steht, spielt Sträßer faszinierend, wie die Fassade Risse bekommt, wie er den rotgefütterten Rock ablegt und vergeblich versucht, die aufkommenden Gefühle zu unterdrücken. Und wie die Idee in ihm reift, die Macht auszunutzen, um die geliebte Frau ins Bett zu bekommen. Gnadenlos nutzt er die Machtverhältnisse aus: "Meine Lüge wird deine Wahrheit übertrumpfen!" Eruptiv brechen jetzt die Brutalitäten aus ihm heraus, die vorher nur unter der Oberfläche schlummerten. Als Angelo erfährt, dass ihm in der Nacht die falsche Frau untergejubelt und er in die Falle gelockt wurde, dreht er sich weg. Und wird sein Gesicht nicht mehr zeigen.

Mass fuer Mass2 560 Toni Suter T T Fotografie uLena Schwarz als überrüschte Isabella © Toni Suter / T+T-Fotografie

Ist also Isabella das Opfer, die Gute? Mitnichten, wie Shakespeare, Jan Bosse, Dramaturgin Gabriella Bußacker und Lena Schwarz als Isabella zeigen. Denn als Angelo ihr anbietet, sie könne den Bruder retten, wenn sie die Nacht mit ihm verbringe, da ist es für sie keine Frage, dass dieses Me-Too-Opfer das Leben ihres Bruders nicht wert wäre. Kalt und hart spielt Lena Schwarz die Frau, die ihre Moralvorstellungen ebenso rigoros durchsetzt wie ihr Vergewaltiger und die genauso dreckige Methoden anwendet, um ihren Peiniger zu bestrafen.

Der Henker als Herzog?

Auch Herzog Vincentio dient nicht als Vorbild, wenn er immer nur andere sucht, die die Regierungs-Drecksarbeit für ihn machen müssen, die er dann vom hohen Ross hinab verurteilen kann. Konsequent nur, dass das Werk nicht wie bei Shakespeare mit einer allgemeinen Hochzeiterei endet, sondern mit einem Herzog, der dem Henker den Regierungsmantel umhängt und sich mit schlauen Sprüchen wieder vom Acker macht.

Trotz so vieler hehrer Gedanken um Macht und Machtmissbrauch, um Liebe, Sex und Ideale kommt auch in Zürich die Komik nicht zu kurz. Dafür sorgen Klaus Brömmelmeier als sich ständig versprechender Henker Elbow, Robert Rožić als wunderbar bodenständiger Freund Lucio und Milian Zerzawy als heiser-heiterer Zuhälter Pompey, die in der Übersetzung von Jens Roselt solange Nonsens quatschen, bis am Schluss der Wortverdreherei die sinnlos-dringende Frage im Raum steht "Wie sollen wir denn jetzt die Küche kacheln?".

 

Maß für Maß
von William Shakespeare
Fassung von Jan Bosse und Gabriella Bußacker mit dem Ensemble, nach der Übersetzung von Jens Roselt
Regie: Jan Bosse, Bühne: Moritz Müller, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Hans Kremer, Daniel Sträßer, Lena Schwarz, Lisa-Katrina Mayer, Robert Rožić, Benito Bause, Klaus Brömmelmeier, Milian Zerzawy.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielhaus.ch

 

Kritikenrundschau

Jan Bos­se hat aus Sicht von Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.4.2018) in Zü­rich schon "ei­ni­ge prä­zi­se Re­gie­ar­bei­ten über pu­ri­ta­ni­sche Heu­che­lei und bür­ger­li­che Dop­pel­mo­ral ab­ge­lie­fert". "Maß für Maß" passe in die­se Rei­he, aber die tra­gi­sche Sei­te der Ko­mö­die kommt Halter zufolge hier doch ein we­nig zu kurz. In dem von Bosse inszenierten "Gekasper" gehe "der gro­ße Kon­flikt zwi­schen Isa­bel­las weib­li­cher Eh­re und An­ge­los macht­ge­schütz­ter Geil­heit fast un­ter. Der Her­zog zieht mit die­bi­scher Freu­de die Strip­pen, aber auf sei­ne Aus­gangs­fra­ge, wie man ei­ne när­ri­sche Welt gut re­giert, hat we­der er noch der Re­gis­seur ei­ne Ant­wort."

"Wir, die wir Kummer mit Possen und pädagogischem Theaterpop gewöhnt sind, freuen uns über die perfekte Massarbeit," schreibt Alexandra Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (14.4.2018). Jan Bosse habe dem "struppigen Stück von 1604" keine Komödien-Inszenierungskonfektion von der Stange verpasst: "Im Gegenteil. Wie er jetzt in einer zweistündigen Soiree mass- und lustvoll die Problemzonen blosslegt und dann ankleidet: prima!"

Die "Stunden des Missvergnügens" über diverse inszenatorischen Exaltationen seien lang, gibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung zu Protokkoll (14.4.2018), "doch sie bergen Glanzstücke des Vergnügens, des schreienden Vergnügens sogar. Robert Rozic als Lucio (der im Laufe der Shakespeare-Übersetzungen vom 'Wüstling' zum 'Dandy' wurde) und Milan Zerzawy (als Kerkermeister und Zuhälter) sind die Überflieger der Inszenierung und der Schauspielhaus-Saison." Da sei "Maß für Maß" ein großer Abend dieser beiden Darsteller. "In den übrigen Belangen ist er arg eng und klein gedacht."

Bosse fokussiere "auf die grossen Themen von Macht, Machtmissbrauch und seelischen Abgründen, die durch sie aufbrechen", so Tobias Gerosa in der Luzerner Zeitung (14.4.2018). Bosse verstehe es dabei, "den Rhythmus immer im genau richtigen Moment zu wechseln, und lässt die zwei pausenlosen Stunden so auf dem Grat zwischen Komödie und Tragödie balancieren". Wie aktuell die Fragen seien, dränge sich ganz unaufdringlich durch die Komödienmechanik.

 
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