Vor dem Auftritt

von Petra Hallmayer

München, 5. Mai 2018. Im April 1935 zogen Passanten die völlig unterkühlte Liesl Karlstadt aus der Isar. Zu ihrer Schwester hatte sie gesagt, sie müsse zum Arzt. Stattdessen stürzte sie sich ins Wasser. In der Klinik, in die man sie einlieferte, diagnostizierten die Psychiater schwere Depressionen und eine bipolare Störung. Schon seit Jahren war die Frau, die alle zum Lachen brachte, von Selbstmordgedanken heimgesucht worden.

Allerzartest, grausam grob

Dabei war sie es doch immer gewesen, die das neurotische Genie Valentin gestützt hatte. Mit der ihr eigenen scharfzüngigen Ironie vermerkte sie 1932 auf einem Foto: "Meinem komischen Partner & Patienten Karl Valentin in nie versagender Geduld gewidmet von Liesl Karlstadt. Beruf: Nervenärztin, Nebenbeschäftigung: Komikerin."

Playing Karlstadt 2 560 Konrad FerstererPauline Fusban im Hotel © Konrad Fersterer

Nach "Eurydice :: Noir Désir" und Opening Night :: Alles über Laura befasst sich das Künstlertrio Raum+Zeit auch in seiner dritten Arbeit für das Residenztheater wieder mit einem weiblichen Lebensdrama. In einer szenischen Installation spüren Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff und Lothar Kittstein den dunklen Seiten in der Biographie Liesl Karlstadts und ihrer verqueren Beziehung zu Valentin nach. Dafür schicken sie jeweils einen Zuschauer allein auf einen Rundgang durch das Münchner Klinikviertel. Ausgangspunkt für "Playing :: Karlstadt" ist das Hotel Kraft, in dem sich früher der Frankfurter Hof befand. Dort sprach der unheilbare Hypochonder und Misanthrop Valentin einst die Soubrette Elisabeth Wellano, so Karlstadts Geburtsname, an. Er schrieb ihr die allerzartesten Zeilen und war grausam grob zu ihr. Er hat sie inniglich geliebt und abscheulich behandelt. Durch ihn wurde sie zu einer grandiosen Verwandlungskünstlerin, die ihre Ängste in multiplen Männerrollen überwand, die sie noch in der Psychiatrie fortspielte.

Höchste Zeit, sich auf die Bühne zu begeben

"Wer bist du? – Wie viele Gesichter hast du?" fragt eine Stimme via Kopfhörer, die einen durch die Straßen ins Hotel Mariandl dirigiert, wo im Zimmer 18 Liesl Karlstadt (Pauline Fusban) aus dem Bad kommt. Ganz dicht tritt sie heran, schaut einen mit großen Augen unverwandt an, während sie im Wechsel zwischen mädchenhafter Scheu und Aufbegehren einen verwirrenden Monolog beginnt, in dem sie einen umgarnt, verweifelt bittet zu bleiben und zornig anklagt. Es ist die erste von vier toll inszenierten, sehr intimen Begegnungen, in denen die Performer dem Zuschauer changierende Rollen zuweisen.

Playing Karlstadt3 560 Konrad FerstererMit flackerndem Blick: Bibiana Beglau © Konrad Fersterer

In einem Keller liegt auf Pappkartons der von Hustenanfällen geschüttelte alte Valentin (Alfred Kleinheinz), der eine zwischen Wiedersehensfreude und wüsten Beschimpfungen mäandernde Rede anstimmt, ein egozentrisches Lamento darüber, dass ihn die Kranke alleingelassen habe, und die trotzige Beschwörung eines gemeinsamen Neuanfangs. In einem Hörsaal der Psychiatrischen Klinik taucht aus dem Dunkel ein gruselig böses Valentin-Gespenst auf, das sich entschuldigt, mit seinem Panoptikum die Ersparnisse seiner Geliebten verbrannt zu haben, um gleich darauf mit brutaler Zudringlichkeit neues Geld zu fordern. Mit flackerndem Blick umschwirrt einen Bibiana Beglau, atmet einem in den Nacken, ehe sie zur Patientin Karlstadt mutiert und einen hinauswirft. Im Klinikgarten trifft man in einem Bauwagen Hanna Scheibe, die einen flüsternd und raunend auf ein Bett zieht und ermahnt, dass das Publikum warte, es höchste Zeit sei, sich auf die Bühne zu begeben.

Momente großer Eindringlichkeit

Ein bevorstehender Auftritt zieht sich als immer wiederkehrendes Motiv durch die Aufführung. Tatsächlich kehrte Liesl Karlstadt von Valentin gedrängt viel zu früh auf die Bühne zurück, um bald schon erneut zusammenzubrechen. Der Druck, der auf ihr lastete, wird in der szenischen Installation ebenso spürbar wie das Geflecht aus ambivalenten Gefühlen, das die beiden aneinander band.

So hautnah wie hier kommen einem Schauspieler sonst selten, und alle vier spielen ihren Part fantastisch. Dennoch löst sich die Zuschauerdistanz nicht wirklich auf bei diesem Stationenreigen, bei dem man völlig unvermittelt an einem hellen Frühlingsabend hineinstolpert in verfremdete skizzenhafte Ausschnitte eines düsteren Beziehungs- und Psychodramas. Wer die Biografien des Komikerpaares nicht kennt, dem wird sich vieles nur vage erschließen. Eine narrative Einstimmung auf die Szenen wäre hilfreich gewesen, um sich emotional tiefer darauf einlassen zu können. Die unvergessliche Intensität von "Eurydice :: Noir Désir" erreicht das neue Projekt von Raum + Zeit nicht, auch wenn immer wieder Momente von verstörender und berührender Intimität und großer Eindringlichkeit glücken.

 

Playing :: Karlstadt
von Lothar Kittstein, Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff (Raum + Zeit)
Regie: Bernhard Mikeska, Text: Lothar Kittstein, Raum: Bernhard Mikeska, Alexandra Althoff, Bärbel Kober, Kostüme: Birgitt Kilian, Sounddesign: Knut Jensen, Licht: Monika Pangerl, Dramaturgie: Alexandra Althoff, Götz Leineweber.
Mit: Bibiana Beglau, Pauline Fusban, Alfred Kleinheinz, Hanna Scheibe.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Bernhard Mikeska habe eine Reihe Theaterparcours geschaffen, "vor fünf Jahren am Residenztheater 'Eurydice: Noir Désir', und wer das damals erlebt hat, wird es nie vergessen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (7.5.2018). In "Playing: Karlstadt" gehe es um eine Annäherung an Menschen. "Mal wird der Besucher als Karlstadt behandelt, mal als Valentin, wird mit Vorwürfen, Fragen und Sehnsüchten konfrontiert. Die Räume sind eng, die Nähe fabelhaft schön und voller Pein. Manche Zuschauer halten das nicht aus, weinen, müssen raus. Im Hörsaal der Psychiatrischen Klink in München lauere Bibiana Beglau als Karlstadt. "Die Figur löst sich auf, ein Mischwesen steht vor einem, ein Valentin, aber auch eine Karlstadt (...) Nun ist sie da, die Frau zu dieser Stimme, warm und nah, durchbricht die Schutzhülle des fabelhaften Sounddesigns in den Kopfhörern. Fazit: "Danach hat man viel nachzudenken. Über das Künstlerpaar, über das Künstlersein an sich, über sich selbst."

"Lustig ist es nicht. Wer sich auf den anarcho-folkloristischen Humor von Karl Valentin freut, ist am falschen Platz", so

 

 
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