Das globalisierte Theater

von Valeria Heintges

Zürich, 31. August 2018. Das Zürcher Theater Spektakel hat seinen Namen zu Recht: Es ist Theater und Spektakel. Zum einen Treffpunkt für Sonnenanbeter oder solche, die einfach einen netten Ort zum Sein suchen. Man kann schwimmen gehen und asiatisch, afrikanisch, italienisch oder sonstwas essen. Man kann sich an Strassentheater im Großen, Kleinen oder im Mikrostil erfreuen, das auf Wiesen, an Kreuzungen und auf der Zentralbühne stattfindet.

Bewährtes

Aber natürlich ist das Theater Spektakel auch Treffpunkt hochkarätiger Truppen aus dem In- und Ausland, die Schauspiel und Tanz zeigen, circensische Werke und Stücke für Kinder und Familien. Regelmässig vor Vorstellungsbeginn bilden sich Menschenschlangen vor den Häusern "Nord", "Süd", vor der Seebühne, der etwas entfernten Werft oder der noch weiter entfernten Roten Fabrik. In der Ära Sandro Lunin, der das Festival bis 2017 leitete, lag ein Schwerpunkt auf afrikanischen Gruppen. Sein Nachfolger Matthias von Hartz, der vom Athens and Epidauros Festival kommt und vorher die Foreign Affairs der Berliner Festspiele leitete, will das Festival politisieren und "weniger Afrika, mehr Amerika und Europa".

Spektakel 2 560 Kira barlach uNeonschrift von Tim Etchells  © Kira Barlach Von Hartz greift dabei – wenigstens für seine erste Ausgabe, die unter zeitlichem Druck entstand – auf Gruppen zurück, die im Festival-Zirkus altbekannt sind. So setzt er die bisher geltende Regel, dass jährlich mindestens ein Stück als "Totalausfall" verbucht werden muss, ausser Kraft. Aber sein Programm ist austauschbarer, bietet keine Premiere, lediglich Koproduktionen. Und nur wenige Schweizer Werke, etwa Eins Zwei Drei von Martin Zimmermann, der als Teil von "Zimmermann & De Perrot" schon mehrfach auf der Landiwiese zu Gast war, oder Hocus Pocus der Compagnie Philippe Saire.

Zustand der Welt

Auch will von Hartz Genregrenzen aufbrechen und Spektakelgäste anregen, sich Gedanken über den Zustand der Welt zu machen. Darum steht im Zentrum die quietschrosa Kirche, in der Reverend Billy alias William Talen seine Kapitalismuskritik als Gospelkonzert unters Volk bringt. Darum wird täglich auf der Wiese am "Stammtisch" diskutiert. Gesprächspartner sind die Künstler, aber auch NGOs wie Frauen für Frauen auf der Flucht, Medica Mondiale oder das Institut Neue Schweiz INES. Darum gibt es "Talk on Water" auf der Seebühne, mit Vorträgen des senegalesischen Ökonomen Felwine Sarr und der indischen Politologin Nikita Dhawan, die sich mit Postkolonialismus beschäftigt.

Gornicka 2 560Song of Love and Hate? Na ja, meistens Songs of Hate bei  der "Hymne der Liebe" von Marta Górnicka
©  Zürcher Theater Spektakel / Christian Altorfer
Das Thema Migration ist vorherrschend, wird immer wieder von neuen Seiten angegangen. In kleinen Hochbeeten auf der Wiese mit eingewanderten Pflanzen, die in der Schweiz heimisch geworden sind, und mit Werken der Kunst. Allen voran: Marta Górnicka mit ihrer Hymn do miłości, ihrer "Hymne an die Liebe". Sie steht im Zuschauerraum und dirigiert ihren Chor: 25 Schauspieler*innen, die Ungeheuerliches schreien, heulen, brüllen, flüstern. "Noch ist Polen nicht gestorben" zitieren sie die Nationalhymne. "Umsonst gibt es nichts", rufen sie, "wir nehmen uns alles". Und: "Ich radiere die nutzlosen Völker aus!". Langsam, unmerklich fast der Übergang, vom Verständlichen über die Wut des Zukurzgekommen-Seins zum völlig falschen Schluss. Dabei sehen sie so nett aus, die Menschen auf der Bühne, die sich in immer neuen Formationen aufbauen, mal Solo, mal in Gruppen, mal alle wie aus einer Kehle sprechend. Sie marschieren, skandieren, singen patriotische Lieder und verteidigen als Mütter den Sohn vor allem Übel. Ihr "Ich glaube an meinen eingeborenen Sohn" wird zum Glaubensbekenntnis für das eine, reine Volk, das gegen Eindringlinge verteidigt werden muss. Sie ist doppeldeutig, bitter, verlogen, diese Liebeshymne. Stehende Ovationen gibt es völlig zu Recht. Und keinerlei Verwunderung über die Tatsache, dass Górnicka zwar an den Münchner Kammerspielen arbeiten darf, aber nicht mehr in ihrer polnischen Heimat.

Asien statt Afrika

Vor der Tür zu Mohammad Al-Attars "Aleppo. A Portrait of Absence" versammeln sich nur zehn Zuschauer. Denn dies ist eine 1:1-Inszenierung, jedem Zuschauer sitzt an einem Holztisch ein Schauspieler gegenüber, der von der Beziehung eines Flüchtlings zu einem besonderen Ort in Aleppo berichtet. Ausgehend von der Idee, eine Stadt sei erst dann wirklich zerstört, wenn sich ihre ehemaligen Bewohner nur noch an Ruinen erinnern. Salid erzählt von der Wohnung im Zentrum, in der sich die Intellektuellen der Universität trafen, ohne Angst vor Spitzelei oder Verfolgung. Salid ging auch dann noch hin, als der Weg von Scharfschützen gesäumt war. Jetzt lebt er in Ildib. Und plötzlich fragt man sich beim Hören der Nachrichten: Wie überlebt und lebt er in dieser letzten Hochburg der Rebellen?

Nature Theater 1 560Auf der Jagd nach dem Glück, unübersehbar. "Pursuit of Happiness" vom Nature Theater of Oklahoma
© Zürcher Theater Spektakel / Christian Altorfer
Aus dem Punjab kommt Abhishek Thapar, aus einer Region, die zwischen Indien und Pakistan aufgerieben wird. In My Home at the Intersection zeichnet er seine Geschichte in die Weizenkörner. Auf ihnen liegen auch Sitzkissen für die Zuschauer, die so ganz nah heranrücken an die kleine, intime Erzählung voller Scherz und Schmerz, in der Thapar vom Wunsch berichtet, die alte Heimat wiederzusehen, und von der Angst, deren Zerstörung nicht ertragen zu können.

Auch die Werke des libanesischen Künstlers und Performers Walid Raad kreisen um Krieg, Flucht und Traumatisierung. In Les Louvres and/or Kicking the Dead verwebt er in einem undurchdringlichen Netz aus Realität und Fabulierkunst die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs im belgischen Ypern mit den (Kunst-)Geschäften zwischen Europa und Arabien. Ja, Erich Maria Remarque hatte wirklich eine Kunstsammlung, die unter dem Namen seiner Frau Paulette Godard, der Ex-Frau Charlie Chaplins, versteigert wurde. Aber nein, die Kunstwerke handelten nicht in ihren Kisten im Tunnelsystem unter dem Pariser Louvre einen "Face-Trade" aus, in dessen Verlauf sie ihren Schatten verloren. Wo verläuft die Grenze zwischen Fakten und Fiktion? Selten schafft es ein Künstler, die globalisierte Kunst- und Finanzwelt so berührend und so komisch auseinander zu dröseln, bis auch die Auflösung keine Aufklärung mehr bringt.

Der ganze Shakespeare in acht Tagen

Auch das Zürcher Theater Spektakel ist globalisiert. Es bietet mit Lola Arias' Campo Minado Dokumentartheater mit britischen und argentinischen Veteranen des Falklandkrieges. Silke Huysmans und Hannes Dereere verhandeln in Mining Stories die katastrophalen Folgen eines Dammbruchs in Brasilien. Und das Nature Theater of Oklahoma zeigt mit der slowenischen EnKnap-Group in Pursuit of Happiness den brutal-banal scheiternden Versuch einer amerikanischen Künstlergruppe, den Krieg im Irak mit Volkstanz zu beenden. Und Kante und Khoi Khonnexion arbeiten in Das Haus der herabfallenden Knochen musikalisch-tänzerisch den Völkermord an den Herero und den Nama auf.

JerryKillickForcedEntertainment 560 uJerry Killick von Forced Entertainment performt Shakespeare   © Zürcher Theater Spektakel / Christian AltorferAber natürlich: Matthias von Hartz wäre nicht Matthias von Hartz, würde er nicht einer Künstlergruppe eine Retrospektive bieten. "Man erfährt mehr, wenn man sich beschränkt", hat er im Vorfeld des Theater Spektakels gesagt. In diesem Jahr bekennt er sich von ganzem Herzen zu Tim Etchells Forced Entertainment und gesteht den Briten ein Haus zu, in dem sie ihre Fragestunde Quizoola spielen, an zwei Tagen je fünf Stunden lang, und an acht Tagen alle 36 Shakespeare-Dramen zeigen können.

Es ist oft nicht ruhig auf dem Gelände, wenn es etwa im Theaterzelt nebenan zur Sache geht oder auf der Wiese ein Strassenkünstler seinen Schlussapplaus bekommt. Aber wenn Jerry Killick mit dem "Sommernachtstraum" von den Geschehnissen im Athener Wald erzählt, auf seine wunderbar ironisch-komische Art, dann könnte man die Nadel fallen hören. Aber die fällt nicht, denn die ist "a guy named Snout", einer der theaterspielenden Handwerker, der nur mit einer kleinen, schon aus der dritten Reihe fast nicht mehr sichtbaren Nadel dargestellt wird. Und die elende Verwirrung, wer nun mit wem bei den beiden griechischen Liebespaaren, hat jetzt auch ein Ende: Hermia und Lysander sind zwei geriffelte, weisse Vasen, Helena und Demetrius zwei bauchige aus Glas. Ist doch logisch, wer da wen liebt!

Die 36 Shakespeare-Dramen werden bei Forced Entertainment zur intimen Märchenstunde. Das Personal: Gegenstände aus dem Haushalt. Ein Glas mit Pinseln darin: der Handwerker Bottom. Die Pinsel umgedreht, mit den Haaren nach oben: Bottom mit angezauberten Eselsohren. Eine Tube Sonnencreme: der Französische Botschafter. Der Fleischklopfer und der Kartoffelstampfer: Hubert de Burgh und sein bester Freund, King John.

Am Ende zucken noch Glieder

Ewig könnte man diesen Akteuren zuhören und zusehen. Und wer es schafft, in vier Stücken an einem Abend zu sitzen – trotz der Tücken des Vorverkaufsystems und der Tendenz der Verantwortlichen, Stammgäste eher zu bestrafen als zu belohnen – der merkt: Jeder Schauspieler hat seine eigene Art, Shakespeare zu erzählen. Terry O'Connor etwa rettet in "Richard II" viel von der genialen Sprache, den melancholischen Gedanken über Leben und Sterben, Macht und Wahn. Es ist, als ließe sie jeden ihrer Sätze in einen Brunnen fallen und spreche erst weiter, wenn sie tief unten den Aufprall ins Wasser gehört hat.

Charmatz Zuerich 560 Christian Altorfer uWer zählt die "10.000 Gesten" von Boris Charmatz?  © Zürcher Theater Spektakel / Christian Altorfer

Im nächsten Jahr soll der französische Choreograph Boris Charmatz im Schwerpunkt gewürdigt werden. Dieses Jahr ist er mit seinem Abend 10.000 Gesten zu sehen. Ob es wirklich so viele sind, die die zehn Tänzerinnen und die sechs Tänzer zeigen, mag dahingestellt sein. Wichtiger ist das Antanzen gegen den Tod, der mit Mozarts "Requiem" vom Band prasselt und zuweilen gezeigt wird, als erstechen, erhängen, erschiessen – auch das sind Gesten. Es sind vereinzelte Wesen, die da kämpfen und vor sich hin gestikulieren. Selten, eher zufällig geraten sie aneinander, oft rücksichtslos, manchmal schlagen sie aufeinander ein, manchmal sich selbst. Ungefähr in der Mitte heben sie zu einem lauten Schreien an, jeder anders, jeder laut, sehr laut, unerträglich lange und laut. Dann geht das Schreien über in die Schmerzen einer Gebärenden, in fröhliches Kindergeschrei. Endlich umarmt sich hinten ein Liebespaar, verschlingt sich fast. Die anderen belagern die Zuschauer, klauen hier eine Brille, küssen da eine Stirn. Am Ende, das spät kommt, weil sich alles immer wieder neu zum Weitermachen aufbäumt, am Ende also zucken die Glieder immer noch, mal hier eines, mal da. Es sind nicht 10.000 Gesten. Es sind viel mehr. Es geht weiter, immer weiter, vielleicht auch nach dem Tod.

 

Zürcher Theater Spektakel 2018
vom 16. August bis 2. September 2018

www.theaterspektakel.ch

 

 

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