Wütendes Klopfen an der Wand

von Anna Landefeld

München, 24. November 2018. Am Ende liegt er da, im Hof, in einer Blutlache. Tot wie schon seine Vorgängerin. In den Suizid getrieben von seinen Nachbarn. Oder von seinem eigenen Wahnsinn. Oder ist er gar in ein Geisterhaus geraten? In einen Übergang ins Jenseits, ein als Styx getarntes Mietshaus? So genau lässt sich das nicht sagen. Blanka Rádóczys Inszenierung von "Der Mieter" im Münchner Marstall ist so offen erzählt, dass es schwer fällt, dem Protagonisten auf seinem Leidensweg zu folgen.

Positiv ausgedrückt könnte man es so formulieren: Die Inszenierung erzählt so wenig über die letzten Lebenstage des Angestellten Trelkovsky, dass dem Zuschauer viel Platz für eigene Interpretationen bleibt – wegen des vor allem in der ersten Hälfte langsamen Erzähltempos sogar schon während der Aufführung. Rádóczy hat Roland Topors Roman radikal auf eine Stunde zusammengekürzt.

Strenge Hausgemeinschaft

Da ist also Aurel Manthei als Trelkovsky, den er gekonnt genauso eintönig spielt, wie seine schwarze Kleidung, mit einem grauen Hemd unter dem Pullover als Highlight, es andeuten. Sein Leben als Büroangestellter ist so überschaubar, dass er mit nur einer Tasche in seine neue Wohnung einzieht. Pragmatisch richtet er sich zwischen den Habseligkeiten seiner Vormieterin ein. Die hat sich unter mysteriösen Umständen mit einem Sprung aus dem Fenster umgebracht. Devot versucht er, sich den strengen Regeln des Hauses zu unterwerfen, aufgestellt vom pedantischen Vermieter Monsieur Zy, überzeugend unsympathisch und kleinbürgerlich dargestellt von Joachim Nimtz. Der verbietet alles, was an Leben erinnert: Gute Laune, Lärm, Frauen, Dreck, Unpünktlichkeit.

DerMieter4 560 Armin Smailovic uSchlangestehen vor dem Gemeinschaftsklo in "Der Mieter" im Marstall © Armin Smailovic

Gemächlich spitzt sich die Situation zu: Nachbarn kommen zu einer Party in die Wohnung. Erst klopft es wütend an der Wand, dann kommt auch noch der Vermieter und ermahnt den allein zurückgebliebenen Trelkovsky. Der fühlt sich zusehends unwohler. Nicht erst, nachdem jemand bei ihm eingebrochen ist und seine Tasche geklaut, den Besitz der Vormieterin aber unberührt gelassen hat. Der Vermieter rät davon ab, die Polizei einzuschalten, mit fadenscheinigen Argumenten. Und dann ist da noch die seltsam knarzende Holzdiele. Wenig zur Beruhigung bei trägt auch René Dumont als exzentrisch-mysteriöser Nachbar, der am liebsten über den Tod redet.

Klaustrophobisches Haus

Das von Rádóczy selbst gestaltete Bühnenbild ist angenehm übersichtlich. Im Vordergrund ist die Wohnung angedeutet, ohne Wände und sparsam eingerichtet mit ein paar Kleiderstangen, Büchern und drei Kissen, die als Bett dienen. Dahinter ist der Innenhof in dessen Mitte eine große Plane liegt und der ständig von der lethargisch-wortkargen und kettedampfenden Hausmeisterin, gespielt von Anna Graenzer, gewischt wird.

DerMieter3 560 Armin Smailovic uGebeutelter Bewohner: Aurel Manthei als Trelkovsky in "Der Mieter" Armin Smailovic

In der Nacht wird Trelkovsky von Alpträumen heimgesucht: Knarzen, tropfendes Wasser. Der Geist seiner Vormieterin wandelt durch den Innenhof. Mehrmals wiederholt sich dieser Traum, immer beendet durch den Wecker. Nur in einer Nacht schreckt Manthei aus dem Schlaf hoch. Und endlich wie unerwartet nimmt die Inszenierung rasant an Fahrt auf.

In einem Müllcontainer sitzt mit einem Paddel in der Hand Dumont, verkleidet als Frau. Von Nimtz und Graenzer geschoben, stoppt er vor der Wohnungstür. Die drei entkleiden den Mieter, ziehen ihm das Kleid der Verstorbenen an, schminken ihn. Währenddessen werden Textpassagen eingespielt, die Trelkovskys Abdriften in den Wahnsinn dokumentieren, ein zielloses, wirres Umherirren. Es folgt ein fiebriger Monolog Mantheis: Ihn werden sie nicht kriegen! "Mörderpack", schleudert er in die Dunkelheit.

Spannungs-Killer

Dass er sich am Ende doch seinem Schicksal beugen muss, ist keine große Überraschung. Nur emotional folgen kann man dem Ganzen nicht. Zu wenig psychischer Druck baut sich durch die kurzen Interventionen der Nachbarn und des Vermieters auf. Zu selten und wenig verstörend sind die "übernatürlichen" Ereignisse. Zu häufig die Szenen, die die Handlung nicht vorantreiben und so jede aufkeimende Spannung ersticken. Etwa wenn sich die Bewohner im Dunkeln vor dem Gemeinschaftsklo treffen.

Am Ende bleibt Trelkovsky alleine draußen zurück – und geht wieder ins Bett, weil der Vermieter vor ihm zu lange braucht. Und so ist die Inszenierung am Ende weder unterhaltsame Studie über den Horror alltäglicher Nachbarschaftlichkeiten noch, wie Roman Polanskis Verfilmung, ein Psychothriller.

Der Mieter
von Roland Topor, Deutsch von Wolfgang Schäfer
Regie und Bühne: Blanka Rádóczys, Kostüme: Andrea Simeon, Dramaturgie: Angela Obst Licht: Martin Jedryas, Musik: Benedikt Brachtel.
Mit: René Dumont, Anna Graenzer, Aurel Manthei, Cynthia Micas, Joachim Nimtz.
Premiere am 24. November 2018
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

"Der Stoff, bekannt geworden durch Roman Polanskis Verfilmung 1976, ist psychotisch, psychedelisch, surreal, man kann sich aussuchen, welche Art der Betrachtung einem am liebsten ist. Keine trifft im Kern Rádóczys Inszenierung, denn die ist ein eigenes Kunstwerk", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (26.11.2018). Rádóczy übertrage den inneren Horror des Mieters in ein Gefüge minutiöser Abläufe. "Alle gehen sehr achtsam wie in einem Traumspiel miteinander um, in dem alles Merkwürdige lakonisch aufscheint und verschwindet, wie von zauberischer Geisterhand geführt." Schon in ihren früheren Arbeiten an der Theaterakademie habe Blanka Rádóczy demonstriert, wie sie extrem schwierigen Stoffen mit der Poesie formaler Lösungen beikommen, "wie sie ihnen eine Wahrheit verleihen kann, indem sie Geschichten passieren lässt", so Tholl. "Vielleicht ist ihr 'Mieter' nicht ganz fertig, aber schon so faszinierend."

 
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