Berserker auf verlorenem Posten

von Kornelius Friz

Chemnitz, 16. März 2019. Auf der Straße gilt das Gesetz der Körper. Umso stärker ein Körper, desto größer seine Macht. In Federico Fellinis Film La Strada ist klar, wer die meisten Muskeln hat: der große Zampanò, der zeitlebens durch die Dörfer zieht, um dem Volk zu zeigen, wie er mit gesunden Lungen, einem Brustkorb aus Stahl und bloßer Kraft eine Eisenkette sprengen kann. In seiner Adaption am Theater Chemnitz nimmt der polnische Regisseur Robert Czechowski die Körper jedoch weitgehend aus dem Spiel.

Rasierklingen im Schritt

Schon dieser schwierigste Trick des großen Zampanò mit der schweren Eisenfessel wirkt wie ein schlecht getimtes Kinderspiel: Die Glieder der Kette bersten gleich bei seinem ersten lauthals angekündigten Versuch. Dabei ist Zampanò ein Versager vor dem Herrn, nichts gelingt dem abgehalfterten Vagabunden in Bikerleder, den Dirk Glodde so breitbeinig spielt als hätte er Rasierklingen im Schritt. Es ist schade, dass Gloddes beeindruckend tiefe, aber auch bemüht bärbeißige Stimme das einzige ist, was seiner Figur Plastizität verleiht. Allzu eindimensional erscheint dieser Zirkusdirektor ohne Ensemble, der sich nicht anders artikulieren kann als mit Gewalt.
LaStrada2 560 Dieter Wuschanski uSchaut's her, wie ich die Ketten sprenge: Dirk Glodde ist der Kraftmensch Zampanò © Dieter Wuschanski
Im Grunde ist der neorealistische Nachkriegsfilm "La Strada – Das Lied der Straße" ein Stoff der Stunde. Ohne zu urteilen, stellt die Erzählung die Frage nach der Einsamkeit des alten (weißen) Hetero-Mannes, der mehr drischt als denkt: "Wenn ich jetzt gehe, was bleibt ihm dann noch?", fragt sich die junge Gelsomina, die Zampanò sich als Assistentin, Gefährtin, Gespielin genommen hat. Als eine der schwächsten der gesellschaftlichen Hackordnung ist ihr die nötige Empathie in die Wiege und in die Sozialisation gelegt, um ihrem makabren Meister nicht auch noch ihre Liebe entziehen zu wollen; die letzte – teuer erkaufte – Zuneigung, die ihm bleibt.

Die Frau in Abhängigkeit

Stattdessen hält sie alles aus, was ihr widerfährt, vielmehr: was er ihr zumutet. Ein wenig naiv, könnte man ihr vorwerfen, denn immer wieder verpufft ihr Impuls, das Abhängigkeitsverhältnis zu beenden. Stoisch und wissbegierig versucht sie trotz aller Ablehnung, die Trommel und die Trompete spielen zu lernen, was Gelsomina, mit liebenswert jugendlicher Unruhe von Seraina Leuenberger gespielt, jedoch nicht gelingt. Als warmherzig-tölpelhafter Clown mit roter Nase und roten Wangen ist sie die Sympathieträgerin einer Erzählung, die in Chemnitz gemächlich abläuft.

LaStrada3 560 Dieter Wuschanski uTrauriger Clown: Seraina Leuenberger als Gelsomina © Dieter Wuschanski

Czechowski steigt in diesen Abend mit einer originalen italienischsprachigen Schwarzweißfilmszene ein, die auf der Bühne anschließend noch einmal gedoppelt wird, leider ohne größeren Mehrwert. Sprunghaft, aber nicht zügig wird die Handlung des (ebenfalls zweistündigen) Spielfilms von 1954 wiedergegeben, die Motivationen der drei Figuren bleiben teils unerklärlich und immer wieder konsequent ziellos. Auch als der grazile Seiltänzer Matto auftaucht, der Antagonist von Zampanò und Gelsomina zugleich, der als eitler Harlekin ganz in weiß inszeniert wird, kommt kein Schwung auf die Bühne. Dort dreht sich nach wie vor der Planwagen des fahrenden Volkes unaufhörlich um sich selbst.

Brecht mag ich nicht

"Gorgonzola, Preisverleihungen, Austern, Diskussionen über Brecht, Brecht überhaupt", listet der Filmregisseur Federico Fellini laut Programmheft unter "Mag ich nicht" auf. Das ist auch dieser polnisch-deutschen Koproduktion anzumerken, denn nichts ist dieser aus der Nachkriegsrealität gesponnenen Tragödie ferner als leibliche Genüsse wie ein guter Schimmelkäse oder die sich selbst reflektierende Verfremdung eines Brecht'schen Lehrstücks. Doch der Inszenierung gelingt es auch nicht, Grausamkeit fassbar zu machen, wie Brechts theatertheoretischer Gegenspieler Antonin Artaud es sich gewünscht hätte. Ebenso wie dem Stoff jegliche psychologische Figurenschärfe entzogen scheint, sodass Zampanò nicht mehr sein darf als brachial gescheitert und Matto nichts anderes als jungfräulich fragil, ganz als wäre sein Seil dem Himmel näher als allem Irdischen.

LaStrada1 560 Dieter Wuschanski uDie Verwirrungen des alten weißen Mannes: Zampanò (Dirk Glodde) mit Gelsomnia (Seraina Leuenberger) © Dieter Wuschanski
Dass es zwischen den beiden Clowns und dem Berserker Raum für Zwischentöne gibt, zeigt die Produktion in den choreografierten Soldaten, die mal Claqueure, mal hübsche Staffage der Trostlosigkeit sind. Auch die Musiken und Soundteppiche des Techno-DJs Damian neogenn Lindner sind ein Glücksfall: oft zärtlich und sirenenhaft, manchmal düster wabernd, doch niemals aufdringlich.

Es ist einigermaßen tragisch, dass diesem Stoff ausgerechnet bei der Übersetzung auf die Theaterbühne die individuelle und also herausragende Körperlichkeit der Schauspieler*innen, der Artist*innen, der Clowns* entzogen wurde, denn erst das Scheitern der Körper, erst der Slapstick, erst die große Geste und ihre Wiederholung hätten die unwiederholbare Grausamkeit vermitteln können, die das Original von Fellini ausmacht. Das können auch die fünf uniformierten Gleichkörper oder die amorphen Flächen des DJs nicht zusammenhalten: Diese Straße bleibt unbelebt.



La Strada – Das Lied der Straße
nach Federico Fellini, Tullio Pinelli und Ennio Flaiano
Bühnenfassung von Gerold Theobalt
Regie: Robert Czechowski, Bühne: Wojciech Stefaniak, Kostüme: Elżbieta Terlikowska, Musik: Damian neogenn Lindner, Choreographie: Dr. Alexandr Azarkevitch, Dramaturgie: Wojtek Śmigielski, René Schmidt.
Mit: Seraina Leuenberger, Dirk Glodde, Dominik Puhl, Ulrike Euen, Katka Kurze, Philipp von Schön-Angerer, Marko Capor, Rebecca Halm, Daniel Hölzinger, Svenja Koch.
Premiere am 16. März 2019
Dauer: 2 Stunden, eine Pause

www.theater-chemnitz.de

 

Kritikenrundschau

"Bleibt Fellinis 'La Strada' im Elend der Gegenwart verhaftet, löst sich Czechowskis Inszenierung davon, wird zeitloser, allgemeiner, schafft so ein ganz eigenes Kunstwerk, das auch Freunde des Films zufriedenstellt, ohne das Geschehen auf der Leinwand einfach nur in den Bühnenraum zu kopieren", jubelt Sarah Hofmann in der Freien Presse (18.3.2019).

 
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