Zwei Seelen, ach was!

Von Cornelia Fiedler

Düsseldorf, 22. Februar 2019. Wenn am Ende eine blut- und kotbeschmierte nackte zittrige Gestalt auf dem Klodeckel kauert und mit entrücktem Blick vom Glück faselt, dann wird rückblickend die seltsame, leise, kindertheaterhafte Eingangsszene plötzlich richtig schön: Da heulte noch der Wind, da kroch der Nebel durch die Gasse, da kniete sich eine schräge Gestalt mit einem riesigen Plüsch-Hundekopf überm graukarierten Anzug langsam in den grauen Schnee. Da zog ein Straßenköter sterbend in leiser Weisheit Bilanz – und irgendwie fühlte sich das richtig an. Doch dann kam eine Wurst dazwischen, eine echte Krakauer, Speichelfluss setzte ein, die Lebensgeister erwachten und die tragische Groteske nahm ihren Lauf.

Versuchsanordnung über menschliche Hybris

Der arme Hund Lumpi, unterm Plüschkopf steckt Torben Kessler, lässt sich ködern und wird zum Objekt eines Tierversuchs, der versehentlich zum Menschenversuch mutiert. Eigentlich wollte Professor Preobraschenski ja nur testen, ob die Verpflanzung der Hypophyse und der Hoden eines Menschen in einen Hund Erkenntnisse auf seinem Spezialgebiet der Verjüngungsoperation bringt. Wie dessen Assistent Bormenthal (Stefan Gorski) in einem kleinen Diavortrag zusammenfasst, passiert dann aber Folgendes: dem Hund fallen die Haare aus, er nimmt zu, wechselt zum aufrechten Gang und beginnt zu sprechen, kurz, er wird ein Mensch. Michail Bulgakows Novelle "Hundeherz" erzählt nicht nur von einer Versuchsanordnung, sie ist selbst eine: über menschliche Hybris, über Wissenschaft und Moral, über die Frage, ob medizinische Forschung all das darf, was sie kann. In Zeiten der kaum kontrollierbaren Humangenetik ist die Aktualität solcher Überlegungen nur zu offensichtlich.

Hundeherz 1 560 MelanieZanin uBrav, Lumpi, sitz! Torben Kessler und Stefan Gorski in "Hundeherz" © Melanie Zanin

Weil der 1925 verfasste Text in der Sowjetunion bis 1987 nicht erscheinen durfte, haftet ihm bis heute der Ruf des verrucht Regimekritischen an. Dieser naheliegenden Interpretation, die andere Aspekte des experimentellen, vielschichtigen Textes resolut beiseite fegt, folgt Regisseur Evgeny Titov am Schauspiel Düsseldorf über weite Strecken seiner Inszenierung: Der betont bourgeoise Professor wirkt bei Andreas Grothgar wie die Vernunft in Person, jovial und einnehmend. Die kommunistische Dreierbande von der Hausverwaltung um Genosse Schwonder (Markus Danzeisen) wird dagegen von Anfang aufs Naheliegendste als bürokratisch und fanatisch karikiert. Das Ensemble spielt durchweg mit voller Wucht, ohne Distanz zur Rolle.

Theaterästhetische Zeitreise

Während Lumpi als Hund im professoralen Salon nur verschüchtert auf der Stuhlkante hockt, mutiert er als Hundemensch Polygraph Lumpikow zum krummbeinigen Scheusal mit irrem Blick. Er pinkelt mit erhobenem Bein an die Möbel. Er frisst gemeinsam mit den besagten, offenbar auch eher viehisch einzuordnenden, Genossen von der Verwaltung das Büffet leer. Er massakriert in der winzigen Toilette am rechten Bühnenrand einen Kater. Zum geifernden Fantasy-Naturalismus im Spiel passen Maske und Kostüm: eine blutige Narbe auf der Stirn, wirre Haare und Bartzotteln, lange eklige Fellreste an den Beinen. Das bis zum letzten Silberlöffel ausgestaltete Salon-Bühnenbild von Falko Herold mit Orientteppichen, Ledersesseln und Regalen voller Gläser mit präparierten Organen macht den Eindruck einer theaterästhetischen Zeitreise komplett.

Hundeherz 4 560 ThomasRabsch uLou Strenger, Torben Kessler, Andreas Grothgar, Stefan Gorski und das WC des Grauens © Thomas Rabsch

Wo Bulgakow seinen Figuren konsequent widersprüchlich zeigt, neigt Titov zur Vereindeutigung. Im Buch landet Lumpikow beispielsweise durchaus ein paar Treffer, wenn er dem Professor ganz proletarisch dessen Privilegien vorwirft und für Umverteilung plädiert. In der Inszenierung dagegen diskreditiert er sich vom ersten Moment seiner Menschwerdung an durch sinnlos fieses und widerwärtiges Auftreten. Zudem setzt die Inszenierung tierische, also instinktive, und menschliche, also sozialisierte, Verhaltensweisen Lumpikows unangenehm gleich. Im neuen Menschen stecken ja zwei Seelen, die des Hundes und die jenes Verstorbenen, dessen Körperteile Lumpi implantiert wurden: eines armen, lebenslustigen alkoholkranken Balalaikaspielers namens Klim.

Manichäische Zuspitzung bis zur Pointe

So menschlich Titov den Professor über lange Strecken zeichnet, so tief lässt er ihn am Ende fallen: Preobraschenski beschimpft Lumpikow als "Abschaum", schreit, sein Leben habe "keinen Wert", überwältigt ihn mithilfe von Haushälterin Sina (Lou Strenger) und Assistent Bormenthal und operiert ihn, den Menschen, ungefragt wieder zum Hund um. Hier gewinnt der Abend an Schärfe über die Vorlage hinaus: Torben Kessler spielt nun, aus der Narkose erwacht, einen verständnislosen aber abgrundtief Leidenden, ohne Hundekopf diesmal und fast nackt, völlig verstört über das Schwinden seiner menschlichen Fähigkeiten. Strenger und Gorski sind blutverschmierte Schatten ihrer selbst, zerfressen von Schuld. Nur Grothgars irrer Arzt stellt einen Weihnachtsbaum auf und spielt heile Welt.

Es ist ein geschlossener Kosmos, den Titov auf der Bühne errichtet – die altmodische Ästhetik, die deutliche Spielweise, die manichäische Zuspitzung bis hin zur Pointe, die da lautet, wie unmenschlich der Mensch doch sein kann und wie verblendet. Da war das Bild vom Anfang, der traurige geschundene Hund im Schnee, in seiner wirren Märchenhaftigkeit offener – und interessanter.

 

Hundeherz
von Michail Bulgakow, übersetzt von Alexander Nitzberg
Regie: Evgeny Titov, Bühne: Falko Herold, Kostüm: Nicole von Graevenitz, Musik: Moritz Wallmüller, Licht: Konstantin Sonneson, Dramaturgie: Janine Ortiz
Mit: Andreas Grothgar, Stefan Gorski (bei der Premiere als Vertretung für Sebastian Tessenow), Lou Strenger, Torben Kessler, Markus Danzeisen, Alexej Lochmann, Cornelia Gross, Janna Gangolf
Premiere am 22. Februar 2019
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Der junge russische Regisseur Evgeny Titov inszeniert die bittere, politische Groteske von Michail Bulgakow am Düsseldorfer Schauspielhaus als eine Frankensteiniade", meint Dorothee Krings in der Rheinischen Post (24.2.2019). Jedoch vergebe die Inszenierung "durch vordergründige Derbheit und eindeutige Zuordnungen viel von der bedrohlichen Ambivalenz aus Bulgakows Erzählung." Anstelle den offensichtlichen Bezügen zur Gegenwart zu folgen, konserviere Titov "den Stoff [...] im Formaldehyd der Vergangenheit und lässt den Deckel lieber auf dem Glas.

"Geschickt verbindet der russische Regisseur altmodische Atmosphäre und Psycho-Spannung mit einer humanitären Botschaft über die Beziehung zwischen Wissenschaft und Moral", findet Michael-Georg Müller von der Westdeutschen Zeitung (24.2.2019). Torben Kessler spiele überraschend facettenreich, der Kritiker ist überzeugt: "Trotz des irritierenden Hyper-Naturalismus ein atmosphärisch dichter Abend, der indirekt aber vernehmbar vor Menschenexperimenten warnt."

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